Oder nie (53)

Peter steht im Dunkeln vor der Tür zum Labor. Er findet das Schlüsselloch, aber sein Schlüssel passt nicht. Er macht Licht mit ein paar Zündhölzern, die er gleichzeitig abbrennt. Ein brandneues Schloß ist das, nicht mehr das alte, bronzefarbene. Man hat ihn ausgesperrt. Wütend rüttelt er an der Tür und tritt dagegen. Flucht laut. Der Whiskey befeuert ihn. Überlegt, eine Scheibe einzuschlagen, um einzusteigen, aber er weiß, dass die Fenster alle durch Sensoren gesichert sind. Und das wäre das Letzte, was ihm nich fehlt, von der Polizei verhaftet zu werden als Einbrecher. Auf der Rückseite, am Zaun zum Bahngelände müsste es noch eine Tür geben. Er schleicht um das längliche, eingeschossige Gebäude. An der Ecke fällt ein wenig Licht von der Beleuchtung der Gleise aufs Gelände. Dann wieder tiefe Dunkelheit. Er macht einen Schritt, aber das ist kein Boden unter seinen Füßen. Stürzt rücklings. Eine Böschung, unten ein stinkender Graben. Sein Parka ist an einem Stacheldraht hängengeblieben, der rechte Ärmel von oben nach unten aufgerissen. Er ist mit dem rechten Unterschenkel schwer auf einen Stein geschlagen. Schwer atmend bleibt er erst einmal sitzen im Abwasser.

Lehnt am Grabenrand aus Stein, die Füße im Wasser, das Gesicht zum klaren Himmel erhoben. Sterne über der Stadt. Er sieht die Niederlage ein. Rappelt sich auf. Stolpert zurück zum Haupteingang. Weiter die Straße entlang zum Bahnhof. Die Uhr im Portal zeigt drei Uhr morgens. Peter ist betrunken, dreckig, stinkend, in zerrissener Kleidung. Auch die Hose ist an mehreren Stellen kaputt. Die rechte Hosentasche hängt herab. Die Tasche, in der er den Schlüssel zum Schließfach im Gare du Nord aufbewahrt hat. Der Schlüssel ist weg. Im Licht der Straßenlaterne macht er eine Bestandsaufnahme. Die Fahrkarte ist da. Die knapp tausend Franc auch. Beides in der Innentasche der Jacke. Und Zigaretten hat er auch noch. Ihm ist schwindlig, er zittert und sucht eine Bank. Aber der Bahnhof ist geschlossen, und draußen gibt es keine Sitzgelegenheit. Ihm ist klar, dass er den Schlüssel niemals finden wird, schon gar nicht im Dunkeln im Schlamm des Abwassergrabens. Er zündet sich eine Gauloises an und wankt los. Das ist zu schaffen, in dreieinhalb Stunden quer durch Paris zu dem Bahnhof, von dem aus es nachhause geht.

Ja, Peter denkt das Wort Zuhause. Sieht seine Heimatstadt vor sich, das Viertel um die Lambachstraße, das unscheinbare Haus, die Haustür, die Wohnungstür. Da will er hin. Die Rue Vecingetrorix hoch bis zum Tour de Montparnasse. Da war er ganz oben an seinem zweiten Tag in Paris und hat über die Stadt geschaut. Zum Jardin du Luexembourg, der still daliegt hinter Gittern und verschlossenen Toren. Den glitzernden Boulevard Saint-Michel, wo die Clochards in den Eingängen der Läden schlafen. Macht eine lange Pause auf einer der steinernen Sitzbänke auf der Pont Neuf. Schaut hoch zur Leuchtreklame des Samaritaine. Raucht die letzten drei Kippen weg. Hat Durst und findet den öffentlichen Wasserhahn am Brückenpfeiler. Trinkt das Wasser von Paris. Dann über die Rue Rivoli zur Avenue de l’Opera. Direkt drauf zu auf das grell beleuchtete Haus mit den Engel und den vielen Vergoldungen. Die lange, lange Rue Lafayette hoch. Der Bahnhof ist schon geöffnet, und auch das Cafe auf der Empore hat schon auf. Die Bedienung hinter der Theke starrt ihn an. Peter hält ihr einen Geldschein hin. Bekommt auch seinen Grand Cafe Creme, drei Croissants und ein Pain Chocolat. Sucht sich einen Tisch ganz hinten in der Ecke und frühstückt.

Sein Zug läuft ein. Der Zug, der in Moskau gestartet ist und sich quer durch Nordosteuropa gearbeitet hat. Aber auch über die Ferngleise zwischen Husen und Kurl, den Vororten von Dortmund, die er so gut kennt. Es ist halb sechs, und die Putzkolonne wird die Waggons reinigen. Man wird das Bordrestaurant auffüllen. Der eine Lokführer macht Feierabend, der andere Lokführer kommt. Die ersten Fahrgäste sammeln sich auf dem Bahnsteig. Peter zahlt und macht sich auf den Weg. Es ist noch dunkel draußen, aber nicht mehr so still wie in den Stunden, in denen er von Süd nach Nord quer durch Paris gegangen ist. Jedes Geräusch in der Bahnhofshalle macht ein Echo. Die Gummireifen der Gepächkarren quietschen auf dem gestrichenen Estrich. Irgendwo klingelt ein Telefon. Dann öffnen sich die Türen des Zugs, und er steigt ein in den Erste-Klasse-Waggon ganz hinten, am weitesten entfernt von der Lok. Er hat das Abteil für sich, während nebenan drei oder vier Geschäftsleute zusteigen, die sich laut auf Deutsch unterhalten über ihre Geschäfte. Dann setzt sich der Eilzug in Bewegung. Peter sitzt in Fahrtrichtung und sieht, nachdem sie den Peripherique passiert haben, die Dämmerung aufziehen.

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publiziert am 25.08.15 in Oder nie ¦ 821x gelesen ¦ noch kein Kommentar