Oder nie (Epilog 2)

Trafen sich am nächsten Morgen auf dem Parkplatz am Westfalenstadion und fuhren über die A43 bis zum Kemnader See und dann quer durchs Bergische Land. Peter war noch nie zuvor mit dem Motorrad in Düsseldorf und verfuhr sich schon auf Höhe von Gerresheim. Aber dann kamen sie ans untere Rheinwerft, wo sie die Maschinen abstellten und Helme und Handschuhe in den Koffern verschlossen. Sie schlenderten durch die Altstadt, die kurz vor Mittag noch fast frei von Touristen war und beherrscht vom Lieferverkehr, und ließen sich dann im Goldenen Kessel an der Bolkerstraße zum Essen nieder. Während sie so spazierten, fiel Peter auf, dass er in seiner Zeit an der Kunstakademie kaum je mehr als die Ratinger Straße mit dem Einhorn, der Uel und dem Ratinger Hof erlebt hatte. Im Weißen Bären, in der Auberge und dem Spiegel war er alles in allem vielleicht je zweimal. Von den Hausbrauereien kannte er deshalb auch nur das Füchschen, aber auch den Uerigen. Tatsächlich kehrte er jetzt mit seinem Sohn zum ersten Mal im Schumacher ein. Sie bestellten Haxen und aßen schweigend mit großem Appetit. Sie gönnten sich jeder zwei Glas Alt, denn sie würden ja erst in drei, vier Stunden wieder auf die Motorräder steigen. Ganz hinten im Gastraum saßen sie an einem Tisch für sich, während die üblichen Mittagsgäste und die ersten Touristen sich draußen oder vorne aufhielten. Der Tag hatte trüb begonnen, aber schon auf Höhe Velbert war die Sonne durchgekommen, und es war frühlingshaft mild.

Dann gingen sie rüber zur Kunstakademie und Peter wäre vielleicht sogar hineingegangen nach all den Jahren, aber das Gebäude war wegen der Semesterferien abgeschlossen. Also saßen sie auf den Eingangsstufen und rauchten. Simon begann: “Sag mal, Karin hat erzählt, du wärst damals mal ein halbes Jahr oder so in Paris gewesen. Stimmt das?” Der älteste Sohn war das einzige Kind der Familie, das seine Eltern beim Vornamen nannte; die beiden Jüngeren sagten ganz altmodisch Mama und Papa. Peter drehte sich halb um: “Ja, stimmt. Was hat deine Mutter denn dazu gesagt?” Dieses Mal zögerte Simon ein wenig. “Eigentlich nichts. Nur dass du da wohl eine Menge erlebt hast. Was hast du denn dort gemacht?” Sein Vater hat ganz unwillkürlich seine brandneue, kleine Digitalkamera aus der Jackentasche gezogen und betrachtete sie eine Weile. “Fotografiert, was sonst?” – “Und, wo sind die Fotos?” – “Irgendwo im Archiv. Waren ja nicht viele.” – “Aber weshalb bist du nach Paris gegangen?” – “Examensarbeit. Wollte da die Mappe fürs Examen machen. Wir hatten da eine Freundin. Gisela hieß die. Lebt leider nicht mehr.” Sie waren aufgestanden und gingen langsam an der Akademie entlang zur Rheinpromenade.

“Erzähl doch mal!” Diese Aufforderung kannte Peter, hatte sie immer gefürchtet, wenn sie von seinen Kindern kam. Zum Beispiel wenn er von einer Dienstreise in ein exotisches Land zurückkam oder aus Moskau, New York oder Johannesburg. Wenig fiel ihm schwerer, als mündliche Berichte abzuliefern. Auch wenn jahrelange logopädische Behandlung seine Dysphasie soweit geheilt hatte, dass niemand, der nichts von dieser Störung wusste, darauf gekommen wäre, dass Peter einen Sprachfehler hatte, so war er doch kein Freund der Worte geworden. Als Martina fünf Jahre alt geworden war und ebenfalls Geschichten von ihm wollte wie die Brüder, hatte er sich eine private Polaroidkamera beschafft und Dutzende Fotos von den Touren mitgebracht, die er dann den Kinder vorführte und dabei sogar auf seine knappe Weise Anekdoten anfügte. Zum Beispiel von den Niagara-Fällen, wo ein Windstoß seinem Chef den Regenmantel weggreissen hatte und der durch die Gischt durch und durch nassgeworden war – das kommentierte Peter mit einem Satz: “Mein Chef, der einzige, der viel Wasser angekriegt hat.” Karin sammelte die Fotos, klebte sie in Alben und schrieb jeweils Peters Sötze dazu, sofern sie sich erinnern konnte. So enstanden über die Jahre vierzehn Bände, in denen die Kinder immer wieder gerne blätterten, um zu sehen, wo ihr Papa alles gewesen war.

Aber jetzt hatte er keine Polaroids. Und so begann er ganz langsam, seinem Sohn die Geschichte seiner fünfeinhalb Monate in Paris zu erzählen. Wie er bei Giselle eingezogen war und deren Chef kennengelernt hatte. Von der schönen Äthiopierin, die ihm am Ende sein Geld gestohlen hatte. Von den Arbeitern im Metro-Tunnel, von Minh Chau und dem Job am Großmarkt von Rungis. Von Edith und Sos und Claude und den Touren in der Limousine mit Ya. Simon stellte ab und an Zwischenfrage, bemühte sich aber, den ungewohnten Erzählfluss des Vaters nicht zu stören. “Und als ich dann abgerissen und verletzt und ohne meine Sachen und Kameras in der Lambachstraße bei deiner Mutter ankam, da begannen ihre Wehen. Zehn Stunden später wurdest du geboren.” Sie standen am Fuß des Rheinturms und blickten über den Strom an seiner breitesten Stelle im Stadtgebiet. Eine Viertelstunde später fragte Simon: “Und die Fotos aus Paris?” – “Such ich raus und zeig sie dir. Zehn Tage nachdem ich wieder zuhause war, brachte eine Spedition eine Kiste. Da war meine komplette Ausrüstung drin und alle Negative und ein paar Abzüge. Olivier hatte eine seiner Karten beigelegt. Da stand “Wollte nicht versäumen, die ein Eigentum zurückzugeben’ und ‘Danke für alles’. Hab nie wieder was von ihm gehört. Und von Ludwig auch nicht. Hab aber auch nie versucht, Kontakt aufzunehmen. Gisela hat noch viele Jahre lang Karten zu Weihnachten geschickt. Aber irgendwann Mitte der Neunziger hörten wir von Gabi, die bei Giselas Eltern ein und aus ging, sie sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen.”

Sie machten sich auf den Rückweg zu ihren geparkten Motorrädern. Als Peter gerade seinen Helm aufsetzen wollte, griff ihm sein Sohn in den Arm und sagte: “Eine Frage noch. Bist du jemals wieder in Paris gewesen? Auf einer deiner Dienstreisen zum Beispiel.” Sein Vater schüttelte langsam den Kopf. “Hab immer gekniffen, wenn ich hätte hinreisen müssen. Musste immer mein Vertreter machen.” – “Und, willst du nochmal hin?” Er bekam keine Antwort, denn Peter hatte den Helm aufgesetzt, die Handschuhe üergestreift und sich auf die Sitzbank seiner BMW geschwungen.

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publiziert am 29.08.15 in Oder nie ¦ 831x gelesen ¦ noch kein Kommentar