Schlafende Hunde (10)

Dieser Hund benötigt viel Auslauf. Der Husky ist schwierig zu erzie-hen. Das Aufs-Wort-hören ist ihm nicht so einfach beizubringen, wie anderen Hunderassen. Das Ableinen ist in dicht besiedelten Gebieten nicht zu empfehlen. Wer seinem Husky etwas beibringen will braucht viel Energie, Geduld und Einfühlungsvermögen. Nur mit Liebe, Hundeverstand und viel Lob erreicht man bei ihm was man sich wünscht. Er ist ein sehr geselliger Hund mit einem fantastischen, ruhigen Wesen der sich mit anderen Hunden gut verträgt, wenn er von klein auf die Möglichkeit hat Kontakt mit anderen Artgenossen aufzunehmen. Als Wachhund ist er ungeeignet. Er bellt im Normalfall kaum und empfängt fremde Menschen freundlich in seinem Revier. Während man die Modehunde, (häufig auch Show-Dogs genannt) beinahe als alltagstauglich bezeichnen kann, sind die Rennhunde zum Teil sensible, hyperaktive Athleten, die nur rennen im Kopf haben und die Nachbarschaft zusammenschreien, wenn etwas darauf hindeutet, dass Training oder Fütterung bevorstehen.

Wir blieben noch ein paar Tage. Dann hatte ich genug vom ewigen malerischen Sonnenuntergang. Ich hatte auch keine Lust, jeden Tag bei Paco vorbeischauen zu müssen, damit der nicht beleidigt war. Als wir zwei Tage weg geblieben und am dritten Tag wieder den gewohnten Strand angesteuert hatten, würdigte er uns zunächst keines Blickes. Selbst Maya, die sofort zur Bude lief, ignorierte er. Dann holte ich mir ein Bier. Wo wart ihr? fragte er vorwurfsvoll. Ach, antwortet ich, wollte mal den anderen Strand ausprobieren. Warum? Ist doch perfekt hier. Oder schmeckt dir mein Bier nicht mehr? Er war anscheinend sauer. Doch, doch, gab ich zu, aber mir war nach Abwechslung. Du spinnst, meinte Paco, hast du eine gute Frau, gehst du dann auch zu einer anderen wegen Abwechslung? Na ja, dachte ich, könnte passieren, schüttelte aber den Kopf. Siehst du, warf er triumphierend ein.

Jedenfalls verabschiedeten wir uns eines Abends. Paco sah ein bisschen traurig aus und streichelte Maya sehr lange. Ey, Maya guapa, peceña perra, flüsterte er ihr ins Ohr und kraulte ihren Nacken. Mir gab er später die Hand und sagte: Komm mal wieder, okay? Ich versprach es.

Es war gut wieder auf der Straße zu sein. Maya schien weniger begeistert zu sein und mied mich so gut es ging. Manchmal schaute sie mich dermaßen leidend an aus ihren Bernsteinaugen, dass ich sofort überlegte, was ich ihr Gutes tun könnte. Dann hielt ich in irgendeinem Dorf an und kaufte etwas Besonderes zum Essen. Maya war ganz vernarrt in Kartoffel-Tortilla; dürr wie sie war konnte sie so ein ganzes Omelett in weniger als zwanzig Sekunden verputzen. Überhaupt: Maya kam mir gar nicht vor wie ein Fleischfresser, mit Nudeln, Kartoffeln oder Brot konnte man sie mehr locken als mit Wurst oder einem Stück vom Solemillo, nur bei dem guten luftgetrockneten Schinken ihrer Heimat machte sie eine Ausnahme.

Nach ein paar Tagen hatte sie sich mit der Rumfahrerei arrangiert und schlief unterwegs, um dann bei jedem Halt hellwach zu sein. Wir waren ein gutes Team. Wenn ich eine Pinkelpause einlegte, sprang Maya aus dem Mobil, schnüffelte ein bisschen und ließ sich dann meist ziemlich genau drei Schritte entfernt von mir nieder, um ebenfalls zu pinkeln. Wenn ich irgendwo auf dem Land an einer Gaststätte anhielt, hielt sie sich brav an meiner Seite und ging bei Fuß als ob sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan hätte. Hatten wir einen Platz für die Nacht gefunden, machte sie sich selbstständig und brauchte in der Regel eine Viertelstunde um das Terrain zu sondieren. Der perfekte Wohnmobilhund.

Übrigens: Wenn ich auf den Hund angesprochen wurde, dann nie von einem Spanier, anscheinend haben nur Deutsche und Österreich dieses Oh-wie-schön-Gen, das zum Ausbruch kommt, wenn sie ein Baby oder einen Hund sehen. An jedem einzelnen Strand zwischen Punta Umbria und Lloret fand sich mindestens ein deutsches Ehepaar älteren Baujahrs, das genau wissen wollte, zu welcher Rasse Maya zählte, ob sie nicht zu dünn sei und wo ich sie her habe. Ich gewöhnte mir beim Antworten eine gewisse Einsilbigkeit an, aber irgendwann beschloss ich, mir eine Geschichte zurecht zu legen, die ich, wenn auch mit Variationen zu erzählen gedachte, wann immer ich gefragt wurde. So nutzte ich die Gelegenheit und besuchte in Albacete ein Internet-Café, wo ich alles, was es Google in deutscher und englischer Sprache über Galgos hergab, lud und ausdruckte.

Es waren natürlich nicht nur die älteren Herrschaften, die sich für meinen Hund interessierten, sondern die alleinreisenden Damen mittleren Alters, besser gesagt: die weiblichen Mitglieder meiner Zielgruppe. Und so wie Maya vielleicht eine gewisse Ansässigkeit fehlte, so fehlte mir drei Wochen nach der überstürzten Abreise aus dem Haus in Portugal, nun, wie soll ich sagen, ein wenig Wärme. Blödsinn! Mir standen die Hormone bis zum Hals! Ich wollte einen warmen Arsch in der Koje haben! Darum ging es! Und nun lernte ich, dass ein Hund ein vorzügliches Geschlechtsverkehrsanbahnungsmittel ist. Offensichtlich projizieren allein stehende Frauen alle möglichen positiven Eigenschaften auf einen allein stehenden Mann mit Hund. Vielleicht denken sie, dass so ein Typ, der sich rührend um einen armen, einsamen Hund kümmert, kein ganz schlechter Kerl sein kann. Ob das auch für den Tätowierten mit dem Staffordshire gilt, wage ich zu bezweifeln, aber wenn es sich um einen Hund handelt, der per se pflegebedürftig wirkt, dann setzen die Mädels möglicherweise erhebliche väterliche Qualitäten voraus.

Das würde aber nicht erklären, warum Frauen diesen Schlags ohne weitere Umstände für Sex im Mobil bereit waren. Machte Maya mich in ihren Augen sexy? War es eher der Lonesome-Rider-Effekt, der zum Tragen kam. Hey, Baby, eine Nacht schenke ich dir, aber dann müssen wir weiter, weiter, weiter und immer weiter. Aus der Perspektive weiblicher Logik könnte das bedeuten: Okay, das ist ein Typ für eine Nacht, dann isser weg. Sex und hopp. Keine unnötigen Gespräche, kein Austausch von Telefonnummern, keine drohende Beziehung. Denken Frauen so? Ich weiß es nicht, ich wusste es unterwegs nicht, und ich wollte es auch nicht wissen. Jedenfalls war das Problem mit dem warmen Bett auf diese Weise elegant gelöst.

Die ersten beiden Vorfälle – ich glaube, es war in Orpesa – waren nicht repräsentativ, es war zu viel Alkohol im Spiel. Auch dort – ein fürchterlicher Strand! – gab es eine Bude, allerdings eine, die so groß war, dass dort zwei Kellner und zwei Kellnerinnen Dienst taten. Es gab eine schattige Terrasse, wo man in Frieden sitzen, etwas trinken und die Hintern der Mädchen beobachten konnte. Wir waren nachmittags angekommen und mangels Alternative auf einem wirren Campingplatz gleich hinter den weißen Hochhäusern gelandet. Vasco hatte irgendein Problem mit dem Schalter für den Kühlerventilator und lief auf den letzten Kilometern etwas unrund. Maya lag nicht wie gewohnt auf dem Bett, sondern hockte im Fußraum des Beifahrersitzes und fiepte seit Stunden mal mehr, mal weniger. Ich war genervt, hatte die Schnauze voll vom ewigen Spanien, der Sonne, dem Meer und dem sonstigen Zubehör. Außerdem, wie gesagt, ich hatte es sehr, sehr nötig.

Maya und ich waren durch das Hochhausghetto bis zur Promenade getrottet, wo mehrere völlig durchgeknallte Mopedfahrer beinahe Hund und Herrchen über den Haufen gefahren hätten. Im Sand unter dem Begrenzungsmäuerchen lagerte allerlei spanisches Jungvolk, das ja an und für sich nervig ist, weil der männliche Teil in ihrem Balzverhalten permanent zwischen altbürgerlicher Verklemmtheit und der Freizügigkeit der Post-Franco-Generation hin und her pendeln. Das hatte ich andernorts schon beobachtet. Diese Vorspielriten sind erstens sehr laut und zweitens oft darauf angelegt, Unbeteiligte einzubeziehen. Ich war unbeteiligt und hatte einen Hund, und so mussten Maya und ich auf den knapp zwei Kilometern Fußweg ungefähr siebzehn Mal mit ansehen wie irgendein Jungmann irgendeine Jungmaid auf Hände und Knie warf um zu demonstrieren wie es die Hunde tun. Sehr lustig.

Dann bog die vierspurige Promenandenrennbahn im flachen Winkel ins Lan-desinnere ab, und aus dem Spielplatz für Pubertierende wurde ein einigermaßen gepflegter und nicht sehr bevölkerter Strand mit allem Drum und Dran. Meine Nerven waren nicht nur durch die diversen Umstände ein wenig gereizt, das Wetter tat ein Übriges. Es war heiß. Sehr heiß. So heiß wie es an der spanischen Mittelmeerküste um diese Jahreszeit überhaupt werden kann. Maya hing die Zunge bis zu den Pfoten, sie hatte die Augen beim Gehen halb geschlossen als wollte sie sagen: Isses noch weit? Mein weißes Oberhemd, mit dem ich mir immer ein bisschen einheimisch vorkam, zumal ich dazu eine ordentliche Jeans und einigermaßen elegante Mokassins trug, war durch und durch geschwitzt. Denn es war nicht nur heiß, es war vollständig windstill. Das Mittelmeer neigt ja in dieser Region ohnehin nicht zu übermäßigem Wellenspiel, aber an diesem Tag lag es da als wäre es mausetot – wie der überdimensionale Tümpel einer Kläranlage. Leider roch es auch so, denn mit der Aufarbeitung von Abwasser, insbesondere dem, das die Menschen vor Ort für den Abtransport ihrer Hinterlassenschaften nutzen, hat man es dort nicht so sehr. Üblicherweise werden Gerüche und Brocken von Wind und Wellen gnädig verteilt, wenn der Wind nicht mitspielt, zeigt das Meer halt sein vom Tourismus verformtes Gesicht.

Wie auch immer. Wir fanden die Strandbude. Wir ließen uns im Schatten nieder. Ich bestellte Aqua sin gas für Maya und Tropical für mich. Das Wasser für meine Hündin kredenzte ich ihr in einem unbenutzten Aschenbecher, das Bier trank ich aus der Flasche, und zwar auf ex. Sodass ich in rascher Folge das zweite, dritte, vierte und fünfte Nullkommadreidrei ordern musste. Es war aber auch so was von heiß! Selbst Maya schaffte den halben Liter Mineralwasser in weniger als zehn Minuten. Da war ich schon beim sechsten Fläschchen angelangt und musste mit großem Erstauen feststellen, dass auch in dieser Biersorte Alkohol enthalten ist. Nun macht mich Alkohol nicht aggressiv oder albern, eher ein bisschen melancholisch. Ich hockte in einem dieser weißen Plastikstühle, die es wohl an allen Buden an allen Stränden dieser Welt gibt, süffelte und sinnierte. Vermutlich sah ich unglücklich aus, auch wenn es mir gut ging. Keine Ahnung, ich übe keine Gesichtsausdrücke vor dem Spiegel, ich bin jederzeit authentisch. Wenn ich mich fühle, dann sehe ich auch so aus, nehme ich an.

In dieser Situation war das auch nebensächlich, denn die beiden Damen, die sich angeschlichen hatten, hatten es auf den Hund abgesehen, nicht auf mich. Ich hörte deutschsprachiges Hundegeflüster schräg hinter meiner linken Schulter und beschloss, es zu ignorieren. Das gelang auch ganz gut, aber Maya war weniger tolerant und entzog sich dem weiblichen Gerede in höchster Stimmlage durch Flucht unter meinen Stuhl. Übrigens: Zwei verschiedene Stimmen konnte ich unterscheiden, eine sehr hohe, eine eher im Alt. Zudem waren die Stimmen auch noch deutlich von dem Dialekt der jeweiligen Frau gefärbt: die eine ordnete ich dem Hamburger Raum zu, die andere war mit hoher Sicherheit ein kölsches Mädschen – das war die mit dem hellen Sopran, der vermutlich Maya in die Flucht geschlagen hatte.

Die zwei Hundefreundinnen gaben nicht auf, im Gegenteil. Kaum sah ich die eine teilweise, fragte es auch schon: Iss hier noch watt frei, junger Mann? Nun reagiere ich auf eine solche Altersschätzung im Alltag eher unwillig, denn ob ich jung bin oder mich fühle, möchte ich mir nicht von einem Fremden sagen lassen. Aber das bisschen Alkohol im dünnen kühlen Nass hatte mich eigenartigerweise freundlich gestimmt. Klar, sagte ich selbstbewusst, und unterzog die Fragende einer ersten Sichtprüfung. Fangen wir oben an. Haare: blondiert, lang und unter Zuhilfenahme von allerlei Befestigungsmaterial schwer aufgetürmt. Augen eher dunkel, Nase ziemlich groß, ein breiter Mund mit Lächelgarantie. Haut vorhanden, erheblich gebräunt, stellenweise von ein wenig türkisfarbenem Stoff in bikiniartiger Form verdeckt. Nach dem Schatten zu urteilen, den sie warf, sicher über einsachtzig. Obenrum ein bisschen schmal, um die Hüften auch, aber auf zwei kräftigen Beinen stehenden, deren Enden dummerweise in einem Paar güldener Sandälchen steckten. Sonnebrille auf dem Haarturm festgesteckt. Ein leider ebenfalls güldenes Handtäschchen in der sehnigen Hand mit ferarriroten Nägeln. Sie schob sich unerwartet elegant in den zweiten Kunst-stoffstuhl und lächelte mich an. Das zweite Wesen war nun auch im Sichtbe-reich. Würde sagen: Zwei Köpfe kleiner als die Blonde, praktische mit-telbraune Kurzhaarfrisur mit Ohrringen so groß wie Männerhände, ein feines Gesicht mit ein bisschen überdimensionierten Blauaugen. Ansonsten schön rund, mit Betonung auf schön. Gut verpackt in einem tragfähigen schwarzen Bikini. Sehr geschmackvoll. Auch dieser Teil des Duos nahm Platz.

Datt iss aber n feiner Hund, sagte die große Blonde und zog das Ei über zwei Oktaven. Die Brünette schwieg und grinste mich an. Ja, sie lächelte nicht, sie grinste, und zwar, wie mir unter zunehmendem Alkoholeinfluss schien, anzüglich. Wo hamse den denn her? zog die Rheinische nach. Ich sagte meinen Spruch von der Adoption per Schinken auf, und fragte blöd zurück: Und, wo habt ihr euch denn her? Die Norddeutsche lachte im tiefsten Alt, fast schon Tenor, und zeigte weiße Mauszähnchen. Boah, du biss aber ne Lustije, nä! prustete die Lange, und die Handliche nickte heftig dazu. Wollt ihr was trinken, fragte ich ohne weiter darüber nachzudenken, welche Folgen diese Einladung haben könnte. Sischer! kam es postwendend aus Köln. Auch die andere konnte sprechen. Sie drehte sich um, winkte einem Kellner und machte ein Zeichen mit den Händen. Also, sie legte die Handflächen horizontal aufeinander und hob dann die obere, während sie die untere sinken ließ, bis der Abstand zwischen den Händen ungefähr der Höhe eines Weizenbierglases entsprach. Jenau! kommentierte die Frohnatur mit dem Haargebirge. Und: Du auch eins? Was blieb mir als zu nicken. Man brachte drei Glasbehälter mit geschätzten anderthalb Litern Volumen, die jeweils mit einer bräunlichen Flüssigkeit auf sehr viel Eis gefüllt waren. Prost, rief die Braune, und ließ das Getränk in den kleinen, feinen Mund laufen. Wassen das? fragte ich dusselig, bekam aber keine Antwort. Okay, es war süß, es schmeckte nach Cola und Zitrone, und es enthielt – aber das stellte ich erst später fest – unheimlich viel Alkohol. Man brachte mir anderntags bei, dass es sich um Long Island Ice Tea gehandelt habe, einem Cocktail, in den jeder verfügbare Schnaps hineinkommt, dessen Spritgeschmack mit Brause noch so eben zu übertünchen ist. Svenja, so hieß die Deern aus dem hohen Norden, die sich in wechselnden gastronomischen Berufen versucht hatte, wusste zu berichten, dass der Weltrekord im Einnehmen dieses Killercocktails bei genau vier läge. Der Typ, der versucht habe, einen fünften einzupfeifen, sei leider daran verstorben.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir tranken und quatschen dummes Zeug, lachten und waren nach einer Stunde sternhagelvoll, allesamt. Außer Maya, natürlich. Wir verließen die gastliche Stelle und wankten in der letzten Däm-merung den Strand Richtung Norden entlang. Julia, die übrigens aus Neuss war, mir aber die Vermutung, sie sei aus Köln, nicht wirklich übel nahm, redete ununterbrochen. Plötzlich wurde es still aus ihrer Richtung. Einfacher Grund: sie war im weichen Sand umgefallen und eingeschlafen. Mönsch, sagte Svenja, wie krieg ich die olle Schnapsdrossel denn bloß nach Hause? Ich bot Hilfe an, und so schleiften wir einmeterachtzig besoffenen Frohsinn durch den Sand bis zu einer Bungalowsiedlung und dort in ein Häuschen, das natürlich in der allerhintersten Ecke des Geländes untergebracht war. Wir luden Julchen in der Koje ab. Sie schnarchte in einer Tonlage, die so gar nicht ihrer normalen Stimme entsprach. Maya hatte auch gleich ein Eckchen zum Pennen gefunden, und so waren die beiden am wenigsten Betrunkenen unter sich. Tja, meinte Svenja, dann werd ich ma’n Kaffe machen, nech. Sie sagte Kaffe, also mit Betonung auf der ersten Silbe. Ich fand das unter den gegebenen Umständen sehr süß. Sie lief ein paar Schritte in der Küche hin und her und vollführte die dazu gehörigen Bewegungen ihrer überaus knackigen Hinterbacken, die sich gegen den Bikini durchgesetzt hatten und sich teilweise im Freien aufhielten.

Der Kaffee hatte uns nur in den Zustand relativer Nüchternheit versetzt, aber das, was Svenja zum Rauchen aufbot, löste sowohl bei ihr als auch bei mir erhebliche Lust aus. Es wurde allerdings nur ein Quickie daraus, denn plötzlich war es Svenja übel, und sie ging, unter Hinterlassens von ein paar Tropfen, auf die Toilette um sich zu übergeben. Ich nutzte die Gelegenheit, stahl die Taschenlampe von der Kommode, rief den Hund, und machte mich davon. Der Himmel weiß, wo ich ohne Maya gelandet wäre! Denn erstens war es dunkel, zweitens kam der Alkohol zurück und drittens hatte ich keine Ahnung, wo, relativ zum Campingplatz, ich mich befand. Maya führte mich, indem sie ein, zwei Schritte vor mir lief und wartete, wenn sie den Eindruck hatte, ich würde schwächeln. So kamen wir um circa vier Uhr morgens bei Vasco an und gingen schlafen.

Nun ist ja ein Quickie nach mehrwöchigem sexuellen Entzug nicht zu verach-ten, aber das besoffene Intermezzo mit Svenja hatte mich eher unbefriedigt gelassen, beziehungsweise mit dem Wunsch nach Mehr ausgestattet. Und so machen Maya und ich uns am folgenden Abend auf den beschwerlichen Weg zur Strandbude, ich in der Hoffnung die beiden Hübschen dort wieder anzutreffen. Die Hoffnung wurde erfüllt, und dieses Mal blieben wir fast nüchtern. Im Gegenteil: Wir unterhielten uns, und ich erfuhr, dass die zwei Frauen Kolleginnen waren, beide Diplomingenieurinnen, die für eine weltbekannte Maschinenbaufirma, von der ich noch nie etwas gehört hatte, Machinenteilchen entwickelten, von deren Existenz ich bis dato nichts wusste. Sie waren sich schon während des Studiums in Aachen begegnet, dort allerdings eher im Zustand der Feindschaft, weil es irgend so ein Macho-Arsch geschafft hatte, sie gegeneinander auszuspielen.

Nach der Beschreibung ihrer Karrieren zu urteilen, musste sie beide etwa Mitte dreißig sein. Da in keinem Bericht eine Ehemann, ein Ex, ein Verlobter oder ein Freund vorkam, nahm ich an, dass sowohl Svenja als auch Julia mehr oder weniger unbemannt waren. Wir verbrachten einen wunderbaren Abend frei von albernem Geplänkel und verstanden uns prächtig. Dann klappte die Bude ihre Läden zu und Julia fragte: Und jetzt? Der Blick, der ihre Frage begleitete, erschien mir gefährlich, die wollte doch was. Ich ging vorsichtshalber davon aus, dass sie dasselbe wollte wie ich. Svenja erwies sich als feinfühlig und großzügig. Sie gähnte und sagte den klassischen Satz: Ich weiß ja nicht, was ihr noch vorhabt, ich bin jedenfalls müde und gehe schlafen. Sprach’s, stand auf, gab mir ein Wangenküsschen und stiefelte los. Julia und ich verdrückten uns in die Büsche und nahmen uns viel Zeit. Ich brachte sie hinterher nach Hause, und Maya machte erneut den Pfadfinder für mich.
So ging das drei Nächte lang im fliegenden Wechsel bis ich genug hatte und losfuhr, ohne mich zu verabschieden. Über die kommenden fünf Tage möchte ich den Mantel des Schweigens gedeckt wissen – fünf weitere Mittelmeerstrände, fünf weitere Strandbuden mit fünf weiteren Pacos und, wenn ich mich nicht irre, vier Hundehalterliebhaberinnen, die besser wussten was sie wollten als ich.

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publiziert am 29.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 818x gelesen ¦ noch kein Kommentar