Schlafende Hunde (2)

Der Schnauzer kommt ursprünglich aus Württemberg und ist alter Herkunft, die auf den mittelalterlichen Biberhund und die einheimi-schen Schäferhunde zurückgeht. Ursprünglich benutzte man den kleinen Schnauzer im süddeutschen Raum als Stallhund, mit Eifer lauerte er Ratten und Mäusen auf, was ihm den Namen “Rattler” einbrachte. Bei der Gründung des “Pinscher-Schnauzer-Klubs” im Jahre 1895 wurde er als rauhaariger Pinscher geführt. Der Riesenschnauzer wird seit 1880 gezüchtet. Der vermutlich älteste Hinweis datiert auf das Jahr 1850: Auf einem Gemälde das die bayrische Prinzessin Elisabeth (Sissi) zeigt, ist auch ein Hund zu sehen, rauhaarig, mit schwarz/rötlichen Fell, der an den heutigen Riesenschnauzer erinnert. Heutzutage wird der Riesenschnauzer hauptsächlich als Familienhund gehalten, wofür er sehr gut geeignet ist. Er ist ein sehr wachsamer Hund, der Fremden gegenüber eher misstrauisch ist. Das meist sehr harte und drahtige Haar muss regelmäßig getrimmt und geschoren werden. Dadurch verliert der Hund aber auch sehr wenige Haare. Es gibt den Riesenschnauzer in den Farbvarianten schwarz und pfeffer-salz.

In dem Sommer als Yvonne, so hieß Wilhelms außergewöhnlich attraktive Gattin, ihren Vierzigsten beging, lud man zu einem großen Fest im Park. Es gab ein Zelt, in dem Tische für gut hundert Gäste aufs Feinste eingedeckt waren. Man hatte einen der örtlichen Zwei-Sterne-Köche verpflichtet und für das Jungvolk eine ganzen Ochsen am Spieß über einem Großfeuer gepfählt. Yvonne hatte darauf bestanden, die Party zielgruppengerecht zu gestalten, sodass sowohl die Silberrücken aus Wirtschaft, Politik und Kultur als auch die jungen Schönen etwas davon hätten. Und so spielte im Zelt ein Streichquartett Klassisches, während im hinteren Teil des Gartens, unweit des vor sich hin garenden Ochsens, eine ziemlich angesagte Cover-Band fast den ganzen Abend über die Hits der Achtziger, der Neunziger und das Beste von heute über die Lautsprechertürme abgab. Da dieser Teil des Festes unbestimmt brasilianisch angelegt war, gab es dort zudem eine Bar mit braunen Mädchen, die sich notdürftig in Gelb und Grün verhüllt hatten, und dafür zuständig waren, riesige Caipirinhas und dünnes lateinamerikanisches Bier unter die sabbernden Jungmänner sowie die eifersüchtigen Jungmädchen zu bringen.

Natürlich war ich Ehrengast. Natürlich hatte ich meinen Platz an Yvonnes Seite. Natürlich schmeckte mir das Essen, aber natürlich ging mir die Versammlung der versammelten Stadt-Mafiosi bald auf die Nerven. Irgendwann spürte ich Yvonnes Hand auf meinem Bein, wir sahen uns an, sie lächelte mild, drehte sich zu Wilhelm um und sagte: „Ich schau mal nach, wie die Stimmung beim Ochsen ist.“ Natürlich bestand Wilhelm darauf, dass ich sie begleitete. Kaum aus dem Zelt, riss ich mir den Schlips vom Hals und knöpfte das Hemd auf. Yvonne nahm meine Hand und wir liefen wie zwei Frischverliebte unter den dunklen Tannen quer durch den Park. Ich war mir in dem Moment sicher, dass es in jener Nacht passieren würde, dass wir zufällig den Weg zum Pavillon finden würden, dass wir uns dort in die Arme fallen und leidenschaftlich küssen würden, dass sie Hand anlegen würde, dass ich ihr Kleid ausziehen würde, dass sie sich auf den Tisch legen und ich es ihr besorgen würde. Aber es kam anders.

Kaum waren wir ums Haus herum, liefen wir Concepta in die Arme. Die Frau aus Peru stand da und jammerte, rief laut und immer wieder einen Satz, in dem das Wort „Perros“ vorkam, die Tränen liefen ihr über das Gesicht, und Yvonne herrschte sie auf Spanisch an. Es stellte sich heraus, dass sich die Hunde aus dem Schuppen, in dem sie die Party ungestört überleben sollten, befreit hatten und abgehauen waren. Yvonne rannte zurück zum Zelt, ich blieb da, unbeachtet, hatte das Gefühl, dass das alles nichts mit mir zu tun hatte und schlenderte dem Krach der Rock-Musik entgegen in den hinteren Teil des Parks.

Dort war die Party im vollen Gange. Die Jungen und Schönen tanzten, als würden sie für ein Musikvideo abgefilmt, jeder hatte ein Glas mit Caipirinha in der Hand, die eher anders gepolten Jungs rockten schon mit freiem Oberkörper, und die anwesenden Damen hatten auch nicht viel an. Es war immer noch sehr warm in dieser Nacht, weniger von der Hitze des Tages als von der Feuergrube, über der gerade die Überreste eines ehemaligen Bullen auf thermischem Wege in reinen Kohlenstoff umgewandelt wurden. Die drei als Gauchos kostümierten Hilfskellner, die den Grillprozess zu überwachen abkommandiert waren, lagen zu zwei Dritteln besoffen im Gras, während das andere Drittel sich an einer brasilianischen Kellnerin abarbeitete. Die Bar war längst auf Selbstbedienung umgestellt worden, und so sah sie auch aus. Die restlichen grün-gelb entkleideten Damen waren längst in den Händen zukünftiger Schauspieler, und alles ging drunter und drüber. Nur die Band spielte ihren Stiefel runter als sei alles völlig im Rahmen des Üblichen. Da ich weder Lust auf ein Mixgetränk aus übelstem südamerikanischen Fusel oder auf geschmacksfreies Bier hatte, unternahm ich eine Expedition durch die Kühlschränke unter der Theke und fand auch eine Flasche Wodka einer Marke, von der ich wusste, dass ihre Erzeugnis mich nicht sofort umbringen würde. Crush-Eis war auch noch da, und so stellte ich mir einen Drink zusammen, der aus fast reinem Alkohol, einer Hand voll Eis und dem Saft zweier Limonen bestand. Ich suchte mir einen freundlichen Baumstamm, lehnte mich daran und beobachtet das muntere Treiben der Werbefuzzis und sonstigen Parasiten.

Sie kam direkt auf mich zu in ihrem etwas konservativen dunkelblauen Kostüm, unter dessen Jacke sie ein T-Shirt in einer Farbe trug, die ich nicht hätte beschreiben können, die aber aufs Beste einen Übergang zwischen dem satten Ultramarin der Kleidung und ihrer Hautfarbe markierte, die jetzt im Abglanz der Bühnenscheinwerfer und des mittlerweile bis in die Baumwipfel lodernden Grillfeuers einen matten Glanz irgendwo zwischen Ocker und Oliv angenommen hatte. Mir fiel nur ein, dass keine Sau Grün und Blau trägt, und sah dann ihre Augen. Sie schwankte leicht auf Schuhen, die nicht für Waldboden gemacht waren, aber ihr Blick war schnurgerade wie der Leitstrahl, an dem sich ein Flugzeug bei der Landung orientiert. In der Hand hielt sie eine von diesen Halbliterflaschen mit mexikanischem Bier, in deren Hals man eine halbe Zitrone stopft, um ohne Angst vor Infektion daraus trinken zu können, sie schlenkerte mit diesem Arm, holte dabei sehr weit aus, und bei jedem Schritt schäumte ein kleines bisschen urinfarbige Flüssigkeit neben ihre Fußspur. Ihren Gesichtsausdruck würde ich aus heutiger Sicht nicht mehr als Lächeln bezeichnen, damals aber kam es mir vor als habe sich eine Frau eben dieses Lächeln über Jahre aufgespart, um den Einen damit glücklich zu machen, der verloren und einsam durch die Welt irrte, die ihm fremd war und kalt und ungerecht. Heute weiß ich: Gisela war einfach nur betrunken und geil.

Wir sprachen nicht, sie hakte sich bei mir ein und ließ die Flasche zu Boden fallen. Ich nahm mit dem freien Arm noch ein letzten langen Schluck und trennte mich auch von meinen Drink. Irgendwie war es eine Gehen-wir-zu-mir-oder-zu-dir-Situation, obwohl es dazu am vorbereitenden Austausch von Blicken, Gesten und Sprüchen fehlte. So gingen wir durch den Park, manchmal spürte ich ihren Blick aus den Augenwinkeln. Dann blieben wir stehen, ich zog sie herum, sie war auf ihren High-Heels ein bisschen größer als ich, und küsste sie. Nie vor- und nachher hat mich eine Frau derart hungrig geküsst. Es steckte die pure Verzweifelung in der Kraft dieses Kusses. Mir war das eine Spur zu pathetisch, aber es rührte auch etwas in mir an, vielleicht irgendeinen durch Coolness übertünchten Mangel, eine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation, vielleicht auch bloß Frust darüber, dass mir ein Fick mit Yvonne wegen ihrer Scheißköter entgangen war.

Jedenfalls gab ich den Kuss mit der gebotenen männlichen Gewalttätigkeit zurück, grub meine Hand in das Haar in ihrem Nacken, hartes, dichtes Haar, zog damit ihren Kopf fast in die Waagerechte und spielte mit meiner Zunge von innen an ihren Zähnen Xylophon. Gisela schnaufte durch die Nase, und es hörte sich an wie Leidenschaft, obwohl es möglicherweise nur ein Mangel an Luftzufuhr war. Ich hatte den anderen Arm um ihre Hüfte gelegt und probierte aus, was passieren würde, wenn sich unsere Unterleiber unter Druck begegnen würden. Dabei dachte ich an Yvonne, aber gleichzeitig fiel mir ein, dass man ja die lieben soll, mit der man grad zusammen ist, wenn man mit derjenigen, die man gern hätte, nicht zusammen sein kann.

Wir landeten im Pavillon. Sie ging mir ans Gerät. Sie wollte mir etwas verpassen, was andere Männer für die Krönung der weiblichen Unterwerfung halten, was mir persönlich allerdings eher unangenehm ist. Also nahm ich sie und legte sie rücklings auf den Tisch, schob ihren Rock hoch und den Slip runter und tat das, was ich glaubte, dass es in ihrem temporären Interesse lag. Gisela ging sehr mit, setzte sich halb auf, um Jäckchen und T-Shirt abzuwerfen, und schenkte mir so einen Blick auf ihre Brüste. Aus heutiger Perspektive und den geschilderten Erfahrungen mit mehr als hundert Frauen muss ich sagen: Perfekt. Nun bin ich absolut nicht der Tittenfetischist, im Gegenteil, Männer, die sich ihre Sexualpartnerinnen nach Größe und Form der Oberweite aussuchen, halte ich für zurückgeblieben und zumindest zwangsneurotisch, aber ein weiblicher Kör-per als solcher ist auch für mich etwas, das unter ästhetischen Gesichtspunkten durchaus zu behandeln ist. Giselas Brüste waren perfekt. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu rund, nicht zu fest. Joggte sie ohne BH, schwangen sie im genau richtigen Takt, freute sie sich, kamen die Brustwarzen hervor, ohne dass es aufdringlich wirkte. Der Anblick ihres Busens hatte mich in der Pavillonsituation auch nicht mehr motiviert, zu geben, was ich geben wollte und konnte. Und so fiel dieser sprachlose Spontanfick für beide Seiten sehr befriedigend aus.
Wir kamen dann bei einer Zigarette ins Gespräch, und ich stellte fest, dass Gisela nicht nur beschwipst war, sondern im besten Wortsinn volltrunken. Ich fragte mich, ob sie mich am folgenden Tag, so wir uns denn begegnen würden, erkennen könnte oder sich an das gemeinsame Tun erinnern würde, und war unschlüssig. Sollte ich mich einfach verdrücken und das Ereignis in meinen Anekdotenschatz übernehmen? War sie so alkoholisiert, dass ein solcher Abschied alle Tatbestände der unterlassenen Hilfeleistung erfüllen würde? Sie sagte sehr merkwürdige Sachen, während ich sinnierte; zum Beispiel erwähnte sie, dass sie mich kenne und dass ich ihr immer schon gefallen habe. Auch dass sie auf jemanden wie mich gewartet habe, dass ihr egal wäre, wer und was ich sei, dass sie nur wegen mir auf das Fest gekommen sei, uneingeladen, dass sie nach ihrem Rausschmiss eigentlich nicht vorgehabt hätte, noch einmal irgendetwas mit dieser Scheißfirma und ihren Leuten zu tun zu haben. Dass ihr diese ganzen Werbetussen auf den Nerv gingen, dass die Band scheiße sei, dass sie weder Bier noch Caipirinha möge und dass überhaupt alles so scheiße sei, dass es nur besser werden könne, und ich sei ihre Zukunft.

Nach und nach erschloss sich mir, dass es sich bei Gisela um eine Kollegin handeln musste, besser: um eine Ex-Kollegin, und ich grübelte, ob ich sie im Hause Tee schon einmal gesehen hatte, während ich ihr Lamento mit zustim-mendem Brummen und Kopfnicken begleitete. Tatsächlich, aber das fand ich erst bei unserer zweiten körperlichen Begegnung, beziehungsweise danach heraus, dass Gisela Bilanzbuchhalterin in unserem Unternehmen gewesen war, bevor man ihr kündigte, weil ihre Arbeit in Zukunft kostengünstiger von einem externen Wirtschaftsprüfer übernommen werden sollte. Sie hatte mich zum ersten Mal gesehen und gehört als ich bei einem Führungskräfteseminar einen kurzen Vortrag über das Marketing an und für sich und speziell in Sachen Tee hielt. Unter den mehr als hundert Teilnehmer war sie mir nicht aufgefallen, und am zwangsweise Socialising am Abend nahm ich wie immer nicht teil.

Beim zweiten Mal fand ich nicht nur heraus, wer Gisela war, ich verliebte mich auch noch in sie. Ich verliebte mich nicht in ihren Körper, denn dann hätte es schon beim ersten Mal gefunkt, ich verliebte mich auch nicht in ihr Gesicht, in ihre Augen, ihre Mimik, denn dann hätte ich ihr schon verfallen müssen als sie im Park auf mich zukam, ich verliebte mich in die Person Gisela. Männer werden jetzt lachen und dumme Bemerkungen über innere Werte machen, aber die meisten Männer haben auch keine Ahnung vom Verlieben. Sie meinen, sie seinen verliebt, wenn sie eine bestimmte Frau ganz dringend vögeln wollen. Sie meinen, sie seien verliebt, wenn sie dieselbe Frau nach dem ersten Mal auch noch ein zweites, drittes oder viertes Mal ganz dringend vögeln wollen. Sie glauben, verliebt zu sein, das wäre sozusagen eine Funktion zweiter Ordnung der hormonellen Umstände, die für Unruhe zwischen den Beinen sorgen. Wie gesagt: Die meisten Männer haben keine Ahnung.
Gisela war – oder muss ich noch sagen: Gisela ist? – klug, witzig, vielseitig interessiert, warmherzig, aufmerksam, großzügig und konnte alle diese Eigenschaften in wenigen Sätzen, Blicken und Bewegungen nachweisen. Ich war fasziniert und beschloss, dass Gisela die Frau sei, mit der ich alt werden wollte. Und dann stellte ich fest, dass ich auf einmal kein wilder Junggeselle mehr war, dass wir zusammenlebten, dass es sich gut anfühlte und dass mir vor den kommenden zehn, fünfzehn Jahren nicht bange war. Bis das mit ihrem Kinderwunsch anfing.

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publiziert am 03.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 831x gelesen ¦ noch kein Kommentar