Schlafende Hunde (3)

Pudel sind intelligente Hunde, sehr lebendig, verspielt, lernwillig, kinderlieb, sportiv, sehr wachsam. Der Groß- bzw. Königspudel wird oft unterschätzt. Er ist in jeder Sparte des Hundesports einsetzbar. Königspudel werden als Blinden-, Katastrophen- oder sogar als Schutzhunde ausgebildet. Die meisten Pudelbesitzer sind sich auch einig, dass ein Pudel eine sehr stark ausgeprägte Individualität besitzt. Der Jagdtrieb, gerade beim Großpudel, sollte auf keinen Fall unterschätzt werden. Mit konsequenter Führung und richtiger Ausbildung können jedoch solche Triebe in richtige Bahnen gelenkt werden.

Und deshalb wohne ich jetzt zum ersten Mal ganz alleine; keine Frau im Haus, keinen Mitbewohner, keine WG-Genossen, keine Damen für zwischendurch im Bett. Ich. Ganz allein. Meine Wohnung. Mein Bett. Meine Küche, mein Wohnzimmer, meine Terrasse, mein Fernseher, meine DVDs, meine alten Schallplatten, meine Bücher, mein PC samt DSL und schlagmichtot… Mein wunderbares Bad. Meine morgendliche Schweigsamkeit, meine langen netten Abende mit mir selbst zu Gast, mein viel zu spätes Ins-Bett-Gehen, mein viel zu unregelmäßiges Essen, meine Menschenfeindlichkeit, mein Mangel an Ehrgeiz, meine Ruhe, mein Frieden. Im Büro rede ich ohnehin nur, wenn ich muss, ich pflege kaum Sozialkontakte mit den Kollegen, die über das hinausgehen, was ich meinem speziellen Job und meiner Position schuldig bin. Ich spreche nicht mit den Kassiererinnen im Supermarkt und beim Bäcker, und der Wirt in meiner Stammkneipe weiß sehr genau, wann er das Wort an mich richten darf und wann nicht. Es geht alles seinen schönen Gang. Meinen zweiundvierzigsten Geburtstag feierte ich ganz allein. Ich hatte Hardy vom Catering-Service meines Vertrauens gebeten, ein wunderbares Dinner für eine Person auf meiner Terrasse über den Dächern anzurichten und ihm zu diesem Zweck einen Wohnungsschlüssel übergeben. Ich hatte mir ausgebeten, dass alles vorbereitet zu sein habe, wenn ich gegen halb acht heimkäme, dass keiner seiner Leute mehr da zu sein habe und dass man mir eine Bedienungsanleitung hinlegen möge, sodass ich die restlichen Aufgaben eigenständig übernehmen könnte. Hardy ist ein Genie, so viel ist sicher, und Hardy ist ein super Kumpel, das weiß ich jetzt auch. Denn er stellte keine Fragen und tat exakt das, worum ich gebeten hatte. Der Abend war perfekt, und als ich gegen halb zwei morgens voll mit bestem Wein und feinstem Calvados sowie diversen Leckereien, die ich genau nach Plan aus den Thermobehältern geholt und mir selbst serviert hatte, fühlte ich mich als glücklicher Mensch und beschloss, zum ersten Mal ganz allein in Urlaub zu fahren.

Im Gegensatz zu Gisela kann ich mich auch an Orten wohl fühlen, die entlegen und einsam sind, bevorzuge aber weder die Einsiedelei noch den Trubel, wenn ich Ferien habe. Wilhelm und Yvonne hatten mir schon nach der Trennung von Gisela aus therapeutischen Gründen ihr Haus in Portugal angedient, aber ich hatte gar keinen Grund, weg zu fahren, nachdem Gisela gegangen war. Mir ging es ja gut. Aber jetzt nahm ich ihr Angebot gern an und ließ mir die Schlüssel sowie eine Wegbeschreibung geben. Beim Autovermieter meiner Wahl suchte ich ein kleines Wohnmobil aus, denn ich hatte vor, auf der gut zweitausend Kilometer langen Anreise hier und da Station zu machen. Ich war begeistert davon, dass in so einem modernen Fahrzeug dieser Art nicht nur alles vorhanden ist, was einem den Verzicht auf ein Hotel leicht macht, sondern dass sich ein solches Gerät leichter bewegen lässt als ein VW Käfer, das einzige Auto, das ich je besessen hatte.

Ich belud das Wohnmobil mit Vorräten aller Art, natürlich mit Getränken, Lebensmitteln und sonstigen Dingen, von denen ich wusste oder annahm, dass sie unterwegs schwer zu beschaffen sein würden, packte eine Kisten voller Bücher – es müssen gut ein halbes Hundert gewesen sein – und mein neues Notebook, dessen Festplatte bis an den Rand mit Musik und Filmen gefüllt war. Der Elektronikhändler meines Vertrauens schwatzte mir ein mobiles Navigationssystem auf, dass während der Reise ausgeschaltet blieb, und ich brach auf. Natürlich waren meine Vorständler nicht begeistert von der Tatsache, dass ich volle fünf Wochen weg sein würde, aber über die Jahre hatte ich mein Team so weit gebracht, dass sowieso alles lief, auch wenn ich nicht da war oder meine Zeit im Büro mit anderen Dingen verbrachte als joborientierten Tätigkeiten. Außerdem, so hatte ich den hohen Herren versichert, sei ich für dringendste Entscheidungen und im Krisenfall natürlich per Handy und E-Mail erreichbar, was sich als Lüge erwies, denn erstens fuhr ich unterwegs von Funkloch zu Funkloch und zweitens lag das Haus meines Vorgängers in einem Tal, das drahtlos vermutlich nur durch einen eigenen Sendemast in Eiffelturm-Format zu erschließen gewesen wäre.

Mir war das egal, mir ging es gut. Die erste Etappe führte mich bis kurz vor die französische Grenze, wo ich Dietmar und Heidelind besuchen wollte, eines der festen Paar aus meiner zweiten WG. Die waren irgendwann zum Ökologischen konvertiert, hatten aus ihrer doppelten Arbeitslosigkeit als Slawisten eine Tugend gemacht und einen Bauernhof übernommen, um Schafe zu halten und Feta-Käse zu produzieren. Wie so Vieles im Leben auch dies Folge eines Dauerwitzes, denn wann immer jemand einen der seinerzeit in WG-Kreisen sehr angesagten griechischen Bauernsalate kredenzte, beschwerten sich Heidemar, wie wir sie liebevoll im Doppelpack nannten, über den muffigen Geschmack des Schafskäses, der sozusagen als Fleischbeilage diente. Und so boten sie inzwischen landauf, landab in Bioläden einen vorzüglichen Käse unter dem Markenamen Original Heidemar an, und der verkaufte sich wie warme Semmeln. Kein Wunder, die Marketing-Kampagne hatte ich entworfen und mein Team in Schwarzarbeit realisiert, einen Mangel an Schafskäse litt danach niemand aus dem Hause Tee mehr.

Es wurde ein fröhlicher Abend, denn die beiden hatten das Trinken nicht verlernt und sprachen ungefähr fünf Mal stärker als ich dem starken Landwein zu, den sie mit dem Schlauch aus einer großen Korbflasche direkt ins Glas zapften. Einer ihrer Hütehunde, der das Rentenalter erreicht hatte und an einer schadhaften Hüfte litt, lag unter dem Tisch auf dem Teppich und furzte in gleichmäßigen Abständen; mir kam es so vor als ob seine Abgase rochen als würde er nur mit dem selbst gemachten Schafskäse ernährt. Heidelind servierte Bauernbrot, und Dietmar wies nach, welche Geschmacksrichtungen und Konsistenzen aus Schafsmilch auf rein biologischem Wege erreichbar sind. Wir aßen und tranken und redeten, während der Hund vor sich hin brummte und furzte. Ein perfekter Abend.
Natürlich schlief ich im Wohnmobil, nicht so sehr, weil mir vor dem klammen Original-Bauern-Bettzeug im Original-Bauern-Bett in ihrem Original-Bauern-Haus grauste, sondern weil ich ausprobieren wollte, ob ich in meinem fahrenden Hotel ein Auge zu bekäme. Es lag dann nicht an den inneren Umständen, dass ich schlaflos blieb. In der Nacht trugen die beiden Schäferhunde ganz offensichtlich einen Wettbewerb darum aus, wer am längsten ununterbrochen jaulen könne, und ich verstand jetzt, warum sich Dietmar und Heidelind derart zugesoffen hatten – ihr Schlaf musste so besinnungslos sein, dass sie auch ein hundertköpfiges Hundekonzert nicht hätte wecken können.
Mein Mobil, das ich auf den Namen Vasco getauft hatte, dieselte mit hundertzehn über die Autobahn, während ich systematisch die Musik laufen ließ, die unter Gisela strikt untersagt war. Sie hatte es nicht so mit Depri-Songs à la Warren Zevon und dergleichen, aber die konnte ich bestens aushalten, mir ging es ja gut. Und so merkte ich gar nicht, dass ich an meinem nächsten Etappenziel vorbei geschossen war und plötzlich am Grenzübergang in Basel anhalten musste. Die deutschen Grenzer winkten mir neutral zu, aber die eidgenössischen Zöllner, die waren spitz wie Nachbars Lumpi. Ein niegel-nagel-neues Wohnmobil mit allem Schnickschnack, darin ein einzelner Typ im Che-Guevara-T-Shirt mit langem Zopf, das musste ja ein Drogentransport sein. Man winkte mich auf den Parkstreifen, hieß mich aussteigen, kontrollierte sorgfältigst meine Papiere und machte sich dann über das Innere von Vasco her. Als menschliches Tun keinen Stoff zu Tage förderte, musste der örtliche Drogenhund ran. Der zählte zu den Cocker-Spaniels und benahm sich auch so – ein bisschen kindisch, ein bisschen bemüht, eben auch bloß ein Schweizer. Nachdem auch die Töle keinen Koks entdeckt hatte, ließ man mich einreisen. Allerdings sah ich meine über Jahre angesammelten Vorurteile gegen das Land, in dem man warmen Käse um Brotstückchen wickelt, vollumfänglich bestätigt und entschied, auf kürzestem Wege wieder auszureisen. Und so verbrachte ich eine friedliche Nacht auf dem Parkplatz am Grenzübergang zu Frankreich im idyllischen Bättwil.

Am nächsten Tag nahm ich bei Besançon eine junge Frau mit, die mich an der Tankstelle angesprochen hatte, sie müsse dringend zu ihrer Großmutter nach Bourg. Sylvie, so stellte sie sich vor, hatte nur einen Rucksack und eine kleine Sporttasche dabei, trug Jeans und ein kariertes Herrenhemd, hatte sehr kurze dunkelblonde Haare und sprach englisch mit mir. Mir ging es zwar gut allein, aber so eine Begleiterin, dachte ich mir, wäre eine nette Abwechslung. Kaum waren wir ein paar Kilometer auf der Autobahn unterwegs, nahm sie die Tasche auf den Schoß, öffnete sie und fragte: Magst du Hunde? Aus der Tasche lugte die wollige Schnauze einer Welpe hervor, der gleich damit anfing, einen Laut zu produzieren, der mein Herz rührte. Der Hund fiepte wie nur Hunde fiepen können. Sie fingerte einen Hundekuchen aus dem Rucksack und fütterte das kleine Tier. Dann gab sie ihm die Flasche. Ja, sie hatte eine dieser komischen Wasserflaschen dabei, die mit einem Stöpsel versehen sind, den man mit dem Mund herauszieht, damit man trinken kann. Jeder Jugendliche zwischen zwölf und zwanzig schien in diesem Jahr mit einer solchen Nuckelflasche herum zu laufen um zu demonstrieren: Hey, ich bin zu früh abgestillt worden, ich will zurück zu meiner Mama! Um das Bündel Wolle zu tränken, dafür war dieses Fläschchen allerdings ideal. Nachdem das Hundchen versorgt war, so nahm ich an, würde es sich in seiner Tasche gemütlich machen und geräuschlos pennen. Aber das Tier gab nicht auf und fiepte weiter. Sylvie streichelte und redete, aber dieses Geräusch, wie man es nach einem Hörsturz im Ohr hat, blieb. Vielleicht muss er mal, gab das Mädchen zu bedenken, und ich steuerte den nächsten Rastplatz an, obwohl es mir ja gleichgültig sein konnte, ob die Welpe ihr die Tasche vollpisste oder -schiss. Nun sah ich das Wesen in seiner ganzen aparten Schönheit. Irgendetwas musste bei der Mischung seiner elterlichen Gene schief gelaufen sein. Die süße, pelzige Schnauze war an einem viel zu kleinen Kopf befestigt, der in einen dicken, kahlen Hals überging, der wiederum einen tonnenförmigen, leicht beflaumten Körper überging. Einen Schwanz gab es nicht, die Vorder- und Hinterbeine waren unterschiedlich lang, und die Farbe des Fells würde ich am ehesten mit asphaltgraubraun bezeichnen. Oscar, so rief Sylvie ihn, legte gleich nach dem Aussteigen einen warmen, weichen Haufen und hob dann das Bein am Vorderrad von Vasco, meinem treuen Schiff. Sylvie verstaute ihn, und wir fuhren weiter.

Nun begann die Konversation. Genauer: Sylvie stellte mir Fragen und wartete die Antworten nicht ab. Zunächst wollte sie wissen, ob ich reich sei, und berichtete, dass ihr richtiger Vater ganz schön reich sei, sie ihn aber nie kennen gelernt hatte. Bei jeder Frage sah sie geradeaus durch die Frontscheibe, um sich dann beim Antworten abrupt zu mir um zu drehen, sodass ich aus den Augenwinkeln ihren Silberblick wahrnahm. Ja, sie schielte. Ich finde Schielen erotisch. Sylvie hatte eine ziemlich große Nase und eine Unterlippe, die beim Sprechen immer leicht zitterte. Ich finde große Nasen erotisch, zitternde Unterlippen auch. Mit jeder Frage wurde mir stärker bewusst, dass ich Lust auf ein Abenteuer hatte. Das hatte gar nichts damit zu tun, dass ich zu dem Zeitpunkt schon sechs Wochen keinen Sex mehr gehabt hatte oder dass es mir schlecht ging. Nein, ich stellte mir einfach vor wie toll sich eine solche Geschichte anhören würde: Hab da ’ne Anhalterin mitgenommen, süßes Ding. Na ja, und dann ist sie quasi über mich hergefallen. Konnte grad noch auf den Seitenstreifen raus. Und dann ging’s zur Sache. Schätze mal, so hat’s der Kleinen noch keiner besorgt. Mir wurde warm, ich schwitzte trotz Klimaanlage und phantasierte die unglaublichsten Stellungen, die in so einem Wohnmobil möglich wären. Sylvie war in ihren Monolog vertieft und merkte von alle dem nichts.

Wir kamen an den Abzweig der A40, sie sah das Schild, auf dem Bourg-en-Bresse angekündigt war. Sie drehte sich zu mir und fragte: Wo fährst du eigentlich hin? Ich gab wahrheitsgemäß Auskunft und konzentrierte mich auf die Abfahrt. Nimm mich noch ein Stück mit in Richtung Süden, sagte sie. Und ich nahm sie mit. Sylvie schwieg erst, schlief dann ein, während Oscar in der Tasche leise vor sich hin fiepte. In Lyon steuerte ich den Bahnhof an, weckte sie und gab ihr das Geld für den Zug nach Bourg. Zum Abschied küsste sie mich auf den Mund.

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publiziert am 05.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 740x gelesen ¦ noch kein Kommentar