Schlafende Hunde (4)

Im Charakter ist der Wolfsspitz ein sehr wesensstarker und instinktsi-cherer Hund mit starkem Nervenkostüm und ausgeglichenem Wesen. Sein Temperament ist immer genau der Situation angepasst. Im all-gemeinen ist der Wolfsspitz leicht erziehbar. Das stolze, selbstbe-wusste und selbstständige Wesen verträgt aber absolut keinen Drill oder sturen Zwang. Geduld, Einfühlungsvermögen, liebevolle Konsequenz in der Erziehung belohnt der Wolfsspitz aber mit Treue, Schutzbereitschaft und unverbrüchlicher Freundschaft. Erste Versuche mit Wolfsspitzen als Blindenführhunde sind erfolgreich.

Wer hat eigentlich den Spruch zu verantworten, dass der Hund der beste Freund des Menschen ist? Derjenige muss äußerst geräusch- und geruchsunempfindlich sein. Ich würde jedenfalls einem Kumpel, der permanent Geräusche macht und vor sich hin müffelt, bald die Freundschaft kündigen. Zumal wenn er zudem noch dauernd um meine Aufmerksamkeit buhlt und mich unterwürfig anschaut. Das waren jedenfalls meine Überlegungen als ich einen Campingplatz am Ufer der Loire ansteuerte, immer noch Oscars Fiepen im Ohr und seinen Kötergeruch in der Nase. Man hatte die Schranke geschlossen. Im Container des Platzwartes schien niemand zu sein. Also stieg ich aus. Erst höre ich ein Geräusch, das zum Knurren wurde, dann spürte ich etwas Scharfes an und in meiner rechten Wade. Da hing ein weißer Spitz, der es auf Wadenhackfleisch abgesehen hatte. Es tat sehr weh. Hinter dem Container erschien ein Männlein, das sich in aller Ruhe den Hosenstall zuzog und mich auf Französisch ansprach. Ich vermute, er sagte: Der tut nichts, der will bloß spielen. Zum Glück hatte die Töle mich nur gezwickt, aber in der Nacht juckte die Stelle, an der mich das Vieh erwischt hatte, schon sehr. Aus irgendeinem unfranzösischen Grund hatte ich damit gerechnet, dass der Kretin sozusagen als Schmerzensgeldersatz den Schlagbaum zum Campinggelände öffnen würde, aber er wiederholte seinen scharfen Spruch und verpisste sich samt bissigem Vieh in seine Baracke. Mir blieb nur der U-Turn und die Suche nach einer Stelle, an der ich in Frieden meine Wunde lecken und schlafen könnte. Und die zog sich über weitere vierzehn Stunden hin.

Natürlich stand auch Kultur auf meiner ganz persönlichen Reiseagenda. Also steuerte ich Orange an, denn dort vermutete ich Kultur zuhauf. Dass es dann aber beinahe gleich eine komplette Oper im Amphitheater geworden wäre, ahnte ich nicht, als ich gegen drei Uhr nachmittags in die Innenstadt kam und meinte, es müsse doch einen Parkplatz für Vasco in Laufweite der örtlichen Kultur geben. Ich setzte drei Mal an, das Mobil einfach so an einem Bordstein abzustellen, aber jedes Mal war eine Staatsmacht mit Papphut da und scheuchte mich unter Ausstoßens offensichtlich derber Worten davon. Orange ist definitiv nicht nett zu Wohnmobilen. Inzwischen dämmerte es und ich kam mir vor wie ein Schwuler beim Cruisen als ich zum x-ten Mal an derselben Ecke vorbeikam und die Bullen immer noch auf Parksünder warteten wie die Schießhunde. Dann erschien ein gelbes Nummernschild mit schwarzen Buchstaben, befestigt an einem Wohnwagen direkt vor mir. Mein Vorurteil sagte mir: Das ist ein holländischer Wohnwagen. Vorn im Auto sitzt ein Holländer. Holländer wissen instinktiv, wo sie ihre rollenden Käsekisten unbehelligt abstellen können. Mein Vorurteil behielt Recht. Ich folgte dem Gespann und landete nach kaum fünf Minuten direkt hinter ihm auf einem brachliegende Gelände, das von einer bröckelnden Mauer begrenzt war. Der Holländer parkte sein Gefährt mit großer Eleganz, stieg aus und kam zum mir rüber. Ich begrüßte ihn in seiner Landessprache, sodass er sofort nachsah, ob ich vielleicht auch ein schwarz-auf-gelbes Nummernschild hätte. Jedenfalls gab er mir zu verstehen, dass ich hier getrost bleiben könne. Also stellte ich Vasco unter den einzigen Baum auf dem Gelände, aktivierte die Alarmanlage und schloss alles ab. Draußen kam wie gerufen ein Taxi vorbei, das mich ungefragt an der Arena absetzte.

Man trug leger-festliche Kleidung, und ich fiel mit meiner Cargo-Hose und dem Guervara-T-Shirt, das auch nicht mehr wirklich taufrisch roch, ein bisschen auf. Es gab Absperrungen wie bei einer Demo, die Menge drängelte ein wenig in Richtung auf ein Gemäuer, das abbruchreif aussah, aber prächtig – in Orange, natürlich – angestrahlt war. Ein paar Plakatständer standen herum und erzählten, das heute La Traviata gegeben würde. Die Namen der Sänger und Sängerinnen sagten mir nichts, und ich fand keinen vernünftigen Grund mich in die Schlangen vor den mobilen Kassenhäuschen, die unmittelbar neben den ebenfalls mobilen Klohäuschen abgestellt waren, einzureihen. Dann aber trat ein Grund in mein Leben. Der Grund war nicht sehr groß, dafür sehr schmal und trug einen langen violetten Rock, der den Staub aufwirbelte. Außerdem sah der Grund sehr traurig aus, man könnte meinen, er habe gerade geweint.

Es ist ja nun überhaupt nicht meine Art, fremde Frauen anzusprechen, schon gar nicht im Ausland und in Augenblicken, in denen ich selbst wahrnehme, dass ich streng rieche. So etwas tue ich aus Prinzip nicht. An diesem lauen Sommerabend in Orange vor dem Amphitheater gab es genug Grund, mit diesem Prinzip zu brechen. Sie stand da, mit dem Rücken zu den Mauern der Arena, während die Menschen an ihr vorbei flossen wie der Bach um den Stein. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Hände überkreuz auf den Oberarmen. Sie trug das Kinn leicht angehoben, und die leichte Brise spielte mit ihrem langen Haar. Ich ging zu ihr und sprach sie an: Can I help you? Sie sah mich an oder auch nicht und sagte: Ach, es ist so schrecklich. Ich wiederholte: Kann ich Ihnen helfen? Und sie sagte noch einmal: Es ist furchtbar. Sie ließ die Arme hängen, ich nahm ihre Hand und führte sie weg von der Menschenmenge.

Wir gingen immer weiter und kamen in ein Viertel mit engen Gassen, in denen ein paar alte Leute auf Holzstühlen vor den Türen saßen. An der Ecke leuchtete die blau-weiß gestreifte Markise eines Cafés im ersten Licht der Straßenlaternen. Sie hatte auf dem Weg dorthin ein paar Mal leicht den Kopf geschüttelt und etwas gemurmelt, das sich anhörte wie: Ausgerechnet heute. Ausgerechnet hier. Ich bot ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Ich wählte den Platz ihr gegenüber. Bestellte Café Creme für beide. Als der Kellner die Schalen vor uns hin gestellt hatte, fragte ich: Was ist ihnen denn widerfahren? Genau mit diesen Worten sprach ich sie an. Später wurde ein Was-ist-dir-denn-heute-widerfahren daraus, der Spruch blieb unser Leitmotiv in den paar Tagen, in denen wir zusammen waren.

Friederike nahm einen Schluck und begann mit ihrer Geschichte. Nein, ich werde diese Geschichte hier nicht erzählen, sie ist einfach zu kitschig. Ein Verlobter kommt darin vor, ein Schwerkranker, der unweigerlich im Rollstuhl landen würde, ein Opernliebhaber, ein feiner Mensch – so drückte sie das aus –, der in einem Sanatorium gewesen sei in den vergangenen Monaten. Und dann hätten sie sich in Orange verabredet, sie habe die Karten für die Oper besorgt und ein Hotelzimmer gemietet für ihn und sich. Er habe angerufen und gesagt, er wisse noch nicht, ob er pünktlich sein könne. Und sie habe gesagt, dann treffen wir uns gleich an der Arena. Sie habe gewartet, und er sei nicht gekommen. Dann habe ihr Handy geschellt, er sei dran gewesen und habe ihr eröffnet, dass er nicht kommen würde, er habe in der Klinik eine Frau kennen gelernt und er habe sich unsterblich verliebt, und es täte ihm sehr leid. Gerade habe sie das Telefon weggesteckt, da sei ich erschienen.
Was hätte ich dazu sagen sollen? Ich legte meine Hand auf ihren Arm und versuchte so viel Verständnis wie möglich in meinen Blick zu legen, ohne dass es nach Mitleid aussah. Dann orderte ich zwei Calvados. Sie trank ihren auf einen Schluck und sah mich lange an aus ihren arabischen Augen: Wer bist du? Ich sagte ihr meinen Namen und versuchte, meine Erlebnisse dieses Tages möglichst witzig zu berichten, wollte sie damit zum Lachen bringen. Ich habe Friederike nie zum Lachen bringen können, so viel möchte ich vorweg schicken. Friederike ist nicht der Typ, den man zum Lachen bringt. Sie hat einen sehr speziellen Humor und lacht über Dinge, über die andere nicht lachen. Und Schadenfreude ist ihr völlig fremd. Wo andere Menschen lachen, wenn sie sehen wie jemand auf einer Bananenschale ausrutscht oder gegen einen Laternenmast läuft, da kann es geschehen, dass Friederike weint. Andererseits: Je absurder eine Geschichte, desto heftiger kann Friederike lachen. An meiner Geschichte war nichts Absurdes.
Dann erzählte sie davon, dass sie sich nichts aus Opern macht, aber viel aus Theater. Dass sie zwar nie Schauspielerin werden wollte, aber immer nach einem Beruf gesucht habe, der sie in die Nähe der Bühne bringt. Deshalb habe sie nach dem Abitur eine Schneiderlehre absolviert, um vielleicht Kostümbildnerin zu werden, darum habe sie auch noch eine Schreinerlehre angefangen, um zum Bühnenbild zu kommen, habe die aber aus gesundheitlichen Gründen abbrechen müssen. Meine Handgelenke sind zu schwach, sagte sie, und hielt mir ihre Hände mit den Innenseiten nach oben entgegen. Schließlich habe sie einen Aushilfsposten als Souffleuse im Stadttheater ihres Heimatorts bekommen, habe sämtliche Stücke auswendig gelernt, könne zum Beispiel jederzeit Kleists Minna von A bis Z deklamieren oder Zuckmayers General. Sie habe die Klassiker immer bevorzugt, und ihr Held sei immer Friedrich Schiller geblieben, der wilde Mann mit der großen Idee der Freiheit. Sie habe auch immer gerne frei sein wollen, sei aber immer in Abhängigkeiten geraten. Mir war das alles eine Spur zu manieriert, aber Friederike war so ehrlich in ihren Worten, so authentisch mit jedem Satz, dass ich einfach nur zuhörte und ihre Stimme aufnahm als liefe im Radio ein Hörspiel.

Aber jetzt, sagte sie plötzlich und stand dabei auf, muss ich schnell in mein Hotel, Schiller wartet. Mit einer Geistesgegenwart, die ich im Umgang mit Frauen normalerweise und bis zu diesem Zeitpunkt nie aufbrachte, sowie einer gewissen Verwirrtheit wegen des erwähnten Namens, erhob ich mich auch und antwortete schlicht: Ich begleite dich. Mir war schon klar, dass sie nicht den Dichter meinte bei ihrem Ausruf, auch schien sie mir nicht den Eindruck zu machen, sich inmitten eines Schubs hochgradiger Psychose zu befinden, aber wer im Gesamtzusammengang dieser Schiller sein würde, das interessierte mich nun doch.

Friederike verlief sich ein paar Mal in den Gassen bis wir auf eine Art Hauptstraße kamen, die in einen Platz mündete, wo sie die Orientierung wieder fand. Unter einer Kastanie blieb sie stehen, schaute mich ernsthaft an, gab mir tatsächlich die Hand und sagte: Danke. Nein, so einfach wollte ich mich nicht abschütteln lassen, ich wusste nicht einmal warum. Nein, die ganze Sache lief aus meiner Sicht nicht darauf hinaus, dass ich mich für die Rettung aus einer Notsituation belohnen lassen wollte. Zumal ich Friederike in dieser knappen Stunde nicht wirklich aufregend, interessant oder erotisch fand – eher seltsam. Mit Frauen diesen Typs hatte ich einfach keine Erfahrung. Vielleicht wollte ich nur sichergehen, dass sie gut in ihrem Hotel ankam, vielleicht machte ich mir Sorgen um sie und wollte sie nicht alleine lassen, vielleicht aber hatte sie mich auch einfach nur verzaubert. Also schüttelte ich die angebotene Hand und bewies erneut Schlagfertigkeit: Hey, ich würde aber gerne Schiller kennen lernen, ich komme noch schnell mit.

Das Hotel mit dem kitschigen Namen Au Coucher Du Soleil hatte alles von einem Klischee, es sah aus als habe es sich ein amerikanischer Regisseur ausgedacht und dann von Fachleuten aus Kalifornien entsprechend seinen Vorurteilen bauen lassen. Eine Fassade aus dunklem Holz, wurmstichig und hier und da leicht beschädigt, kleinteilige Fenster aus fleckigem Glas, zwei Blechwerbetafeln aus den Fünfzigern und dazu die üblichen Schilder, die über Mitgliedschaften und Sterne des Etablissements Auskunft gaben. Wie betraten die Rezeption, die den Eindruck, es handele sich um eine Kulisse, vollends bestätigte. Mir war klar, dass jetzt gleich Jean Gabin in seiner Rolle als südfranzösischer Patron erscheinen und uns mürrisch fragen würde, was wir wollten. Aber erst nachdem Friederike zaghaft die Schelle auf dem Tresen betätigt hatte, erschien jemand aus den hinteren Räumen: ein Kerl, der eher an den jungen Alain Delon erinnerte als an Gabin. Wenn es jemals jemand geschafft hat, allein durch seine Kleidung und die Art seiner Bewegungen Arroganz auszustrahlen, dann war es der Rezeptionist dieses Hotels in Orange. Seine Gesichtsausdruck blasiert zu nennen, wäre eine krasse Untertreibung – er war einfach ein arrogantes Arschloch. Und das bewies er gleich mit seinem ersten Satz: Madame, ich muss sie bitten, sofort ihr Zimmer zu räumen, sagte er mit erhobener Stimme in ziemlich akzentfreiem Englisch. Friederike sah in verständnislos an, und ich fühlte mich aufgefordert, die Verhandlungen zu übernehmen: Zunächst sollten sie einen Gast begrüßen wie man einen Gast begrüßt. Und dann… Weiter kam ich nicht, denn der Typ, der eine dieser weißen Bundfaltenhosen trug, die immer aussehen, als trüge derjenige Windeln darin, dazu ein blauweiß gestreiftes Oberhemd, das bis zum Bauchnabel aufgeknöpft war und den Blick auf einen daumenlangen Kruzifix freigab, der an einer Goldkette inmitten einer üppigen Brustbehaarung baumelte, war um den Tresen herum gekommen, hatte unterwegs einen Schlüssel vom Brett genommen und griff sich Friederike am Arm. Schauen sie selbst, was der Hund angerichtet hat, Madame! Schauen sie mal, brüllte er und ignorierte mich. Er zerrte Friederike zur Treppe, ich lief hinterdrein, die Stufen hoch, ein paar Meter den Gang entlang bis sie vor einer Tür stehen blieben, er aufschloss und noch einmal schrie: Schauen sie!

Komischerweise lief ich mit fliegenden Fahnen zu diesem penetranten Delon-Verschnitt über als ich einen Blick in Friederikes Hotelzimmer warf. Das was vermutlich ein ordentlich gemachtes Bett gewesen war, sah jetzt aus wie eine sehr spezielle Altkleidersammlung auf dem Weg zum Shredder. Der Boden und das Nachtschränkchen waren mit Daunen bedeckt als habe es geschneit, die Vorhänge hingen in Fetzen von der Gardinenstange, die nur noch an einem Haken baumelte. Direkt hinter der Schwelle dampfte ein großer Scheißhaufen, und mitten im Chaos aus zerrissenen Laken und gut durchgekauten Decken schlief ein mittelgroßer Hund, der langsam die Augen öffnete, den Kopf ein wenig hob, sein Frauchen erkannte und noch im Liegen begann, mit seinem Stummelschwanz zu wedeln. So lernte ich Schiller kennen.

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publiziert am 07.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 808x gelesen ¦ noch kein Kommentar