Schlafende Hunde (5)

Der Weimaraner ist bei entsprechender Dressur ein vielseitiger und leichtführiger Jagdhund, der seine ihm gestellten Anforderungen im Feld, Wasser und Wald sowohl vor, als auch nach dem Schuss souverän meistern kann. Trotz dieser Vielseitigkeit verfügt der Weimaraner über rassespezifische Eigenschaften, die von Kennern bzw. Liebhabern der Rasse geschätzt werden, aber Interessenten unbedingt vor einer Kaufabsicht bekannt sein sollten. Zunächst zeichnet den Weimaraner eine manchmal fast aufdringliche Anhänglichkeit gegenüber seinem Führer und den ihm bekannten Personen aus. Hieraus resultiert die außerordentliche Leichtführigkeit der Rasse sowie seine unermüdliche Bringfreude und leichte Abrichtbarkeit insgesamt. Charakteristisch für den Weimaraner ist als Ausfluss der engen Bindung an Personen, Familie und Haus des Besitzers zudem der meist angewölfte Schutztrieb. Gerade diese rassespezifische natürliche Anlage, die den Weimaraner auch für den Schutzdienst geeignet erscheinen lässt, muss aber sowohl bei der Dressur als auch bei der Haltung berücksichtigt werden, wenn es nicht zu ernsten Problemen kommen soll. Schließlich sind es diese geistig-seelischen Eigenschaften des ohnehin nicht extrem frühreifen Weimaraners gepaart mit einer durchweg hohen Intelligenz, auf die ein Führer seine Ausbildung abstimmen muss. Auf stupides Pauken reagiert er daher nicht selten mit Arbeitsverweigerung. Ein Weimaraner will respektiert, konse-quent aber liebevoll behandelt und nicht zum bloßen Befehlsempfänger degradiert werden.

Bis zu diesem Tage hatte ich von meiner Platinum Card nie viel Aufhebens gemacht und sie eigentlich auch nie benutzt. Ich bin in diesem Punkt konservativ und der Ansicht, dass nur Bares Wahres ist. Und wenn überhaupt, dann setze ich diese etwa protzige Kreditkarte nur so ein, dass es möglichst niemand mitbekommt. Angesichts des tobenden Hotelstrietzels, der offensichtlich keine Scheu hatte, eine Frau zu schlagen, zückte ich mein Portemonnaie, grub die Karte aus, hielt sie ihm hin und sagte: Die Rechnung bitte.

Während der Arroganzler gierig nach dem Kärtchen grabschte, war Friederike ins Zimmer gestürzt und hatte sich auf den Hund geworfen. Sie streichelte ihn hektisch und redete mit hoher Stimme auf ein, was dieser damit beantwortete, dass er sich langsam erhob, genüsslich streckte und mit seiner Zunge einmal quer durch ihr Gesicht fuhr. Dann sprang er vom Bett und kam stummelwedelnd zur Tür. Er ignorierte den Hotelmanager und beschnüffelte meine Schuhe. Was er roch schien ihm zu gefallen, und er sprang an mir hoch. Nicht dass ich je Angst vor Hunden gehabt hätte, aber mir war immer an einer gewissen hierarchischen Distanz zwischen Mensch und Hund gelegen. Deshalb schubste ich den Köter leicht weg, was er mit halbgarem Zähnefletschen und Knurren quittierte. Friederike war im Bad verschwunden und kam nach ein paar Sekunden mit gepacktem Beautycase heraus. Sie griff sich einen Rollkoffer sowie eine Tasche und marschierte mit Gepäck und Hund an mir vorbei.

Der blasierte Hotelheini hatte derweil schon lange Zahlenkolonnen auf einem Zettel addiert als wir die Rezeption erreichten. Ich sah die Summe und überlegte, ob dies das unausgesprochene Angebot darstellen sollte, das Hotel samt kompletten Inventar zu übernehmen. Aber der Kerl meinte es ernst, denn er hatte den Beleg schon durch das Maschinchen gezogen und forderte mich wortlos zur Unterschrift auf. Währenddessen hatte Friederike das Untier bereits an die Leine gelegt und war zur Tür hinaus. Rasch kritzelte ich meinen Namen aufs Papier. Misstrauisch verglich der Schönling Karte und Beleg und händigte mir nach einigem Zögern die wertvolle Karte und den Durchschlag aus.

Draußen standen Frau und Hund neben Koffer, Tasche und Beautycase. Sie wirkten beide etwas ratlos. Ich baute mich vor dieser Kleinfamilie auf und fragte: Und jetzt? Friederike zuckte natürlich die Schultern, und der Hund ließ sich auf dem Pflaster nieder. Was habt ihr vor? sagte ich, und dabei fiel mir auf, dass ich den Plural anwendete, den Hund sozusagen und unbewusst als ebenbürtigen Gesprächspartner betrachtete. Friederike sah gar nicht sehr schockiert oder traurig aus, eher wie jemand, den ein voraussehbares Schicksal ereilt hat, für das trotzdem keine Planung vorlag. Was habt ihr vor? setzte ich nach, und Friederike vollführte erneut eine unbestimmte Geste. Neues Hotel suchen? schlug ich vor, was ein Kopfschütteln beim Frauchen und ein Gähnen beim Hund hervorrief. Abreisen? gab ich zu bedenken und kam mir dabei vor wie ein Interviewer, der versucht durch kurze Fragen aufschlussreiche Antworten zu provozieren. Mir schwante, dass weder Friederike noch Schiller den Schimmer einer Ahnung hatten, welche Folgerungen sie aus ihrem Doppeldesaster ziehen sollten. Also übernahm ich die Regie.

Ich griff mir Koffer und Tasche, machte ein paar Schritte, sodass die beiden gezwungen waren, mir zu folgen. Ein Taxi hielt unaufgefordert an, der Fahrer sprang raus und öffnete ungefragt den Kofferraum. Ich verstaute das Gepäck und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Immer noch in der Hoffnung, dass meine Sorgenkinder der Entführung ihres Gepäcks nicht einfach so zusehen würde. Tatsächlich schob Friederike den Hund durch die hintere Tür und stieg selbst ein. Das Taxi fuhr los, ohne dass ich ein Fahrtziel genannt hätte, und ich gab mir Mühe, dem Fahrer verständlich zu machen, dass er uns zu diesem illegalen Parkplatz am Rande des Industriegeländes bringen solle. Dummerweise hatte ich mir weder irgendwelche Straßennamen gemerkt noch mir Landmarken eingeprägt, die ich dem Chauffeur in meinem miserablen Französisch hätte beschreiben können. Zu meiner Überraschung hatte Friederike mein Stammeln aufgenommen und präsentierte es dem Fahrer nun in der bestmöglichen Anwendung seiner Muttersprache, sodass er sich halb umwandte und Friederike mit einem Augenzwinkern deutlich machte, dass er verstanden hatte.

So standen wir dann kurz nach Mitternacht mutterseelenallein auf einem staubigen Brachland am Rande von Orange: eine Frau mit Hund und Gepäck und ein Mann, dem es bis dahin gut gegangen war, sowie sein Wohnmobil namens Vasco. Friederike betrachtete das Gefährt interessiert, während Schiller ausgiebig an die Stelle des Vorderrads pinkelte, die schon der kleine Oscar markiert hatte. Hier wohnst du? fragte Friederike , und nun war ich an der Reihe meine Lebensgeschichte der vergangenen drei Tage zu erklären. Als ich fertig war, sah sie mich munter an und sagte: Dann kannst du uns ja nach Portugal mitnehmen, da wollte ich immer schon gerne mal hin.

Um es kurz zu machen: Friederike war die perfekte Beifahrerin. Schiller der perfekte Hund für das Reisen im Wohnmobil. Wir waren gleich aufgebrochen in die provenzalische Nacht, Friederike hatte sich auf dem Bett ausgestreckt, Schiller lag an sie gekuschelt, und beide schliefen fest, während ich Vasco die Sporen gab und er über die fast autofreie Bahn Richtung Süden trabte. Irgendwann sah ich links von mir die Sonne aufgehen, dann wurde das Land bergig und ich hundemüde. Ich fuhr bei Perpignan ab, verließ auch die Durchgangsstraße, bog in einen Weg ein, der in ein Wäldchen führte, hielt unter hohen Eichen an, schaltete den Motor ab, stieg aus und reckte mich. Schiller kam mir nach und streckte sich ebenfalls. Und während ich an eine Eiche pinkelte, markierte der Hund einen Busch kaum zwei Schritte entfernt von mir.

Wir gingen zusammen in den Wald hinein, Schiller und ich, und entdeckte an einer Lichtung einen kleinen See, kaum größer als ein Swimming-Pool. Der Hund stieg langsam durch das bisschen Schilf hinein und blieb im Wasser stehen als es ihm gerade bis zum Bauch ging. Vögel zwitscherten, Grillen zirpten, es war eine perfekte Idylle. Dann schwamm Schiller bis in die Mitte des Tümpels, der still von ein paar Sonnenstrahlen angestrahlt war. Ich hockte im Gras und wollte nur noch schlafen. Dann trat Friederike hinter mich, legte die Hände auf meine Schultern, ganz vertraut, ich hörte sie gähnen und sah sie über die Schulter hinweg an. Sie lächelte schlaftrunken und zog sich aus. Ging in den See wie ihr Hund, blieb stehen als ihr das Wasser bis zum Bauch reichte und schwamm dann ein paar Züge. Schiller war ihr entgegen gestrampelt. Frau und Hund begrüßten sich freudig im Wasser. Ich kam mir vor wie ein Spanner, wollte mich gerade abwenden, da rief sie: Komm doch auch rein, es ist sehr schön hier.

Wir schwammen uns wach, planschten vergnügt bis Schiller genug hatte, aus dem Tümpel stakste und sich schüttelte. Sie kam zu mir und umarmte mich. Unser erste richtiger Kuss mitten in einem Waldsee. Streicheln unter Wasser. Mehr war nicht. Dann lagen wir zu dritt in der Sonne und trockneten. Später versorgte Friederike den Hund, kochte Kaffee und servierte aufgetaute Croissants. Wir sprachen wenig. Was ist das eigentlich für eine Rasse? fragte ich dann. Ein Weimaraner, ein Jagdhund. Schiller lag silbrig glänzend im Halbschatten, seine Pfoten zuckten im Traum. Warum hast du einen Hund? Friederike sah mich verwirrt an: Was für eine Frage. Weil wir zuhause immer schon Hunde hatten, weil ich Hunde mag, was weiß ich… Keine überzeugende Antwort. Ich hatte aber auch keine Ahnung, was andere Hundehalter auf diese Frage antworten würden, denn ich hatte noch nie jemanden gefragt. Wie gesagt: Bis zu dieser Zeit interessierten mich Hunde nicht, und ich wäre nie auf die Idee gekommen, jemanden, der zufällig einen Hund hielt, nach seiner Motivation zu fragen. Die Leute hatten halt Hunde, aber das hieß für mich noch lange nicht, dass sie auf ihr Hundehaltertum zu reduzieren wären. Mein Vater hat mir Schiller geschenkt als ich ausgezogen bin. Damit du nie allein bist, hat er gesagt. Dass er einen Weimaraner ausgewählt hat, war mehr oder weniger eine intellektuelle Spielerei, die ich damit fortsetze, dass ich den Hund Schiller nannte. Du verstehst?

Ja, mein Gott, Friedrich Schiller, Goethe, Lotte von Weimar und so weiter, so weit konnte ich leicht folgen. Mir schien nur, dass hinter der Tatsache, dass eine schöne Frau im Alter von geschätzten dreißig Jahren mit einem silberfarbigen Jagdhund nach Orange gereist war, um dort mit einem Schwerstkranken eine Freiluftoper zu besuchen, irgendein Geheimnis stecken musste, und fragte mich, ob ich dieses Geheimnis wirklich lüften wollte. In diesem Augenblick ging es mir ja gut, die Situation war schön so wie sie war. Es musste sich nichts ändern. Aus der einsamen Reise war ein Urlaub zu dritt geworden, zufällig, und das war auch gut so.

Ich hatte mir die nackte Friederike nicht sehr genau angeschaut als sie aus dem Weiher gestiegen war, ich verließ mich da mehr auf meine Hände, die ihre Formen unter Wasser aufgenommen hatten. Sie war sehr dünn, ja, sie war eigentlich beinahe knochig. Ihre Hüftknochen hatten mein Streicheln gestört als ich an ihren Seiten abwärts fuhr, über ihren Schlüsselbeinen waren tiefe Gruben, und da, wo andere Frauen einen leicht vorgewölbten Bauch haben, hatte ich eine konkave Senke gefühlt. Sie war sehr blass wie sie da jetzt neben mir lag in einem schwarzen Slip, hatte zahllose Muttermale auf den Armen und auf dem Oberkörper, das lange schwarze Haar waren neben dem schmalen Gesicht ausgebreitet, starke Augenbrauen und ein leichter Flaum auf der Oberlippe gaben ihrem Gesicht etwas Strenges. Und dann verliebte ich mich in Friederike und sie sich in mich.

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publiziert am 09.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 769x gelesen ¦ noch kein Kommentar