Schlafende Hunde (6a)

Der Galgo wurde ursprünglich zwar für die Hasenjagd gezüchtet, kann aber auch auf Kaninchen und Wildschweine angesetzt werden. Er jagt mit den Augen und fängt seine Beute durch seine extreme Schnelligkeit und seine blitzschnellen Wendungen. Aufgrund dieser Schnelligkeit wird er auch bei Windhundrennen eingesetzt. Charak-terlich ist er im allgemeinen ruhig und zurückhaltend, wenn er Zu-trauen gefasst hat aber sehr anhänglich und auf seine Bezugsperson fixiert. Dem Galgo sind Aggressionen fremd, bei Bedrohungen rea-giert er in der Regel mit Flucht. Er ist rassetypisch im Haus sehr ru-hig, im Freien entwickelt er, je nach Erziehung einen mehr oder we-niger ausgeprägten Jagdinstinkt und ein feuriges Temperament. Der Galgo Español ist sehr intelligent, mutig, für einen Windhund gut erziehbar und recht pflegeleicht. Im Allgemeinen ist der Galgo als sehr sanft und gutmütig zu bezeichnen.

Aber, und das weiß jeder, der nicht mit seiner Sandkastenliebe zusammen geblieben ist, sich verlieben heißt noch lange nicht, sich zu lieben. Zumal unterwegs. Jede Reise bringt Veränderungen der Perspektive mit sich. Du hockst auf dem Fahrersitz und treibst den Karren über die Straße. Du freust dich an der Bewegung, nimmst wahr wie die Fahrbahn auf das Auto wirkt, siehst das Licht kommen und gehen, wenn du unter einer Brücke hindurch oder durch einen Tunnel fährst, dann spürst langsam, dass der Wagen stehen bleibt in Raum und Zeit und sich die Szenerie um dich herum in Bewegung gerät. Das Fahrerhaus wird zur Raumkapsel, du bist vom Rest der Welt vollständig abgeschottet, von deiner Vergangenheit und von deiner Zukunft. Und dann bemerkst du plötzlich die Frau an deiner Seite, in die du verliebt bist, und die wünschst dir, ihr müsstet nie wieder anhalten, könntet einfach so weiter reisen, und die Zeit bliebe stehen.

So fuhren wir mit gleichbleibendem Tempo auf einer Autobahn quer über die iberische Halbinsel. Ich fuhr, und Friederike legte manchmal ihre Hand in meinen Nacken, kraulte mich leicht und sah mich von der Seite an oder durch mich hindurch. So lange Schiller hinten auf der Liegefläche schlief, war die Reise perfekt. Aber dann fiepte er, und ich musste Vasco auf einen Parkplatz lenken und anhalten. Vorbei war es mit der Raum- und Zeitlosigkeit. Friederike wurde, kaum dass das Mobil ausgerollt war, zur Hundehalterin, ganz konzentriert auf die Bedürfnisse des Köters, kramte Näpfe hervor, achtete darauf, dass Schiller nicht weglief nach dem Pinkeln, füllte Trockenfutter und Wasser in die Metalltöpfe, baute sie im Schatten auf und wartete geduldig bis der Hund seine animalischen Bedürfnisse erfüllt hatte.

Beim letzten Tankstopp hatte ich mir ein Päckchen filterlose Ducados besorgt, setzte mich nun auf die Eingangsstufe und rauchte vor mich hin. Friederike sprach mit Schiller, Schiller sah sein Frauchen an, und ich war Luft für die beiden. Dann rollte sich der graue Hund mit den markanten Ohren auf dem Gras zusammen und döste. Friederike langte nach der Thermoskanne, goss zwei Becher ein, reichte mir einen davon und sagte: Eigentlich kommt Schiller ganz gut zurecht mit der langen Fahrt. Ja, sagte ich trocken. Und: Fährst du jetzt mal? Friederike nickte. Komm Schiller, sagte sie, und der Hund hopste in das Wohnmobil, um seinen Platz auf dem Bett einzunehmen. Wir tranken den Kaffee aus. Friederike kletterte auf den Fahrersitz, ich auf den Beifahrerplatz. Wir fuhren los.
Es war sehr entspannend, Friederike am Lenkrad zu haben. Sie bewegte das Wohnmobil mit großer Gelassenheit und Sicherheit, war sehr konzentriert und ließ ab und zu eine Bemerkung zu den anderen Autos fallen: Schau mal, einer aus Quedlinburg. Oder: Meine Güte, ist der Wohnwagen groß. Alles sehr sachlich. Es dämmerte als wir ungefähr auf halber Strecke zwischen der französisch-spanischen Grenze und unserem Ziel waren. Wir hatten uns tagsüber nur von geschmacksarmen Sandwiches aus Plastikverpackungen ernährt, die wir an irgendeiner Tankstelle erworben hatten. Ich hatte keinen Hunger, aber Appetit auf eine anständige Mahlzeit. Hast du Hunger, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf: Aber Schiller müsste mal was anderes fressen als Trockenfutter. Du isst nicht sehr viel, stimmt’s? Sie warf mir einen Blick zu wie ein kleines Mädchen, das man beim Klauen erwischt hatte: Wieso? Wie kommst du darauf? Na ja, antwortete ich, seit wir uns kennen, und das sind jetzt schon gut achtundvierzig Stunden, hast du genau ein Croissant und ein Sandwich gegessen. Findest du mich zu dünn? Nein, du gefällst mir genau so wie du bist.

Weißt du, begann sie mit einer Stimme, deren Tonlage sich sehr verändert hatte, ich war nicht immer so dünn wie jetzt. Ich bin sehr spät gewachsen, bis zu meinem neunzehnten Geburtstag war ich gerade mal eins sechsundfünfzig, jetzt dürfte ich so ungefähr eins vierundsiebzig sein. Die Familie hatte mich immer nur Moppel gerufen, obwohl ich nicht wirklich fett war als kleines Mädchen. Auch später, mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn war ich zwar immer ganz schön rund, aber nie wirklich dick. Der Spitzname ließ mich annehmen, ich sei übergewichtig. Meine Mutter sagte immer, ach, Moppelchen, was soll aus dir bloß werden? Ich verstand nie so ganz, was sie damit meinte, litt aber doch durchgehend an schlechtem Gewissen und mangelndem Selbstbewusstsein. Ich las viel und dachte mir Geschichten aus, dabei fühlte ich mich unangreifbar. Beinahe jeden Tag ging ich in die Stadtbücherei. Die Leiterin kannte mich bald besser als meine Eltern. Sie empfahl mir Bücher, die ich dann gleich dort las. Mein Stammplatz war ganz in der Nähe ihres Schreibtisches, und im Sommer schien nachmittags die Sonne genau auf die Seiten des Buches, das ich las. Normalerweise hatte ich ein Buch in einer Woche durch. Die Leiterin hat mich übrigens vor ein paar Jahren zu ihrer Abschiedsfeier eingeladen als sie in Rente ging. Mich interessierte kaum etwas anderes. Sport fand ich sinnlos, irgendwo mit Gleichaltrigen abzuhängen fand ich langweilig, und die Schule schläferte mich durchgehend ein. Ich tat nur so viel wie nötig, legte mich aber gerne mal mit einem Lehrer an, wenn es gar zu blöd abging. Während meine Klassenkameraden anfingen, in die Discos zu gehen, schlich ich mich in alle möglichen Theatervorstellungen. Zudem war ich körperlich in jeder Hinsicht eine Spätentwicklerin.

Sie fummelte eine Ducados aus dem Päckchen auf dem Armaturenbrett. Ich hatte sie noch nicht rauchen sehen, und die Art wie sie ungeschickt an der Zigarette zog nachdem ich ihr Feuer gegeben hatte, ließ mich annehmen, dass sie sehr selten rauchte. Sie blies eine Rauchwolke gegen die Windschutzscheibe und fuhr fort. Ich hab erst mit sechszehn zum ersten Mal meine Tage gehabt. Da hatte sich meine Freundinnen schon alle daran gewöhnt und führten sich schon auf wie sexuell aktive Wesen. Ich fand das ekelhaft. Nein, nicht dass ich mich vor Jungs ekelte oder vor den Details über Sex, die wir in der Schule gelernt hatten, sondern über dieses Posieren, dies Bemühen, attraktiv zu wirken, dieses Kokettieren mit allem, was danach aussah, als habe es einen Penis in der Hose. Einfach bescheuert. Ich war überhaupt nicht neugierig, was Sex anging. Ich wusste ja aus der Literatur, dass es irgendwann passieren würde, dass ich irgendwann he-rausfinden würde, ob ich lieber mit Frauen oder Männern oder mit beiden Sex haben wollte. Sexuelle Gefühle waren mir vollkommen fremd, wenn du weißt, was ich meine. Sie drehte sich kurz zu mir um, und sah mich mit zu-sammengekniffenen Augen an, aber das lag wohl daran, dass ihr der Rauch in die Augen stieg.

Und dann ging alles unheimlich schnell. Da ich sehr spät eingeschult worden war, lag mein neunzehnter Geburtstag schon hinter mir als ich ganz lässig mein Abitur bestand. Die Schule war also durch, ein langer Sommer lag vor mir, und ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Mutter wiederholte nun täglich ihren Spruch, dass aus ihrem Moppelchen ja nichts werden würde, und Vater versuchte mir, praktische Ratschläge zu geben oder mich an Firmen zu vermitteln. Die sind mir noch einen Gefallen schuldig, sagte er, und ich hatte das Gefühl, ich sei schwer vermittelbar. Zu der Zeit war ich sozusagen Stammgast einer Theatergruppe, die jedes Jahr zwei Stücke einstudierte, dann zwei oder drei Mal das Glück hatte, sie irgendwo aufführen zu dürfen. Keiner der Schauspieler hatte mich je angesprochen, auch die Helfer nicht, die für den Spielbetrieb zuständig waren. Sie waren alle Amateure, waren alle berufstätig, aber sie waren gut. Sie spielten Tschechow, aber auch Kroetz, immer mit großem Engagement, und ließen sich von dem dauernden Misserfolg nicht daran hindern, weiter zu machen. Eines Tages besuchte ich eine Vorstellung der Truppe, sie nannten sich Theater Unbedingt, die im Saal einer freien evangelischen Gemeinde stattfand. Sie gaben das Stück eines ziemlich unbekannten englischen Autors, den Titel habe ich vergessen, ein Stück für drei Personen. Ein Typ hat eine Frau in der Kneipe aufgegabelt und abgeschleppt. Sie sind bei ihm, und er ist offensichtlich scharf darauf, sie ins Bett zu kriegen. Sie will aber reden. Beide sind schon einigermaßen betrunken, und der Kerl wird zudringlich. Er betatscht sie, sie wehrt ihn ab, aber es wird immer schlimmer. Sie geht auf die Toilette, und er zieht sich inzwischen aus. Sie kommt zurück und geht plötzlich auf ihn ein. Sie liegen im Bett, dann sagt sie, dass sie es aber nur mit Kondom machen wird. Also steht er auf und geht ins Bad. Sie hat wohl Schlaftabletten gefunden als sie auf der Toilette war und gibt nun eine ganze Handvoll in sein Glas, und füllt es mit Gin auf. Er kommt zurück, sie reicht ihm das Glas, prostet ihm zu, und er trinkt auf Ex. Sie fummeln noch ein bisschen. Er wird müde. Plötzlich schellt es. Sie steht auf und öffnet die Tür. Eine Frau tritt ein, und sie begrüßen sich sehr innig. Szenenwechsel. Der Typ liegt nackt auf dem Bett und ist gefesselt und geknebelt. Die beiden Frauen haben sich in weiße Laken gehüllt und sitzen links und rechts vom Bett. Im Wechsel berichten sie mit allen Details von mehreren Vergewaltigungen, deren Opfer sie waren. Dann holt die Frau, die der Kerl abgeschleppt hat, ein Küchenmesser und kastriert ihn.

Ich hatte mir auch eine Zigarette genommen, rauchte und hörte zu. Aber Friederike redete nicht weiter. Und? fragte ich, wie geht’s weiter. Was? Das Stück oder meine Geschichte? Na, antwortete ich, das Stück ist ja wohl zu Ende… Nein, sagte Friederike, noch lange nicht. Und: Gibst du mir bitte mal das Wasser? Ich reichte ihr die Flasche, und sie nahm einen langen Schluck.
Ich blieb nach der Vorstellung im Saal und wartete auf die Schauspieler. Der Mann, der den kastrierten Typ gespielt hatte, kam auf mich zu und sagte: Dich kenne ich doch, du warst doch schon oft bei unseren Aufführungen. Ich bejahte. Dann kamen die anderen aus der improvisierten Garderobe, der Typ stellt mich vor, jeder sprach mich an, alle waren sehr aufgekratzt. Dann sagte jemand, lasst uns noch einen trinken gehen. Ich ging mit. Wir saßen lange in dieser stinknormalen Kneipe. Die Schauspieler aßen Sauerbraten oder Rouladen oder so etwas und tranken viel Wein und Bier. Ich hatte Apfelschorle bestellt und hörte zu, antwortete, wenn mich jemand ansprach, und fühlte mich sauwohl. Dann kippte mir eine Schauspielerin ihren Wodka in die Schorle, und ich trank brav aus. Dann saß der Hauptdarsteller neben mir, dann trank ich Weißwein, dann war ich betrunken. Dann stand ich plötzlich allein mit ihm auf der Straße, es muss weit nach Mitternacht gewesen sein. Wie ich denn jetzt nach Hause käme, fragte er. Zu Fuß, antwortete ich. Er lachte und sagte: Oder mit dem Taxi. Da hielt auch schon eins an, er öffnete mir die hintere Tür, ich stieg ein, und wir fuhren los. Dann war ich in einer fremden Wohnung. Eine große Altbauwohnung mit wenig Möbeln. Er nahm mich in den Arm und küsste mich. Das fühlte sich gut an. Wir tranken mehr Wein. Wir gingen ins Bett. Ich lag zum ersten Mal nackt mit einem Mann im Bett und dachte mir, okay, wenn es jetzt passiert, dann war es wohl an der Zeit. Aber er war zu betrunken und schlief gleich ein.

Ich wachte vom Sonnenlicht auf, das durch ein hohes Fenster auf unser Bett schien. Vor dem Fenster stand ein schmuddeliger Sessel und darin saß ein anderer Mann. Ich war nicht zugedeckt. Mir schien es so als musterte er mich. Im Gegenlicht konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Er war nackt. Stand auf, ein langer dünner Mensch, sonnengebräunt am ganzen Körper, kam zum Bett, nahm meine Hand und sagte: Komm. Er nahm mich mit durch einen langen Flur in ein anderes Zimmer, in dem eine sehr große Matratze auf dem Boden lag, sonst gab es keine Möbel. Dunkelrote Vorhänge vor dem Fenster. Zwielicht. Er schob mich zur Matratze, sein Glied war steif und, wie ich fand, sehr lang und dick. Ich legte mich hin, und er kam dazu. Dein erstes Mal? fragte er und wartete die Antwort nicht ab. Er streichelte mich überall und irgendwann drang er ein. Es war nicht schön, aber auch nicht schlimm. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das öfter haben müsste. Nachdem er fertig war, wurde er sehr zärtlich, flüsterte mir mit seinem merkwürdigen Akzent Blödsinn ins Ohr und streichelte mich unaufhörlich. Ich muss los, sagte ich. Er lachte: Dann geh doch, nahm eine Zigarette, die lose auf dem Boden gelegen hatte und zündete sie an. Ich stand auf, und mir wurde klar, dass meine Sachen ja noch in dem anderen Zimmer waren. Keine Ahnung, wie lange ich durch die Wohnung irrte, bestimmt eine halbe Stunde. Dann fand ich den Raum, wo der Schauspieler heftig schnar-chend lag, zog mich an und ging. Zum Glück war die Wohnung nicht weit weg von der Straße, wo meine Eltern wohnten, und ich ging im frühen Morgenlicht nach Hause.

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publiziert am 11.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 656x gelesen ¦ noch kein Kommentar