Schlafende Hunde (6b)

Sie schwieg. Friederike, warum erzählst du mir das? Sie blickte mich erstaunt an: Weil wir jetzt ein Paar sind und du mich doch kennen lernen musst. Außerdem erzählt man sich doch unterwegs was, oder? Ich nickte, obwohl mir ihre Annahme, wir seien jetzt ein Paar, Unbehagen machte. Plötzlich wieder Teil eines Paares? Das war ja genau das, was ich nicht wollte, das zu vermeiden war ja der Grund für diese Reise. Und jetzt hatte mich eine Frau mit einem Hund einfach so adoptiert. Wie konnten wir ein Paar sein, wenn wird doch noch nicht einmal miteinander geschlafen hatten? Aber, während sie weiter schwieg und in die spanische Nacht fuhr, dämmerte mir, dass ihre Geschichte nichts anderes als die Vorbereitung auf diesen ersten gemeinsamen Sex sein musste. Dass sie mich vorbereiten wollte. Frauen erzählen oft von sich, wenn sie vermeiden wollen, im sprachlosen Umgang missverstanden zu werden. Frauen erzählen immer, um damit etwas zu erreichen. Aber bisher war ich nur Frauen begegnet, die mich mit einer Geschichte anmachen wollten, die Erregung erzielen wollten. Wie Scheherazade, die ja in Wirklichkeit mit ihren Geschichten nicht die eigene Hinrichtung hinauszögern wollte sondern kein anderes Mittel hatte, den Scheich dazu zu bringen, sie zu vögeln.

Na ja, fuhr Friederike fort, dieses Erlebnis war mein allererstes Abenteuer. Tatsächlich. Nicht nur in sexueller Hinsicht. Vorher hatte ich nie etwas gewagt, mich nie in Gefahr begeben. Ich wollte in Ruhe leben bis dahin. Unbehelligt von der schwer zu verstehenden Welt, die mir nur die Autoren der Bücher, die ich in mich hineinfraß, annähernd erklären konnten. Insgeheim hatte ich die Vorstellung, dass ich erst ein paar tausend Romane gelesen haben musste, bevor ich mich selbst ins Leben stürzen konnte. Und nun war ich mittendrin. Natürlich ging ich am folgenden Freitag wieder zu einer Aufführung vom Theater Unbedingt. Man begrüßte mich, als gehörte ich dazu. Ein gutes Gefühl. Der Schauspieler, der mich abgeschleppt hatte, küsste mich auf den Mund und war sehr freundlich. Nach der Vorstellung, die dieses Mal in einem Jugendzentrum eines Vororts stattgefunden hatte, trafen wir uns in der Kellerbar des Zentrums, der Leiter der Einrichtung stand hinter dem Tresen und bediente uns. Alle redeten durcheinander, die paar jugendlichen Zuschauer, die uns gefolgt waren, sahen uns fast mit Ehrfurcht an, denn wir waren etwas Besonderes. Später kam Stefan, der Hauptdarsteller an meinen Tisch und fragte: Na, alles okay gegangen letzte Woche. Ja, sagte ich, alles okay. Wann bist du gegangen? Och, sagte ich, ich war nicht mehr lange da. Na, dann ist es ja gut. Stefan, wohnst du eigentlich alleine in dieser riesigen Wohnung? Er lachte: Nö, das ist eine WG, wir sind zu fünft, drei Frauen, zwei Männer. Aber unsere Damen sind gerade alle aushäusig, Urlaub, Praktikum und so. Zur Zeit also nur Alex und ich. So hatte ich schon mal den Namen. Stefan trank dieses Mal nicht so viel, und ich hatte mich ganz vom Alkohol fern gehalten. Als wir alle vor der Tür standen, sagte er einfach: Kommste mit, und ich nickte. In der Nacht hatten wir drei mal Sex miteinander, und es gefiel mir ziemlich gut.

In den nächsten Wochen veränderte ich mich. Abrupt und extrem. Meine Mutter hat einiges davon aufgezeichnet. Innerhalb von zwei Monaten wuchs ich um fast zwanzig Zentimeter. Gleichzeitig nahm ich fast fünf Kilo ab. Einfach so. Ich hatte nie viel gegessen, aber in diesem Sommer ernährte ich mich praktisch nur von Obst und Brot. Mir schmeckte nichts anderes, ich hatte keinen Appetit. Und mit dem Lesen hatte ich ganz aufgehört. Ich wollte jetzt auch mal leben. Die Truppe hatte begonnen, ein neues Stück einzustudieren, die Minna, und der Regisseur hatte mich gefragt, ob ich mitmachen wollte. So wurde ich Regieassistentin. Josef war ein feiner Kerl, stammte aus einer richtig alten Theaterfamilie, und hatte sein Handwerk gelernt. Irgendwann hatte er mir erzählt wie er aus seinem ersten Vollengagement raus gemobbt worden war und dann bei irgendeiner Fernsehproduktion landete, die ihn gut bezahlte, für die zu arbeiten ihm aber eine Qual war. So war er zum Theater Unbedingt gekommen und versuchte, den Frauen und Männern beizubringen wie Theater wirklich funktioniert. Ich habe viel gelernt von Josef. Und komischerweise war er der Einzige, der meine Veränderung bemerkte. Stefan hatte nach zwei, drei Wochen das Interesse an mir verloren, war immer sehr freundlich, aber versuchte nie wieder, mich zu verführen. Das tat Josef auch nie. Vielleicht weil ihm klar war, wie unattraktiv er mit seinen einundfünfzig Jahren, seinem knolligen Gesicht und dem gemütlichen Bauch über dünnen Beinen für eine kaum Zwanzigjährige war. Ich glaube, ich hätte trotzdem mit ihm geschlafen, wenn er gewollt hätte. Dann stürzte ich mich auf John, der aber aus irgendeinem Grund nicht konnte als wir auf einem Haufen Theatersamt im Fundus des Schauspielhauses, den wir benutzen durften, lagen und ich Lust auf ihn hatte. Und dann schwirrte mir natürlich dieser Alex durch den Kopf, mein erster Liebhaber. Stefan nach ihm zu fragen, traute ich mich nicht. Gelegenheiten, Stefan unangekündigt zu besuchen, ergaben sich nicht. Im Herbst hatte ich die Nase voll vom Theater Unbedingt und wollte am liebsten etwas mit richtigem Theater zu tun haben. Vater meinte, ich solle doch erstmal was Ordentliches studieren, Jura oder Betriebswirtschaft, aber ich ging statt dessen zur Berufsberatung und informierte mich über mögliche Berufe rund um das Theater. Die Frau vom Arbeitsamt meinte, es wäre sinnvoll, ein Handwerk zu lernen, das rund um die Bühne gebraucht würde, und so suchte ich nach einer Lehrstelle als Schneiderin. Im November fing ich dann bei einer Firma an, die Einzelstücke für Modeschauen herstellte. Zweieinhalb Jahre verbrachte ich am Zuschneidetisch, an der Nähmaschine und am Bügeleisen, eine schöne Zeit. Einmal pro Woche ging ich ins Stadttheater, manchmal traf ich jemanden von meiner Theatertruppe, aber Aufführungen von denen besuchte ich nicht. Drei Tage vor meinem einundzwanzigsten Geburtstag starb Mutter. Vater zog aufs Land, ich zog mit. Machte den Führerschein, und er schenkte mir seinen alten Mercedes, während er sich ein Kabrio kaufte. Ein Jahr später bestand ich meine Gesellenprüfung und fühlte mich genau wie nach dem bestandenen Abitur. Ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes tun wollte,

Ich hatte den Eindruck, ich müsste auch einmal etwas sagen und brummelte: Das Gefühl kenne ich gut. Ja, sagte Friederike, das ist ja auch das Grundgefühl unserer Generation. Danke für die Blumen, gab ich zurück, aber wir gehören ja wohl kaum zu einer Generation. Ich bin zweiundvierzig und du doch höchstens dreißig. Sie lachte: Blumen zurück. Im Frühjahr bin ich sechsunddreißig geworden. Und jetzt sag nicht, dass man mir das nicht ansieht. Doch, sagte ich einfach.

Im Hintergrund machte sich Schiller bemerkbar, er schnaufte und brummte ein bisschen, dann fiepte er und schließlich ging er zum Winseln über. Es war mitten in der Nacht irgendwo in Spanien, vielleicht zweihundert Kilometer südwestlich von Madrid. Wir hatten gut neunhundert Kilometer hinter uns und etwa dreihundert vor uns. Die vierspurige Autobahn hatte kurz hinter der Hauptstadt aufgehört, und Friederike fuhr schon seit zweieinhalb Stunden auf der Autovia de Extremadura, dichter Verkehr herrschte, ständig musste sie qualmende Lastwagen überholen, musste sich konzentrieren und erzähle nun auch nicht mehr. Komm, sagte ich, lass uns anhalten und ein paar Stunden schlafen. Sie nickte und nahm die nächste Ausfahrt. Wir kamen durch ein schlafendes Dorf, fuhren einen Hügel hoch und sahen unter uns eine ausgedehnte Wasserfläche. Feldwege führten uns an den Stausee, und wir fanden ein Platz unter einem Baum mit gekrümmten Stamm. Schiller untersuchte die Umgebung und entleerte sich. Friederike stellte ihm Wasser hin, befestigte die Leine am Außenspiegel und kam zu mir ins Bett. Der Motor knisterte leise, wir hörten die trockenen Blätter des Baumes rascheln und lagen schweigend nebeneinander. Ich beugte mich über sie, strich ihr das Haar aus dem Gesicht und küsste sie. Dann schliefen wir sehr friedlich miteinander.

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publiziert am 13.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 783x gelesen ¦ noch kein Kommentar