Schlafende Hunde (7)

Der Shar Pei ist ein Hund mit einem sehr individuellen Charakter. Er ist friedlich und freundlich unter der Bedingung, dass es auch die Menschen zu ihm sind. Zuhause fühlt er sich im Kreis aller Fami-lienmitglieder am wohlsten. Er liebt seine Familie, obwohl er eigent-lich ein typischer Einmannhund ist. Zu Fremden ist er sehr zurück-haltend und reserviert. Seine stolze Natur verträgt keinen Zwang, Schulung oder Dressur, obwohl er sich bereitwillig allen Kom-mandos fügt. Mit Geduld, sanfter aber konsequenter Erziehung erreicht man bei ihm sehr viel. Der Chinesische Standard hat auf sehr bunte Weise sein Aussehen beschrieben: Ohren wie Muschelchen, die Nase wie ein Schmetterling, der Kopf groß wie eine Melone – Großmuttergesicht, der Hals wie beim Nilpferd, das Hinterteil wie beim Pferd und die Beine wie beim Drachen.

Das Haus in Portugal. Es wird für mich immer das Haus in Portugal bleiben, auch wenn ich nie wieder dorthin kam. Ein Haus, das man sich ausdenkt, wenn die Erschöpfung groß ist, wenn nur noch der Wunsch da ist, fern von allem zu entspannen, bei der Natur zu sein, aber mit Komfort und gutem Wetter. Nein, ich werde den Teufel tun und verraten, wo das Haus in Portugal ist. Ohne meinen Tipp wirst du es nie finden, also vergiss es einfach. Frag doch Wilhelm oder Yvonne.

Auch wir hätten es beinahe nicht gefunden, denn die Wegbeschreibung, die mir mein Mentor mitgegeben hatte, war falsch, einfach falsch. Ich saß am Steuer und ließ Vasco über gewundene Straßen schleichen, Hügel hinauf, hinab in Täler, und jeder Ausblick war eine Verheißung: Wenn es da ist, dann ist es wunderbar, sagte Friederike ein ums andere Mal. Den Ort, den mir Wilhelm aufgeschrieben hatte, fanden wir schließlich anhand meines handlichen Navigationsgeräts. Aber erst im vierten Anlauf, denn Orte namens Santa Clara gibt es in diesem Teil des Landes zuhauf. Aber dann gab es den Weg nicht, der hinter dem Marktplatz zwischen Kirche und Postamt abzweigen sollte. Wir hielten an einem Brunnen in einem Dorf namens Santa Clara an. Ein früher Morgen in gleißendem Licht. Schiller hatte die Augen zu Schlitzen gezogen als er aus dem Wagen geklettert war und sich gestreckt hatte. Er schlenderte zum einzigen Verkehrschild und markierte es eher beiläufig. Dann kehrte er zurück, sprang ins Auto und schlief weiter. Friederike studierte immer noch die zerfledderte Landkarte, während ich schon über den Platz auf das Cafe neben der Kirche zu ging. Ein dicker Mann mit grauer Hose und hellblauem Hemd saß auf einem der Stühle in der Sonne, auf seinem Schädel hatte er ein kariertes Taschentuch ausgebreitet, vor ihm stand ein Schale mit Milchkaffee. Er beobachtete mich unauffällig und rührte sich auch nicht als ich einen Stuhl heranzog, mich neben ihn setzte und ihn ansprach: Bom dia. Er zog das Tuch von der Glatze und antwortete: Deutsch, ey? Ich nickte. Schöne Hund das, war sein nächster Kommentar. Ich nickte wieder. Kaffee für dich und Frau? Noch einmal nickte ich. Er erhob sich sehr langsam und ging hinein. Ich winkte Friederike, sie möge rüber kommen.

Es dauerte gut zehn Minuten bis er auch uns dunkelblaue Schalen mit Milch-kaffee hinstellte und sich wieder setzte. Gute Hund ist gut für Jagd, stellte er fest. Der Platz war menschenleer, vor der Kirche parkte ein blauer Lieferwagen, ein paar Spatzen tobten im Schatten der Bäume, die ein paar Meter entfernt vom Cafe gruppiert waren, jeder einzelne mit einem schmiedeseisernen Gitter umzäunt. Freunde von Wilhelm? Er sprach den Namen aus wie Gillem. Ja, sagte ich, ich bin ein Freund von Wilhelm und Yvonne, und wir suchen den Weg zum Haus. Er lachte plötzlich und warf Friederike einen Blick zu, der viel sagend wirken sollte, aber bloß anzüglich war. Guter Hund, gutes Auto, gute Frau. Ich lächelte höflich. Wo müssen wir fahren? fragte ich. Er machte eine unbestimmte Handbewegung in Richtung Kirche und sagte: Amalia ist tot. Ich habe Schlüssel. Das verstand ich so, dass die alte Frau, von der Wilhelm berichtet hatte, sie achte auf das Haus, gestorben sei und der Wirt nun die Schlüssel habe. Gut, sagte er, als wir den Kaffee ausgetrunken hatten, stand auf und ging erneut in den leeren Gastraum. Dann schloss er die Türen von innen und verschwand nach hinten. Etwas verwirrt blieben wir sitzen bis aus der Gasse neben dem Cafe ein uralter Renault hervor schoss und neben dem Wohnmobil stehen blieb. Hey, rief der Wirt, ich bring euch!
Vasco hatte Mühe, dem hellgrauen R4 zu folgen, der vor uns über staubige Wege raste als gäbe es kein Morgen. Tatsächlich war der Wirt hinter der Kirche auf eine dürre Wiese abgebogen, die später in einen Feldweg auslief, der wiederum auf eine Straße mündete. Friederike hatte sich zum ersten Mal seit wir unterwegs waren angeschnallt und rauchte nervös. Schiller hatte sich zwischen unsere Sitze geschlichen, saß da und versuchte das Gleichgewicht zu halten, aus seiner Schnauze tropfte vor Angst der Speichel. Manchmal kamen die Felsen zur Linken und die Bäume zur Rechten so nah, dass ich Mühe hatte, das Wohnmobil schadlos hindurch zu bugsieren. Dann gewann der Renault so viel Vorsprung, dass wir ihn nicht mehr sahen, nur noch seine Staubwolke. Irgendwann war auch die aus unserem Gesichtskreis verschwunden, und ich bekam milde Panik. Aber an der nächsten Weggabelung wartete schon unser Lotse. Dann ging es eine steilen Berg hinauf, durch Serpentinen, die nichts für Vasco waren, bis zu einem Pass. Es kam mir vor als endete die Straße dort und dass wir abstürzen mussten, wenn wir weiterfahren würden. Ein geschottertes Oval bildete die Horizontale, am Rand parkte das Auto des Wirtes, er war ausgestiegen, lehnte am Wagen und rauchte. Ich hielt an. Der Platz war mit einem nied-rigen Holzzaun gesichert. Friederike war zuerst da und gab einen spitzen Schrei ab, einen Schrei des Entzückens, den ich mir nur knapp verkneifen konnte als ich wie sie einen Blick in das Tal vor uns werfen konnte. Das perfekte Tal. Eine grüne Au, durch die ein freundlicher Bach plätscherte, Bauminseln hier und da, und etwas abseits am Hand, beschattet von mächtigen Eichen, ein weißes Haus mit roten Schindeln. Da wollten wir hin.

Der Wirt grinste und klimperte mit einem dicken Schlüsselbund. Du musst da fahren, und zeigte auf die Andeutung eines Weges zwischen zwei dicken Baumstämmen. Hier, nimm Schlüssel. Viel Spaß haben, ja? rief er, warf mir das Schlüsselbund zu, stieg in den R4 und brauste davon. Friederike lachte vor sich hin, ich hatte den Eindruck, sehr dümmlich zu grinsen, nur der Hund hielt sich bedeckt, stand stocksteif am Zaun und schnüffelte unsicher durch die Gegend. Irgendwie schafften ich es, Vasco über die ersten ein-, zweihundert Meter durch den Wald zu chauffieren. Wir erreichten ein Lichtung, auf der ein durchaus komfortabler Asphaltweg begann, der sich in moderaten Kurven den Hang hinab schlängelte.

Das Haus in Portugal war perfekt. Innen wirkte alles irgendwie bewohnt, aber geputzt und aufgeräumt, natürlich sehr geschmackvoll eingerichtet, nichts Überkandideltes, einfache italienische Designer-Möbel. Eine Profi-Küche mit allem Drum und Dran. Aufgeräumt und geputzt bis auf eine blaue und ungespülte Kaffeeschale in der Spüle. Wir fanden einen wohl gefüllten Kühlschrank vor, eine reich bestückte Tiefkühltruhe und einen Raum mit hunderten Flaschen Wein. Fehlte nur das Futter für den Hund. Der fühlte sich gleich zu Hause und bezog Quartier auf dem weißen Leinensofa, von dem aus man einen rührenden Panoramablick über die Terrasse hinweg ins Tal hatte. Wir gingen zu dritt in den kleinen Garten. Rechts vom Haus gab es gepflegte Beete mit allerlei Gemüse und Kräutern. Alles sah aus als habe bis vor ein paar Stunden noch jemand intensive Gartenpflege betrieben. In unserer Euphorie machten wir uns keine Gedanken darüber, dass der Wirt gesagt hatte, die Haushälterin sei gestorben. Selbst der Pool am Rande des Plateaus, auf dem das Haus stand, war gesäubert, mit einer Plane ordnungsgemäß abgedeckt. In der Garage stand ein kleiner Suzuki-Jeep, die Schlüssel hingen am Haken und dazu ein lamentiertes Blatt Papier mit den wichtigsten Bedienungshinweisen. Auch am Generator hinter dem Haus gab es eine ordentliche Anleitung in deutscher Sprache.
Seit unserer letzten Pause, noch in Spanien, hatten Friederike und ich kaum miteinander gesprochen. Wir verständigten uns nur über den Weg, und seit der Ankunft im Dorf hatten wir keine Gelegenheit zum Reden gehabt. Während ich nun den Tank des Stromgenerators befüllte und das Ding startete, war sie in der Küche verschwunden. Als ich wieder ins Haus kam, stand schon der Kaffee auf dem großen Tisch im Esszimmer. Schön hier, sagte sie lächelnd, fast perfekt. Ja, sagte ich, schön dass ich mit dir hier bin. Das wird sich zeigen, gab sie kokett zurück. Und ich konnte nicht anders als sie in den Arm zu nehmen und lange zu küssen. Den Nachmittag über richteten wir uns ein. Ich unternahm eine Probefahrt mit dem Jeep, und Friederike unterzog den Garten einer genauen Prüfung.

Als es dämmerte, schwammen wir im Pool. Selbst Schiller war hinein gesprungen, hatte eine Runde gedreht und lag jetzt faul auf einem Badetuch, das sich eigentlich Friederike zurecht gelegt hatte. Nebeneinander lagen wir im Wasser und hatten die Unterarme auf den Beckenrand gelegt, um ins Tal zu schauen. Unsere Beine berührten sich, wir kamen uns näher. Wir streiften ab, was wir anhatten, meine Badehose und ihr Bikini trieben durchs Becken, während wir im Wasser vögelten.

So ging es ein paar Tage lang. Wir verließen das Grundstück nicht. Standen irgendwann auf, tranken Kaffee auf der Terrasse und aßen aufgebackene Croissants. Dann lagen wir nackt in der Sonne, denn wir hatten es aufgegeben, in dieser Einöde Kleider zu tragen. Später hatten wir dann irgendwo im Haus, im Garten oder im Pool Sex. Friederike und ich kochten abends abwechselnd umfangreiche Menüs und stießen mit den besten Weinen auf Wilhelm und Yvonne an. Wir sprachen nicht viel miteinander. Aber eines Tages, wir waren gerade aus dem Schwimmbecken gestiegen, sagte Friederike: Jetzt ist es aber an der Zeit, dass du eine Geschichte erzählst. Später, sagte ich, und verbrachte die nächsten Stunden damit, mir eine Story auszudenken, die mit ihrer mithalten konnte.

Schiller war auch nicht aktiver als wir, auch er entfernte sich nicht weit vom Haus, lag meistens rum und ging maximal ein paar Schritte in den Wald hin-term Haus um sein Geschäft zu verrichten. Mir fiel nur auf, dass je öfter Friederike und ich miteinander schliefen, er mich immer mehr ignorierte. Nein, er war mir gegenüber nicht feindlich eingestellt, er übersah mich einfach. Morgens begrüßte er nur seine Herrin, mich nahm er gar nicht wahr. Wollte ich ihn streicheln, wich er mir aus. Stellte ich ihm Futter hin, wartete er ab bis ich ein paar Meter entfernt war. Es blieb dabei: Der Hund und ich, das waren getrennte Welten. Mit Friederike tollte er dagegen gern herum, sprang ins Wasser, wenn sie alleine schwamm, legte sich in den Schatten ihres Liegestuhls, wenn sie sich sonnte, und folgte ihr, wenn sie im Gemüsegarten Zucchini oder Tomaten erntete. Sie sprachen miteinander. Manchmal hörte ich Friederike leise auf ihn einreden, es hörte sich an, als erzählte sie ihm, was sie erlebte. Schiller antwortete nie.

Am gleichen Abend, ich saß mit einem Krimi, der mich langweilte, draußen am Tisch beim Schein eines Windlichts, brachte Friederike eine Tablett mit einer Flasche Port, zwei Gläsern und einem Eisbehälter. Sie füllte Eiswürfel in die Gläser, goss den dunklen Wein hinzu und schob mir mein Glas hin. So, sagte sie und setzte sich in den Stuhl neben mir, jetzt erzähl. Natürlich hatte ich mir über Tag etwas zurecht gelegt, eine Sammlung von Anekdoten, die sie erheitern würde, die ein Bild von mir malen würde, das ihren Ansprüchen genügten. Aber dann wurde mir beim ersten Schluck vom kühlen, samtigen Getränk klar, dass ich nichts zu gewinnen hatte. Wir waren verliebt, ja, wir hatten ganz guten Sex miteinander, aber auf eine Beziehung oder gar eine Liebe lief das hier nicht hinaus. Es kam also nicht darauf an. Also beschloss ich, ehrlich zu sein.

Weißt du, begann ich, ich habe kein Glück mit Beziehungen zu Frauen. Das war schon immer so und das wird sich wohl auch nicht ändern. Ich glaube mittlerweile zu wissen, woran es liegt. Ich will entweder verliebt sein oder meine Ruhe haben. Alles dazwischen ist mir unangenehm. Wie bei einem Trinker: Entweder ständig unter Strom oder stocknüchtern. Natürlich kann ich dabei auf die Interessen einer Partnerin nur taktisch reagieren. Also in dem Sinne… Sie unbrach mich mit einer mürrischen Handbewegung: Ich will hier keinen Psychovortrag. Du sollst mir eine Geschichte erzählen, damit ich dich kennen lerne. Wir müssen uns doch nichts vormachen. Was wir hier betreiben, läuft weder auf eine langfristige Beziehung hinaus noch auf die große Liebe. Also, bitte…
Ich trank das Glas auf einen Schluck aus und steckte mir eine Filterlose an. Genau das meine ich, sagte ich, was soll das Gerede. Ist doch gut so wie es jetzt ist. Du willst doch eine Geschichte von mir um dich unterhalten zu fühlen. Sollst du haben, aber wahr muss das, was ich erzähle, nicht sein. Auch Friederike hatte sich eine Zigarette angezündet, drehte sich zu mir um und blies mir den Rauch ins Gesicht. Ihr schmales Gesicht leuchtete im Kerzenlicht, und alles an ihrer Mimik war pure Ironie: Oder glaubst du, dass meine Geschichte von vorgestern authentisch war? Ich musste lachen. Friederike lachte auch. Wir tranken jeder schnell noch ein Glas, und dann saß sie auch schon auf meinem Schoss. Ich ließ mich erregen, und wir trieben es ohne ein weiteres Wort.

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publiziert am 17.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 995x gelesen ¦ noch kein Kommentar