Schlafende Hunde (8b)

Friederike kam erst als es schon dunkel war. Ich hörte den Jeep auf dem Schotter der Einfahrt. Sie bremste scharf. Dann stand sie neben mir, sah sehr glücklich und entspannt aus und gab mir von oben herab einen Kuss. Drehte sich um und rief nach Schiller. Setz dich, sagte ich, es gibt da ein Problem. Warte, ich hol erst etwas zu trinken, rief sie und ging in die Küche. Sie brachte zwei Gläser Wein, hockte sich auf den Liegestuhl: Mein Gott, war das schön heute, so hohe Wellen, das Wasser wird immer wärmer, glaube ich, es waren kaum Leute da, ich bin durch die Brandung gelaufen… Halt, Friederike, hör mal zu. Schiller ist weg. Sie blickte mich kurz und hart an. Was meinst du? Ich war oben am Hang mit ihm spazieren, er stöberte im Gebüsch herum, dann wollte ich umdrehen, rief ihn, aber er kam nicht. Die Schüsse erwähnte ich nicht. Sie war aufgesprungen und schrie mich an: Und da sitzt du hier einfach so rum anstatt ihn zu suchen! Bist du verrückt! Hey, entgegnete ich lahm, der kommt bestimmt wieder zurück. Wie lange ist er weg? Eine halbe Stunde, eine Stunde? Na ja, gab ich zu, inzwischen sind es gut drei Stunden… Sie riss mich am Handgelenk hoch: Los, komm mit, wir müssen ihn suchen, verstehst du? Ja, ich verstand. Aber es war schon stockdunkel. Hast du eine Taschenlampe im Mobil? Ich schüttelte den Kopf. Dann such eine, verdammt noch mal! Ja, vielleicht in der Garage… Quatsch nicht rum, such! Sie rannte ins Haus und ich ging in die Garage. Fand zwischen den Kanistern und den Reifen einen starken Handstrahler, allerdings waren die Batterien leer. Ich suchte weiter und entdeckte in einem Karton die passenden Akkus. Friederike kam mir entgegen gelaufen. Sie hatte sich umgezogen, trug Jeans und feste Schuhe, hatte Schillers Leine in der Hand. Los jetzt! brüllte sie und: Wo seid ihr gewesen? Ich ging voran und leuchtete den Pfad ab. Wir gehen jetzt, keuchte sie hinter mir, genau bis dahin, wo du ihn zum letzten Mal gesehen hast, okay? Ja, sagte ich. Wir kamen an den Punkt, wo es nicht weiterging. Sie rief den Hund. Es war totenstill. Nichts raschelte im Gestrüpp, kein Vogel gab einen Laut von sich und die leichte Brise des Abends bewegte das Laub kaum. Friederike schrie nach Schiller, laut und hysterisch.

Moment, sagte ich, so hat das keinen Zweck. Wir müssen den Weg langsam zurückgehen, alle hundert Schritte stehen bleiben, rufen und dann eine Weile ruhig sein. Er muss dich ja erst hören und dann orten. Ja, ja, gab sie zurück und war schon wieder auf dem Weg. Nach meinem Muster liefen wir den ganzen Pfad zurück, aber Schiller rührte sich nicht, sollte er uns gehört haben. Wir drehten um und marschierten noch einmal in Richtung der Felsen. Auf halber Strecke erinnerte ich mich daran, dass ich ungefähr dort war als die Schüsse fielen. Halt mal, sagte ich und leuchtete ins Unterholz, lass uns mal da rein gehen. Wir kämpften uns durch Büsche gut zwanzig Meter dem Hügelkamm zu, das Gestrüpp ging zurück, die Bäume waren niedriger, und dann kamen wir auf ein Lichtung mit dünnen Buchen, die sich etwa auf Augenhöhe verzweigten. Friederike rief wieder, ich strahlte die Stämme an, einmal rund um die Lichtung. Das gebündelte Licht fiel auf einen Baum, in dessen untersten Astgabel etwas hing.

Man hatte Schiller an einer Drahtschlinge aufgehängt. Seine Zunge hing weit aus dem Maul, die Augen waren aufgerissen, noch im Tod panisch. Hier, rief ich, hier. Friederike drehte sich und verfiel in einen wilden Schreikampf. Sie fiel vor dem toten Hund auf die Knie, weinte und schrie, kratzte den Boden zu ihren Füßen auf und warf den Kopf hin und her: Nein, nein, nein! Ich versuchte sie zu trösten, aber sie schlug nach mir und spuckte mich an. Es mag eine halbe Stunde gedauert haben bis sie sich so weit beruhigt hatte, dass sie nur noch schluchzte. Dann stand sie auf und streichelte Schillers Leichnam. Ich ging zu ihr und nahm sie von hinten in den Arm. Sie ließ es geschehen. Sollen wir ihn mitnehmen, fragte ich schließlich. Natürlich, antwortete sie gepresst, oder soll er hier hängen bleiben. Ich riss mir beim Versuch die Drahtschlinge zu öffnen die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand auf. Mein Blut tropfte auf das graue Fell, das jetzt im Tod noch einmal glänzte. Dann hatte ich die Schlinge gelöst, Schiller fiel zu Boden. Friederike hatte mir geleuchtet, und das Licht fiel auf den linken Hinterlauf. Ich sah zwei fingernagelgroße Löcher im Muskel des Schenkels, Einschüsse.

Friederike trug den toten Hund auf den Schulter zum Haus und schwieg dabei. Schweigend legte sie ihn auf der Terrasse ab, und schweigend holte sie den Spaten aus dem Gartenschuppen. Sie hob eine Grube neben den Kräuterbeeten aus, etwa einen Meter lang fünfzig Zentimeter breit, vielleicht sechzig Zentimeter tief. Brauchst du Hilfe, wollte ich sagen, aber mir wurde klar, dass ich damit nichts zu tun hatte. Sie holte Schiller und legte ihn sanft in sein Grab, warf einen Zweig vom Kapernbusch dazu und ging weg. Ich schaufelte die Erde zurück in die Grube, glättete die Oberfläche, holte ein paar Steine vom Ende des Gartens und schichtete eine kleine Pyramide auf, da wo Schillers Kopf unter der Erde lag.

Friederike lag auf dem Sofa und schlief als ich rein kam. Ich holte mir eine Flasche Wein, setzte mich auf meinen Platz auf der Terrasse und trank sie schluckweise aus. Ich sah nach, ob Friederike noch schlief, und besorgte mir noch eine Flasche. Dann noch eine und vermutlich auch eine vierte. Betrunken schlief ich im Liegestuhl ein.

Als ich aufwachte, war sie weg. Ihre Sachen waren weg, der Jeep war weg. Die Sonne schien mir ins Gesicht, und ich hatte einen Kater. Mir war hundelend zumute. Irgendwie schaffte ich es in die Küche, irgendwie setzte ich die Kaffeemaschine in Gang, irgendwie erreichte ich die Dusche. Aspirin gab es auch. Nach der dritten Schale Kaffee ging es mir soweit ganz gut. Ich begann, die Ereignisse des Vortages zu sortieren. Der Hund war tot, Friederike war weg.

Schiller war aber nicht einfach tot, jemand hatte ihn ermordet. Ich überlegte, ob es mir wichtig sei, herauszufinden, wer den Hund umgebracht hatte, und fand heraus, dass es mich nur interessierte, wenn ich Friederike finden und ihr den Mörder servieren könnte. Andererseits stellte ich mir auch die Frage, ob ich Friederike überhaupt finden wollte. Ob ich sie zurück haben wollte. Ich nahm noch zwei Kopfschmerztablette und zog Bilanz. Versuchte, ganz ehrlich zu sein. War ich verliebt in Friederike? Hatte ich auch nur einen Gedanken an eine gemeinsame Zeit nach dem Urlaub verschwendet? Hätte ich sie wieder gesehen nach der Rückkehr? War die ganze Reise nicht seit ihrem Auftauchen samt Hund völlig aus dem Ruder gelaufen? Das war sie, stellte ich fest, musste mir aber selbst gestehen, dass es eine Veränderung meines Plans gewesen war, der mir viel Freude bereitet hatte – und damit meinte ich nicht nur Sex.

Ich ging schwimmen, um den Kopf noch klarer zu bekommen, denn irgendetwas musste ich unternehmen. Am Himmel zeigten sich Schönwetterwolken. Es wurde schon heiß, obwohl es kaum zehn Uhr morgens war. Ich ließ mich im Pool treiben und philosophierte weiter vor mich hin. Wohin war Friederike gefahren? Würde sie angesichts ihrer Hysterie über den Tod des Hundes eine Dummheit begeben. Ja, ihr Verhalten am Vorabend war hysterisch. Es war doch nur ein Hund. Mir schwer vorstellbar, dass man wegen eines toten Hundes so ausrasten konnte. Wie ein kleines Kind, dessen Hamster sein Haltbarkeitsdatum über-schritten hatte. Erwachsene müssen so was wegstecken können, fand ich. Sorgen machte ich mir über den verschwundenen Jeep, das könnte Ärger geben. Ich drehte noch ein Runde im Becken, steuerte den Rand an, legte meine Arme auf die Kante und blickte ins Tal hinab.

Meine Gedanken waren weggedriftet, sodass ich ihn nicht hatte kommen hören. Plötzlich stand er vor mir und warf Schatten. Der dicke Wirt trug dieses Mal eine Militärhose und dazu ein weißes T-Shirt, das allerdings mehr ins Vielfarbige spielte. Schöner Tag, sagte er und grinste. Ich lag nackt im Wasser, und mir war klar, dass er das bemerkt hatte. Schön schwimmen so früh, meinte er. Und? Immer noch gut? Er schwieg ein paar Sekunden. Nein, nicht gut. Hund weg, Frau weg. Nicht gut. Der Wirt ließ den Blick über den Pool, den Garten und das Haus schweifen. Aber schöne Haus, ließ er wissen, bin gerne hier nach Jagd. Ich suchte mein Handtuch, das an der gegenüberliegenden Seite des Schwimmbeckens lag. Er verfolgte meinen Blick und ging um den Pool herum. Kam zurück und hielt mir das Badelaken hin. Ich kletterte raus und wickelte mir das Tuch um die Hüften.

Wir gingen schweigend zur Terrasse. Bevor ich ihm etwas anbieten konnte, hatte er sich schon eine Schale aus der Küche geholt und sich Kaffee eingeschenkt. In der Einfahrt stand der Jeep. Wenigstens Jeep wieder da, meinte er zufrieden. Moment, sagte ich, und wo ist meine Frau? Er wedelte mit der Hand über der Tischplatte und blies die Luft durch die gespitzten Lippen. Frau ist weg, hab sie in die Stadt gebracht. Mir ging der Kerl auf die Nerven. Der tat, als sei alles in Ordnung. Wie, bellte ich ihn an, Sie haben Friederike in die Stadt gebracht? Er nickte mit melancholischem Gesichtsausdruck. Jetzt erzähl endlich, was gestern passiert ist! brüllte ich ihn an. Ah, sagte er, nicht Ärger, ja? Kam spät mit Jeep zum Cafe. Kam rein, sagte, muss weg. Ich sagte, später, wenn Cafe geschlossen. Sie trank Bier bis ich fertig. Dann hab ich Frau in die Stadt gebracht. Fertig. Und wollte sehen, was sie machen. Und woher wissen sie, dass der Hund auch weg ist? Hund nicht weg, er wischte mit der flachen Hand einmal quer an seinem Kehlkopf vorbei, Hund tot. Das hat ihnen Friederike erzählt, brüllte ich. Nein, er sah mir nun ganz gerade in die Augen, wusste ich. Eine unbestimmte Angst kam in mir hoch. Ich wusste jetzt ganz genau, was passiert war. Ich wusste jetzt sicher, dass er den Hund angeschossen und aufgehängt hatte. Ich wusste auch, warum. Er trank seinen Kaffee aus und stand auf. Wieder blickte er mich ganz direkt an: Und wann Sie fahren? Das weiß ich noch nicht, antwortete ich leise, mal sehen. Besser bald, sagte er im Weggehen, besser bald.

Das war’s, dachte ich. Dieser Urlaub war damit zu Ende. Ich war hier nicht erwünscht. Und Friederike würde ich nie wieder sehen. Ich kannte ja nicht einmal ihren Nachnamen, eine Telefonnummer hatte ich auch nicht, geschweige denn ihre Adresse. Ich packte meinen Sachen, belud das Wohnmobil und fuhr ab, ohne mich weiter um das Haus zu kümmern. Ich ließ die Türen offen stehen, die Schlüssel lagen auf dem Terrassentisch.

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publiziert am 21.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 1400x gelesen ¦ noch kein Kommentar