Schlafende Hunde (9b)

So wurden Maya und ich ein Paar. Natürlich nannte ich sie Maya, nicht nur zu Ehren Goyas sondern auch, weil es der erste Name war, der mir einfiel, nachdem sie ohne zu Zögern das Wohnmobil bestiegen und sich ganz selbstbewusst auf der Liegefläche ausgebreitet hatte. Schließlich lag sie da wie hingegossen, nicht wie ein x-beliebiger Hund sondern sehr elegant, die Vorderläufe unter dem schmalen Schädel verschränkt, die Hinterläufe leicht geöffnet – mich erinnerte das ein bisschen an Goyas berühmtes Gemälde, aber nur ein kleines bisschen. Jedenfalls hatte sie einfach so Schillers Platz eingenommen und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Ich bugsierte Vasco auf die schmale Fähre, die kaum mehr als zehn Wagen Platz bot, das Schiff legte ab und schwamm, die Abendsonne rot zur Linken, den Odiel hinab nach Punta Umbria.

Wir verbrachten acht Tage am Meer und standen mit der Sonne auf. Unser Platz war kaum fünfzig Meter vom Strand entfernt, der unter der Woche tagsüber fast menschenleer war. Ich sprang in die Brandung und tauchte unter den Wellenkämmen hindurch, während Maya sich das Ganze vom Strand aus ansah. Der Hund war eindeutig wasserscheu. Manchmal schnüffelte sie sich an der Kante zwischen Sand und Gestrüpp entlang bis sie aus Sicht war, aber spätestens zum Sonnuntergang war sie wieder da. Ich hatte im Supermarkt einen Karton Hundefutter gekauft, sie fraß täglich den Inhalt zweier Dosen und legte sichtbar an Gewicht zu. Abends aß ich entweder Brot und Wurst und Käse, manchmal kochte ich Nudeln. Dann wurde Maya schier verrückt, sie winselte und stupste mich an, setzte sich vor mich und versuchte mit ihren Blicken mein Mitleid zu erregen. Ja, Nudeln waren Mayas ganz große Leidenschaft.

Ging ich den Ort, begleitete sie mich bis zu den ersten Hotels an der Promenade, blieb dann aber zurück. Kam ich zurück, war sie plötzlich wieder da und ging den Weg zu unserem Platz wieder mit mir. Der Campingplatz war dünn besetzt, unter den Bäumen zelteten junge Leute, offensichtlich eine Gruppe, die nachts lange beisammen saß. Man spielte Gitarre und sang, der Duft von Gegrilltem zog herüber zu uns, manchmal ging Maya hin und leckte sich bei der Rückkehr die Schnauze. Direkt am Pfad zum Strand standen zwei riesige Wohnwagen mit österreichischen Kennzeichen, die Bewohner sah ich nie, vermutlich standen die später auf als ich und verbrachten den Tag woanders. Ich war zufrieden, dass ich mit niemandem sprechen musste. Mir ging es gut. Nein, uns ging es gut. Maya verströmte eine derartige Zufriedenheit, dass ich mich durchweg als Held fühlte, als Retter eines armen, armen Hundes.

Dann brachen wir auf. Ich wollte das Mittelmeer sehen und darin baden. Kamen nach Tarifa und flüchteten nach einem Tag und einer Nacht vor den angespannt fröhlichen Surfern, machten einen Abstecher nach Gibraltar, wo es nichts Interessantes zu sehen gab, fanden beide Marbella auch nicht besonders einladend und landeten schließlich irgendwo zwischen Almeria und Alicante an der Mündung des Almanzora in einem Ort namens Villaricos. Es gab einen nicht ganz offiziellen Platz im Wald, einen kleinen Markt und einen noch kleineren Hafen mit einem winzigen Restaurant. Insgesamt eine mediterrane Idylle wie aus einem Reiseführer der fünfziger Jahre. Weiter südlich ging die Idylle dann in einen kurzen, aber heftig mit Hotelburgen beschatteten Strand über, nördlich war der Strand grau, leer und mit einer Bude bestückt, deren Besitzer sich gleich am ersten Abend als Paco vorstellte, wobei ich mir nicht sicher war, ob er diesen Namen nicht bloß angenommen hatte, um die Klischees deutscher und österreichischer Touristen zu bedienen. Ansonsten war Paco nicht besonders kommunikativ. Er fragte nie, was man zu bestellten gedachte, sondern hob nur das Kinn.

Am zweiten Abend waren Maya und ich die letzten Gäste, der Sonnenuntergang hatte die Vorstellung beendet, das Publikum hatte sich verabschiedet. Ich saß auf einem Barhocker, Maya lag schlafend mir zu Füßen, und sinnierte. Paco stellte ungefragt ein hohes Glas vor mich hin und sagte: Toma! Spanier können ja nicht wirklich höflich sein, und so klang auch dies wie ein Befehl. Ich nahm einen Schluck. Das war gut, irgendetwas mit Orangen, Zitronen, vielleicht Kräutern und Wein. Kühl und lecker. Ich lächelte ihm zu. Paco grinste. Spanish dog, ey? Ja, sagte ich, und er stieg auf Deutsch um. Willst du jagen? Damals kannte ich ja die Historie der spanischen Hundehalterei noch nicht und war verblüfft: Nein, wieso? Galgo ist guter Jagdhund, beste von der Welt. Er kam hinter dem Tresen hervor und sah sich Maya aus der Nähe an. Ist schnell, ey? Auch das konnte ich noch nicht aus Erfahrung beantworten. Nimmst du mit nach Deutschland? Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Lass einfach laufen, sagte Paco und machte eine abfällige Handbewegung.

Auch am nächsten Abend blieb ich länger als alle anderen. Paco stellte mir ein kaltes San Miguel hin und machte sich hinter der Bude zu schaffen. Bald roch ich Feuer und dann den Duft von frisch gegrilltem Fisch. Er brachte mir einen Teller, über dessen Ränder Kopf und Schwanz einer Dorade hinaus lappten. Paco lachte. Guter Fisch, nicht zum Verkauf! Wenn ich dann aufbrach, legte Paco einen Zettel hin, und ich zahlte einfach den Betrag, den er herausgefunden hatte. Jeden Abend wurde sein Deutsch ein bisschen besser, es kam mir vor als würde er verschüttete Kenntnisse ausgraben und hätte Spaß daran, sie anzuwenden. Vielleicht war es der Hund, der ihn so erfreute, dass er mich nicht bloß als Touristen sah, vielleicht war es die Tatsache, dass ich nicht dauernd lustig war und mich von den Trinkspielen der krebsroten Nordeuropäer fernhielt.

Am vierten oder fünften Tag schlug ich unser bescheidenes Lager, eine Bade-matte, ein Sonnenschirm und ein Trinknapf für Maya, gleich in der Nähe der Strandbude auf. In der größten Mittagshitze schlief ich im Schatten ein, und als ich erwachte war Maya nicht da. Paco aber auch nicht. Er hatte die hölzerne Markise vor den Tresen geklappt, die Bude war zu. Ich dachte mir nichts dabei und ging erst einmal schwimmen. An jenem Tag war kaum ein Mensch am gut fünf Kilometer langen Strand, aus den Bergen blies ein heißer Wind, und das Meer war aufgewühlt, Gewitter lagen in der Luft. Als es dämmerte und Maya immer noch nicht da war, machte ich mir Sorgen. Der Wind hatte nachgelassen, war dann ganz abgeflaut. Jetzt stand die schwüle Luft, das Mittelmeer lag im Sonnenuntergang wie eine Metallscheibe. Ich packte zusammen und wollte gerade gehen, da hörte ich Paco rufen: Hey, warte! Er kam angelaufen, ein dickes Bündel in der rechten Hand, Maya folgte ihm freudestrahlend, tänzelte sehr elegant. Hey, guter Hund! rief er, und ich erkannte, dass er einen toten Hasen durch die Luft schwenkte.

Du kannst doch nicht einfach meinen Hund klauen! rief ich. Nicht geklaut, geliehen, lachte er. Maya kam zu mir und streckte mir den Kopf zum Kraulen hin. Feiner Hund, musste ich sagen, feiner Hund. Habe ich erwähnt, dass Maya blond ist? Anders ließe sich die Farbe ihres Fells nicht bezeichnen. Am Kopf war sie hellblond und am Rücken mittelblond. Sehr kurzes Fell hatte Maya, und war am Bauch fast nackt, vermutlich aus strömungstechnischen Gründen. Noch hatte ich sie nicht rennen gesehen, aber ich konnte mir einigermaßen vorstellen, welche Geschwindigkeit sie erreichen konnte. Und, fragte ich Paco versöhnlich, wie war’s? Waren wir oben am Berg, wo es flach ist, viele Steine, viele Hasen. Ich hab mich im Busch versteckt und Maya los gemacht. Hat sie Hasen gerochen, ist los gerannt, Hase kommt auf mich zu, ich spring raus, Hase macht zack-zack. Hat sie ihn am Hals. Festgehalten und gerüttelt. Hab ich den Hasen genommen und mit Gewehr auf den Kopf geschlagen. Hase tot. Na ja, gab ich zu bedenken, das hat aber bestimmt nicht beim ersten Versuch geklappt mit dem Hasenfangen… Nein, Paco lachte, haben wir zwei Stunden gewartet.

Wir waren im Gespräch um die Bude herum gegangen, wo Paco jetzt den Grill anzündete und mir bedeutet, ich solle für Glut sorgen. Währenddessen zog er dem Hasen das Fell ab und nahm ihn aus. Maya bekam die Leber und das Herz. Sie schmatzte und sah dabei aus wie ein Killer, der seinen gerechten Lohn bekommen hat. Paco teilte das Tier und legte die Stücke auf den Grill. Es muss ein junger Hase gewesen sein, denn das Fleisch war zart und saftig. Maya bettelte, wir gaben ihr aber nur die Brotkanten, die mochte sie gerne. Nachdem wir das Tier fast komplett verspeist und dazu drei Flaschen Wein getrunken hatten, meinte Paco: Lässt du Maya hier? Ich war verblüfft, obwohl… Ob ich Maya mit nach Deutschland nehmen würde, darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ja, ich betrachtete sie schon als meine Hündin, aber doch eher als Urlaubsbekanntschaft. Über die kommenden zwei Wochen dachte ich ohnehin nicht hinaus, schon gar nicht mit der Vorstellung, ich könnte zum Hundehalter geworden sein. Ich hatte natürlich auch überhaupt keine Vorstellung vom Leben eines Hundebesitzers, vermutete aber, dass einige Gewohnheiten mit einem Tier an der Seite nicht mehr zu leben wären. Trotzdem antwortete ich: Warum sollte ich Maya hier lassen? Natürlich nehme ich meinen Hund mit nach Hause. Paco hob beschwichtigend die Hände: War nur eine Idee. Ist ein guter Hund. Der gute Hund lag im Sand und schlief. Im Traum zuckten Mayas Pfoten, wahrscheinlich jagte sie ganze Horden gewaltiger Hasen.

Download PDF

publiziert am 25.09.15 in Schlafende Hunde ¦ 1238x gelesen ¦ noch kein Kommentar