Schlafende Hunde (13)

Im Süden Italiens hütet der Cane Corso sehr oft noch Rinder und Schafe. Er wird aber auch als Schutz- und Wachhund sowie als Polizeihund eingesetzt. Das ist aber eher die Ausnahme, denn die meisten Cane Corso sind Begleithunde und erfreuen den Besitzer in der Freizeit. Die imposante Erscheinung, sein angenehmes Wesen und seine Kinderfreundlichkeit haben den familien-bezogenen Hund in Italien viele Liebhaber finden lassen. Fremden gegenüber ist er zurückhaltend, besitzt aber eine hohe Reizschwelle. Mit anderen Hunden hat er kaum Probleme, wenn er im Welpenalter den Umgang mit anderen Hunden gelernt hat. Auf die Prägung und Sozialisierung des Welpen ist wie bei allen großen Hunderassen in den ersten 14 Wochen besonders Wert zu legen. Er ist ein intelligenter und bewegungsfreudiger Hund, der oft in seinem Bewe-gungsdrang gebremst werden muss. Besonders beim Spielen kann man sein Temperament erleben. Das Zentrum einer Großstadt ist für einen Cane Corso ebenso ungeeignet wie die Haltung in einer kleinen Wohnung.

Yvonne empfing mich im weißen Sommerfähnchen auf der Terrasse. Sie erhob sich mir zu Ehren und stutzte gleich ein bisschen als sie Maya sah. Mein Lieber, säuselte sie und bot mir die Wangen für Bussis dar. Meine Liebe, konterte ich und schmatzte sie links und rechts. Dein Hund? Ja, das ist Maya, die hab ich aus Spanien mitgebracht. Ah ja, kommentierte Yvonne, und ich dachte, du hättest es nicht so mit Hunden. Korrekt, gab ich zurück, aber das hat sich geändert, eine lange Geschichte, weißt du… Sie nahm das erst einmal hin, bot mir einen Platz am Tisch unter der Kastanie an und rief nach Concepta. Die peruanische Dienstmagd freute sich tierisch mich zu sehen. Mit spitzen Entzückensschreien warf sie sich auf Maya, die keine Zeit hatte, zu entkommen. Nachdem sie mehrfach auf spanisch zum Ausdruck gebracht hatte, was für ein wunderbarer Hund das sei, nahm sie die Order ihrer Herrin entgegen. Minuten später servierte sie ein kühles Getränk aus mir unbekannten Zutaten und baute je eine Porzellanschüssel mit Dosenfutter und Wasser vor Maya auf. Isse ßu dünn, bemerkte sie noch und verzog sich ins Haus.

Yvonne hatte das Verhalten der Haushälterin mit einem leicht angewiderten Lächeln hingenommen, hob jetzt das Glas um mir zuzuprosten: Cheers, mein Lieber, auf deine glückliche Rückkehr. Ich erwiderte stumm den Toast und nahm einen langen Schluck. Das Getränk war köstlich, fruchtig, exotisch, wohlhabend, gebildet, stilvoll, intellektuell, würde ich sagen. Nun erzähl, forderte mich Yvonne auf, was ist mit dem Haus? Willst du die kurze oder die lange Variante der Geschichte? fragte ich mit einer gewissen Hinterhältigkeit. Ich habe Zeit, antwortete sie, Wilhelm ist nicht da, in der Stadt läuft nur Unterschichten-Entertainment, mir ist langweilig. Und so begann ich einen ausführlichen Bericht der ganzen Reise bis zu dem Zeitpunkt, an dem Friederike abgehauen war.

Meine Beinahe-Geliebte nickte hier und da, stellte winzige Nachfragen und gab gelegentlich Laute des Erstaunens und Entsetzens von sich. Ihre Augen waren auf mein Gesicht geheftet. Wenn sie ihr Glas nahm, tat sie das blind. Ihre Wangen waren nach einer halben Stunde mild gerötet. Erst als die Geschichte an die Stelle kam, wo Friederike und ich dem Wirt begegnet waren, schaltete sie auf volle Konzentration um. Moment sagte sie, als ich davon sprach, dass die alte Dame, die das Haus in Portugal eigentlich hüten sollte, gestorben sei. Moment, das kann nicht sein, ich habe vor etwa vier Wochen mit Amalia telefoniert. Damals erfreute sie sich noch bester Gesundheit und sagte, dass mit dem Haus alles in Ordnung sei. So langsam bekam die Sache den Geschmack eines Krimis. Habe ich erwähnt, dass mich Kriminalromane und entsprechende Fernsehprogramme langweilen? Sicher, der Mensch ist böse, und die Welt ist schlecht, und es gibt immer noch ein Verbrechen, das schauriger oder mysteriöser ist als alle anderen zuvor. Klar, es gibt Schriftsteller und Drehbuchautoren, die sich Handlungen ausdenken, durch die latent Kriminelle erst auf neue Ideen kommen, aber mit mir hat das alles nichts zu tun. Ich glaube an die Macht der Polizei und will mit dem Verbrechen nichts zu tun haben. Hast du die Polizei verständigt? fragte Yvonne im Stil eines Verhörs. Warum hätte ich das tun soll, ist doch euer Haus, dachte ich, sagte aber: Nein, ich konnte ja nicht wissen… Es gibt selbst in Portugal Telefone, mein Lieber, unterbrach sie mich, du hättest uns ja wenigstens informieren können. Ja, dachte ich, jetzt bin ich schuld, klar, einer muss ja schuld sein. Yvonne, sagte ich, du kannst doch nicht erwarten, dass ich mir in der Situation Gedanken darum gemacht habe, ob es in irgendeiner Weise verdächtig war, dass der Wirt behauptete, Amalia sei gestorben.

Ich kann nicht beurteilen, ob sich Yvonne von den folgenden Episoden, in denen natürlich auch die gemeinsamen Aktivitäten von Friederike und mir zur Sprache kamen, ein wenig animieren ließ. Sie beruhigte sich zwischendurch jedenfalls und sah mich bisweilen mit einem träumerischen Blick an, der vielleicht ausdrücken sollte, dass sie gern an Friederikes Stelle gewesen wäre. Das Ende der Geschichte löste dann wieder die Anspannung in ihr aus. Als ich gerade gesagt hatte, dass ich einfach so abgefahren war, sprang sie auf, holte ein Telefon aus dem Wintergarten und wählte eine mindestens vierzehnstellige Nummer. Yvonne sprach am Apparat Portugiesisch, ich hörte das gerne, ich fand den Sound, gerade aus Yvonnes Mund, sehr erotisch. Das Gespräch war kurz. Kaum hatte sie aufgelegt, fuhr sie mich an: Was erzählst du da? Amalia ist bei bester Gesundheit. Joao sagt, er habe definitiv nicht gesagt, dass sie gestorben sei. Und außerdem… Jetzt unterbrach ich: Wer ist Joao? Der, den du Wirt genannt hast. Er ist Amalias Sohn und genau so für das Haus verantwortlich wie Amalia. Ach, ja, erwiderte ich, und warum habt ihr uns dann zu ihr geschickt und den Wirt nicht mit einem Wort erwähnt? Weil er nicht immer da ist. Er arbeitet meist auf irgendwelchen Kreuzfahrtschiffen… Na, toll, sagte ich, und was lernen wir daraus? Alles in Ordnung? Hund tot, Haus wieder frei für Mutter und Sohn? Ich wusste nicht – Yvonne schlug jetzt einen ausgesprochen spitzen Ton an – dass du paranoid bist und unter Wahnvorstellungen leidest. Entschuldige bitte, liebe Yvonne, ich habe nur berichtet, was geschehen ist. Ein Wort gab das andere, und an einem bestimmten Punkt ging ich grußlos, um einem Rausschmiss zuvorzukommen.

Einen Reim konnte ich mir auf die Sache nicht machen, musste davon ausgehen, dass der Wirt nicht nur uns terrorisiert, sondern Yvonne auch auf übelste Weise angelogen hatte. Vermutlich in der Hoffnung, dass Wilhelm und Yvonne so schnell nicht dort aufkreuzen würden. Andererseits machte ich mir ein bisschen Sorgen, ob ein gestörtes Verhältnis zu Yvonne und in der Folge zu Wilhelm mir jobtechnisch schaden könnte. Ach, was, dachte ich, schlimmstenfalls betreibt Wilhelm deinen Rausschmiss. Dann fliegst du eben raus und suchst dir was Neues – bei einem Kaffeehersteller, zum Beispiel. Gleichzeitig wunderte ich mich über diesen Gedankengang, denn noch ein paar Wochen zuvor hatte ich mir immer gesagt: Egal was passiert, Hauptsache du hast deinen sicheren Job mit Pensionsgarantie. Dass ich anders reagierte, nahm ich als Zeichen einer Veränderung. Und das war gut so.

Konsequenterweise nahm ich mir noch drei Tage Sonderurlaub, um nicht am folgenden Tag in der Firma auftreten zu müssen. Ich rief die Schnickler an und log, ich habe mir in den letzten Tagen unterwegs eine Fischvergiftung zugezogen, die ich auszukurieren gedenke. Sie wünschte gute Besserung und versicherte, dass in meiner Abwesenheit alles bestens gelaufen sei. Heinzen, Golupp und sie hätten alle Projekte problemlos abgewickelt und alle Anfragen beantwortet. Allerdings habe in den letzten drei Wochen jeden dritten oder vierten Tag eine Frau angerufen, die mich habe sprechen wollen. Nein, einen Namen habe sie nicht genannt, ich wüsste schon, worum es ginge, und man solle mir schöne Grüße aus Weimar von einem gewissen Schiller bestellen. Upps, dachte ich, die Sache ist leicht zu entschlüsseln: Friederike hatte mich ausfindig gemacht. War ja auch nicht schwer, denn im ganzen Land gibt es nur zwei Teefirmen, die einen Marketingleiter haben, einer davon bin ich. Meinen Nachnamen und meine Adresse kannte sie ja nicht. Mir ging es genau so. Also wies ich die Schnickler an, der Dame, so sie sich denn noch einmal melden sollte, meine private Telefonnummer zu geben.

Dann legte ich Nick Cave auf, mixte mir einen strengen Jackie-Cola und legte mich auf der Dachterrasse in den Schatten, das Telefon in Griffweite. Maya zog das Sofa vor. Die schweren Klänge des düsteren Sängers mischten sich mit den Geräuschen der Stadt. Ich war wieder ganz zu Hause. Die Aussicht auf Friederikes Anruf verunsicherte mich allerdings ein bisschen. Ich fragte mich natürlich, warum sie aktiv den Kontakt mit mir suchte. Wollte sie mich beschimpfen als den Schuldigen am Tod ihres Hundes? Wollte sie mich einfach nur wieder sehen? Kaum hatte ich das erste Glas geleert, klingelte das Telefon. Ich zögerte ein paar Sekunden, hob ab und meldete mich. Es war Wilhelm. Was denn in mich gefahren sei … und so weiter. Auf diese Diskussion hatte ich nun gar keine Lust. Ich machte ein paar Ausflüchte. Wir könnten uns doch morgen Mittag im Pizzaro treffen und zusammen essen. Er setzte noch einmal an, mir den Marsch zu blasen, ich konterte erneut, er lenkte ein, die Verabredung stand. Übrigens, sagte Wilhelm dann, Doktor Immer-Wandersley hat mich angerufen, du wärst überfällig, ob ich das wüsste. Wilhelm, ich brauche noch zwei, drei Tage zum Ankommen. Mein Team ist informiert, alles okay in der Abteilung. Na, entgegnete er, das hört sich mit den Worten von Immer-Wandersley aber anders an. Der berichtet mir, dass die Roiboos-Kampagne nicht sehr gut angelaufen sei. Die Agentur hat wohl schlecht geplant. Dein Team hat dazu nur die die Schultern gezuckt. Ich an deiner Stelle würde mich sofort darum kümmern. Ich bedankte mich und legte auf. Ist es tatsächlich so, dass die Dinge immer genau in dem Moment schief laufen, wenn man sich am meisten Ruhe wünscht? Murphy’s Law Nummer Ich-weiß-nicht-das-wievielste? Von außen betrachtet hätte ich ja eigentlich erholt, entspannt und voller Tatendrang sein müssen nach fünf Wochen Urlaub. Tatsächlich war ich enorm ruhebedürftig. Starke Gefühle soll man zulassen. Ich ließ es zu und ignorierte Wilhelms Hinweis einstweilen.

Nach dem zweiten Glas, in dem ein gewisser Jack Daniels die Hauptrolle spielte, nickte ich ein. Ich träumte von einem weiten steinigen Feld zwischen grau glühenden Felsformationen. Eine kreisförmige Hochebene, die wenig Deckung bot. Maya und ich genau in der Mitte. Man schoss auf uns aus den Bergen. Wir spürten die Jäger näher kommen. Sie trugen Mützen mit großen Hasenohren. Plötzlich sprintete Maya los. Komischerweise konnte ich genau so schnell rennen. Ich folgte ihr blind. Wir erreichten einen der felsigen Hügel und liefen zwischen Granitbrocken hindurch, die Hitze abstrahlten, keiner kleiner als ein Einfamilienhaus. Erreichten den Pass, unten lag ein grünes Tal. Maya führte mich in ein Wäldchen. Blieb stehen und hechelte. Vor einem Baum. An einem Ast hing Friederike, nackt, blutend aus Schusswunden in den Beinen und in der Brust. Eine Drahtschlinge um ihren Hals. Sie lebte noch und sprach mich an. Ich legte mein Ohr dicht an ihren Mund, konnte aber nichts verstehen. Nur zwei Worte kamen deutlich: Nur du.

Das Telefon weckte mich. Mir liefen die Tränen aus den Augen. Ich nahm ab und sagte nur: Hallo. Es war Karl, mein alter WG-Genosse, der Professor mit der bösartigen hässlichen Frau und den bösartigen und hässlichen Kindern. Wie es mir den ginge, man habe sich ja ewig nicht mehr gesprochen. Er erwartete wie immer keine Antwort und fing gleich an zu jammern. Von der Uni, vom Schwiegervater, vom anstrengenden Familienleben – alles wie immer. Ich ließ ihn ein paar Minuten gewähren. Dann sagte ich: Karl, dieses Mal brauche ich deinen Rat. Er verstummte. Das war noch nie passiert, dass ich einfach so sein Leid ignorierte und nicht den gleich den Tröster spielte. Ja, stotterte er, natürlich, worum geht’s denn? Ich machte ihm klar, dass ich darüber nicht am Telefon reden wollte und schlug eine Verabredung am übernächsten Abend vor. Moment, sagte Karl, ich hörte ihn im Terminkalender blättern, das geht’s nicht. Wie wär’s mit kommenden Donnerstag. Zu spät, Karl, sagte ich, dann ist es zu spät. Mensch, erwiderte er, ist es so schlimm? Nicht schlimm, nur dringend. Okay, lenkte er ein, dann eben morgen. Wann und wo? Um neun, bei mir. Gut, sagte Karl, bis dann. Welcher Teufel mich geritten hatte, weiß ich nicht, es mag die Nachwirkung des Traums gewesen sein. Vielleicht war es auch eine Form der Rache, eine Vergeltung für geduldiges Anhören von Karls gleich bleibendem Lamentieren, das stets damit endete, dass er mir versicherte, wie gut es getan habe, mit mir zu sprechen. Denn ich hatte keine Ahnung, worüber ich mit Karl reden wollte.

Die Drinks Nummer vier und fünf brachten mich endgültig ins Bett. Vermutlich hätte Maya noch raus gemusst, aber auf derart banale Hundebedürfnisse konnte ich in meiner Lage keine Rücksicht nehmen.

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publiziert am 05.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 618x gelesen ¦ noch kein Kommentar