Schlafende Hunde (15)

Der Golden Retriever ist ein intelligenter, freudig arbeitender Hund, dem auch extreme, nasskalte Witterungsbedingungen nichts ausma-chen. Dem steht allerdings eine relativ starke Empfindlichkeit hin-sichtlich hoher Temperaturen gegenüber. Grundsätzlich ist die Rasse ruhig, geduldig, aufmerksam und niemals aggressiv. Sein Schutztrieb ist im Vergleich zu anderen Hunderassen – wenn überhaupt – nur rudimentär entwickelt. Das unter Retriever-Haltern bekannte Sprichwort: “Ein Golden vertreibt keinen Einbrecher; stattdessen freut er sich über den Besuch und hilft jenem die Wertsachen aus dem Haus zu tragen” kennzeichnet die meisten Hunde dieser Art recht gut. Wie nahezu jede Hunderasse kann auch der nicht erzogene bzw. nicht fachmännisch zur Jagd ausgebildete Golden Retriever zum Wildern oder Streunen neigen. Allerdings ist er meist nicht wildscharf.

Schnell waren meine Gedanken bei Friederike, und ich frage mich, warum. Denn Männer denken normalerweise nicht an Frauen, mit denen sie was hatten, die aber verschwunden sind. Was weg ist, ist weg. Und: die Nächste, bitte… Frauen sind da ganz anders: Hatte man mehr als zwei- oder dreimal Sex mit ihnen, betrachten sie die Sache als Beziehung mit Potenzial in Richtung Liebe. Geht man auseinander ohne abschließende Diskussion, entwickeln sie einen starken Drang zur Klärung. Inzwischen hatten Maya und ich die Richtung gewechselt und kamen zuhause an.

Je mehr ich darüber grübelte, desto mehr Bilder von Friederike erschienen mir. Desto stärker spürte ich eine irrationale Sehnsucht nach ihr. Es fühlte sich fast an wie Verliebtsein. Nicht im Sinne von Begehren, um dieses große Wort einmal zu benutzen, sondern von einer Ahnung, dass sie eine Frau sein könnte, die passte. Vielleicht sogar ganz. Was wäre geworden, spekulierte ich, wäre Schiller nicht ausgerissen, hätte ihn niemand angeschossen und später erhängt. Wären Friederike und ich ein Paar geworden, wäre eine Liebesbeziehung entstanden, die den Urlaub überlebt hätte?

Es gibt wohl keinen Bereich des menschlichen Lebens, der weniger von Zufällen abhängt als die Entstehung einer Liebe. Du läufst rum, findest diese oder jene attraktiv, kommst mit ihr zusammen, lernst sie schätzen, der Hormonspiegel verändert sich sehr plötzlich. Ausgelöst durch ein kaum beschreibbares Ereignis ändern sich die Parameter, und die ganze Geschichte nimmt die Abzweigung zur Affäre, anstatt weiter auf der Autobahn Richtung Ehe zu bleiben. Nun war der Mord an ihrem Hund etwas anderes als eine unbedachte Äußerung, ein winziger Mangel an Aufmerksamkeit, ein vergessener Jahrestag oder ein Zuspätkommen zum Rendezvous, sondern ein schwerer Unfall, der sie aus der Bahn geworfen hatte. Ich fragte mich auch, was wir teilen würden, wenn wir ein Paar wären. Worüber würden wir reden? Wie viel Leben würden wir gemeinsam gestalten? So gab ich mich den Spekulationen hin bis zu dem Zeitpunkt als Karl klingelte.

Karl kam als Karikatur eines jungdynamischen Akademikers. Er, der immer ein Held der Cordhose war, trug nun Jeans, ein Paar von der Sorte, die man im Internet bei einem amerikanischen Versandhaus ordern kann, das von sich selbst behauptet, die absolute Basiskleidung für den lässigen Typ und seine Frau zu bieten – alles von ausgesprochen begrenztem Chic und alles zu überhöhten Preisen. Das weiße T-Shirt war vorne mit drei Zeilen sinnloser Buchstaben und Ziffern bedruckt, an den nackten Füßen trug er Sportsandalen wie ein Biologielehrer. Hi, sagte er zur Begrüßung, und ich musste mir das Lachen verkneifen. Ich umarmte ihn kurzerhand, er schlug mir in dieser für ihn unangenehmen Umklammerung auf die Schultern wie ein Ringer, der die Aufgabe signalisiert. Maya beschnüffelte ihn. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Karl Angst vor Hunden hatte, jetzt aber wich er zurück und fragte: Was ist das? Blöde Frage, blöde Antwort: Ein Hund, sieht man das nicht? Ja, aber, was macht der hier? Das ist Maya, meine Galgo-Hündin, die ich aus Spanien mitgebracht habe. Ach so, kommentierte er, du hast jetzt einen Hund. Karl war schon immer ein Meister darin, offensichtliche Sachverhalte zu verbalisieren und seine Zuhörer damit zu verblüffen. Vermutlich war die Fähigkeit der tautologischen Perzeption das Erfolgsrezept für seine Tätigkeit als Professor und für das widerspruchsfreie Denken in sozialdemokratischen Strukturen.

Wir setzen uns nach draußen, ich brachte Bier und bot ihm eine Zigarette an. Danke, ich rauche nicht mehr. Komisch, bemerkte ich, das war früher umge-kehrt. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Karl dachte lange nach wie ein Angeklagter beim ersten Verhör: Schätze, drei Jahre. Das konnte hinkommen. Und seit wann rauchst du nicht mehr? Seit vorgestern, gab er zu. Das war ein typischer Karl; manisch-depressive Konsequenz. Ich erinnerte mich an seine Endeckung des Fußballs. Zu Zeiten der Weltmeisterschaft in Italien hatte er plötzlich den umfassenden moralischen Wert des Fußballsports für sich entdeckt und in wenigen Tagen eine schlüssige linke Theorie dazu entwickelt. Er, der zuvor Fußballfans zur sichtbarsten Erscheinungsform der fehl gelenkten Masse erklärt hatte, hob Cesar Luis Menotti nun auf eine Ebene mir Marx, Engels und Rosa Luxemburg. Im folgenden Herbst war er an den meisten Samstagen, einigen Freitagen und Sonntagen ausgebucht, weil er ausstaffiert mit Trikot und Schal des örtlichen Zweitligisten, in diversen Stadien inmitten der härtesten Anhänger zu finden war.

Seine Begeisterung hielt eine Saison lang. Auf seinen Club angesprochen, gab er kaum eine Woche nach Ende der Spielzeit zu Protokoll, es habe sich um eine privates Experiment gehandelt, der Versuch, zu den Wurzeln seiner Kindheit zu finden, in der gemeinsame Besuche von Fußballspielen zum Vater-Sohn-Ritual gezählt hatten. Karl entschied sich schnell für etwas und kehrte der jeweiligen Sache genau so schnell wieder den Rücken.

Ich jedenfalls sog mit Genuss an meiner Filterlosen. Wir stießen mit den Bierflaschen an. Na, fragte ich, alles in Ordnung bei dir – das in dem Bewusstsein, so sein unvermeidliches Lamento auszulösen. Ja, entgegnete er zu meiner Überraschung, alles prima, hat sich ne Menge geändert in meinem Leben. Da eine grundsätzliche Veränderung in Aussehen und Persönlichkeit von Frau und Kind undenkbar war, musste seine Zufriedenheit einen anderen Grund haben. Ich habe da eine Frau kennen gelernt, berichtete er, eine Kollegin, um genau zu sein. Und, fragte ich neugierig, noch getrennt oder schon geschieden? Karl lachte einen Hauch zu theatralisch, weder noch. Uschi hat einen Mann getroffen, wir haben uns arrangiert. Uschi, die Professorentochter und seine Gattin, hatte also einen Mann getroffen, so, so, vielleicht hätte er besser gesagt: ein neues Opfer.

Was heißt das, ihr habt euch arrangiert? Na ja, sagte er, wir leben weiter zusammen im Haus, wir zeigen uns weiter als Ehepaar in der Öffentlichkeit, haben unser Liebensleben aber sozusagen ausgelagert. Und die Kinder? fragte ich, was sofort eine Horrorvision von glubschäugigen, dicken Kindern mit kurzen Hälsen, die mir eins nach dem anderen gegen das Schienbein traten oder mich mit Bauklötzen bewarfen, heraufbeschwor. Ja, gab er zu, das ist teilweise ein Problem. Rosa… – Das war in meiner Erinnerung das bösartigste der vier hässlichen Monster – … ist ja schon siebzehn und gerade für ein Jahr als Austauschschülerin in Kanada… – Ich phantasierte sofort einen hungrigen Grizzly, der dieses Problem aus der Welt schaffte – …die Zwillinge haben wir ins Internat gesteckt… – Welches auf diesem Wege vermutlich seiner Selbstauflösung entgegen sah, denn Paul und Paula zählten schon im zarten Alter von sieben Jahren zum Gewalttätigsten, das mir untergekommen war, diverse Kinofilme eingeschlossen – und nur der Kleine ist bei uns, die Großeltern kümmern sich viel um ihn. So, so, warf ich ein, und Uschi und du gehen zum Vögeln aus dem Haus. Hey, sagte er beleidigt, als wenn es nur darum ginge… Worum denn sonst noch? Na, um Paarsein, um Nähe, Wärme, Zuneigung. Ich beschloss, dieses Debatte nicht einreißen zu lassen und fragte: Und an der Uni? Alles im Lot? Och ja, ließ er wissen, es geht alles so seinen Gang, Routine, würd ich sagen. Hab mein Pensum sehr zurück geschraubt. Oh, gab ich zu bedenken, das wird dem Schwiegervater aber nicht gefallen… Der alte Untermeier ist doch schon seit zwei Jahren tot, abgestürzt bei einer seiner Bergtouren, die Presse hat be-richtet. Das war mir entgangen, aber auch wenn es mir nicht entgangen wäre, es hätte mich nicht wirklich interessiert.

Gut siehst du aus, Jens, versuchte er mir zu schmeicheln. Kein Wunder, gab ich zurück, nach fünf Wochen Urlaub in Spanien und Portugal. Fünf Wochen! Mann, so lange kann ja nicht mal ich am Stück in Ferien fahren, ließ er ein bisschen Neid durchblicken. War nötig. Leider aber auch riskant. Meinen Job bin ich los. Wieso denn? heuchelte Karl Interesse an einem Vorgang, der ihm in seinem warmen Akademikernest so exotisch vorkam wie einem US-Unternehmer ein Flächentarifvertrag. Ich versuchte ihm den Vorfall verständlich zu machen und schloss mit den Worten: Aber eigentlich bin ich ganz froh. War es das, weshalb du mit mir reden wolltest? Karl beugte sich vor, und sein Gesicht nahm einen sozialarbeiterhaften Ausdruck von umfassendem Verständnis und grenzenloser Hilfsbereitschaft an. Ich entkam dem durch Bierholen. Inzwischen hatte sich Maya angeschlichen, und Karl kraulte tatsächlich, wenn auch etwas unbeholfen, ihren Kopf.

Auf dem Weg von der Küche zurück auf die Terrasse hatte ich ein wenig Zeit, mir ein Problem zurecht zu legen. Mir fiel bloß keines ein. Ich fing einfach an zu erzählen, von Gisela und der Trennung, von meiner Reise, der Begegnung mit Friederike, dem Tod von Schiller, von Maya, und je mehr ich erzählte desto klarer wurde mir das Problem, zu dem ich Karl um Rat fragen konnte. Und, fragte ich, meinst du, es ist wirklich nötig, eine Familie zu gründen um glücklich zu werden? Er hatte meine Ausführungen sprachlos verfolgt, manchmal mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck, als wolle er sagen: Das gibt es doch in Wirklichkeit alles gar nicht. Nun nahm er einen sehr langen Zug aus der Bierflasche und sah mich erstaunlich offen an. Wenn du mit der Frage auf meine Biografie anspielst, Junge, dann verweigere ich die Auskunft. Wenn ich nämlich sagen würde, dass ich glücklich war mit Uschi in der Zeit als die Kinder klein waren, würdest du mir nicht glauben. Denkst du, ich wüsste nicht, was du von ihr und den Kindern hältst? Ich schwieg, weil mir meine harte Meinung zu Karls Familie in diesem Moment sehr peinlich war. Ja, fuhr er fort, ich habe Uschi in erster Linie geheiratet, weil ich mir über den Schwiegervater Zugang zu einer akademischen Karriere verschaffen wollte. Hat ja auch geklappt. Ich weiß, dass du Uschi, sagen wir, nicht sehr attraktiv findest. Wir waren auch nie verliebt ineinander, wir haben einen Vertrag geschlossen, unausgesprochen, sozusagen einen Gesellschaftervertrag über einen Kleinbetrieb zur Aufzucht von Nachkommen. Alles war geregelt, es lief gut, sie ging mir zwar im Detail oft auf die Nerven, das weißt du, hab mich ja oft genug bei dir ausgeheult. Trotzdem habe ich meine Ehe, und das gilt bis auf den heutigen Tag, immer als eine vernünftige Angelegenheit betrachtet, von der alle Beteiligten mehr Nutzen als Schaden haben.

Er wischte sich die Augen und trank einen Schluck. Weißt du, Junge, mir erscheint ein solches Arrangement allemal erträglicher als eine angeblich leidenschaftliche Liebe, die zu einer Beziehung und schließlich zu Kindern führt, um dann per Lustlosigkeit oder Überdruss in Hass und einer hässlichen Trennung zu enden, die alle unglücklich macht. Übrigens: Meine Kinder sind nicht halb so schlimm wie du denkst. Zu fünfzig Prozent sind sie sehr gescheite und wache Geschöpfe, die andere Hälfte besteht bei allen vieren aus einer gewissen arroganten Boshaftigkeit, das Erbe ihres Großvaters. Mit Uschi hatte ich auch über einige Jahre sehr viel Spaß, wenn du weißt, was ich meine.

Er lehnte sich zurück, um zu zeigen, dass er fertig war mit seinem Vortrag. Ich hatte verstanden, fragte mich aber insgeheim, was das mit mir zu tun hatte. Karl war Karl. Karl war immer schon sehr viel anspruchsloser gewesen als ich, gleichzeitig aber mit einem klaren Ziel vor Augen. Vielleicht sind das zwei Dinge, die sich ausschließen: Ein Ziel zu haben und Ansprüche. Da ich beides nicht hatte, eierte ich vermutlich so rum wie in diesen Tagen. Wenn du meinen Rat hören willst, Jens, begann er überraschend, dann finde erst einmal heraus, was du gut kannst, was du gerne tust und wie du in fünf Jahren leben willst. Ich sah ihn ein wenig verständnislos an: Was meinst du damit? Wie ich in fünf Jahren leben will? Stell dir einfach vor, wo und mit wem du leben willst, in welcher Wohn- und Berufssituation, was du täglich tust, wo du abends hin gehst, wenn du triffst, womit du dich beschäftigst. Mal dir ein möglich exaktes Bild. Ich zündete mir noch ein Gauloise an. Kein schlechter Vorschlag, fand ich. Fragte: Und du, hast du ein Bild von dir in fünf Jahren? Ja, gab er zurück, das habe ich. Aber ich werde es dir nicht beschreiben. Das ist wie mit diesem Aberglauben: Wenn du eine Sternschnuppe siehst, sollst du dir etwas wün-schen. Es geht aber nur in Erfüllung, wenn du niemandem deinen Wunsch erzählst. So, ich muss langsam los, Irina wartet. Irina ist deine… wollte ich fragen. Er kam mir zuvor: Irina ist meine Geliebte, die Frau, die in meinem Leben in Zukunft die Hauptrolle spielen wird. Sie ist jung, schön und sehr intelligent – um deiner Frage vorzubeugen. Ich brachte Karl zur Tür und bedankte mich: Du hast mir auf die Sprünge geholfen, Alter, wirklich. Ist schon okay, antwortete er und ging.

Es ist definitiv keine gutes Gefühl, auf die eigene Orientierungslosigkeit gestoßen zu werden. Karl hatte das getan, und ich war ihm wirklich dankbar. Jetzt hatte ich das dringende Bedürfnis, mich selbst aus dem Sumpf der Grübelei zu ziehen. Das ging zuhause nicht. Ich überlegte, ob ich Maya alleine lassen könnte, entschied mich aber dagegen und nahm sie mit in den Biergarten am Fluss. Mein Hund nahm auch den Trubel an diesem Ort mit großer Gelassenheit hin. Ich fand einen Platz auf der Mauer, bestellte Bier und sah mich um. Schöne Menschen aller Altersklassen im Zustand der Erhitzung und der unvermeidlichen Balz. Jeder baggerte jeden an – ältere Herren junge Mädchen, junge Männer gestandene Frauen, Typen unbestimmbaren Alters schöne Knaben, starke Damen schüchterne Frauen, Väter mit Kindern Mütter mit Kindern und so weiter. Ich betrachtete das Treiben mit einer gewissen Neugier und ein wenig überheblichem Amüsement. Den meisten, nahm ich an, ging es nur darum, die heiße Nacht nicht allein zu verbringen. Das kam mir banal vor. Gleichzeitig fand ich mich sehr arrogant, denn nur weil ich mich in einer Lebenskrise wähnte, die ein schnelles Abenteuer nur verschlimmern würde, war ich nicht anders.

Dann nahm ich die Hunde und ihre Halter aufs Korn. Den gut alt gewordenen Schwulen, der seinen Dackel auf dem Arm trug, den Schönling, der beim Aussteigen aus seinem Oldtimer zwei Dalmatiner von der Rückbank geholt hatte, die Frau im schwarzen Hosenanzug mit dem Jack-Russell-Terrier, dem die Panik auf die Schnauze geschrieben stand, die Familie mit Einzelkind und goldigem Retriever kam mindestens fünf Mal vor, ein Herr im hellgrauen Anzug mit Promenadenmischung, ein schwarzer Labrador, der seinem Frauchen ergeben zu Füßen lag, während die sich ein Zigarillo am anderen anzündete und schließlich eine Frau, die mitten im Getümmel allein an einem Vierertisch saß, neben dem ein Greyhound stand, unbeweglich und unverrückbar. Sie saß da und beobachtet die Menge so wie ich es tat. Ihr Lächeln transportierte eine Mischung aus Gelassenheit und kaltem Interesse.

Ich schloss eine Wette mit mir selbst ab, dass sie spätestens nach dem letzten Schluck aus ihrem Weinglas aufstehen und wie zufällig zu mir rüber kommen würde, denn dass sie Maya und mich längst wahrgenommen hatte, davon ging ich aus. Es kam wie vorhergesehen. Sie stand auf und bewegte sich samt Hund in meine Richtung, die Leine war lang genug, dass das Tier in Mayas Nähe kommen konnte. Das tat der Greyhound, Maya sprang auf, und beide beschnüffelten sich. Rüde oder Hündin? fragte sie, eine obligatorische Begrüßungsformel unter Hundehalter. Mädchen, gab ich knapp zurück. Oh, bemerkte sie, ein Galgo. Ja, ein Galgo, antwortete ich, direkt aus Spanien. Sie kam ein paar Schritte näher. Mittelgroß, dunkelblond, helle Hose, braunes Oberteil, unauffällige Figur, interessantes Gesicht: eigenartig flach mit hohen Wangenknochen und tief liegenden dunkelblauen Augen. Ich deutete mit der Hand auf das freie Plätzchen neben mir, sie setzte sich tatsächlich: Windhunde mag man oder man mag sie nicht. Gilt das nicht für alles? wandte ich ein. Nein, ließ sie sich auf die philosophische Erörterung ein, es gibt Dinge, denen steht man indifferent gegenüber, es kommt dann auf den Spezialfall an. Bei Windhunden ist es doch so: Sie treffen Leute, die geraten in Verzücken, und andere, die fragen, ob der Hund nicht zu dünn ist, warum der so knochige Beine habe, und überhaupt. Aber das kennen Sie sicher… Wissen Sie, antworte ich, Maya ist erst seit knapp drei Wochen bei mir, meine Erfahrung mit Hundekommentaren ist sehr begrenzt. Sie lachte ein kurzes dunkles Lachen. Ihre Augen faszinierten mich, sie wechselten ihre Farbe mit ihrer Stimme. Waren sie schon beim Rennen mit Maya? Ja, allerdings unter sehr merkwürdigen Umständen. Erzählen Sie, bitte. Nicht ohne ein neues Getränk, gab ich zu bedenken und winkte einem der völlig überforderten Kellner. Was möchten Sie? Sie sah mir direkt in die Augen und sagte: Wählen Sie etwas aus. Sie scheinen mir der Typ Mann zu sein, der weiß, was er einer Frau zu bestellen hat.

Wie gesagt: An diesem Ort wurde gebaggert. Ihre Antwort fiel eindeutig in diese Kategorie. Ich sah sie jetzt unter dem Gesichtspunkt einer möglichen kurzzeitigen Verbindung. Ich konnte nichts dagegen tun, ich hatte es im Blut. Jeder Mann ohne feste Partnerin kennt das, selbst wenn er nicht auf der Suche nach einer Frau ist, wird er doch jede, die ihm begegnet, auf ihr Potenzial als Bettgenossin abchecken. Die Prüfung fiel positiv aus, sie gefiel mir, ich konnte mir vorstellen, dass wir beide eine Menge Spaß miteinander haben konnten. Ich orderte Vinho Verde, weil ich wusste, dass der in dieser Lokalität gut war und außerdem stilgerecht serviert wurde, in einem hohen Glas mit genau einem Eiswürfel und einer dünnen Zitronenscheibe am Rand. Gute Wahl, nickte sie meine Bestellung ab. Zum dritten Mal an diesem Tag erzählte ich von der ersten Begegnung mit Maya in Huelva, von der Hasenjagd mit Paco und schließlich vom nächtlichen Windhundrennen in Barcelona. Sie hatte aufmerksam zugehört, während die Hunde friedliche Koexistenz beschlossen hatten und weitestmöglich entfernt voneinander lagerten. Erleben Sie ständig solch ungewöhnliche Ereignisse? fragte sie. Um ehrlich zu sein: nein, entgegnete ich, es hat sich in den vergangenen Wochen ziemlich gehäuft. Normalerweise lebe ich eher langweilig. Ich auch, warf sie ein bisschen zu schnell ein, Arbeiten, Arbeiten, Laufen mit Sheila, allein Ausgehen, Schlafen und wieder Arbeiten – nicht sehr aufregend. Ich prostete ihr zu: Auf die Langeweile. Dieses Mal kam ihr Lachen sehr hell, beinahe wie ein mädchenhaftes Kichern. Übrigens, sie wandte sich mir zu, ich heiße Doris, Sie können mich aber auch anders nennen – ich hasse diesen Namen! Danke, gleichfalls, gab ich zurück, ich heiße Jens. Prost, Jens, entgegnete sie fröhlich, auf die windigen Hunde. Wir schwiegen ein wenig und schauten den Leuten zu. Plötzlich sah sie mich ernst an: Wahrscheinlich denkst du jetzt, dass ich einsam bin und auf der Suche nach einem Mann, ob für eine Nacht oder für länger, aber du irrst dich, du irrst dich sehr. Aber… stammelte ich. Kein Aber, ich kann zwar deine Gedanken nicht lesen, aber die Menge der männlichen Denkmuster ist begrenzt genug. Und um deinen Gedanken vorzugreifen: Nein, ich bin keine frustrierte Olle, die sich einen Hund hält, um nicht an der Einsamkeit zu krepieren. Ich habe mir diese Situation ausgesucht und beklage mich nicht. Sie legte ihre Hand auf meine Arm: Nicht sauer sein, Jens, ich meine es nicht böse, ich habe nur gern klare Fronten, gerade wenn ich es mit jemandem zu tun habe, der mir gefällt. Sie trank ihr Glas leer. Sehen wir uns morgen? Gleicher Ort, gleiche Zeit? Ja, gerne, stotterte ich. Da war sie auch schon aufgestanden, hatte den Greyhound an die Leine genommen und stiefelte davon. Zum Abschied winkte sie mir über die Schulter zu.

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publiziert am 09.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 968x gelesen ¦ noch kein Kommentar