Schlafende Hunde (16b)

Alles hängt mit allem zusammen, behaupten die Theoretiker des Chaos. Nichts ist mit nichts verbunden, finde ich. Natürlich ist diese Aussage pure Provokation, denn das Gesetz von Ursache und Wirkung zu leugnen, hieße die Physik, die uns laufen lässt, zu negieren. Trotzdem erlebe ich persönlich eher den Zufall als die Determination. Das mag an meinem beschränkten Horizont liegen, an meinem Mangel an Intelligenz und Geduld, Eigenschaften, die nötig sind, um Ereignisse in größere Zusammenhänge zu stellen. Der größtmögliche Zusammenhang, den zu überblicken ich in der Lage bin, ist mein eigenes bisschen Leben. Ich wurde geboren. In eine kleinbürgerliche Welt. Geordnete Verhältnisse bis zum sechzehnten Lebensjahr. Familienfeiern mit Onkel und Tanten, Ferien in Bayern. Eltern, die sich immerhin kaum stritten, sich vielleicht sogar liebten. Klare Unterschiede, klare Rollen. Meine Mutter mit dem Hintergrund von vier Volksschuljahren und sechs Jahren als Telefonistin im Krieg, mein Vater mit einem Notabitur und unbändigem Ehrgeiz, der sich per Fernstudium in die Juristerei hineingebohrt hatte und schließlich Volljurist wurde. Syndikus bei einer Großbäckerei. Bescheidener Wohlstand. Dann starb mein Vater nach einem halben Jahr Krankheit. Das Ende der Gemütlichkeit. Vermutlich deshalb eine konfliktfreie Pubertät, kein Grund zum Widerstand. Ich blieb brav. Keine Drogen. Glatt durch die Schulzeit. Und so weiter. Jetzt frage ich mich, ob und was genau anders verlaufen wäre, hätte sich mein Vater nicht knapp drei Wochen vor meinem sechzehnten Geburtstag final verabschiedet. Hätte er mich angetrieben? Damit was aus mir wird? Hätte er mir gute Ratschläge geben können? Hätten wir Streit miteinander bekommen, schweren, lang andauernden Streit, der im totalen Zerwürfnis geendet wäre? Wer wäre ich jetzt?

Niemand hat meinen Vater auf dem Gewissen. Am ehesten noch dieser Hitler, der einen Krieg angezettelt hatte, der meinen Vater eine nette Jugend gekostet hat. Meines Vaters Tod war eine Spätfolge seiner Kriegsteilnahme, davon bin ich überzeugt. Die offizielle Todesursache lautete auf Herzversagen nach einer doppelten, zu spät erkannten Lungenentzündung. Wieso hatte mein Vater mitten im Sommer eine Lungenentzündung bekommen? Wieso war sein Herz, er war gerade einmal sechsundfünfzig als er starb, so schwach? Welche körperlichen Schäden hatte er aus dem Krieg mitgebracht? Hatte er sich kaputt gearbeitet? Warum?

So wenig wie die Machtergreifung der Nazis aus historischer Sicht ein Zufall war, lässt sich also der Tod meines Vaters als Zufall darstellen. Und dass ich so geworden bin wie ich bin, ist kein Zufall sondern eine Folge des frühen Tods meines Vaters. Und trotzdem: Die Bestimmung, das ist meine These, verdünnt sich mit zunehmender Länge der Kette aus Zufällen. Der Einfluss anderer Faktoren nimmt zu, je weiter die Auslöser in der Vergangenheit liegen. Nehmen wir zum Beispiel den Rücktritt Willy Brandts – dieses Ereignis hat mein politisches Denken maßgeblich und unveränderbar geprägt. Seitdem ist Politik für mich nichts anderes als eine sich über die Jahrhunderte spannende Verschwörung mit dem Ziel, den Menschen das Glück zu nehmen. Ich lebe in einer Welt der Verschwörungen. Irgendwo im Hintergrund wirken Kräfte, die rücksichtslos an der Durchsetzung ihrer Interessen arbeiten, immer, überall. Ich bin ein Opfer wie all die anderen einfachen Menschen, die niemals auch nur ein Zipfelchen Macht bekommen werden. Revolutionen, die scheinbar Fortschritte für die Menschen bewirken, erscheinen mir lediglich als taktische Manöver einer der Gruppen, die um die verborgene Weltherrschaft ringen. Diktaturen sind lediglich Pattsituationen in diesem globalen, sich über Jahrhunderte hinweg entwickelten Spiel. Ich, Jens Kühn spiele darin keine Rolle. Deshalb muss ich mich auch nicht bemühen, deshalb bin ich auch nur meinem persönlichen Wohlergehen verantwortlich. Punkt.

Maya fiepte. Ich hatte vergessen, sie zu füttern. Rasch öffnete ich eine Dose, gab Haferflocken ins Napf, rührte diese mit ein wenig Distelöl an und fügte den Doseninhalt hinzu. Sie schlang das Futter in sich hinein und schlabberte zum Nachtisch ein bisschen Wasser. Es war mittlerweile Samstagmittag. Ich war gespannt auf die Begegnung mit Friederike.

Hallo, hier ist Heinz. Mein Anwalt am Telefon. Freistellung sofort, du kannst deine Sachen am Montag abholen, nachdem du bei eurem Hausjuristen eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben hast. Ich hab die geprüft, alles in unserem Sinne. Sie bieten dir acht Monatsgehälter und die Auszahlung deiner Firmenpension in Form von Aktien. Ich denke, das ist fair. Ach so, Konkurrenzausschluss, natürlich, die Liste der Firmen, für die das gilt, kriege ich Montagmorgen. Alles verstanden? Sicher, antwortete ich, aber die Abfindung ist zu niedrig. Ach, Jens, seit wann bist du gierig. Wenn meine Rechnung stimmt, bekommst du Teeaktien im Werte von, also ausgehend vom aktuellen Kurs, warte, ich hab’s hier auf dem Zettel, es sind rund achtundfünfzigtausend Euro. Wenn der Kurs seinen Langzeittrend hält, dürfte sich dass innerhalb von zehn Jahren verdoppeln. Ich war ziemlich verblüfft, denn sie hätten dir diese Anteile nicht anbieten müssen. Schätze, dass da jemand dran gedreht hat. Klar, sagte ich, Wilhelm, mein väterlicher Freund, der in meinem Sinne jederzeit an allem dreht, wenn es denn seiner Eitelkeit dient. Nun sei nicht ungerecht, wenn es tatsächlich dein Vorgänger war, dann hat er dir praktisch die Altersversorgung gesichert. Ich wäre froh, ich könnte mich auf eine sichere Rente freuen. Ich heul gleich, Heinz, mit fünfundsechzig wirst du aus deiner Eigentumswohnung mit Hafenblick schnurstracks ins Obdachlosenasyl wechseln müssen, armer Anwalt… Heinz schnaufte. Ich als dein Anwalt rate dir, das Angebot anzunehmen. Mehr sag ich nicht dazu. Ich hab nämlich keine Zeit, weil ich in fünf Minuten mit Tibor ins Stadion fahre. Oh, wird der Sohnemann jetzt auch schon fußballtechnisch angefixt? Heinz war in seiner Zweitexistenz Extremfan der örtlichen Mannschaft und vor Jahren sogar als Hooligan der Kategorie C auffällig geworden. Arschlecken, Jens, du kannst mich. Scheiße, warum vertrete ich dich überhaupt? und würgte das Gespräch mit einem Tastendruck ab.

Während Maya ihren Mittagschlaf hielt, wühlte ich mich durch Schränke und Kommoden. Erstens wollte ich einen persönlichen Gegenstand finden, den ich Friederike schenken konnte, und zweitens hatte ich den Drang, Dinge zu entdecken, die ich wegwerfen könnte. Nach einigen Stunden standen drei große Müllsäcke voller Kleidung im Flur, ein weitere gefüllt mit alten Zeitungen, Büchern und allen möglichen Zetteln, Briefen, Quittungen. Dazu noch drei Umzugskarton, in die ich sonstigen Ballast – hässliche Aschenbecher, unvollständige Kartenspiele, Werbegeschenke aller Art, defekten Technikkram, Nippes, Andenken – abgefüllt hatte. Die Kartons brachte ich in den Keller, der bis dahin leer stand, angesehen von meinem Mountainbike, von dem Bedürftige den Sattel und das Vorderrad abgeschraubt hatten als ich es einmal über Nacht draußen am Laternenpfahl geparkt hatte. Dann brachte ich das Papier zum Container. Später schleppte ich dann die alten Klamotten zu einem Sammelbehälter um die Ecke.

Schließlich richtet ich mich vor dem Fernseher ein, sah mir die Berichte von den Bundesligaspielen an, freute mich an der Niederlage der Bayern und ärgerte mich über die blöden Kommentare der Sportreporter. Maya hielt sich die ganze Zeit über in einer Art Halbschlaf. Sie lag auf dem Sofa, mir blieb ein bisschen Platz an ihrer Seite. Ab und an streichelte ich sie, was sie mit einem wohligen Brummen kommentierte. Vor der Tagesschau machte ich ihr noch eine Schüssel mit Trockenfutter zurecht. Während ich Gottschalk und seine Promis verfolgte, rief ich das Pizza-Taxi an und bestellte Tortellini á la Chef, Salat und Bier. Nach dem Essen schlief ich ein. Wachte gegen Mitternacht auf, verwirrt und durstig. Mein Hund streckte sich in alle Richtungen und leckte meine Hand. Wir gingen zusammen einmal um den Block.

Sie nahm wieder ihren Platz ein. Ich durchsuchte meine DVDs, fand zwanzig, dreißig Stück zum Wegwerfen, die ich im Flur stapelte, entschied mich dann für Truffauts amerikanische Nacht. Gegen halb sieben wachte ich auf, ich hatte den Film nicht einmal zur Hälfte gesehen. Ich trank Instant-Kaffee und aß Toast, Maya begnügte sich mit den Resten in ihrer Schüssel. Dann duschte ich und zog mich an; ganz in schwarz.

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publiziert am 13.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 3109x gelesen ¦ noch kein Kommentar