Schlafende Hunde (18a)

Der Kaukasische Owtscharka ist ein Hund mit zwei Gesichtern. Er teilt die Welt in zwei Stücke: “meine Welt” und “nicht meine Welt.” Er ist ein unabhängiger, intelligenter, sturer, dominanter und loyaler Hund. Er kann sehr liebenswürdig und anhänglich sein, aber nur zu seiner Zeit. Er hat kaum den Wunsch einem einen Gefallen zu tun; er will seinem Herrn Gesellschaft leisten, macht aber nicht alles was man Ihm sagt. Owtscharkas mussten früher im Arbeitseinsatz Ordnung ohne menschliche Hilfe halten, z.B. wenn die Schafe Wasser tranken. Die Hunde sorgten dafür das die Schafe nur in kleinen Gruppen Wasser tranken, da sonst die ganze Quelle zerstört worden wäre. Deshalb kombiniert der Owtscharka die Eigenschaften von Mißtrauen gegen Fremde mit großer Sensibilität und einem klaren Talent für die Situationsbeherrschung. Diese Eigenschaft gibt ihm psychologisches Übergewicht. Ein Owtscharka akzeptiert es, wenn ein dominanter Hund oder Mensch die Kontrolle hat. Wenn er aber Unsicherheit bemerkt, dann will er dominieren.

Es war aber nicht alles gelogen. Tatsächlich hatte schon als kleines Kind eine große Vorliebe für die Bühne, dafür, dass richtig lebende Menschen da oben zappeln und nicht bloß bunte Schatten auf einem Bildschirm. Sie hasste das Fernsehen, sie hasste jede Art von Mattscheibe. Deshalb erzählte sie immer, sie habe Schneiderin gelernt, wo sie in Wirklichkeit doch eine öde Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin absolviert hatte, wo sie dann eben Tag für Tag vor einem Monitor gesessen hatte. Und das mit ihrem ersten Mal das sei frei erfunden, das habe sich in der echten Welt ganz anders zugetragen, das werde sie mir ein anderes Mal erzählen, auch wenn es ziemlich unspektakulär abgelaufen sei.

Wir hatten gerade Montabaur passiert, als Friederike diesen Punkt ihrer Beichte erreicht hatte. Maya stand auf der hinteren Sitzbank und fiepte. Ich schätze, wir müssen mal Pause machen, sagte ich. Gut, meinte Friederike, ich könnte einen Kaffee vertragen. Ich lenkte den Mietwagen in die nächste Ausfahrt, wir fuhren auf gut Glück durch das nächste Dorf, bogen irgendwo ab und sahen dann einen Gasthof am Ortsrand. Ich parkte das Auto. Maya sprang heraus und hoppelte ins nächste Gebüsch. Friederike war um die Motorhaube herum zu mir gekommen, ich nahm sie in den Arm. Sie küsste mich. Dann saßen wir im Biergarten hinter dem Haus, die einzigen Gäste unter den alten Buchen. Wir bestellten Milchkaffee. Maya schnüffelte den Garten ab. Friederike erzählte weiter.

Wir waren immer noch im Garten des Gasthauses. Maya lag unter dem Tisch, es war sehr still. Am entfernten Ende des Biergartens saßen jetzt drei ältere Ehepaare in moderner Kleidung und aßen Kuchen. Friederike sah mich an, wieder sehr ernst. Warum fragst du nicht, warum ich dich angelogen habe? Ich dachte einen Augenblick nach. Weil es während unserer Reise keine Rolle spielte, ob deine Geschichte wahr oder gelogen war. Schwache Antwort, sagte sie, sehr schwache Antwort. Ich fühlte mich ertappt, denn eigentlich interessierte mich der Wahrheitsgehalt ihrer Erzählungen nicht. Welchen Unterschied in Bezug auf eine mögliche Liebesbeziehung würde es machen, ob das, was sie während dieser Fahrt berichtete, wahr oder falsch war? Mich interessierte in diesen Stunden nur, ob Friederike in meinem zukünftigen, neuen Leben eine Rolle spielen würde oder nicht. Interessiert es dich nicht, wie ich da hin gekommen bin, wo ich jetzt bin? Doch, antwortete ich, aber es spielt doch keine Rolle, ob sich das alles so zugetragen hat, entscheidend ist doch, dass du dich mir auf diese Weise präsentierst. Du malst mir ein Bild von dir, und ich kann mich entscheiden, ob es mir gefällt oder nicht. Gefalle ich dir auch ohne die Geschichte, Jens? Vielleicht zögerte ich eine Sekunde zu lange, bevor ich sagte: Ja, Friederike, du gefällst mir.

Dann waren wir wieder auf der Autobahn. Ich hatte das Radio eingeschaltet, im WDR 2 lief die Übertragung eines Live-Konzerts der Toten Hosen, und Friederike grinste mich auf einmal an und sagte: Wir würden niemals zu den Bayern gehen, nicht? Ich musste lachen und antwortete: Es gibt eben Fußball-Fans und Bayern-Fans, das ist der Unterschied. Und: Du interessierst dich doch nicht etwa für Fußball? Oh ja, sagte Friederike, und wie! Bin doch schon als kleines Mädchen mit meinem Vater ins Stadion gegangen, habe alle großen Spiele gesehen, damals in den paar Jahren, als der FC St. Pauli in der ersten Liga spielte. Wir sind dann immer schon vormittags losgefahren nach Hamburg, man brauchte ja gut anderthalb Stunden dorthin. Dann sind wir noch ein bisschen über die Reeperbahn gebummelt und waren dann pünktlich um zwei am Millerntor. Volker Ippig war mein Held… Kenn ich nicht, ich habe mich nie sehr für Fußball interessiert. Hat deine Mannschaft denn auch mal gegen die Fortuna gespielt? Erinner mich nicht daran, dass fürchterliche Sieben zu Null am zwölften Mai neunzehnhundertneunzig. Mein Vater war so wütend, dass er während der Sportschau tatsächlich den Fernseher von der Kommode gestoßen hat…
Dabei war er eigentlich überhaupt nicht cholerisch, eher im Gegenteil. Mein Mutter war ziemlich aufbrausend und legte sich nicht selten mit wildfremden Leuten an. Mein Vater sagte dann meist, ach lass mal, Else, die können nicht anders. Wo hast du denn mit deinen Eltern gewohnt? Ich bin geboren und aufgewachsen in Uelzen, nein, das ist nicht zum Lachen. Ich lach doch gar nicht! Aber du grinst. Was meinst du, wie oft ich mir dumme Sprüche über Uelzen habe anhören müssen. Meinen Vater hatte es nach dem Krieg dorthin verschlagen. Er war ja ohne Ausbildung zur Wehrmacht eingezogen worden mit achtzehn. Er hatte eine ziemlich lückenhafte Schuldbildung und keinen Beruf. So landete er völlig zufällig bei einer Möbelfabrik, eben in Uelzen. Eigentlich war er Hamburger, er betonte immer dass er aus Altona stamme, dem Freistaat Altona. Altona und St. Pauli, das waren für ihn Mythen, die er besuchen konnte. Daher seine Liebe zum FC St. Pauli…

Die Hosen waren bei der zweiten Zugabe angekommen und spielten Hier kommt Alex. Maya war aufgewacht und stand auf der Rückbank, den Kopf zwischen den Vordersitzen. Sie gähnte ein paar Mal, das sah ich im Rückspiegel. Und dann kamen wir in die Stadt der Band, die wir gerade im Radio hörten.

Weit nach Mitternacht gingen wir mit dem Hund durch den Park. Es war immer noch sehr warm, und auf der großen Wiesen glühte hier und da noch ein Grill, man hörte leises Reden und manchmal ein Lachen. Maya zwang uns ihre Standardrunde auf. Friederike führte sie an der Leine, was meine Galga ohne Murren hinnahm. Wir holten das Gepäck aus dem Leihwagen, und während Friederike mitsamt ihres Koffers im Aufzug nach oben fuhr, machte ich mich Maya auf den Weg durchs Treppenhaus.

Ich gab dem Hund sein Abendfutter. Dann saßen Friederike und ich auf der Terrasse und tranken kühlen Weißwein. Schöne Wohnung hast du, begann sie. Bist du ein Stadtmensch? Na ja, antwortete ich, mein bisheriges Leben habe ich in der Stadt verbracht, den größten Teil hier, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Zwischendurch mal in Köln gewohnt, ein Jahr in Amsterdam, ansonsten immer hier. Weiß nicht, wie sich das Leben auf dem Land oder in einer Kleinstadt anfühlt. Wo wohnst du eigentlich? Friederike schüttelte den Kopf: Erzähl ich später.
Wieder saßen wir schweigend. Eigentlich hatten wir noch nie miteinander geredet. Entweder ging es in unseren Gesprächen darum, etwas zu verabreden, etwas zu regeln, oder einer erzählte dem anderen etwas. Bei Gisela war das genau anders herum gewesen: Für die kleinen Absprachen des Alltags benutzten wir Zettel oder schickten uns Mails – sogar in den eigenen vier Wänden, wenn sie mit dem Notebook da saß und an ihren Vorträgen schrieb und ich in meinem winzigen Büro hockte und mich im Internet herumtrieb. Nie hatte sie mir irgendeine Geschichte aus der Zeit erzählt bevor wir uns getroffen hatten. Dafür war sie ganz groß im Smalltalk; meist sie plauderte mit mir wie mit einem Typ, den sie gerade auf einer Party kennen gelernt hatte. Wir diskutierten stundenlang über einen Film, den wir uns angesehen hatten, über ein Live-Konzert, über ein Buch, das sie vor mir gelesen hatte, über die Nachrichten, über Leute, die wir trafen, über Dies und Das. Erst als der Ganz Große Kinderwunsch ihr Hirn verwirrt hatte, redeten wir über uns, über unsere Beziehung, über die jeweiligen Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft. Ich hätte gern mehr über sie gewusst.

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publiziert am 17.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 1587x gelesen ¦ noch kein Kommentar