Schlafende Hunde (19)

Der Mops ist ein stämmiger kleiner Hund von unverkennbarem Molosser-Typ – also verwandt mit den großen Doggen – der kleinste Vertreter dieser Hundegruppe sozusagen. Der Mops hat nie irgeneine Aufgabe erfüllen müssen, er war immer “nur” Familienhund – ob nun im Schloss oder bei gewöhnlichen Menschen. Das bedeutet, dass er sich hervorragend für das enge Zusammenleben mit dem Menschen eignet. Keine Wohnung ist ihm zu klein, keine Familie zu groß, um sich wohl zu fühlen. Unsere Vorfahren wären unentschuldbar dumm gewesen, hätten sie es zugelassen, dass sich in ihrer unmittelbaren Nähe ein dummer Hund eingenistet hätte. Das Gegenteil ist richtig, der unmittelbare Kontakt zum Menschen erzwingt geradezu einen einfühlsamen, intelligenten Hausgenossen. Genau das ist der Mops. Und was die Faulheit angeht, ist ihm sein Herrchen oder Frauchen Vorbild, er ist genauso faul wie diese. Und so ausdauernd bei Spaziergang oder Wanderung wie seine Leute ist er allemal. Seine Haltung ist problemlos. Alles was er braucht, ist Familienanschluss. Auf den allerdings kann er nicht verzichten.

Die Hundstage hatten die Stadt im Griff. Das Sonnenlicht erhitzte die Häuserwände, sodass man unwillkürlich Abstand hielt und am Rand des Gehsteigs ging. Aus den Kellerlöchern der Altbauten kam es kalt, die Menschen waren langsam, suchten den Schatten. Nachts kühlte es sich nicht mehr ab, denn die Hitze des Tages, gespeichert in den Fassaden, glühte nach wie die Kohlen auf dem Grill lange nachdem die Koteletts gegessen sind. Ich hatte vorgeschlagen, den Abend mit Maya am Fluss zu verbringen, etwas zum Essen und Trinken mitzunehmen, eine sandige Bucht zu suchen, wo wir allein wären. Wir fuhren mit der Straßenbahn bis zur Endstation am Messegelände und wanderten schwitzend ans Ufer. Überall lagerten Gruppen, manche hatten Feuerstellen angelegt, die meisten grillten, Bierkästen kühlten im Wasser. Wir suchten Bucht für Bucht ab und fanden dann eine Stelle, an der außer uns nur noch ein älteres Ehepaar im Schatten auf einer Wolldecke saß und Händchen hielt. Selbst Maya war es zu warm. Normalerweise wäre sie ein paar Minuten verschwunden und hätte die Gegend erkundet. Jetzt lag sie apathisch hechelnd auf dem Tuch, das wir ausgebreitet hatten. Wir aßen Brot und Käse und tranken Wein dazu.

Maya hatte ihren Kopf auf Friederikes Bein gelegt und brummte zufrieden. Ich war schon ein bisschen betrunken und ziemlich müde. Auf dem Fluss zogen die Schiffe vorbei. Man sah die Positionslichter und hörte die Maschinen, jedenfalls bei den alten Kähnen, die noch nicht mit Turbinenkraft fuhren. Friederike hatte sich eine Zigarette genommen, saß aufrecht da, die Beine von sich gestreckt. Ich sah ihr Gesicht im Profil, ein Schattenriss vor dem Nachthimmel.

Dann machten wir uns auf den Rückweg. Wir tasteten uns im Dunkeln durch das Gestrüpp am Ufer. Ich hatte Maya angeleint, und sie zerrte mich voran. Der Fluss glänzte im Licht der Stadt, aber zur anderen Seite hin verschwamm alles zu einem dunkelgrauen Brei. Friederike ging hinter uns. Ein Zweig schlug mir ins Gesicht. Plötzlich blieb Maya stehen, ich lief auf sie auf, und dann fiel Friederike fast auf mich. Psst, machte ich. Wir standen eine Weile ganz still. Auf einmal bellte Maya laut los, und ich hörte es links von uns rascheln. Etwas blinkte hinter einem der verkrümmten Bäume. Jemand lachte. Jemand schaltete ein Licht ein, ein starkes Licht, das uns blendete. Die Person hinter dem Licht sagte etwas in einer fremden Sprache. Es klang verächtlich. Man warf Steine auf uns. Friederike drehte sich um und rannte los. Ich folgte, der Hund überholte mich, ein plötzlicher Ruck an der Leine warf mich fast um. Wir kamen zurück an den Strand. Das Licht war aus. Ich nahm Friederike in den Arm. Sie weinte. Maya lag flach neben uns und hechelte. Dann wurde es ganz still, und der Fluss plätscherte sanft an uns vorbei.

Etwas weiter oberhalb glühte noch ein Feuer. Wir liefen am Wasser entlang darauf zu. Sieben, acht Jugendliche lagerten still rund um die Glut. Hallo, sagte ich, wir haben uns ein bisschen verlaufen. Ein dicker, langhaariger Typ im Heavy-Metal-T-Shirt stand auf. Der Weg ist gleich da. Und zeigte in die Dunkelheit. Danke, sagte ich. Er setzte sich wieder ans Feuer. Die Anderen hatten sich nicht bewegt. Nach zwei, drei Metern über einen Trampelpfad fanden wir den befestigten Weg. Dann sahen wir die ersten Straßenlaternen und einige Minuten später erreichten wir die Bushaltestelle. Der letzte Bus war eine gute halbe Stunde vorher abgefahren. Wir gingen den ganzen Weg quer durch die Stadt zu Fuß. Gegen vier Uhr morgens trafen wir zu Hause ein. Maya rollte sich auf der Couch zusammen und schlief sofort ein. Friederike und ich gingen zu Bett und hielten uns im Arm bis auch wir einschliefen.

Ich holte dann am Dienstag meine persönlichen Sachen in der Firma ab. Herr Schäfer vom Wachdienst, der gerade am Empfang Dienst hatte, telefonierte lange mit jemandem. Anscheinend holte er die Erlaubnis für mich ein. Sein junger Kollege, ein Türke, der sich als Can Cakir vorstellte, begleitete mich in den siebten Stock. Ich ging durch das Großraumbüro, in dem mein Team untergebracht war. Sie taten alle so, als hätten sie nicht gemerkt, dass ihr Ex-Chef gerade zwischen ihren Schreibtischen herum lief. Ich fand eigentlich nichts, was mir gehörte. Außer den beiden Fotos an der Wand. Das eine zeigte mich zusammen mit Wilhelm an Bord eines Kutters auf der Ostsee, ein Erinnerungsstück an einen Abteilungsausflug zu der Zeit als er noch mein Vorgesetzter war. Auf dem anderen Bild, das vielleicht ein Jahr alt war, stand die Fußballmannschaft der Firma auf einem Rasenplatz, und ich übergab gerade einen Pokal. Und dann war da noch der wertvolle Montblanc-Füller, den mir Yvonne zur Beförderung geschenkt hatte.

Ich riss die Bilder aus den Rahmen und warf sie in den Papierkorb. Die Rahmen stopfte ich in eine mitgebrachte Plastiktüte, den Füller steckte ich in die Innentasche meiner Jacke. Can Cakir bat mich, eine Quittung zu unterschreiben. Was unterschreibe ich da eigentlich? fragte ich ihn. Weiß nicht, sagte er, muss ich fragen. Und wählte tatsächlich eine Nummer an meinem Dienstapparat. Nun lassen sie mal, meinte ich, ist schon gut. Ich unterschreibe das. Okay? Er war sehr erleichtert. Auf dem Rückmarsch durch das Großraumbüro konnte ich es mir nicht verkneifen, laut Tschüss zu rufen. Ich spürte ein paar verstohlene Blicke und sagte mir, scheiß drauf, was sind das für feige Schweine, die dir so in den Rücken fallen; und mit denen wolltest du alt werden…
Am Empfang lag ein Umschlag für mich. Ich nahm an, dass es sich um meine Entlassungspapiere handelte, und öffnete ihn. Es war ein handgeschriebener Brief des Vorstandsvorsitzenden, den zu lesen ich mir für später aufhob, sowie ein Scheck, dessen Betrag ungefähr drei meiner Nettomonatsgehältern entsprach. Nette Geste, fand ich. Vielleicht aber auch nur ein weitere Schuss im ewigen Mobbing-Krieg innerhalb der Tee-Company.

Friederike hatte in meiner Abwesenheit geputzt und aufgeräumt, und ich musste ihr klar machen, dass ich das gar nicht gut fand, dass ich es grundsätzlich scheiße fand, dass jemand sich diese stupide, schmutzige Arbeit ohne Bezahlung macht, und dass es schließlich eine Putzfrau gäbe, die drei Mal die Woche käme und neben dem Putzen auch fürs Einkaufen und die Wäsche zuständig sei. Friederike war sauer und meinte, jetzt, wo ich arbeitslos sei, wäre eine Putzfrau ja wohl ein überflüssiger Luxus. Schneller als gedacht waren wir im Beziehungsalltag angekommen.

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publiziert am 21.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 1026x gelesen ¦ noch kein Kommentar