Schlafende Hunde (20)

Der Kangal ist im mittleren und östlichen Taurusgebirge der Türkei beheimatet. In der Türkei genießt der Kangal ein hohes Ansehen; er ist gewissermaßen der Nationalhund, was ihm sogar zu einen Platz auf einer Briefmarke verholfen hat. Er hat kurzes, glänzendes, anlie-gendes Deckhaar, Fellkragen, besonders bei Rüden. Nicht vergessen werden darf, dass es sich um einen Herdenschutzhund handelt, der gewohnt ist, selbständig zu agieren. Er ist auf keinen Fall ein Anfängerhund. Er benötigt einen Besitzer, der Sicherheit und Respekt ausstrahlt. Bei dieser Rasse ist es unbedingt nötig, mit der Ausbildung schon sehr früh zu beginnen, denn ausgewachsene Exemplare sind mit Sicherheit zu groß, um in ihrem Verhalten noch korrigiert zu werden.

Alltag kann sehr schön sein. Besonders wenn man nicht jeden Morgen zur Arbeit gehen muss. In den letzten Wochen dieses Sommers genossen wir den Alltag, ohne uns der Illusion hinzugeben, dass wir uns im ewigen Urlaub befänden. Ich kündigte meiner Putzfrau, die darauf in Tränen ausbrach, die ich mit einem großzügigen Geldgeschenk zum Versiegen brachte. Friederike brachte mir diverse Haushaltsarbeiten bei – ich lernte sogar Bügeln, ohne es je ernsthaft anzuwenden. Wir hielten die Wohnung in Ordnung. Wir gingen drei Mal am Tag mit dem Hund raus. Wir gewöhnten uns an, dienstags und donnerstags am frühen Abend in das kleine Freibad, das vier Haltestellen entfernt war, zum Schwimmen zu gehen. Maya blieb zu Hause. Es schien ihr nichts auszumachen, ein paar Stunden allein zu sein.

Wir kauften zwei oder drei Mal die Woche ein. Gingen auf den Markt an der Kirche im Viertel, zum Netto und zum türkischen Lebensmittelhändler, bei dem es hervorragendes Lamm- und Kalbfleisch gab. Wir suchten Rezepte im Internet aus und kochten nach ihnen. Wir taten dies alles immer gemeinsam. Und doch ließen wir uns auch stundenlang in Ruhe. Friederike las sich systematisch durch meine Bibliothek und entdeckte Bücher, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besaß, geschweige denn, dass ich sie gelesen hätte. Abwechselnd legten wir in diesen stillen Stunden unsere Lieblings-CDs auf und stellten mit Erstaunen fest, dass wir trotz des Altersunterschieds bei der Musik exakt dieselben Vorlieben und Abneigungen hatten – von den Toten Hosen einmal abgesehen, die ich persönlich nie besonders toll gefunden hatte.

Im Oktober entdeckten wir das Kino für uns und sahen jede Woche mindestens zwei Filme. Das Cafe Domicile, gleich um die Ecke, wurde unsere Stammkneipe, obwohl wir uns unter den jungen Leute, die dort verkehrte und die im Schnitt vielleicht fünfundzwanzig waren, manchmal ein bisschen alt fühlten. Der Wirt war im Alter seiner Gäste, ein stämmiger Kerl mit lebendigen Augen, rasiertem Schädel und einem Vier-Tage-Bart. Er war für die Musik zuständig und legte Dinger auf, die man sonst in keiner Kneipe hörte. Es gab dort einen Billardtisch, und Friederike erwies sich als Virtuosin am Queue. Nach ein paar Wochen gab ich es auf, gegen sie zu spielen. Statt dessen forderte sie die Cracks des Lokals auf und besiegte sie fast alle. Natürlich blieb mir nicht verborgen, dass sich mancher Jungmann ein bisschen in sie verknallte, wenn sie sich in engen Jeans über den Billardtisch beugte und Maß nahm.

Ich war nicht eifersüchtig. Ich bin noch nie eifersüchtig gewesen. Das war bei Gisela schon so und bei Friederike erst recht. Mir war immer unklar geblieben, woher Eifersucht kommt und wozu sie gut ist. Darüber hatte ich schon mit Karl in der WG-Zeit nächtelang diskutiert. Mein Standpunkt: Wenn ein anderer Mann die Frau toll findet, mit der du zusammen bist, dann ist das doch nur der Beweis dafür, dass du eine tolle Frau hast. Und das ist in etwa so erfreulich wie die Bewunderung, die ein Kerl für dein tolles Auto zeigt. Da würde doch auch kein Autobesitzer eifersüchtig werden, wenn die Jungs seine Kiste toll fänden. Eifersucht, dachte ich mir immer, ist natürlich ein Zeichen von Unsicherheit. Wer eifersüchtig auf andere Männer ist, der sagt damit doch nur, dass er sich seiner Partnerin nicht sicher ist. Dass es sein kann, dass ein anderer Typ besser ist. Gut, kann ja auch so sein. Aber was wäre das denn für eine Frau, die ihn sofort verlässt, weil jemand kommt, der ihr in irgendeiner Hinsicht besser gefällt als ihr Alter? Da kann er doch froh sein, wenn sie ihn verlässt!

Friederike machte mir später klar, dass die Eifersucht, die Frauen entwickeln, ausschließlich auf der Unsicherheit beruht, sozusagen auf dem eingebauten Minderwertigkeitskomplex der Frauen, der wiederum rein körperlich ist. Frauen sind nie zufrieden mit ihrem Körper, ganz gleich wie dieser beschaffen ist. Der Hintern ist immer zu dick, die Beine immer zu kurz oder zu dick, der Busen zu klein oder zu groß, und die Haare, oh je, die Haare können gar nicht in Ordnung sein. Frauen brauchen Spiegel, um sich täglich ihrer Unzulänglichkeit zu vergewissern. Täten sie es nicht, würden sie in unkontrollierter Schlampigkeit versinken. Das war Friederikes These. Schaut eine andere Frau den Mann an, mit dem du zusammen bist, erklärte sie, dann wirft dich das auf deine körperlichen Fehler zurück. Was daran liegt, dass Frauen denken, Männer wären jederzeit bereit, eine Frau gegen eine anderen einzutauschen, deren Körper schöner, perfekter ist als der eigene. Ich musste Friederike dann darüber aufklären, dass es für einen Mann einen gewaltigen Unterschied macht, ob er mit einer Frau mittel- oder langfristig zusammen sein, ein Paar bilden, oder ob er sie bloß vögeln will. Die Bereitschaft zur Beziehungsgründung ist bei einem Mann nicht weniger komplex als bei einer Frau – da kommen viele Faktoren zusammen, die sich auch noch gegenseitig beeinflussen. So kommt für die meisten Männer eine Frau, die sexy aussieht und obendrein auch noch schlau ist, als Partnerin nicht in Frage – zu gefährlich, zu anstrengend. Fürs Bett reicht aber eine entsprechend erotische Ausstattung allein auch nicht. Dicke Titten, sagte ich zu Friederike, sind kein Schlüsselreiz für sexuelle Begehren, reicht einfach nicht. Da muss mehr dazu kommen. Was das ist, das ist von Mann zu Mann verschieden. Ich, zum Beispiel, fahre total auf die Art ab, wie du gehst, wie du stehst, wie du sitzt, selbst wie du schwimmst. Ich begehre dich, weil du dich bewegst, wie du dich bewegst. Sie nahm das als Kompliment, und wir diskutierten nie wieder über die Eifersucht.

Wir waren jetzt also ein Paar mit Hund. Maya hatte Friederike übrigens sofort akzeptiert. Sie hörte genau so viel oder wenig auf sie wie auf mich. Überhaupt hatte der Hund in den Monaten nach seiner Einwanderung eine Persönlichkeit entwickelt, die mit dem Etikett dickköpfig gut beschrieben wäre. Das zeigte sich am deutlichsten bei Mayas Verhalten in Ausgehsituationen. Wir hatten zu gehen, wenn sie das wollte. Forderten wir sie zum Mitkommen auf, indem wir mit ihrer Leine hantierten, ignorierte sie uns mit Methode. Waren wir andererseits gerade mit irgendetwas beschäftigt, machte sie sich eine Sport daraus, so lange zu fiepen, bis sich einer von uns erbarmte und mit ihr spazieren ging. Zudem vermittelte sie uns deutlich, welche Futtersorten ihr genehm waren und welche nicht. Hatten wir etwa die Hälfte eines Trockenfuttersacks an sie verfüttert, begann sie diese Kost zu verschmähen. Wir wechselten die Marke, und sie stürzte sich mit großem Engagement auf den neuen Geschmack. Später fanden wir heraus, dass wir sie damit austricksen konnten, dass wir ihr Napf einfach alle zwei Wochen aus einem anderen Sack füllten. Nachteil dieser Methode: In der Speisekammer dünsteten immer mindestens vier Beutel mit stinkenden Hundefutter vor sich hin.

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publiziert am 23.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 1128x gelesen ¦ noch kein Kommentar