Schlafende Hunde (21)

Die Deutsche Dogge vereinigt in ihrer edlen Gesamterscheinung bei einem großen, kräftigen und wohlgefügten Körperbau Stolz, Kraft und Eleganz. Durch Substanz, gepaart mit Adel, Harmonie der Er-scheinung, einer wohlproportionierten Linienführung sowie ihrem besonders ausdrucksvollen Kopf wirkt sie auf den Betrachter wie eine edle Statue. Sie ist der Apoll unter den Hunderassen. Die deutsche Dogge ist in der Regel sehr gutmütig, liebevoll und anhänglich gegenüber Personen der Familie, auch gegenüber den Kindern; gegenüber fremden Personen etwas verschlossen, reserviert und manchmal auch etwas misstrauisch. Diese gutartigen Riesen scheinen sich ihrer Größe und Kraft gar oftmals nicht bewusst zu sein und wirken manchmal sogar etwas tollpatschig..

Der Herbst hatte die Stadt im Griff, alle Farbe war aus den Straßen verschwunden, ein nasskalter November stand vor der Tür. Wir hatten nichts zu tun, und wir taten nichts. Standen spät auf, frühstückten lange. Redeten ein bisschen belanglos miteinander. Gingen vormittags abwechselnd mit dem Hund raus. Friederike las sich durch meine dürftige Büchersammlung, ich saß viel am PC und surfte sinnlos durchs Internet. Alle zwei Tage sah ich nach dem Kontostand und beobachtete das Guthaben beim langsamen Zusammenschmelzen. Dann kam der Mittwoch, an dem mir Friedrike dabei über die Schulter sah und fragte: Na, wie lange reicht’s noch? Ich überlegte kurz, ob sie es ernstgemeint hatte, da lachte sie kurz auf und sagte: Ist doch egal. Wieder dachte ich kurz nach, ob ich etwas entgegnen sollte, aber mir war klar, dass meine Reaktion bissig ausfallen und einen Streit provozieren würde. Also sagte ich nichts. Dabei war ich schon seit Wochen gereizt angesichts der Tatsache, dass Friedrike nicht nur nichts zum gemeinsamen Haushalt beisteuerte, sondern sich ganz grundsätlich aus den Finanzen heraushielt.

Langsam verspürte ich einen Hauch Zukunfsangst, und bei manchen Gängen mit Maya versuchte ich mir meinen sozialen Abstieh auszumalen und sah mich dann bisweilen in der Fußgängerzöne sitzen, einen Hut vor mir auf dem Pflaster, den Galgo neben mir auf einer Decke und vor allem ein Schild mit der Aufschrift: Bitte um Kleingeld für meinen Windhund. Nicht dass mich solche düsteren Visionen wirklich geschreckt hätten. Nein, meine Furcht galt eher dem Übergang aus der Terrassenwohnung auf den Gehweg. Denn ich bin ein Mensch der örtlichen Beständigkeit. Anders ausgedrückt: Ich hasse es umzuziehen! Gisela hatte ständig damit genervt, wir könnten uns doch ein Haus mit Garten leisten, wo wir auch zusammenleben und – natürlich – einen Hund und – selbstverständlich – Kinder haben könnten. Denn ihre und meine Miete zusammengerechnet hätten für die Finanzierung einer schicken Doppelhaushälfte sicher gereicht. Ich tat begeistert, unternahm aber in der Folge nichts, ein geeignetes Domizil zu finden. Sie studierte Anzeigen und registrierte sich sogar bei solch einem Immobilien-Dings im Internet. Wochenende für Wochenende legte sie mir die Ausbeute der vergangenen fünf Tage vor, und ich schüttelte jeweils mit dem Kopf. Geschickt genug, dass ich alle fünf, sechs Wochen der Besichtigung eines Objekts zustimmte, diese über mich ergehen ließ, um am Ende dann mit Hilfe einiger Argumente dann doch den Kopf zu schütteln.

Diese wunderbare Wohnung über den Dächern der Stadt mit unverbaubarem Blick auf den Park im Osten und die Kirchtürme und Hochhäuser im Westen, vom Fernsehturm ganz zu schweigen, war mein Zuhause. Punkt. Als ich sie ungefähr zwei Jahre nach meinem Einstieg ins Tee-Imperium bezog, waren meine Freunde entsetzt. Karl meinte damals, allein auf rund hundertzwanzig Quadratmetern zu wohnen, sei in höchsten Maße asozial bei all der Wohnungsnot und der Armut und überhaupt. Nachdem er unter Ausnutzung von allerlei Beihilfen und vor allem einem Hunderttausender des Schwiegervaters eine geräumige Villa im Nobelvorort am anderen Ufer erbaut und mit seiner Brut bezogen hatte, erwähnte er das Thema nie wieder. Denn sein Bunker im Bungalowstil hatte ein derartiges Übermaß, dass man dort jederzeit drei, vier Asylantenfamilien unterbringen könnten – ohne dass sich Karls Familie räumlich wirklich würde einschränken müssen. Ich gebe zu, ein Zimmer meiner Bude war und ist überflüssig und dient als Deponie für unnützen Kram, den ich dort unsortiert lagere; die Tür öffne ich maximal zweimal im Jahr.

Wie gesagt: Nicht die Armut und eventuelle Obdachlosigkeit machte mir Sorgen, sondern die Umstände des Abstiegs. Ein- oder zweimal thematisierte ich diese Ängste im Gespräch mit meiner Lebensgefährtin, aber die lächelte meine Furcht einfach weg und machte dann Bemerkungen wie: Materielle Sicherheit ist eine Zwangsjacke. Oder: Irgendwie geht alles. Wobei ich mich dann immer wieder fragte, wie sie denn bisher gelebt hatte. Mehr als ein rundes Dutzend Geschichten mit unterschiedlicher Wahrheitswahrscheinlichkeit hatte sie bisher nicht geboten. Ich wusste ja nicht einmal, wo und wie sie in Frankfurt gewohnt hatte, denn darüber gab es zwei durchaus plausible Varianten. Anfangs hatte sie mir weismachen wollen, sie habe über Monate in einer billigen Pension im Westend gehaust. Dann hieß es, Freunde hätten ihr ein Kellerzimmer in ihrem Haus in Friedberg eingeräumt. Vielleicht war aber auch die Version mit der Studenten-WG in Sachsenhausen wahr, wo sie das Zimmer eines Freundes einer Freundin vorübergehend hatte nutzen können, weil der für ein paar Monate nach Israel getrampt war. Ich wusste eigentlich gar nichts über Friedrike. Natürlich liebte ich sie trotzdem, aber gerade mit sinkendem Kontostand wurde mir manchmal ziemlich mulmig. Und ich dachte fieberhaft darüber nach, mit wem ich über sie und die Gesamtsituation reden könnten. Leider fiel mir nur Cordhosen-Karl ein. Und Paco, aber der hockte ja in seiner Strandbude in Villaricos.

Verschärft hatten sich meinen grundlegenden Befürchtungen, weil die Ergebnisse meiner Jobsuche bei Nullkommanull lagen. Bei drei Headhuntern, die noch vor zwei, drei Jahren eine wilde Jagd auf meinen Kopf betrieben hatten, um mich vom Hause Tee in irgendein andere Nahrungsmittelreich zu überführen, hatte ich meine Vakanz bekanntgegeben. Reagiert hatten sie alle und Unterlagen angefordert, die ich auch jeweils prompt lieferte. Der am wenigsten forsche hatte die Papier postwendend und auf einem nach Tabac Original duftenden Büttekärtchen notiert, momentan sähe er da nichts für mich. Der skrupelloseste Vermittler hatte nach Wochen angerufen und gefragt, ob das mein Ernst sei. Ich fragte: Was ist mein Ernst? Na ja, sagte er, in der Nutrition- Industry (genau so drückte der Schnösel es aus) sind sie nach dem Desaster bei der Tea-Company erstmal verbrannt; schauen sie sich doch mal nach einer anderen Branche um… Ich hatte ohne Kommentar aufgelegt. Blieb nur die einzige Dame, quasi die Jägerin unter den Headhuntern. Die hatte mir eine Liste mit rund hundertfünfzig Unternehmen in Deutschland und im benachbarten Ausland geschickt mit der Bitte, alle zu streichen, für die ich auf keinen Fall tätig werden wolle. Ich strich zunächst alle Firmen in Ländern, in denen etwas anderes als Deutsch oder Englisch gesprochen wird, dann alle Konzern, die nichts mit Heiß- oder Kaltgetränken zu tun hatten und dann die in Berlin, München und Wien, weil ich diese Städte so sehr hasse, dass ich dort auf keinen Fall mein Geld verdienen wollte. Blieben neun Läden zur Auswahl, davon je zweimal Tee und Kaffee sowie verschiedene Brausehersteller. Ich mailte ihr die Liste und hörte nichts mehr von dieser Händlerin der High Potentials, die ich mir immer als große Rothaarige auf High Heels im hellen Businesskostüm vorstellte.

Download PDF

publiziert am 25.10.15 in Schlafende Hunde ¦ 895x gelesen ¦ noch kein Kommentar