Schlafende Hunde (23)

Der Foxterrier stammt, wie die meisten Terrier, aus England. Die Entwicklung der Rasse beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien. Dort wird zunächst ein Glatthaar auf einer Hundeausstellung vorgestellt, dem erst in den 70er Jahren die drahthaarigen Foxterrier folgen. Der Foxterrier ist aktiv und lebhaft und vereint in kleinerem Rahmen Knochenstärke und Kraft. Er ist weder schwerfällig noch grob und vollkommen ausgewogen in der Gestalt, dies gilt insbesondere für das ausgeglichene Verhältnis von Schädel und Vorgesicht; ebenso sollten Schulterhöhe und die Körperlänge vom Schultergelenk bis zu den Sitzbeinhöckern annähernd gleich groß erscheinen. Im Stand, wie ein Jagdpferd mit kurzem Rücken viel Boden deckend. Der Foxterrier ist lebhaft, schnell in der Bewegung, mit durchdringendem Ausdruck, voll gespannter Erwartung bei der geringsten Herausforderung, sowie freundlich, aufgeschlossen und furchtlos.

Meine Familie hat mir immer nachgesagt, ich sei stur. Meine Familie? Viel ist davon nicht mehr übrig. Mein leiblicher Vater starb, da war ich sechzehn, der Stiefvater, der meine Mutter nicht lang nach der Hochzeit wegen einer Jüngeren verlassen hatte, ist nun auch schon ein paar Jahre tot. Mutti ist vor zehn Jahren gestorben, und mein Bruder Rüdiger ist ausgewandert, wer weiß wohin. Den Kontakt zu den vielen Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen habe ich eher unbewusst mit meinem Eintritt ins Berufsleben abgebrochen oder auslaufen. Und ob irgendwo auf dem Globus noch Menschen herumlaufen, die irgendwie mit mir verwandt sind, interessiert mich nicht. Genauso wenig wie es mich interessiert, ob mich irgendwelche Leute für stur halten. Wenn überhaupt, dann bin ich auf eine pragmatische Art stur. Also nicht verbohrt. Es ist eher so: Wenn ich in einer Sache weiß, was ich will, ein Ziel habe, dann steuere ich das natürlich konsequent an. Stehen mir Wände im Weg, gehe ich da nicht mit dem Kopf durch. Nein, ich umgehe Mauern oder klettere drüber. Bisweilen grabe ich auch einen Tunnel, um solch ein Hindernis unterirdisch zu überwinden.

Daran dachte ich auf der Fahrt von Bremen nach Hamburg. Herr Scharf hat auf meine Hundefrage ausweichend geantwortet, aber sein Angebot erneuert. Ich hatte mir vier Wochen Bedenkzeit ausgebeten – in seinen Augen sicher eine Unverschämtheit, aus meiner Sicht eine taktisch kluge Maßnahme, seine Begehrlichkeit zu steigern. Er hatte mich in der Kaffeelimousine, einer dieser hässlichen VW-Dinger, die aussehen wie ein Passat auf anabolen Steroiden, zum Bahnhof kutschieren lassen, wo ich praktisch unmittelbar Anschluss an den ICE an die Elbe hatte. Die kurze Fahrt über hockte ich allein im Erste-Klasse-Großraum und fragte mich, was genau ich in Hamburg suchte. Eine Antwort fand ich nicht. Statt dessen nahm ich am Hauptbahnhof ein Taxi und nannte den Alsterhof als Ziel. Die Chauffeuse, eine schlimm blondierte, rothäutige Dame unbestimmten Alters sah kurz über die Schulter und sagte bloß: Gibt’s nich mehr.

Ganz kurz hatte ich den Impuls, diese sinnlose Reise abzubrechen und den nächsten Zug nachhause zu nehmen. Aber die Möglichkeit, die rasante Jessica zu treffen, um mit mir mal wieder ein paar Partien unseres Lieblingssports zu spielen, hielt mich bei der Stange. Was empfehlen Sie? gab ich zurück, und die Droschkenkutscherin mit der Tenorstimme knurrte: Hotel Primus, Altona. Ist gut, sagte ich, fahren Sie mich dahin. Eine falsche Entscheidung, wie sich bald herausstellte. Habe ich erzählt, dass ich Hotels hasse? Dass ich froh und glücklich bin, in jeder deutschen Stadt, die ich in Sachen Tee mehr oder weniger oft besuchen musste, eine erträgliche Herberge zu kennen? Ich hab’s gern familiär, bevorzuge Häuser mit höchstens zwanzig Zimmern, mit einer richtigen Lobby, einer Rezeption und einem stillen Frühstücksraum. Ein Hotel voller Ruhe, Frieden, Respekt, Fürsorge, Unaufdringlichkeit. Das Primus erwies sich als das genaue Gegenteil. Es nahm drei von zwölf Etagen eines missgestalteten Hochhauses aus den Sechzigern ein, irgendwo auf halber Höhe, direkt an der Kreuzung von gefühlten sieben stark befahrenen Straßen. Schallschutzfenster waren wohl für später geplant, sodass ich im Zimmer Anteil am Verkehr nehmen konnte. Auf dem Gang hatte es sich eine Großfamilie, wie ich später erfuhr zu einer Hochzeit angereist, gemütlich gemacht, die elf der vierzehn Räume in dieser Etage gemietet hatte. Besonders die Jungmänner des Clans bedachten mich im Vorübergehen mit allerlei Beleidigungen in einer mir unverständlichen Sprache, und als ich mich beschweren wollte, wartete ich am Check-In etwas mehr als eine halbe Stunde auf einen Hotelmitarbeiter. Der notierte sich den Vorfall wortlos und schob den Zettel in ein Fach namens „Beschwerden“. Das Frühstück, hatte man mir bei der Begrüßung eröffnet, gäbe es im Stehcafé im Erdgeschoss – meine Keycard diene als Ausweis dafür, dass ich nichts zahlen müsste.

Immerhin war die Bude sauber und die Matratze hart genug für mich. Ich pellte mich aus dem Anzug, nahm eine ausführliche Dusche und zog mich zivil an, um das ungastliche Haus zu verlassen. Das war so gegen sechs. Knapp vor Mitternacht kehrte ich nach einem ziellosen Marsch durch Altona und St. Pauli zurück, ein Sixpack Holsten unter dem Arm. In einem schnöseligen Szenecafé hinter der Simon-von-Utrecht-Straße hatte ich lecker etwas Vegetarisches gegessen und einen ausgezeichneten Bio-Roten dazu getrunken. Im Silbersack war es beinahe leer, und der traurige Typ an den Plattentellern spielte merkwürdig melancholisches Zeug. Zum ersten Mal schlenderte ich bei Nacht die Landungsbrücken rauf und runter und sah, welche Sorte Mensch sich mit der Fähre ins Musicalhaus schippern ließ. Die Gedanken schwebten so hin und her, ohne Bestimmung wie der Gang durch diesen Teil von Hamburg.

Ja, es wurde nachts ruhig im Hotel; so ungefähr von drei bis fünf. Zwei Stunden Schlaf sind mehr als nichts. Und der Kaffee im schmuddeligen Ausschank unten war gar nicht mal so schlecht. Mag daran gelegen haben, dass ich der erste Gast war und die Maschinen um sieben Uhr morgens noch halbwegs sauber waren. Das Teeinstitut, daran erinnerte ich mich, öffnete um neun, und ich beschloss, pünktlich dort auf der Matte zu stehen. Brezelte mich in der Badezelle so gut auf wie möglich, zog Klamotten an, von denen ich glaubte, sie ließen mich gut aussehen, und machte mich zu Fuß auf den Weg ans Ostufer der Binnenalster. Das Schulungszentrum liegt im Garten einer klassischen Bonzenvilla, in dem die Verwaltung haust. Wie es sich gehört, ist der Palast weiß und hat Säulen sowie eine Showtreppe an der Vorderseite. Schlag neun hatte ich den Finger auf dem Klingelknopf aus Messing. Ich hatte die Empfangsdame, wegen der ich hier war, zwei Jahre nicht gesehen, gerochen und befühlt. Jessica sah noch atemberaubender aus als ich sie in Erinnerung hatte: ein Vollweib mit ausdrucksstarkem Gesicht unter einem Mob tiefschwarzer Locken. Du hier? fragte sie noch hinter ihrem Tresen hervor, bevor sie aufsprang drum herum kam und mich ansprang. Wie immer ohne Rücksicht auf mögliche Beobachter der Szene. Die Begrüßung war kurz, aber heftig. Und dann sortierten wir uns wieder wie es sich gehört. Mensch, Jens, was machst du hier? Na, antwortete ich, dich besuchen. Das war über all die Jahre mein Standardspruch gewesen, wenn ich zu einem Seminar an diesem Ort aufgelaufen war. Und jedes Mal hatte sie darauf geantwortet: Du lügst. Dieses Mal nicht. Aber du bist doch gar nicht mehr… Ach, sagte ich, hat es sich schon bis in eure Institut herumgesprochen? Sie nickte und wurde dabei unterbrochen, weil zwei Dutzend Teilnehmer eines laufenden Seminars ins Foyer geströmt kamen, und jeder zweite ein Frage hatte. Zwischen zwei Belästigungen hatte sie Gelegenheit: Bleibst du? Ich nickte. Holst du mich um fünf ab. Ich nickte wieder. Und verschwand.

Kaum hatte ich die Straße unter höchster Lebensgefahr überquert, und kaum stand ich auf der Uferweg mit Blick über die Alster Richtung Jungfernstieg, sprang mich das, was in der Mundart meiner Heimatstadt das arme Tier heißt. Ein Seelenzustand größtmöglicher Verzweiflung geboren aus der blitzförmigen Erkenntnis, gerade etwas ganz, ganz Falsches zu tun, am falschen Ort zu sein, zum falschen Zeitpunkt. Also die Gewissheit, die laufende Aktion sofort abzubrechen, umzukehren, abzuhauen, sich zu verdünnisieren und auf Französisch zu verabschieden. Denn ich hatte noch auf den Marmorstufen der Villa an Friederike gedacht.

Download PDF

publiziert am 04.11.15 in Schlafende Hunde ¦ 1075x gelesen ¦ noch kein Kommentar