Schlafende Hunde (24)

Der Springer Spaniel ist alten und reinen Ursprungs, älteste der Gundog-Rassen. Ursprünglicher Zweck war das Finden und Aufjagen des Wildes bei der Netzjagd, der Jagd mit dem Falken oder dem Greyhound. Wird jetzt gebraucht, um Wild zu finden, hochzumachen und nach dem Schuss zu apportieren. Daher ist er als Stöber- und Apportierhund auch im Hundesport gut einsetzbar. In der Vergangenheit sollte er das Wild in Stellnetze oder in offenes Gelände treiben, um es für die Windhunde und Falken jagdbar zu machen. Der Name leitet sich von der englischen Beschreibung ab: „This dog takes his name from ‚springing‘ the birds originally for the nets and later for the guns.“ Der English Springer Spaniel ist ein mittelgroßer Hund (ca. 51 cm). Er hat glatt anliegendes und dichtes Fell, das auch leicht wellig sein darf, mit mäßig befederten Fahnen. Ein edler, ausdrucksvoller Kopf mit klarer Abgrenzung der Blesse und hellwachen, sanften Augen runden das Bild ab. Die anerkannten Farben sind braun/weiß, schwarz/weiß, beide mit oder ohne loh. Er zeigt Passgang und bei flotter Bewegung einen weit ausgreifenden, freischwingenden Trab und liebt die Bewegung in Feld und Wald. Er ist nicht „Everybody’s Darling“, sondern schließt sich eng an seine Bezugsperson(en) an.

Das war neu. Wenn ich scharf auf eine Frau war und eine Verabredung mit ihr hatte, dann entwickelte ich bis zum Vollzug den Tunnelblick. Dann war die kommende Bettgenossin für ein paar Stunden – oder Tage, selten Wochen – die schönste und begehrenswerteste aller Frauen. Dann hatte ich weder Augen für eine andere, noch verschwendete ich einen Gedanken an irgendwelche anderen Damen. Nicht dass ich je ein besinnungsloser Jäger und Sammler gewesen wäre. Nein, irgendwelche Rekordversuche lagen mir immer fern, und nur ganz, ganz selten wechselte ich von einer zu anderen. Auch wenn es sich nur um eine Affäre handelte, so verstrich doch bis zur nächsten immer eine gewisse Weile, eine Art Trauerzeit. Zumal es meistens die Vertreterinnen des anderen Geschlechts waren, die mich abschossen, und es über all die Jahre kaum drei- oder viermal vorgekommen war, dass ich die temporäre Herzensfrau verließ.

Und jetzt das. Jetzt spukte Friederike dazwischen. Wo ich doch nur aus einem einzigen Grund von Bremen weiter nach Hamburg gereist war: um mit Jessica eine oder zwei Nächte wild herumzuvögeln. Gut, ich dachte an Friederike, hatte aber kein schlechtes Gewissen oder ein ähnlich sinnloses Gefühl. Vielleicht fiel mir meine aktuelle Partnerin nur deshalb ein, weil sie das absolute Gegenteil von Jessica war – von der Körpergröße und –fülle, über die Haarfarbe bis zum Wesen. Das hätte so aber keine Minidespression auslösen müssen, die mich soeben am Ufer des Binnensees ergriffen hatte. Mir war nach Besaufen, und danach war und ist mir selten. So wanderte ich mitten auf dem Pfad, während Jogger mich als Slalomstangen nutzten und mir Beschimpfungen zuriefen.

An der Kennedybrücke bogen die Läufer ab, und ich dachte kurz nach, ob ich schnurstracks zum Hotel zurückfahren, packen und abreisen sollte. Nein, dachte ich, kannst du nicht machen. Denn dann hat sie dich, dann bist auf einmal treu, dann gibst du etwas auf, was dir über all die Jahre wichtig war. Dass just in diesem Moment eine weiße von zwei Schimmeln gezogene Hochzeitskutsche aus Richtung Altona über die Lombardsbrücke zuckelte, gefolgt von einem Rudel blumengeschmückter, wild hupender Autos, machte die Sache nicht besser. Mir war klar: Würde ich jetzt nachgeben, wären Hochzeit, Kinder, Eigenheim die natürlichen Folgen. Plötzlich dachte ich an meine Hündin, an die stille Maya, die mich in Huelva adoptiert und dann quer durch Europa begleitet hatte, die zu mir hielt, die mich aushielt, die keine Ansprüche hatte außer einem warmem Heim, ausreichend Futter und den unumgänglichen Pinkelgängen. Und damit hatte das arme Tier mich voll im Griff.
Ich landete an der Hotelbar des Park Hyatt und begann mit einem Gin Tonic. Da war es gerade zehn Uhr, und ich musste den Bartender, der noch auf Kaffeeausschank eingestellt war, ernsthaft überreden, mit den Drink zu servieren. Gegen zwölf und vier Getränke später ließ ich mich per Taxi nach St. Paul kutschieren, wo ich um die Ecke vom Hans-Albers-Platz in eine Kneipe fiel, in der ein paar rotnasige Rentner an Herrengedecken nuckelten. Ich schloss mich an, und gegen drei ging bei mir das Licht aus. Ich fand mich im milden Spätherbst auf einer Bank liegend wieder und hatte Kopfschmerzen.

Das war auch gut so, weil mich die auf die Füße brachten. Und die Gedanken ausradierten. Dieselbe Therapie hatte ich nur zwei- oder dreimal angewendet, wenn mich unangenehme Gefühle übermannten. Zuletzt nach dem Tod meiner Halbschwester, mit der mich bis zu ihrer Beerdigung kein besonders gutes Verhältnis verband. Sie war dreiundzwanzig Jahre älter als ich und meinem Stiefvater viel zu ähnlich, als dass ich sie hätte mögen können. Eine eingefleischte Egoistin, laut, rücksichtslos, unzuverlässig und verlogen. Komischerweise mochte sie mich immer mehr, je älter wir wurden. Ja, kurz bevor ich bei der Firma Tee anfing, entwickelte sie mütterliche Gefühle und bombardierte mich ungefragt mit Ratschlägen. Hätte ich auf sie gehört, wäre ich jetzt wahlweise Beamter in der mittleren Laufbahn, Pferdezüchter oder Fotograf. Karin projizierte da offensichtlich ihre Wunschberufe auf mich, denn dass sie als Abteilungsleiterin in einem fischverarbeitenden Betrieb und alleinstehende Dame höheren Alters nicht glücklich war, konnte selbst ein Blinder riechen.

Je mehr ich derlei Erkenntnisse über sie gewann, desto weniger ärgerte ich mich über ihr Verhalten, desto mehr tat sie mir leid. Desto stärker wurde mir bewusst, in welchem Maße ihr hartes Auftreten nur eine Verkleidung für ihre neunzig Kilo Lebensfrust waren. Irgendwann wünschte ich ihr einfach nur ein bisschen Glück. Dass da vielleicht ein Kerl käme, um sie zu zähmen. Dass sie den Mut fände, bei der Fischfabrik in den Sack zu hauen. Dass sie ihr Leben ändern könnte. Die Nachricht von ihrem Freitod fiel genau in diese Phase, und sie trat mich voll ins Gesicht. Tante Ingeborg hatte mich in der Firma angerufen und mich auf ihre unbekümmerte Art gefragt, ob ich schon gehört habe, dass sich Karin umgebracht hatte. Mehr als ein Nein konnte ich nicht antworten. Ich legte das Telefon auf den Schreibtisch ohne aufzulegen und rannte auf die Toilette, wo ich mich erst übergab und dann wie ein Hund heulte. Ja, ich heulte ohne zu weinen. Wilhelm war es, der das mitkam und mich rettete. Auch nur, weil er es wieder einmal an der Blase hatte und alle halbe Stunde aufs Klo musste. Er führte mich ab, auf direktem Weg in die Tiefgarage und brachte mich zu sich nachhause, wo sich Yvonne liebevoll um mich kümmerte.

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publiziert am 08.11.15 in Schlafende Hunde ¦ 1525x gelesen ¦ noch kein Kommentar