Schlafende Hunde (Schluss)

Obwohl die Herkunft des Old English Sheepdogs als Großbritannien registriert ist, ist es wahrscheinlicher, dass seine Vorfahren eine Kombination der europäischen Schäferhunde Owtcharka und Bergamasco mit den Schäferhunden von Großbritannien sind. Er wird jetzt als eine ursprüngliche britische Rasse angesehen und häufig auch Bobtail genannt. Kräftig, kompakt und reichlich behaart; sein Fell ist ein auffälliges Merkmal und wetterabweisend. Er ist im wesentlichen ein Landhund, intelligent und freundlich; er hat ein auffällig klangvolles Bellen, welches ausreicht Eindringlinge abzuschrecken. Der Bobtail ist einkräftiger, quadratisch aussehender Hund, sehr symmetrisch, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zeigend. Auf keinen Fall ist er hochläufig oder überall üppig behaart. Er ist ein anpassungsfähiger Hund mit ausgeglichenem Wesen, kühn, treu und zuverlässig, ohne jegliches Zeichen von Nervosität oder unbegründeter Aggressivität.

Und sobald mein Schädel wieder mit der klaren Hamburger Luft in Berührung kam, klärten sich auch meine Gedanken und Gefühle. Zwei Stunden später saß ich im ICE, dieses Mal im Großraumwagen der Ersten Klasse, weitab von anderen Reisenden, die ich mit meinem Suffgeruch hätte abschrecken können. Ich ließ mir alle halbe Stunden einen Pott Kaffee und eine Flasche Wasser sowie ein Aspirin bringen und war auf Höhe von Hamm in Westfalen wieder einigermaßen beieinander. Ich begann im Hirn an der Rede zu schreiben, die ich Friederike halten würde, quasi ein Antrag, in dem Floskeln wie „für immer“ und „bis an mein Lebensende“, aber auch „gemeinsame Zukunft“ und „größte Liebe“ vorkamen. Von Treue wollte ich sprechen und davon, dass ich endlich erwachsen genug für eine ernsthafte Bindung sei. Dass ich mit ihr überall hingehen würde. Und ich auf den tollen Job in Bremen verzichten würde, wenn sie nicht mit dorthin gehen wolle. Dass natürlich ein zweiter Hund her müsse. Nur das Thema Fortpflanzung, das sparte ich in meinem virtuellen Manuskript aus – ich wollte es ja auch nicht übertreiben.

In Dortmund stieg eine äußerst attraktive Frau von höchstens dreißig Jahren zu, ein Baby vor dem Bauch und ein Kind von vielleicht fünf, sechs Jahren an der Hand. Und schon war ich wieder verliebt. Nicht in die Mutter, sondern in dieses rotzfreche Mädchen, dass, kaum hatte sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt, zu mir rüberkam, ein bisschen schnupperte und dann sagte: „Du stinkst.“ Das Gör mit seinem möhrenroten Kurzhaarschnitt und der Oshkosh-Latzhose grinste dabei und wippte auf den Fußballen. „Wo fährst du hin?“ fragte sie trotz meines Geruchs, und ich erklärte, dass es für mich nachhause ginge zu meiner Frau und meinem Hund. „Was für’n Hund?“ Ich beschrieb Maya und erzählte in kurzen Worten, wie die Galga zu mir gekommen war. „Wir haben auch’n Hund. Flaffi.“ Dann wurde sie von ihrer Erzeugerin zurückgerufen, und ich beugte mich in den Gang, um ihr nachzublicken.

So, dachte ich, würde ich mir meine Tochter wünschen. Gut, es dürfte auch ein Sohn sein. Aber auch der müsste furchtlos und frech sein, offen auf Menschen zugehen, intelligent und gutaussehend – das Beste von der Mutter und vom Vater. Ja, doch, mit Friederike Nachwuchs zu zeugen, das konnte ich mir vorstellen. Und sah uns schon als glückliche Vater-Mutter-zwei-Kinder-Hund-Familie im sommerlichen Garten hocken und Margarinebrote essen. Ob wir Erwachsenen dazu Tee oder Kaffee trinken würde, wäre egal, die Blagen kriegten eh Nesquik. Über diese Vision schlief ich ein und wurde leider erst in Köln von einem Schaffner geweckt, der mir vorsichtig nahebrachte, dass ich eine Station zu weit gefahren war. Also verbrachte ich eine Dreiviertelstunde auf dem Bahnsteig, inmitten von Karnevalisten, die den Beginn ihrer Session gefeiert hatten und ihre Spitzenlaune gar nicht mehr abschalten können.

Leider waren die Züge in die Heimat samt und sonders überfüllt. Ja, auch in der Ersten Klasse im ICE. Ich konnte mich nicht durchringen, in dieser Wolke aus Bier, billigem Schnaps, verstörten Hormonen und schlimmer Musik mit noch schlimmeren Texte einzutauchen und beschloss, auf ruhigere Zeiten zu warten. Mit Karneval hatte ich es noch nie, dann schon eher mit dem Schützenwesen, weil das ja immerhin für dieses tolle Volksfest zuständig war, das jedes Jahr im Juli zehn Tage lang Spaß lieferte. Die Eltern nahmen mit uns Kindern damals immer am Familien-Montag teil, an dem die Firma ihre Mitarbeiter samt Anhang in eines der Festzelte einlud. Und zwar schon ab dem frühen Nachmittag. Die Erwachsenen gaben sich dem Freibier hin, und wir Kinder kassierten unser Kirmesgeld und zogen los. Seit der Zeit muss ich im Juli in der Stadt sein. Ich muss dann mindestens dreimal auf die Kirmes: einmal um alle wilden Fahrgeschäfte durchzuprobieren, einmal um mich im Bierzelt so richtig zu besaufen und dann noch der gemütliche Nachmittagsbummel. Natürlich würde ich meine Kinde auch ganz früh an das Volksfest gewöhnen. Vielleicht würden wir erst auf eine der Kirmesfeste in den Stadtteilen gehen. Vielleicht hätte mein Sohn ja sogar Spaß daran, bei den Jungschützen mitzumachen.

So flossen meine Gedanken hin und her zwischen meiner persönlichen Vergangenheit und der Zukunft als Papa, ja, als Spießer. Natürlich würden wir nicht nach Bremen ziehen. Ich würde einen Job in meiner Stadt finden. Möglicherweise könnte es ja auch zu einem Comeback bei der Tee-Company kommen. Oder etwas in einer Agentur. Auch als Dozent für das Marketing-Unwesen sah ich mich. Dann in Cord-Sakkos mit Lederflicken auf den Ellenbogen; ein bisschen wie mein alter Freund Klaus. Überhaupt kam mir Klausis Existenz in diesen Stunden gar nicht so schrecklich vor – immerhin hätte ich ja eine zauberhafte, friedliche Gattin und zwei bis drei wundervolle Sprößlinge, die mir das Leben zum Paradies machen würden.

Langsam ebbte der Strom der Jecken ab, der sich aus allen Richtungen in die Domstadt ergossen hatte. Bald standen mit mir nur noch ein, zwei Dutzend Pappnase auf dem Bahnsteig, die aber wohl aus der Nähe kamen und sich in die Züge des Regionalexpress verkrümelten. Der nächste ICE wäre meiner. Und tatsächlich war dann auch der Erste-Klasse-Bereich so leer, dass ich ihn ganz für mich hatte. In einer Viertelstunde würde ich zuhause sein. Die Bahn rauschte durch die feuchte Nacht, rechts tauchte kurz das Bayer-Kreuz auf, dann war es links und rechts dunkel. Ich war inzwischen vollkommen nüchtern, stank aber immer noch ein bisschen nach den Exzessen des Vortags.

Blumen! Blumen müsste ich Friederike mitbringen! Schließlich wollte ich ihr ja einen Antrag machen. Einen Ring! Eigentlich bräuchte ich auch einen Ring. Aber den würde ich wohl jenseits von Mitternacht nicht einmal in meiner Stadt kriegen. Aber der Hauptbahnhof war praktisch ausgestorben. Sämtliche Fressbunden waren geschlossen, auch der 24-Stunden-Laden hatte seine zweistündige Pause eingelegt. Früher, dachte ich, gab es ja Automaten mit Blumensträußen in den Bahnhöfen. Die hatten mir oft ausgeholfen, wenn ich mich unvorbereitet auf den Weg zu einer Liebschaft gemacht hatte. Nur gab es in diesem hochmodernen Bahnhof, der bestimmt schon von allen aus mir „Central Station“ genannt wurde, überhaupt keine Automaten mehr. Nur die Dinger auf den Bahnsteigen mit den Süßigkeiten zum vierfachen Preis. Auch die Rosenverkäufer in den Kneipen waren ja verschwunden – wie es mir schien, innerhalb von ein paar Wochen. Ich hatte sie geliebt, die Kerle aus Indien oder Pakistan mit ihrem immer gleichen Spruch „Wolle Rose kaufen?“ Denn Frauen freuen sich, wenn sie unvermutet eine Blume bekommen. Zumal ich ein Ritual hatte, das sie alle verblüffte: Ich erstand drei Rosen und brach die Blüten ab. Dann überreichte ich ihr eine davon, steckte mir die andere ans Revers und legte die dritte in die Mitte zwischen uns. Fast alle verstanden, was gemeint war.
Also gab ich zwangsweise den Plan auf, Friederike mit einem Strauß zu überraschen.

Sondern nahm ein Taxi. Der Kutscher war von einer Sorte, die ich ebenfalls für ausgestorben hielt, Typ „ewiger Stundet“. Sicher jenseits der Fünfzig, grauer Zopf, zerknittertes Gesicht und Parkahemd. „Was gegen Musik?“ lautete die Begrüßung. Und nach dem ich genickt hatte, brach Deep Purple über uns herein. Hätte schlimmer kommen können. „Geile Mucke,“ versuchte ich mich anzubiedern und duzte den Kerl vorsichtshalber: „Sag mal, krieg ich jetzt noch irgendwo Blumen?“ Er war noch nicht gestartet, drehte sich also zu mir um und grinste mich an, wobei er ein paar ziemlich ungünstige Zahnlücken zeigt: „Alles eine Preisfrage.“ Ganz Mann von Welt gab ich ein kurzes „Geld spielt keine Rolle“ zurück. „Pass auf, Mann. In einer Viertelstunde machen die Blumenhändler am Großmarkt auf. Ich kutschier dich dahin. Du kaufst das Grünzeug, und dann bring ich dich zu deiner Ollen. Haste was ausgefressen, dass du ihr Blumen mitbringen musst?“ Ich schüttelte den Kopf: „Im Gegenteil, ich will ihr einen Antrag machen.“ Immer noch grinste er mich an: „Mach kein Scheiß. Ich war viermal verheiratet. Bis zur Hochzeit war’s immer geil mit der jeweiligen Madame. Aber als Gattin und Gatte hat’s nie gehalten. Maximal zwei Jahre. Die letzte ist mir nach vier Monaten abgehauen.“

Nein, ich wollte nicht ausholen und ihm die ganze Geschichte erzählen. Zumal mir klar war, dass die Story allein niemandem würde erklären können, warum ich ausgerechnet jetzt ausgerechnet diese Frau mit allem Drum und Dran haben wollte. Deshalb sagte ich nur: „Auf zum Großmarkt!“ Und wir düsten zu den Klängen von „Speed King“ durch den feinen Nieselregen. Tatsächlich brachte mich der Chauffeur, den man früher wohl einen „Freak“ genannt hätte, bis direkt vor die Blumenhalle – offensichtlich kannten ihn die Leute an der Pforte. Er hielt an und stieg aus. „Komm, ich bring dich zu Narou. Kumpel von mir. Inder. Der hat früher all die Rosenverkäufer ausgerüstet.“ Genau was ich brauchte. Die Männer begrüßten sich mit dem Biker-Gruß, und mein Taxifahrer erklärte kurz die Lage. Narou führte uns zu einem Wagen und stellte in Sekundenschnelle einen gigantischen Strauß roter Rosen zusammen. „Einpacken geht nicht,“ sagte er, überreichte mir das Bündel und fügte hinzu: „Sagen wir 30 Euro.“ Das klang fair, und ich zahlte.
Auf der Durchgangsstraße rauschten die Droschken mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung aufs Amüsierviertel, um dort die Alkoholleichen einzusacken und zu Höchstpreisen an eine beliebigen Ort zu bringen. Aber bei uns in der Nebenstraße herrschte strikte Nachtruhe. Es war ja inzwischen auch schon nach vier Uhr, und selbst beim schlaflosen Nachbarn waren alle Lampen aus. Ich bedankte mich innig beim Taximann und gab ihm ein mehr als üppiges Trinkgeld. „Mach kein Scheiß,“ wiederholte der und setzte zu einer Männerumarmung an, der ich noch soeben ausweichen konnte. „Schon gut,“ knurrte ich, „mach dir um mich keine Sorgen.“ – „Alles klar,“ knurrte er zurück und schwang sich in seinen Karren. Ich schaffte mein Rollköfferchen in den Aufzug und formte unterwegs den Rosenstrauch, um ihn ein bisschen hübscher zu machen. Schlafen würde meine Mädels. Aber Maya würde sicher zur Tür geschlendert kommen, mich ansehen und dabei so etwas wie „Jetzt kommst du erst?!“ denken. Ich würde Friederike sanft wecken und dann sehen, was möglich wäre.

Ich schloss leise auf, trat leise in die Diele, hievte leise mein Gepäck hinein und drücke die Wohnungstür sehr leise ins Schloss. Dann machte ich die zwei Schritte ins Wohnzimmer und schaltete das Licht mit dem Dimmer ein. Kein Hund. Keine Maya. Alles dunkel. Ich schlich ins Schlafzimmer und traute mich nicht, eine der Lampen anzumachen. Tastete vorsichtig über die Bettdecke. Nichts. Beziehungsweise: niemand. Vielleich saß meine Zukünftige ja im Dunklen auf dem Sofa, um mich zu überraschen. Ich drehte die Wohnzimmerbeleuchtung auf Stufe 10. Wieder nichts. Beziehungsweise: niemand. Panisch ging ich von Raum zu Raum und startete überall die Festbeleuchtung. Nichts. Niemand zuhause. Keiner da. Ich zog das Handy aus der Tasche und versuchte Friederike anzurufen: „Dieser Anschluss ist ungültig.“ Ich rannte in ihr Zimmer und riss den Kleiderschrank auf: leer. Ich lief in die Diele und öffnete die Kommode mit Mayas Sachen: auch leer.
Und dann fand ich den Brief auf dem Esstisch. Ein blassblauer Umschlag, auf dem in Friederikes zarter Schrift meine Name stand. Zugeklebt. Ich riss das Couvert auf und nahm drei, vier eng per Hand beschriebene Bögen heraus. Nach dem ersten Satz musste ich mich hinsetzen.

„Mein liebster Jens, um es als Erstes zu schreiben: Noch nie war ich so verliebt in einen Mann wie in dich. Trotzdem musste ich gehen. Bisher hatte ich ja keine Gelegenheit, dir meine Geschichte ganz zu erzählen. Also die wirklich wahre echte und ungelogene Story. Das tue ich jetzt hier in diesem Brief. Und wenn du alles gelesen hast, wirst du vielleicht verstehen, warum es für mich und auch für dich völlig unmöglich wäre, dass ich bleibe. Ich habe deine Kreditkarte genommen, weil ich mir einen Wagen mieten will, so ein Wohnmobil wie das, mit dem wir nach Portugal gereist sind. Habe ja selbst kein Geld. Du kannst die Karte jetzt natürlich sperren. Ich verspreche dir aber, dass ich so lange es geht immer nur so wenig wie möglich Geld ausgeben werde. Jetzt fragst du dich bestimmt, warum ich Maya mitgenommen habe. Lass es mich so ausdrücken: Ich wollte dir deine Freiheit ganz zurück geben. Über kurz oder lang wäre dir die Hündin lästig geworden, weil sie mit deinem angestammten Lebensstil nicht vereinbar wäre. Mir war klar, dass dein Rausschmiss bei der Teefirma keine wirkliche Wende in deinem Leben auslösen würde. Wahrscheinlich kehrst du sogar wieder zurück auf deinen alten Job oder einen ähnlichen. Dann wirst du auch zu deinem alten Leben zurückkehren, da bin ich ganz sicher. Das ist auch okay so. So bist du nun mal. Und dazu, dich ernsthaft zu ändern, bist du einfach viel zu stur. Also lies meine Geschichte und denk dann nach.“

Nein, ich konnte in dieser Nacht ihre Geschichte nicht mehr lesen. Ich brauchte drei Tage bis ich mich wieder an den Brief herantraute. Und die Kreditkarte sperrte ich nicht. Statt dessen rief ich zwei Tage später Wilhelm an. „Klar kannst du wieder im Hause Tee anfangen. Wie wär’s im Vertrieb? Da könnte ich was für dich arrangieren.“ So wurde ich Gesamtgebietsvertriebsleiter Skandinavien, wenn auch bei ziemlich reduzierten Bezügen. Vorher musste ich noch bei den Vorstandsaffen Abbitte leisten und mich entschuldigen, was ich kalten Herzens hinter mich brachte. Mein Leben ist jetzt wieder in Ordnung. Und von Friederike und Maya habe ich seitdem nie wieder etwas gehört.

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publiziert am 19.11.15 in Schlafende Hunde ¦ 1395x gelesen ¦ noch kein Kommentar