Scheißewelt – Die Kuppel (1)

Man sagt, die Kuppel habe an ihrer Basis einen Durchmesser von ungefähr sechs Kilometern. Genau weiß das niemand, weil keiner der Planer und Erbauer noch lebt. Außerdem handelt es sich nicht um eine Halbkugel, sondern um einen sphärischen Körper mit dem Querschnitt eines eleganten Ellipsoids. An diesem Tag hat der Himmel die Farbe von Durchfall, ein helles Ocker mit kleinen, dunklen Einsprengseln. So sieht es draußen meistens aus. Aber das wissen nur wenigen drinnen. Denn die Kuppel ist vorwiegend undurchsichtig und nun mit schmalen Sichtschlitzen versehen, auf jeder Ebene sind es maximal sieben davon. Will man den offiziellen Markierungen glauben, dann gibt es 47 Ebenen. Die unteren elf sind den Systemen und Lagern vorbehalten. Dort erzeugen komplexe Maschinerien die Atemluft und das Trinkwasser sowie den elektrischen Strom. Weitere dreizehn Ebenen dienen der Ernährung. Dort werden Getreide und Gemüse angebaut, dort gibt es einen großen Bereich für das Milchvieh und die Hühner. Die Ernährung der Bewohner ist vegetarisch, Fleisch wird nicht verzehrt. Tiere, die für die Milchproduktion oder das Eierlegen nicht mehr taugen, werden als Biomasse in die Wiederaufberteitung gegeben. Natürlich ist die Kuppel vollkommen autark und gegenüber der Außenwelt hermetisch verschlossen.

Allerdings leben hier überhaupt nicht die Menschen, für die einst diese Kuppel errichtet wurde. Die Fertigestellung fiel nämlich mit dem ersten großen Scheißefluss zusammen. Die Arbeiter stürmten das Innere und verschweißten wie geplant alle Öffnungen. Die Reichen, Mächtigen und Wichtigen blieben draußen. So kommt es auch, dass in der Kuppel, die ursprünglich für rund 20.000 Menschen vorgesehen war, aktuell nur knapp 5.000 Personen leben und arbeiten. Arbeiten heißt in der Kuppel: Zur Lebenserhaltung der Bewohner beitragen, unmittelbar und mittelbar. So stellt die Bildung einen der mittelbaren Wirtschaftssektoren dar, der auf mittlere Sicht dafür sorgen soll, dass immer wieder Leute nachwachsen, die mit den existierenden System zurechtkommen, diese bedienen, warten, reparieren und optimieren können. Ebenso wichtig auch der Unterhaltungssektor, dessen Aufgabe es ist, die Stimmung der Kuppelbevölkerung im positiven Bereich zu halten.

Jede Ebene ist in vier Abschnitte entsprechend den vier Himmelsrichtungen unterteilt. In jedem Abschnitt gibt es je drei Sektoren, von denen jeder wiederum in fünf Segmente unterteilt ist. In den inneren Segmenten verlaufen die Versorgungsleitungen, das jeweils zweite Segment von innen dient dem Verkehr. Es folgen zwei Segmente mit Wohnungen und Büros. Ganz außen liegen die gemeinschaftlichen Einrichtungen. Engol und Perck sitzen im Pausenraum XXXIW2 direkt am Sehschlitz und trinken zum Nachtisch Molkor. Das Mittagessen haben sie in der Kantine von XXIXW1 eingenommen, weil es dort Zartok-Schnitzel mit Algenpüree gab, das Lieblingsessen von Perck. Aber wann immer es möglich ist, suchen sie sich für den Rest der Mittagspause einen Raum mit der Möglichkeit nach draußen zu schauen.

“Man sagt, dass es draußen nach Scheiße riecht,” eröffnet Perck das Gespräch; eines der Sorte, die sie Woche für Woche mindestens an drei Tagen führen. “Ja,” antwortet Engol, ” wer weiß das schon. War ja noch niemand von uns draußen, nicht?” Er kriegt keinen Satz hin, ohne am Ende eines fragendes “Nicht?” oder “Oder?” oder “Weißte?” anzufügen. Seinem Kollegen geht das schon lange auf die Nerven, aber insgesamt ist es angenehmer, die Pausen mit Engl zu verbringen als mit Dummköpfen wie Berbatz oder Knorf oder Sihmseid, die sowieso immer nur über ihre sexuellen Abenteuer, ihre sportlichen Erfolge oder das Fernsehprogramm reden. “Nein, wie auch, alles verrammelt,” entgegnet Perck. “Aussehen tut’s jedenfalls wie Scheiße,” fügt sein Kumpel an. “Ja, wie alte Scheiße, sehr alte Scheiße…” An dieser Stelle überlegen sie dann gewöhnlich, wie lange der letzte Scheißesturm zurückliegt, aber sie erinnern sich nicht und nehmen an, dass dieses Ereignis lange vor ihrer Geburt stattgefunden haben muss. Wie ja ohnehin nur noch drei Mitglieder des Ältestenrates nicht innerhalb der Kuppel geboren wurden: Sigismund Portschikowski, genannt Siggi P., Theophanis Karopopulos, genannt Karo, und Anna-Maria-Theresia von Lichtenreuth-Hohentann, genannt A.M.T. Aber die schweigen beharrlich auf Fragen nach dem, was vor dem Verschluss der Kuppel in der Welt der Fall war.

“Du gehst nachher noch in den Fickraum, oder?” fragt Engol und Perck antwortet: “Weiß noch nicht. Kommt drauf an, wer Dienst hat. Wenn die dünne Blonde da ist, dann dreh ich mit der ne Runde, denke ich.” Sein Gegenüber nickt: “Mit der ist’s geil, nicht?” Der Android bringt noch zwei Töpfe Molkor und räumt die leeren Gefäße ab. “Ich würd die gern mal privat kennenlernen, weißte?” Perck erstarrt: “Weiß du, was du da gerade gesagt hast?” Aber Engol hat sich schon selbst die Hand auf den Mund gelegt und nuschelt “Vergiss es” durch die Finger. Es gibt keine privaten Kontakte zwischen Männer und Frauen in der Kuppel, denn es herrscht scharfe Geschlechtertrennung. Nachwuchs wird im Reagenzglas angesetzt und in speziellen Farmen gezüchtet. Nach den Rassenunruhen ein, zwei Jahrzehnte zuvor, hat man strenge Regeln der Eugenik aufgestellt und innerhalb von drei Generationen die Hautfarben und wesentlichen Merkmale der Gesichstzüge harmonisiert. Und trotzdem gibt es eine ungeheure Vielfalt unter der Bevölkerung der Kuppel. Es gibt: Kleine und Große, Dünne und Dicke, Blonde. Brünette und Schwarzhaarige jeglicher Schattierung, alle denkbaren Augenfarben und Formen und Größen der unterscheidbaren Körperteile. Nur die Hautfarbe, die schwankt zwischen einem cremigen Weiß und einem mittleren Braun wie es Weiße bekommen, die einen ganzen Sommer lang die Haut der Sonne ausgesetzt haben. Gerade in den ersten Jahren der Bevölkerungsregulierung hat man zudem gezielt weit auseinanderliegende Dispositionen gemischt, sodass inzwischen keiner, der jünger ist als der Ältestenrat und die Generation 2 noch eine Erinnerung an seine ethnischen Wurzeln hat.

Die Parole hieß damals “Wir sind ein Volk!”, und bei jeder Zusammenkunft wurde dieser Slogan minutenlang skandiert. Auch bei den großen Palavern, die auf Ebene XXVI stattfinden, dem einzigen Stockwerk ohne teilende Wände zwischen den nutzbaren Segmenten, war dies der Schlachtruf, der zudem in Dutzenden Gedichten und Songs eingebaut wurde, die jahrelang an den Spitzen der Bestseller- und Hitlisten standen. Nicht ohne Grund hatte Oliver Jack Crom-Borg, genannt Cromwell, als Staatsgründer in die Präambel der Verfassung schreiben lassen, dass drinnen alles gut und draußen alles schlecht sei. Ihm zur Seite stand zwölf Jahre lang Singhar Singh Sawabanda, Triple-S, der Propagandaminister, der die Medien mit immer neuen Schauergeschichten über die Wesen desorintiert hatte, die angeblich draußen hausten, Barbaren, denen es nach Menschenopfern stand, Kannibalen mit einer Vorliebe für Neugeborenen, Monster, vor denen man sich schützen müsse. Im Grund ging es den Vorvätern also darum, dass keiner ihrer Untertanen Lust darauf bekäme, Genaueres über die Welt da draußen zu erfahren oder womöglich den Wunsch zu haben, sich einmal draußen umzuschauen.

Engol und Perck kennen sich aus Kindergartenzeiten. Sie stammten beide von derselben Ebene und aus demselben Sektor und waren sich zu allem Überfluss so ähnlich, dass man sie für Semi-Clones hätte halten können. Natürlich gibt es Menschen, die aufgrund der Zuchtprogrammen so viel Ähnlichkeiten entwickeln wie natürliche Zwillinge. Aber normalerweise werden die schon im Säuglingshalter strikt voneinander getrennt. Perck ist einen Hauch größer als Engol und ein bisschen dünner. Beide haben halblanges mittelbraunes Haar und dunkelbraune Augen. Am besten kann man sie an den Nasen unterschieden, denn die von Perck ist ziemlich lang und etwas verdickt an der Spitze, während Engol im Vergleich eine Stupsnase hat. Dass beide letztlich auch im selben Beruf und sogar in der selben Dienststelle gelandet sind, ist natürlich reiner Zufall.

“Es soll ja,” setzt Engol jetzt an, “ganz oben einen Ausstieg geben, oder?” Sein Freund nickt: “Ja, so sagt man: es gibt einen Ausstieg, aber keinen Einstieg. Aber weshalb sollte ein vernünftiges Wesen aussteigen wollen?” – “Hast du auch wieder recht, nicht?” Sie schweigen eine Weile und starren in den kackgelben Himmel, über den jetzt milchige Wolken ziehen wie Schleim auf einem diesigen Tümpel. “Würd einfach gern mal sehen, was hinterm Horizont liegt, weißte? Da muss ja was sein. Woher ist denn sonst die ganze Scheiße gekommen?” Perck schüttelt den Kopf: “Wird aussehen wie in der Nähe: die Oberfläche der Scheiße aus der solche eckigen Türme ragen und ein paar runde oder spitze auch.” – “Und am Wochenende, machste was, oder?” Sein Kumpel grinst: “Klar. Hab Jeffka17 gebucht, für beide Tage! Lecker essen, bisschen Sport, Filme und schön vögeln. Pauschalangebot, nur 120 Kleggs. Und du?” Engol kann die Augen nicht vom Ausblick lösen. “Weiß noch nicht, hab noch einen Haufen Dokus zum Gucken. Und einen Kanister Fenypyrol zum Abdröhnen. Vielleicht geh ich auch ins Simul-Theater, Natur erleben. So Wasserfall, Vögel und frische Früchte, weißte?”

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publiziert am 07.02.16 in Scheißewelt ¦ 620x gelesen ¦ noch kein Kommentar