Scheißewelt – Die Kuppel (2)

Das Triumvirat sitzt auf der Terrasse. Außer Siggi P., der liegt starr auf seinem Bett. Die Pfleger halten sich im Hintergrund und genießen verstohlen den blauen Himmel. “Wir sind die Letzten“, sagt Karo. “Ja, ja“, antwortet Siggi P., und seine Lippen bewegen sich dabei nicht, weil sich seine Lippen wegen der Lähmung nicht mehr bewegen können. Mit dem rechten Ohrläppchen, über das er noch Kontrolle hat, steuert der den Sprachsynthesizer. “Das sagst du jedes Mal, wenn wir hier draußen sitzen“, merkt A.M.T. an. Nur hier auf Ebene XXXXVIII gibt es Öffnungen in der Kuppel. Aber das Volk weiß ja überhaupt nicht, dass es mehr als siebenundvierzig Ebenen gibt. Die Tasten im Zentralaufzug reichen nur bis zu dieser Zahl. Wer höher hinauf muss, muss umsteigen, aber zu diesem Zweck eine Geheimtür öffnen, die sich zwischen dem Segment XXXXVIIO3 und dem angrenzenden Segment befindet. Sie ist gesichert durch: ein Passwort mit einhundertzwölf Zeichen, einen Fingerabdrucksensor und einen Retinascanner. Und insgesamt können nur achtunddreißig Personen passieren. Also der Ältestenrat, seine Bodyguards und die Pflegerinnen und Pfleger. Die Ebenen oberhalb von XXXV liegen in der Regel oberhalb der Wolkendecke, wo der Himmel klar ist und man den Verlauf von Sonne, Mond und Sternen verfolgen kann.

“Wir sind die letzten Menschen, die noch außerhalb der Kuppel geboren sind,” stellt Karo fest, erntet aber keine Reaktion der anderen. Im Grunde hat das Triumvirat keine Funktion mehr. Nominell gehören die zwei Männer und die eine Frau immer noch dem Ältestenrat an, aber nach der historischen Sitzung im Dezember vor acht Jahren haben sie weder ein Mitspracherecht, noch eine Stimme im Gremium. Und seit acht Monaten werden sie zu den Zusammenkünften schon nicht mehr eingeladen. “Wir tragen eine große Verantwortung,” sagt Karo, steht auf und tritt an die Brüstung, um einen Blick auf die dichten, ockerfarbigen Wolken zu werfen. “Ja, ja,” kommentiert Siggi P., der seit einigen Wochen langsam in die Demenz hinüberwechselt. Ist ja auch schon hundertneununddreißig Jahre alt, damit aber der Jüngste im Triumvirat. Auch A.M.T. hat sich erhoben und schleicht langsam durch den Raum mit der geschwungenen Außenwand, die nahtlos in die Decke mit den Lichtöffnungen übergeht. “Was willst du uns damit sagen, Singh? Dass wir etwas tun sollten oder müssten? Dass wir etwas ändern müssten? Und was, bitte?” Der ehemalige Grieche schnippt mit den Fingern, und einer der Pflege bringt sofort eine Trinkflasche mit Halm, die mit seiner Lieblingssorte Molkor befüllt ist. Nachdem er ein paar Schluck in sich hineingeschlürft hat, räuspert er sich: “Ich halte es für falsch, dass der Ältestenrat die Scheißewelt völlig ignoriert. Wir wissen überhaupt nichts mehr über den Zustand da draußen. Das letzte Mal, dass wir eine Expedition ausgesandt haben, liegt gut zwanzig Jahre zurück.”

Ein Pfleger hat das Bett von Siggi P. ein wenig gedreht, sodass ihm die Sonne ins Gesicht scheint. “Schön, schön,” sagt seine Sprechmaschine. “Was soll sich geändert haben?” fragt A.M.T. mit einem spöttischen Lächeln, “Werden immer noch ein paar Lemurenmenschen in den Hochhäusern unter der Scheißeschicht vor sich hin vegetieren. Die Gebäude werden weiter verfallen sein, und es wird nach Scheiße stinken.” – “Und wenn nicht?” trumpft ihr Kollege auf. “Was wenn nicht? Wenn die sich da unten nicht nur eingerichtet, sondern sogar Fortschritte gemacht haben? Was wissen wir über deren Legenden? Vielleicht wollen die ja eines Tages die Kuppel stürmen.” – “Ja, ja,” lacht die Grande Dame der Kuppelhistorie, “das wird an dem Tag sein, an dem die Scheiße wieder abgeflossen ist.” Karo schmollt, und gibt dem Personal das Zeichen, die Terrasse wieder zu schließen. Dann bringt man die Mitglieder des Triumvirats wieder in ihre Wohnzellen. Langsam geht die Sonne unter, und in der Beletage der Kuppel lehrt Nachtruhe ein.

Gegen zehn ist dann Schichtwechsel in der Regie. Nach altem Ritual übergeben die einen den anderen die Schaltzentrale oben im Zenit der Kuppel. Die Mitglieder der Tagschicht werden von der Garde abgeholt, betäubt, artgerecht getötet und der Kompostierung zugeführt, wie es das Gesetz will. Denn das Wissen über Art und Aufgabe der Regie darf die Schaltzentrale nicht verlassen. Nicht einmal der Ältestenrat weiß genau, was dort geschieht, was dort gesteuert wird. Nur das Triumvirat hat eine ungefähre Ahnung über die Funktion der Regie. Außer Siggi P., denn der hat fast alles vergessen. A.M.T. ist der Ansicht, dass es sich praktisch um die technische Zentrale der Kuppel handelt, von der aus die Systeme der Lebenshaltung, die Nahrungsmittelproduktion und -herstellung sowie die Verteilungslogistik gesteuert werden. Wenn das Gespräch auf die Zentrale kommt, widerspricht ihr Triple-S vehement, denn er weiß, dass die Regie das tut, was eine Regie zu tun hat, nämlich das gesamte Spiel mit all seinen Bedingungen und Ereignissen zu leiten. Er weiß auch, dass die Freiwilligen sich einer siebenjährigen Ausbildung für diesen einzigen Tag beziehungsweise diese einzige Nacht ihrer Tätigkeit in der Regie unterziehen müssen. Dabei durchlaufen die jeweils neunundzwanzig Personen – hier ausnahmsweise nicht nach Geschlecht getrennt – neunzehn Stationen, deren Lehrkräfte immer nur über einen kleinen Ausschnitt des Know-hows verfügen. Auch die Ausbilder können ihr Amt nur eine Zeit lang ausüben, bevor sie kompostiert werden – je nach dem Thema, für das sie zuständig sind, beträgt die Lebensdauer als Lehrer zwischen sieben und elf Jahren.

Unmittelbar nach der Staatsgründung hat Karo einmal im Foyer der Regie gestanden. Einem länglichen Raum, der sich in jeder Richtung konisch auf eine doppelflügelige Tür aus Bernstein hin verjüngt. Damals bestand die Garde noch aus Menschen. Allerdings aus solchen, die man sprachunfähig gemacht hatte. Inzwischen bewachen sehr schlichte Androide den Bereich, die kaum zu mehr in der Lage sind, als Leute zu packen, abzuführen und die Entsorgung auszuführen. Vor rund neunzig Jahren hatte man festgestellt, dass es wesentlich billiger und effizienter ist, Menschen zu züchten als Roboter zu entwickeln und zu bauen und auf die Herstellung weiterer Androiden verzichtet. Niemand kennt das Innere der Regie, denn weder Karo, noch Cromwell oder die anderen Mitglieder des ersten Ältestenrates haben die Zentrale je betreten. Ja, niemand weiß, wer dies technische Wunderwerk entworfen und in die Kuppel eingebaut hat. Offiziell gibt es keine verbindliche Lesart dazu, sodass man alle Hinweise auf die Regie vor vielen Jahren schon aus der Präambel der Verfassung gestrichten hat. Fragt das Volk danach, wer eigentlich dafür sorgt, dass alles funktioniert, dann heißt es von Seiten der Propaganda immer, die Erbauer der Kuppel hätten alles so eingerichtet, dass die Systeme ewig ohne Eingriff von Menschen funktionieren. Nur Kinder, die sich im Ethikunterricht besonders auszeichnen, meist sehr ernsthafte Jungen und Mädchen, werden zu Freiwilligen erkoren und erfahren erst nach einem Drittel der Ausbildung, was ihre Aufgabe sein wird.

So verschieden Engol und Perck auch sind, als Freiwillige kamen sie nie in Frage. Beide galten als faule und dazu auch noch gering begabte Schüler, denen man mehr als die Basisbildung nicht zukommen ließ. Wobei Engol zu allem Überfluss ab der siebten Klasse begann, gegenüber den Lehrkräften frech zu werden und manche Tracht Prügel bezog. Perck war in seinen Kindertagen eher der Träumer, der an die Tafel starren konnte, ohne auch nur zu ahnen, welches Fach gerade lief und was man ihm beizubringen versuchte. Mittlerweile haben sich ihre Charaktere beinahe umgekehrt. Perck ist der nüchterne Realist mit einem Hang zum Fatalismus, während Engol nach außen hin fast überangepasst handelt, aber in seinem Inneren romantische und meist unrealistische Pläne schmiedet. Seit Langem bewegt ihn die Frage danach, wie es in der Scheißewelt wirklich ist. Und insgeheim denkt er darüber nach, die Kuppel einmal zu verlassen, um selbst nachzuschauen.

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publiziert am 13.02.16 in Scheißewelt ¦ 608x gelesen ¦ noch kein Kommentar