Wer war Bernd Loschen?

Bernd Loschen war ein Bursche wie ein Berg mit dem Gemüt eines gütigen Greises. Er zeigte nie Zorn oder Wut, aber auch sehr selten Freude oder Begeisterung. Die Nadel seines Emotionsmessgerätes schlug meist nur leicht um die Mittellage herum aus. Schon als Junge war er mit unvergleichlichen Körperkräften ausgestattet. Und weil es bei ihm dafür mit dem Lesen und Schreiben, dem Rechnen und auch dem Malen haperte, landete er in de Sicherheitsbranche. Den größten Teil seines Lebens arbeitete er als Türsteher. Nur einmal wirkte der Mann, den seine Kollegen Boddie nannten, als Personenschützer. Für diskrete Dienste war er einfach immer zu auffällig. Nachdem die Schlagersängerin Jule West massiv mit Morddrohungen überzogen worden war, wurde Loschen ihr Bodyguard.

Und wie es die Hormone so wollen, verliebte er sich für seine Verhältnisse sehr in seine Schutzbefohlene. Wir wissen es nicht genau, aber es hatte zumindest von außen den Anschein, als habe auch Juliane Westerkamp, so ihr richtiger Name, eine starke Zuneigung zu dem schweigsamen Riesen verspürt, der seine Umgebung durch schmale Augenschlitze aufmerksam wahrnahm und dabei einen Gesichtsausdruck zeigte, den man für ein leichtes Lächeln hätte halten können. Aber aus den Beiden wurde kein Paar. Stattdessen schlich sich eine große dünne Frau an Boddie heran, wich ihm kaum noch von der Seite, wenn er an der Tür der Traditionsdisco Tangra Twins Dienst tat, und sorgte für ihn. Jedenfalls in dem Maße, in dem er dies zuließ.

Nach Loschens schwerem Unfall nahm sie ihn zu sich und pflegte ihn. Porrie, die eigentlich Paloma hieß, bewohnte damals eine merkwürdige Einzimmerwohnung im obersten Stockwerk eines verranzten Verwaltungsgebäude am westlichen Stadtrand. Auf gut einhundert Quadratmeter waren Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche untergebracht, nur das Badezimmer war als abgeschlossener Raum angelegt. Von seinem Bett aus konnte Boddie über die Stadt hinwegschauen, ein Bild, das ihn manchmal, wenn er allein war, zu Tränen rührte. Den Sommer verbrachte das Paar auf dem Dach des Hauses in der Sonne, und Porrie verließ das Haus nur, um arbeiten zu gehen.

Leider bleib Bernds rechtes Bein steif, und er konnte auf dem rechten Ohr nicht mehr hören. Dafür war ihm das Augenlicht erhalten geblieben, und die monströse Narbe vom Schädeldach über die rechte Schläfe bis zum Unterkiefer machte sein Gesicht nur noch interessanter. So wurde Boddie Loschen zunächst Komparse, dann Kleindarsteller, später ein gefragter Darsteller von Bösewichten in Krimis und Horrorthrillern. Er heiratete Porrie, die schwanger von ihm war, das Kind aber gut einen Monat vor dem berechneten Geburtstermin verlor. Sie versuchten es weiter, aber es blieb ihre einzige Schwangerschaft. Weil seine Frau unter der Einsamkeit litt, wenn er oft tage-, ja, wochenlang unterwegs auf diesem oder jenem Dreh war, richtet Bernd ihr einen kleinen Laden ein, wo sie im vorderen Teil Modeschmuck anbot und Damen aller Gesellschaftsschichten im Hinterzimmer die Zukunft aus Karten las.

Ihm war nie klar, ob Paloma wirklich eine außergewöhnliche Gabe hatte oder sich nur darauf verstand, ihren Klientinnen den Eindruck zu vermitteln, sie habe seherische Qualitäten. Als sie unter Tränen seinen Tod vorhersagte und dabei Tag und Stunde und Umstände exakt benannte, nahm er diese Prophezeiung mit einem schiefen Lächeln auf und versprach, die Situation, für die sie sein Ableben sah, auf jeden Fall zu vermeiden. Auch als sie den Kopf schüttelte und sagte, das Schicksal sei unausweichlich, nahm er die Sache nicht besonders ernst. Tatsächlich traf ihn aber der tödliche Schuss durch das geschlossene Fenster der Limousine in Warschau, die ihn vom Hotel zum Drehort bringen sollte. Es war der 29. Februar 2016 an einem kühlen, windigen Morgen. Die Ärzte legten 11:32 als offiziellen Todeszeitpunkt fest und bestätigten so Porries Ahnung bis auf die Minute.

Bis heute ist nicht geklärt worden, ob es sich bei dieser Angelegenheit um einen Mord oder einen Unfall handelte, ob die Kugel – es wurde laut übereinstimmender Zeugenaussagen nur ein einziger Schuss abgefeuert – wirklich ihm galt, ob sich dieser Schuss unbeabsichtigt gelöst hatte oder einer ganze anderen Person galt. Der Chauffeur gab an, Bernd habe während der Fahrt rechts hinter ihm gesessen und den Kopf durchgehend ans Fenster gelehnt. Er habe nur einen Knall gehört und dann im Rückspiegel gesehen, wie der massige Mann nach links auf die Rückbank gefallen sei. Die Beerdigung auf dem Waldfriedhof fand unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit statt. Auch Jule West erwies ihrem ehemaligen Bodyguard die letzte Ehre.

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publiziert am 24.02.16 in Stadtgeschichten ¦ 676x gelesen ¦ noch kein Kommentar