Ein Mädchen namens Stern

Sie saß ganz am Ende der Bank und hatte ihre Hand flach mitten auf der Tischplatte liegen. Gelangweilt sah sie sich um im Hinterhof, wo das Fest stattfand. Ich saß ihr gegenüber und versuchte, ihren Blick aufzufangen. Dann schob ich meine Hand in ihre Richtung, und nach einer Weile berührte sich unsere Fingerspitzen. Sie rückte ein wenig hin und her, um sich noch mehr von mir abwenden zu können. Diese Familienfeier in Krakau zu besuchen, war eine Schnapsidee. Einen Großonkel kannte ich, aber der erkannte mich nicht als ich ihn begrüßte. War auch schon sehr betrunken der alte Mann, ein Bruder meiner polnischen Großmutter. Nur die wenigen alten Menschen sprachen Deutsch, aber auf eine Art, dass ich kaum etwas verstand. Die jungen Leute amüsierten sich prächtig, tranken und tanzten. War schon schwierig genug, den Ort der Party zu finden, weil mir keiner den Straßennamen mitgeteilt hatte. Der Hof gehörte zu einer Tischlerwerkstatt, dessen Besitzer weitläufig mit der Sippe verwandt war, und der hieß Nowak. Jeder den ich ansprach, kannte einen Schreiner oder Tischler namens Nowak, nur waren es offensichtlich ganz verschiedene Personen, deren Werkstätten an ganz verschiedenen Ecken der Stadt lagen. Als ich nach Stunden durchs Kasimir-Viertel ging, fand ich eher zufällig die richtige Straße und die richtige Toreinfahrt.

Sie war es, die meine Hand ergriff und mit ihren warmen Fingern umschloss. Wir sahen aneinander vorbei, aber wir wussten voneinander, dass wir lächelten. PLötzlich stand sie auf und setzte sich auf den Tisch direkt vor mir. Hallo, ich bin die Gwiazda, sagte sie auf Deutsch mit einem leichten, charmanten Akzent. Wieder griff sie meine Hand und zog sie zu sich heran. Das heißt Stern auf Deutsch, fügte sie an und nickte dabei ernsthaft. Sie trug das glatte schwarze Haar nach Art eines Bubikopfes geschnitten, der Pony verdeckte ihre Brauen, und wenn sie den Kopf senkte, konnte man ihre sehr dunklen Augen nicht sehen. Man nennt mich Thibaud, antwortete ich, weil ich keinen Grund sah, ihr meinen richtigen Namen zu sagen. Wieder nickte sie ganz ernsthaft. Nach ein paar Sekunden ganz ernsthaft: Du gefällst mir.

Der DJ hatte eine Pause eingelegt, und zwei Männer mittleren Alters spielten melancholische Melodien auf ihren Akkordeons, bei jedem zweiten Lied begannen die älteren Frauen zu singen. An einem runden Tisch in der anderen Ecke des Hofes jammerte ein Typ, während seine Begleiterin ihn auslachte. Beide waren im Rockabilly-Stil gekleidet, und ein paar Minuten zuvor hatten sie noch gemeinsam die Tanzfläche gerockt. Das Mädchen namens Stern trug schwarz: eine männlich wirkende schwarze Jeans zu schwarzen Wildlederstiefeletten mit gefährlichen Spitzen und hohen Absätzen, unter dem scharzen Lederblouson ein ebenfalls schwarzes T-Shirt mit roten und weißen Zeichen wie wilden Pinselstrichen. Ich wollte sagen: Du gefällst mir auch. Aber dieser Satz war in meiner Jugend die Chiffre dafür, dass man sein Gegenüber sexuell begehrte. Ich war mir nicht sicher, wie sie ihre Bemerkung gemeint hatte. Du gefällst mir sehr, schob sie nach, und rutschte vom Tisch auf meinen Schoß.

Mir war klar, dass sie mit diesem gefährlichen Outfit älter aussah als sie war, und schätzte sie auf achtzehn, neunzehn Jahre. Ich nickte bloß, während sie mit dem einen Arm meinen Hals umschlang und meinen Kopf an ihre Brust drückte. Sie roch sehr gut. Dann ließ sie mich wieder frei, lachte kurz auf und setzte sich wieder gegenüber auf die Bank. Inzwischen waren fast alle Gäste zu den Musikanten hinübergegangen, und wir waren allein an diesem Tisch. Verbunden durch beide Hände. Ein schwer betrunkener junger Mann kam vorbei und hielt uns seine Wodkaflasche hin. Wir lehnten ab, und er wollte sich zu uns setzen. Gwiazda verscheuchte mit ein paar scharfen Sätzen. Er hob die Hände, sodass sich der Wodka auf sein Hemd ergoss und schlich davon. Inzwischen hatte man ein ziemlich großes Feuer mitten auf dem Hof angezündet. Das Flackern machte ihr Gesicht mit der glatten ungeschminkten Haut noch schöner. Sie hatte ihre Lippen mit einem ziemlich dunkeln Rot betont.

Gefalle ich dir auch? Was blieb mir als zustimmend zu nicken? Ich versuchte ein Grinsen: Du bist zu jung für mich. Sie sah mich böse an: Du bist zu alt für mich, alter Mann. Nein, stimmt nicht. Ich mag Männer, wenn sie älter sind. Aber nicht zu alt. Du bist an der Grenze. Wie alt bist du: Vierzig? Die Bemerkung hätte mir in einer anderen Situation geschmeichelt, so wie es mir immer schmeichelte, wenn mich Leute zehn Jahre jünger schätzten. Also sagte ich lapidar: Zweiundvierzig. Gwiazda zog einen Schmollmund und sagte: Geht noch. Wir schwiegen, während der Lärmpegel rund um das Feuer zunahm. Betrunkene reden lauter, besoffene Frauen schriller. Und nüchtern war außer uns beiden kaum noch jemand unter den gut hundert Menschen, die irgendwie zur Familie gehörten. Komm mal mit. Sie war aufgestanden und zog mich hoch. Anscheinend kannte sie sich aus, denn sie führte mich zielsicher in einen lichtlosen Raum, wo Holzbalken aller Art lagerten.

Früher nannte man das, was wir taten, Petting. Ich war unsicher, aber nach ein paar Küssen war alles ganz einfach. Für uns beide. Es waren die langen, intensiven Küsse, die mich fast zu Tränen rührte, weil mir bewusst wurde, wie lange ich keine Frau mehr so geküsst hatte, weil die Frauen, mit denen ich in den letzten Jahren etwas hatte, alle nicht so küssen konnten wir das Mädchen namens Stern. Plötzlich hörten wir Gefllüster in der Nähe. Unterbrachen unser Spiel. Ein Mann und eine Frau, ungefähr drei Meter entfernt. Reißverschlüsse. Haut auf Haut. Stöhnen. Und so weiter. Gwiazda kicherte leise, und ich hielt ihr den Mund zu. Ohne Geräusche zu machen verließen wir den Raum. Draußen lagen die ersten Schnapsleichen herum. Musik gab es nicht mehr, und das Feuer war beinahe heruntergebrannt. Gehen wir zu mir, sagte sie, ist nicht weit.

Wir traten auf die Straße und bogen an der nächsten Ecke ab. Bengalisches Licht ein paar hundert Meter entfernt. Krach. Splitterndes Glase. Dann kamen ein paar Dutzend Leute auf uns zugerannt, fast alle in roten Jacken, viele mit einem weißen Stern darauf. Ein Reisebus verfolgte die Meute. Wir drückten uns an die Hauswand. Dann gut siebzig, achtzig Kerle in schwarzer Kleidung, teils mit Knüppeln bewaffnet. Der Bus bremste scharf, und noch mehr Kämpfer strömten auf die nächtliche Straße. Dann rempelte mich jemand an, ich versuchte zu laufen, ein andere stellte mir ein Bein, ich stürzte, rappelte mich auf. Mitten zwischen den Fronten. Steine und Flaschen flogen dicht an mir vorbei. Im Hintergrund Sirenen. Blaulicht. Irgendwer zerrte an meinem Arm und riss mich mit sich fort. Wir schafften es, zwischen Bus und Hauswand zu gelangen, drückten uns seitwärts durch die Lücke und erreichten eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern. Der Typ mag zwanzig Jahre alt gewesen sein, kurzgeschorene Haare, Sportschuhe, er blutete stark aus einer Platzwunde über dem rechten Ohr. Dann schob er mich weiter hinein in die Gasse, ins Dunkle, drehte sich um und verschwand.

Keine Ahnung wie lange ich mich versteckt hielt. Der Krieg draußen tobte sicher eine halbe Stunde lang oder mehr. Irgendwann war es still. Ich wartete noch eine Weile und verließ dann die Gasse. Menschenleer die Straße, übersät mit Steinen, Scherben, Knüppeln und Schuhen. Bestimmt zwanzig Schuhe lagen herum. Ich fand die Ecke wieder, bog ab und erreichte den Hof der Werkstatt. Gwiazda saß an ihrem Platz und hatte drei Flaschen Bier vor sich stehen. Alles gut? fragte sie und bot mir ein Bier an. Ich trank die Flasche in einem Zug leer bevor ich nickte und antwortete: Alles gut. Und bei dir? Ja, sagte sie ernst, nichts passiert. Was war das? fragte ich. Wisla gegen Cracovia, Fußball, totale Feinde. Beide Vereine aus der Stadt, bekämpfen sich seit Jahrzehnten. Jeder in Krakau ist für einen von beiden. Kann man nicht neutral sein. Du auch? Sie nickte: Wisla; ich hasse Cracovia.

Wir fanden mehr Bier und eine fast volle Flasche Wodka. Komm, sagte ich, die nehmen wir mit. Eng umschlungen verließen wir den Ort, an dem das Fest längst zuende gegangen war. Sie hauste in einer Zweizimmerwohnung in einem halbverfallenen Haus am Ende einer Sackgasse, die auf die Friedhofsmauer zu führte. In der Küche gab es eine Dusche und einen Kohlenherd. Sie schlief auf einer Matratze, die auf zwei Paletten lag. Es gab nur eine Glühbirne, aber viele Kerzen, die sie nach und nach entzündete nachdem wir angekommen waren. Kaffee? Ich schüttelte den Kopf und hob stattdessen die Wodkaflasche. Trink nicht so viel, kriegst du keinen hoch. Sie grinste. Die Lederjacke hatte sie ausgezogen und über einen der beiden Stühle gehängt, jetzt zerrte sie die Stiefletten von den Füßen. Kaum kleiner als ich war sie, kräftig mit sehr erwachsenen Formen. Ich stand die ganze Zeit da und beobachtete sie, nahm ab und zu einen kleinen Schluck und folgte ihr mit den Blicken wie sie ohne besonderen Grund in der Küche hin und her lief, dann einen Abstecher ins Schlafzimmer unternahm, hier und dort hantierte und schließlich vor mir stehen blieb.

Ich bin nicht zu jung, und du bist nicht zu alt. Lass uns Sex machen. Ich mach lieber Sex mit älteren Männern, ist nicht so gefährlich. Können wir alles machen, nur nicht mit Reinstecken. Das will ich nicht. Wenn ich das einem jungen Typ sage, dann macht den das wütend, da kann es passieren, dass er es mit Gewalt macht. Vor drei Jahren im Sommer, da waren es drei Kerle, mit denen ich am Fluss war. Mit zwei von denen habe ich geknutscht und bisschen mehr. Da wollte der eine mich ficken. Hab ich ihn geschlagen. Da sind sie alle drei auf mich, haben mir die Hose runtergerissen, auch den Slip, und angefasst, und der eine hatte schon sein Ding in der Hand. Hab ich geschrien. Kam auch so ein älteren Mann, bisschen älter als du. Der hat die Jungs angebrüllt. Der eine, der Schüchterne, der wollte den angreifen. Hat der ihm sehr ins Gesicht geboxt. Dann den zweiten und den dritten. Hat er mir hoch geholfen, meine Sachen zusammengesucht und gegeben. Die Kerle sind weggerannt. Hab ich dann Selbstschutz gelernt, wie man also Jungs vertreibt, wenn die mit Gewalt machen wollen. Jetzt müssen schon fünf, sechs kommen, dass ich mich nicht mehr wehren kann. Du wirst nicht wütend?

Natürlich schüttelte ich den Kopf. Sie zündete Feuer im Herd an, und es wurde warm in der Küche. Knöpfte mein Hemd auf. Meine Hände unter ihrem T-Shirt. Dann lagen wir nackt auf der Matratze. Wir taten alles, was ging, nur das eine nicht. Und trotzdem waren wir, das Morgenlicht schien durchs schmale Fenster in den Raum, beide befriedigt. Zum Kaffee in der Küche kam sie auf meinen Schoß, saß rittlings auf einem meiner Oberschenkel und rieb sich daran. Fühlte nach und zeigte mir den feuchten Finger. Hielt meinen Penis einfach fest, bewegungslos, wie einen Steuerknüppel. Stand auf, drehte mir den Rücken zu, beugte sich vor und präsentierte ihr Hinterteil. Ich holte mir einen runter, und sie sah interessiert zu. So hätte es weitergehen können. Endlos. Aber wir hielten nur den Sonntag durch. Der Altersunterschied verschwand mit der Zeit. Ich war jetzt neunzehn und sie dreißig, einunddreißig. Wir aßen nicht, tranken nur Bier und Kaffee und Wodka, so lange noch etwas da war, es lief keine Musik, und wir sprachen auch nicht. Es war perfekt.

Zwischendurch schliefen ein wenig, eng aneinander geschmiegt. Und als ich später sehr tief eingeschlafen war und erwachte, war sie weg. Sie musste sich umgezogen haben, denn ihre schwarzen Sachen hingen alle über dem Stuhl, die Stiefletten ordentlich daneben. Kein Abschied, kein Kuss, kein Wort, kein Zettel. Ich nahm ihr T-Shirt und roch daran. Die Zeichen, die ich nicht hatte erkennen können, ergaben einen Schriftzug – Wisla, erkannte ich, den Rest verstand ich nicht. Und auf dem Rücken war ein großer weißer Stern aufgedruckt. Gwiazda heißt Stern auf Deutsch.

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publiziert am 20.04.16 in Thibaud ¦ 660x gelesen ¦ noch kein Kommentar