Hotelzimmer

Sie hatten sich in einem Hotelzimmer verfangen. Gutes Haus, fünf Sterne. Jetzt standen sie Leib an Leib vor dem ersten Kuss. Hinter dem Fenster die leblose, dunkle Stadt, bestreut mit glimmenden Lichtern. Als sie zum ersten Mal hier waren, hatte er zur ihr gesagt: Im Traum habe ich schon hundert Mal mit die geschlafen. Sie hatten dann aus der Bettdecke ein Zelt gebaut im stockdunkeln Zimmer. Und ihre Körper in der Höhle beim Schein einer Taschenlmape studiert. Inzwischen war ein Raum im siebzehnten Stock ihr Revier. Damals hatte der Rezeptionist noch gefragt: Sie haben kein Gepäck? Denn es ist ein gutes Haus, fünf Sterne, kein Stundenhotel. Hier bringt das Institut seine wichtigen Gäste unter. Man kennt das Paar mittlerweile und übergibt den Schlüssel ohne Fragen.

Ihnen ist bewusst, dass ihre Affäre ein Klischee ist. Alter Mann, junge Frau. Tochter des besten Freundes. Kennen sich seit sie ein Kleinkind war. Jetzt ist sie seine Assistentin. Aber wenn sie im Hotelzimmer zusammen sind, dann ist er der junge Mann und sie die erfahrene Frau. Er hat ja damals mit neunzehn seine Jugendliebe geheiratet, und sie sind immer noch verheiratet auf dem Papier. Nie hat er seine Frau betrogen, nie mit einer anderen Geschlechtsverkehr gehabt. Krankhaft monogam, hatte sein beser Freund dieses Verhalten einmal genannt. Sie dagegen ist mit fünfzehn von zuhause weggegangen, erst in die Hauptstadt, dann nach Übersee. Viel gesehen, fast alles erlebt. Dutzende Liebhaber aller Art. Sie war so sehr veschwunden, dass er über die Jahre vergessen hatte, dass sein bester Freund überhaupt eine Tochter hatte. Zumal er nie über sie sprach.

Vierzehn Jahre war sie unterwegs. Hatte zwischendurch studiert. Sein Fach. An vier verschiedenen Universitäten in drei verschiedenen Ländern. Als er sich in sie verliebte, auf einer Party bei einem Prominenten der Stadt, war ihm nicht klar, dass sie die Tochter seines besten Freundes war. Sie stand mit dem Rücken zu ihm in einer Gruppe. Trug eine schwarze, halbtransparente Hose, und er konnte den Blick nicht von ihrem Hintern abwenden. Mein perfekter Arsch, nannte sie diesen Körperteil selbst. Als ob sein Blick sie verbrannt hatte, drehte sie sich plötzlich um und lachte ihn an. Denn sie hatte ihn erkannt.

Natürlich besetzte er ein paar Wochen später die vakante Assistenzstelle mit ihr. Sie war von allen Bewerberinnen die mit der höchsten Qualifikation. Sein Freund bedankte sich dafür. War glücklich, dass seine Tochter so an seinen Wohnort gebunden wurde. Sie arbeiteten perfekt zusammen. Verbrachten bald viel Zeit auch nach Dienstschluss miteinander. Er bewohnte mit seiner Frau ein viel zu großes Haus hinter dem Park. Es war auf die Zeit zugeschnitten, als noch alle fünf Kinder bei ihnen lebten. Jetzt hatten sie es in zwei unabhängige Wohnungen aufgeteilt, von denen jeder von ihnen eine nutzte. Manchmal fühlte er sich einsam und dachte dann immer, so müsse es sein, wenn man single ist. Aber dann lud ihn seine Frau zum Abendessen in ihre Wohnung ein, und alles war gut.

Niemand wäre darauf gekommen, dass der Professor und seine Assistentin ein Liebespaar werden könnten. Zwischen ihnen lagen sechsundzwanzig Lebensjahre, und sie passten schon rein physisch kaum zueinander. Er war gut einen halben Kopf kleiner als sie, ein hagerer Typ mit schlechter Haltung und Untergewicht. Sie brachte mehr auf die Waage, und viele Kerle sagten voller Bewunderung über sie: ein Vollweib. Andererseits waren sie Gefährten im Geiste: konzentriert, wenn es nötig war, verspielt, wenn sie es wollten. Und trotzdem war es ein Wunder, dass sie nun schon seit drei Jahren regelmäßig ihr Hotelzimmer aufsuchten, um Sex miteinander zu haben.

Sie hatte ihn nicht verführt, sondern ihm nur die Gelegenheit verschafft, sie zu verführen. Natürlich auf einer gemeinsamen Dienstreise. Die führte sie nach M. auf einen langweiligen Kongress, auf dem er einer der Keynote-Redner war. Beiden hatte es der Hafen angetan, und am zweiten Abend schlug sie vor, dort ein Restaurant zu suchen und gemeinsam zu speisen. Sie fanden ein ziemlich touristisches Bistro und einen schönen Tisch auf der Terrasse. Sie hatte wenig an, und als der scharfe Wind aus den Bergen um die Ecken kam, begann sie zu frösteln, und er lieh ihr sein Jackett. Das Essen war teuer und einigermaßen gut. Sie tranken Wein. Und weil er Alkohol nicht gewöhnt war, weil er zuhause niemals trank, war er nach dem Hauptgang leicht angeheitert.

Am liebste hätte er ihr in dieser Stunde gestanden, dass und wie sehr er in sie verliebt war. Aber er hätte es als Übergriff verstanden, als sexuelle Belästigung. Oder er fürchtete, sie könnte das so auffassen. Als redete er wirres Zeug durcheinander, versuchte Witze zu machen, die aber misslangen, und fuchtelte dazu mit seinen großen Händen. Bis sie den Zeigefinger vor die Lippen hielt und beruhigend zischte. Als er zur Ruhe gekommen war sagte sie: Du hast schöne große Hände. Und nach einer Pause: Und große Ohren. Sie lachten, und auf einmal fühlte er sich so wohl wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Er war dankbar. Auf dem Rückweg zum Hotel hakte sie sich bei ihm ein und plapperte vor sich hin über all die Orte, Meere und Länder, die sie gesehen hatte. Er brachte sie bis vor ihre Zimmertür. Und dann küsste er sie.

Wochen später hatten sie ein ganzes Wochenende gemeinsam durchgearbeitet. Am späten Sonntagnachmittag waren sie allein im Institut und beinahe fertig der Studie. Lass uns heute im P. essengehen, schlug sie vor. Ein schwüler Abend am Ende der Sonnerferien. Die Terrasse war gut besetzt, und sie wählten einen Zweiertisch drinnen, weitab von den anderen Gästen. K. persönlich servierte ihnen den Fisch. Sie tranken vom weißen Hauswein, den er mit Wasser verdünnte. Trotzdem spürte er vor dem Dessert, dass er leicht betrunken war. Das fühlte sich gut an, war ihm aber peinlich. Dann standen sie wieder auf dem Trottoir, und sie fragte: Und jetzt? Und jetzt, sagte er und wies auf ein hohes Gebäude schräg gegnüber, gehen wir zusammen in das Hotel.

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publiziert am 07.04.16 in Stadtgeschichten ¦ 711x gelesen ¦ noch kein Kommentar