Wietten und die Tilde (8)

Der Tag war ein Schwarzweißfilm. Am Bahnhofsplatz brachte die rotgelbe Reklame des Schnellrestaurants Farbe ins Bild. Natürlich war Wietten zu früh. Er nahm an, dass sie nur ein schmales Zeitfenster rund um die vereinbarte Uhrzeit anbieten würde. Dass sie sofort verschwinden würde, wenn er nicht zwischen Viertel vor und Viertel nach auftauchte. Erst jetzt nahm er wahr, dass er sich passend zum diesigen Wetter gekleidet hatte und sich in seinem schlammfarbenen Mantel kaum von den umgebenden Gebäuden abhob. Also stellte er sich exakt in die Mitte des Platzes, während die Pendler und die Touristen an ihm vorbeiströmten. Die riesige Kirche mit den spitzen Türmen deprimierte ihn. Wie ihn diese verbaute Stadt am großen Strom mit ihren lärmenden Bewohnern immer schon deprimiert hatte. Seinen letzten Kunden in K. hatte er verloren, weil er es nicht lassen konnte, schlecht über den Ort und seine Bürger zu reden.

Gerd hatte schon am zweiten Tag einen Interessenten für Wiettens Reisemobil. Einen erfolgreichen Unternehmer aus der Gegend, Automobilzulieferer, Familienbetrieb. Jetzt ohne Familie, weil ihn seine zweite Gattin samt der Zwillinge wort- und spurlos verlassen hatte. Der potenzielle Käufer hatte daraufhin beschlossen, sein Leben zu ändern, schließlich war er kurz vor Fünfzig und wollte, verdammt nochmal, endlich auch einmal etwas Wildes erleben. Er hatte einen Anteil an seinem Geschäft verkauft, einen fähigen jungen Geschäftsführer eingestellt und sich ein Sabbatical genommen. Gerd kannte ihn vom Golfplatz. Der Mann war bereit, die geforderten achtzigtausend Euro zu bezahlen. Wietten hatte einen halben Tag lang überlegt und seinem Freund dann grünes Licht gegeben, den Bus zu verkaufen. Gemeinsam hatte sie Jensens persönliche Dinge ausgeräumt und in Gerds Wohn- und Bürohaus eingelagert. Dann hatte er ein Zimmer im nahegelegenen Gasthaus genommen.

Siebzigtausend Euro in bar trug er nun bei sich. In dicken Bündeln in einer harmlosen Umhängetasche. Die würde er ihr geben, damit sie nicht wieder auf Raubzug gehen müsste. Die ganze Zugfahrt über hatte er darüber nachgedacht, was er ihr sagen sollte. Aber es waren ihm keine brauchbare Formulierungen eingefallen. Er würde improvisieren müssen. Etwas, das er hasste. Als er noch öfters Vorträge gehalten und Seminare betreut hatte, ging er nie ohne vollständiges Drehbuch aus dem Haus. Tatsächlich schrieb er nicht nur die Texte auf, die er sprechen wollte, sondern auch mögliche Fragen und Antworten. Und für alle Fälle hatte er drei bis vier Versionen einer zugehörigen Präsentation dabei. Nur einmal hatte er versucht, bei einer Veranstaltung frei zu sprechen. Und war damit gescheitert. Schon nach der Begrüßung waren ihm die Worte ausgegangen, und er hatte sich mühsam durch seinen Vortrag gestottert.

Ganz in Gedanken stand er da und hatte nicht bemerkt, dass sich jemand direkt neben ihn gestellt hatte. Aus den Augenwinkeln nahm er einen jungen Mann in einer Waxcotton-Jacke wahr, der eine Schiebermütze trug und eine dunkle Brille. Tilde bat ihn schließlich um Feuer, und er erkannte sie an der Stimme. Sie nahm ein paar Züge, legte ihm dann die Hand leicht auf den Rücken und sagte: Gehen wir. Sie durchquerten den Bahnhof und bogen am Ausgang links ab. Entlang einer belebten Geschäftsstraße mit vorwiegend türkischen und arabischen Läden. Passierten eine stark befahrene Ringstraße und landeten ein paar Schritte weiter in einem Geschäftsviertel mit Multiplexkino, Hochhaus und künstlichem See. Sie führte ihn in ein Café, das er kannte, einem Treffpunkt der quicken Hipster, die hier in Startup-Firmen oder den Büros weltweit operierender IT-Giganten ihr Geld machten.

Um diese Uhrzeit war der Gastraum völlig leer. Ein Barista machte sich im Hintergrund an der Espresso-Maschine zu schaffen. Sie fanden einen Platz direkt am Eckfenster. Tilde nahm die Brille ab, ließ aber Jacke und Mütze an. Schön, dass du gekommen bist. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen: Wie geht’s weiter mit uns? Sie lächelte: Gemeinsamer Urlaub am See, denke ich. Der Kellner erschien wortlos und nahm ihre Bestellung auf. Wietten legte die Tasche auf den Tisch und schob sie zu ihr hinüber: Das ist für dich. Damit du aufhörst. Sie hob die Klappe an und blickte hinein: Ich will dein Geld nicht. Ich brauch dein Geld nicht. Schob die Tasche zurück. Er beugte sich vor und sah sie nun direkt an: Ich mache mir Sorgen um dich, mehr nicht. Ich möchte mit dir leben, also den Rest meiner Tage verbringen. Aber das geht nur, wenn du aufhörst. Sie nippte an ihrem Milchkaffee und sagte: Lass uns im Urlaub darüber sprechen. Wann geht’s los? Wo treffen wir uns?

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publiziert am 01.12.16 in Paare ¦ 481x gelesen ¦ noch kein Kommentar