Das Dach (2)

Wir sind uns zum ersten Mal auf dem Dach des leerstehenden Wohnblocks am südlichen Stadtrand begegnet. Der wurde rund um die Uhr bewacht, aber ich kannte einen Zugang, der nicht zu kontrollieren war. In diesem Frühling war ich sehr einsam. Radelte zwei-, dreimal die Woche allein aus der Stadt zu meinem Haus – so nannte ich es. Stieg die acht Stockwerke hinauf und dann auf das Flachdach. Man konnte bis hinüber zu den Fabriken am Fluss sehen. Nachts leuchtete die Chemiefabrik wie ein Weihnachtsmarkt. Manchmal setzte ich mich auf die Brüstung und ließ die Beine über dem Abgrund baumeln. Sang meine eigenen Lieder. Ganz leise. Wenn ich dem Stiefvater Schnaps gestohlen hatte, trank ich die Flasche in Ruhe aus. Dann meist im Stehen, den Rücken an die Wand des Ausstiegs gelehnt. Dieses Mal wollte ich dort übernachten und hatte mir den Schlafsack meines Halbbruders ausgeliehen, ohne dass der davon wusste. Wieder stand ich da und schaute weit hinaus nach Westen, wo die Sonne noch ein bisschen Rot malte.

Nahm einen Schluck und wollte gerade anfangen, einen neuen Song zu summen. Da hörte ich eine leise Stimme von der anderen Seite des Ausstiegs. Ab und zu fiel eine andere Stimme ein. Dann war wieder Stille. Ich schlich vorsichtig um die Ecke. Da hockten zwei Gestalten auf einer Decke. Sie rauchten, und die eine Gestalt erzählte der anderen etwas. Ich kam näher. Und so hörte ich die Toms erste Geschichte. Es ging um einen Bergsteiger, der unbedingt auf den Gipfel steigen will, den noch niemand geschafft hat und der schone Dutzende Todesopfer gefordert hatte. Der Held der Geschichte hat Asthma und ist ganz allein. Unter unmenschlichen Anstrengungen erreicht er den letzten Grat. Und dann? fragte die andere Stimme. Es gab eine Pause. Da schaltete ich mich ein und sagte: Dann ist er gestorben. Tom und Vera sprangen auf und warfen instinktiv die glühenden Kippen weg. Was machst du hier? brüllte Tom mich an. Das ist mein Dach, antwortete ich.

In diesem und im nächsten Sommer war das Dach unser Hauptquartier. Das Haus, erfuhr ich, gehörte einem Großonkel von Vera, einem Immobilienmensch, der in der Stadt berüchtigt war für seinen Umgang mit Mietern in Häusern, die er sanieren und als Eigentumswohnungen umwandeln wollten. Dieses Gebäude, meinte Tom einmal, wird von uns also aus moralischen Gründen besetzt. Nie mussten wir uns verabreden. Wenn die Beiden hinfuhren, war ich schon da. Und umgekehrt. Meistens saßen wir schweigend da bis es ganz dunkel war. Dann begann Tom zu erzählen. Wurde die Nacht kühl, kuschelten wir uns aneinander unter der bunten Indianerdecke, die er neuen Frau meines Stiefvaters geklaut hatte. Wir waren achtzehn, neunzehn und hatten Angst vor dem, was kommt.

Nach den Ferien ging ich nicht mehr zur Schule. Fand stattdessen einen Job, der angenehm und ziemlich gut bezahlt war. In einem Hangar am Flughafen, wo eine Charterlinie ihre Maschinen wartete. Arbeitete an der Werkzeugausgabe, händigte netten Kollegen gegen Quittung aus, was sie brauchten. Sehr spezielle Tools, nicht einfach Hammer und Schraubendreher. Der Typ, der mich einarbeitete, war jeden Tag die ganze Schicht über stoned, kannte sich aber aus. Ben nannte er sich, sprach mich aber nie mit meinem Namen an. Von dem lernte ich, wie die Werkzeuge hießen, wer welches haben durfte und wo ich die Dinger fand. Eigentlich sollte ich nur für sechs Wochen als Aushilfe bleiben dürfen, weil ich aber freiwillig die Frühschicht übernahm, bekam ich einen Vertrag für sechs Monate.

Morgens um zwei fing ich an, um halb elf war Schluss. Ich fuhr mit dem Rad vom Stiefvater, der es eh nie benutzte, ein sehr teures Mountainbike. Anfangs brauchte ich gut 35, 40 Minuten. Ab Dezember schaffte ich die Strecke immer unter 25 Minuten. Wurde topfit dabei. Und verdiente richtig gutes Geld. Im Januar und Februar machte ich meinen Führerschein und bestand Mitte März die Prüfung. Und immer noch hatte ich über zweitausend Mark auf dem Konto. Jeden Monat kamen dreihundert Mark dazu. Zuhause kriegte keiner was mit, weil ich schlief, wenn alle da waren, oder mich auf mein Dach verzog. Vera und Tom kamen Ende Oktober zum letzten Mal. Erst kurz vor Ostern traf ich sie wieder oben auf dem immer noch leerstehenden Wohnblock.

Was arbeitet ihr eigentlich? fragte ich in diesen Tagen. Vera grunzte: Arbeit ist für Doofe. Und schüttelte sich, als habe sie etwas Ekliges geschluckt. Weißt du, begann Tom, wir haben beschlossen zu leben anstatt zu arbeiten. Außerdem warten wir auf eine Arbeit, die uns erfüllt und glücklich macht. Die kann es in diesem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht in Form von Lohnarbeit geben. Abhängige Arbeit ist das Gegenteil von Arbeit; verstehst du? Ich verstand nichts. Wie soll man leben, wenn man nicht arbeitet, dachte ich, und hatte keine Vorstellung davon, dass jemand finanziell ausreichend abgesichert sein könne, ohne arbeiten zu müssen. So erfuhr ich die Geschichte von Veras Mutter und den Regeln des Clans, von denen Vera und Tom profitierten.

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publiziert am 23.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 435x gelesen ¦ noch kein Kommentar