Das Dach (4)

Ja, ich war in Tom verliebt. Obwohl ich zu jener Zeit gar nicht genau wusste, was das heißt, verliebt sein. Was wussten wir schon von Liebe? Du kannst erst jemanden lieben, sagte Tom Jahre später, wenn du selbst geliebt worden bist. Mich zog es einfach nur hin zu ihm. Ich wollte ihm nahe sein, ihn sehen, hören, riechen und fühlen. Wir lagen nebeneinander in der prallen Sonne wie Makrelen zum Trocknen. Ich richtete mich halb auf und betrachtete Tom. Weich und weiß war sein Körper. Wie ein Marshmallow, denn ich konnte es mir nicht anders vorstellen, als dass sein Fleisch süß schmecken müsste. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass er damals ziemlich fett war. Damals fand ich seine Rundungen einfach nur schön. Und zwischen seinen Beinen ruhte eine weiße Made in einem rötlichen Nest. Ich konnte nicht anders, ich musste diesen Wurm anfassen.

Tom reagierte nicht auf die Berührung, aber sein Penis wurde langsam steif in meiner Hand. Ich drücke und rieb seinen Schwanz, und nach ein paar Minuten schoss ein Strahl Sperma aus dem Fischmund an der erdbeerfarbenen Spitze. Er hatte kurz aufgestöhnt. Davon wachte Vera auf und sah, was geschehen war. Sie lächelte ihr typisches Lächeln, das in diesem Moment wohl sagte: Gut gemacht. Oder: Nicht wichtig. Danach rückte ich ganz nah an ihn heran, und der Schweiß vermischte sich da, wo sich unsere Haut berührte.

Damals trug ich ausschließlich schwarze Kleidung und hatte mein Fahrrad mattschwarz lackiert, einschließlich aller Metallteile und Chromverzierungen. Sogar die Speichen hatte ich geschwärzt. Und wenn ich nachts durch die stille Stadt fuhr, zog ich manchmal eine schwarze Skihaube über und trug schwarze Schminke rund um die Augen auf. So war ich ein Ninja-Krieger auf geheimer Mission. Lautlos kam ich und unsichtbar. Ein paar Mal gelang es mir, mich an Paare, die im Dunkeln auf den Bänken im Park saßen, heranzuschleichen. Auf weniger als eine Armlänge Abstand. Einmal stand ich direkt hinter zwei jungen Menschen, die sich im Arm hielten und küssten. Nach einer Weile ließen sie voneinander ab, und sie sagte: Mir ist als ob jemand uns beobachtet.

Natürlich war schwarzer Stoff im Sommer unangenehm zu tragen. Ich schwitzte schnell und zog mir dadurch wunde Stellen zu. Vera sagte im zweiten Sommer: Schwarz steht dir nicht. Sie hatte recht. Nur hätte ich mir ihr niemals über Geschmacksfragen diskutiert, weil ich ihren Kleidungsstil unmöglich fand. Sie stand auf starke Farben und kombinierte sie nach undefinerbaren Regeln. Eine grellorangene Weste zu einem pinken T-Shirt war da noch die am wenigsten schlimme Variante. Tom hingegen neigte zu Braun- und Beigetönen. Um ehrlich zu sein: Er besaß ausschließlich Kleidung deren Farbe sich auf der Palette zwischen einem hellen Beige und einem Braun jenseits von Umbra fand. Dann brachte Vera mir zwei T-Shirts und eine Shorts mit – alle Teile in Blau. Seitdem ist das meine Farbe, und ich habe erkannt, dass man auch im karierten Hemd unsichtbar sein kann.

Wir hatten uns über die Zeit an den heißen Tagen und warmen Abenden gegenseitig erzählt, woher wir kamen, was wir mochten, was uns nicht gefiel, wie es uns ging. Vera natürlich nicht, die ließ Tom erzählen. Aber real wurden die Geschichten über die Familienverhältnisse erst als uns Vera vorschlug, mal gemeinsam einen ihrer vielen Onkeln zu besuchen. Der hieß Ewald und war Besitzer des immer noch leerstehenden Wohnblocks. Warum besuchst du ihn? wollte ich wissen. Vera schwieg ein paar Minuten und sagte dann: Der hat was für uns. Am nächsten Tag trafen wir uns an der Endhaltestelle der Linie 12. Onkel Ewald bewohnte ein großes Haus am Waldrand mit stark verwilderten Gärten vorne und hinten. Er lebte allein und hatte eine Haushälterin, die deutlich älter war als er. Dabei ging er auch schon auf die Sechzig zu.

Er öffnete das Gartentor mit dem Summer und wartete oben am Eingang auf uns. Zwei ehemals gefährlich Hunde trotteten uns entgegen, waren aber nicht weiter interessiert. Ewald stand da wie ein Baum, den der Sturm geformt hatte. Schief war er, stark nach rechts geneigt, auf einen Stock gestützt. Die graue Mähne wogte zur entgegengesetzten Seite, und sein Gesicht ähnelte einer erodierten Karstlandschaft. Vera überragte ihn um Kopfeslänge, beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn auf den Mund. Mein Sonnenschein, sagte Ewald und seufzte lange. Uns hielt er die linke Hand hin, die wir nacheinander brav schüttelten. Den da, sagte der Onkel un stieß Tom den Stock vor die Brust, kenn ich. Aber wer ist das? Vera stellte mich vor, was der ältere Bruder ihrer Mutter mit einem langen Vokal kommentierte. Er führte uns durchs Erdgeschoss auf die hintere Terrasse, wo der Tisch schon gedeckt war. Marie hat gebacken, sagte der Hausherr. Sie ist aber nicht da; wohl wieder bei einem dieser Ärzte. Stimmt es, fragte Tom, dass Marie früher dein Kindermädchen war?

Ewald hatte sich langsam auf einen der Stühle an der Gartentafel niedergelassen, sah Tom unter buschigen Augenbrauen hervor an und sagte: Sie ist die Frau meines Lebens. Von meiner ersten Minute an. Wegen ihr habe ich nie geheiratet. Ja, ja, sagte Vera, immer nur zu Nutten gegangen. Der Onkel lachte lautlos. Und ihr, was habt ihr vor? Jetzt gerade, demnächst oder ganz allgemein, fragte Tom. Ich weiß doch, dass ihr dauernd da auf dem Dach seid, weiß ich doch. Ja, hab ich dir erzählt, meinte Vera. Er hielt ihr seine Kaffeetasse hin und sagte: Hab ich nichts dagegen. Sie schenkte uns allen ein, und wir nahmen vom Apfelkuchen, den die Haushälterin bereitgestellt hatte. Nachdem Onkel Ewald sein Stück verzehrt und eine zweite Tasse geleert hatte, setzte er noch einmal an: Also, das Haus steht immer noch leer, und angesichts der Baumängel wird es wohl nie fertiggestellt. Ich habe nun ein Kaufangebot für das Grundstück, das ganze Land bis runter an den Fluss. Einzige Bedingung des Käufers: Das Ding muss weg. Kurz und gut, Mitte September wird gesprengt. Den genauen Termin lass ich dich wissen, Verakind. Nicht das ihr aus Versehen auf dem Dach liegt, wenn der Sprengmeister den Hebel drückt.

So ging die Zeit auf dem Dach zu Ende. Aber auch meine Ära als Ninja war mit diesem Sommer vorbei. Ich wollte ein eigenes Auto und fand durch Zufall einen Kleinbus, einen Bedford, den man damals bei Opel kaufen konnte. Meiner war blassgelb lackiert und hatte 65 PS. Nachdem mich Ulf wieder einmal angegriffen hatte, beschloss ich, in meinem Bus zu wohnen. Mit diesem widerlichen Haufen, der meine Familie darstellen sollte, wollte ich nichts mehr zu tun haben. Also riss ich die zweite Sitzbank heraus und legte den gesamten Laderaum mit einer Schaumstoffmatratze aus. Beim Gebrauchtmöbelhöker fand ich eine Kommode, die quer exakt passte unter hinter den Vordersitzen Platz fand. Natürlich versah ich die hinteren Scheiben mit Gardinen und legte Licht für eine zweite Lampe im Laderaum. Mein Standort wurde der Parkplatz gleich beim Hangar meines Arbeitgebers. Duschen konnte ich in den Umkleideräumen und zum Essen ging ich meist in die Kantine. Mir war klar, dass der Bedford der zweite Ort im gemeinsamen Leben mit Vera und Tom werden würde.

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publiziert am 27.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 425x gelesen ¦ noch kein Kommentar