Das Dach (3)

Eines Abends in unserem ersten Sommer standen wir an der Dachkante. Es hatte den ganzen Tag über sanft geregnet, ein warmer Regen, der die Luft gewaschen hatte. Und stand der Dunst über den Pfützen, oben war es glasklar. Es war einer der einfachsten Momente auf dem Haus unter dem Himmel. Ganz nah standen wir an der Brüstung und beugten uns ab und an hinüber, um in den Abgrund zu blicken. Da begann ich ganz unwillkürlich, eines meiner Lieder zu singen. Das hatte ich noch nie vor anderen Menschen getan. Ich summte mehr als dass ich sang, und Vera und Tom reagierten angemessen, indem sie mich einfach in Ruhe singen ließen. Ich wurde lauter und fand Worte bis der Song zu Ende war. Spielst du ein Instrument? fragte Vera. Ja, Sampler und Sequencer, antwortete ich. Vera sah Tom fragend an.

Elektronische Instrumente, erklärte ihr Freund, du kannst damit Töne und Schleifen aufnehmen, verändern und abspielen. Benutzen manche Popmusiker zum Komponieren. So mit Tasten? hakte Vera nach. Moment, sagte ich, holte meinen Rucksack und zeigte den Beiden den Casio, den ich immer bei mir hatte. Spiel mal was, befahl Vera. Ja, unterstützte Tom, bitte sing und spiel uns was. Wie soll ich es erklären? Meine Musik war anders als alle Musik, die ich kannte. Aus irgendeinem Grund entstanden bei mir andere Arten von Melodien in unbekannten Tonarten. Und die Rhythmen aus dem kleinen Synthi waren auch ungewöhnlich. Meine Texte bestanden aus einzelnen Wörter, nicht aus Geschichten. Ich kann keine Geschichten. Also spielte ich Vera und Tom ein Lied vor, das ich “Lost” nannte, ein langsames, gebrochenes Stück. Beim Singen schloss ich die Augen. Und als ich sie wieder öffnete, hatten meine Freunde Tränen in den Augen. Das war so schön, sagte Tom. Und Vera nickte nur langsam. Du bist ein Künstler, erklärte Tom lapidar.

Von diesem Zeitpunkt an komponierte ich meine Lieder immer nur für die Beiden. Das ist auch heute noch so. Deshalb tauchen in den Credit meiner Alben immer “V+T” auf. So hieß dann auch das erste Album, das ich viele Jahre später in meinem Home-Studio aufnahm. Tom hatte meine rudimentären Texte bearbeitet. Die Vorlage für das Cover kam von Vera. Eine Bleistiftzeichnung, die ein einsames, quadratisches Haus von oben mitten in einem Dschungel zeigt. “Das Dach” nannten wir das Werk, das nicht besonders erfolgreich war.

Davon waren wir auch im zweiten Sommer noch weit entfernt, in diesem langen, heißen Sommer, den alle zu Beginn freudig begrüßten, weil es das ganze Frühjahr über kalt und regnerisch gewesen war. Aber schon Anfang Juli ging allen die Hitze auf die Nerven. Trotzdem trafen wir uns nun beinahe jeden Tag gegen vier oder fünf auf dem Dach. Meist lagen wir einfach in der Sonne. Vera und Tom rauchten gelegentlich. Wir hatten kalte Getränke dabei, und zwischendurch unterhielten wir uns ein bisschen. Irgendwann hatte Vera die Radlerhose ausgezogen und ihren Körper ganz der Sonne gezeigt. Nahtlos braun, hatte sie das kommentiert. Eines Tages kam ich später, und da lag auch Tom nackt im Halbschatten des Ausstiegs. Ich zögerte, aber dann tat ich es ihnen nach. Bis dahin hatte ich noch nie einen anderen Menschen ganz nackt gesehen.

Zeig mal, sagte Vera, und untersuchte die blauen Flecken auf meinem Rücken. Das war ein paar Tage, nachdem mich Ulf zum ersten Mal richtig verprügelt hatte. Von Anfang an war ich dem Sohn meines Stiefvaters aus dem Weg gegangen, diesem dummen, groben Kerl, gut ein Jahr älter als ich, aber viel größer und doppelt so schwer. Ein Schläger, vor dem alle Mitschüler Angst hatten. Immer wenn der neue Mann meiner Mutter schlechte Laune hatte, ließ er das auf die eine oder andere Art an Ulf aus. Und irgendwann hatte mein Stiefbruder beschlossen, seinen Frust an mir abzuarbeiten. Er lauerte mir regelrecht auf. Passte genau den Zeitpunkt ab, an dem ich von der Arbeit kam. Dann beschimpfte und beleidigte er mich und gab mir Ohrfeigen. Ich ließ es geschehen und reagierte gar nicht. Dann hörte er auf, und ich konnte ins Bett gehen und mich ausschlafen.

Aber an jenem Tag hatte er mich regelrecht überfallen. Und während er auf mich eindrosch, rief er immer wieder: Wehr dich! Wehr dich endlich! Aber ich wehrte mich nicht, sondern versuchte mich klein zu machen, meinen Kopf zu schützen, mich noch kleiner zu machen, unsichtbar, verschwunden. Sieht bös aus, sagte Vera. Halb so schlimm, antwortete ich, hab nichts gebrochen, keine Platzwunden. Sie hockte neben mir auf den Fersen und ich hatte ihren dichten Busch vor den Augen. Tom schlief, den Kopf im Schatten, dessen Grenze quer über seine Brust verlief. Ich rückte neben ihn. Seit dem Abend zuvor war ich endgültig verliebt in ihn. Weil er eine Geschichte erzählte hatte, die mich ganz und gar gefangen genommen hatte. Wie sollte man nicht in einen Geschichtenerzähler verliebt sein? Es ging um eine Frau, die über viele Jahre auf der ganzen Welt nach ihrer Tochter suchte:

Es handelt sich um die Königin Karamella III., deren Reich von wilden Horden überrannt wurde. Natürlich setzten die Eroberer sie ab. Schlimmer aber war, dass die Wildesten der Horde, ihre Tochter entführten, die Prinzessin Selemalla, gerade einmal sieben Jahre alt. Kaum hatten die Besatzer eine neue Regierung eingesetzt, ließ man die Königin frei, und sie machte sich auf den Weg, ihre Tochter zu finden. Zuerst ging sie nach Afrika und durchquerte den riesigen Kontinent von Nord nach Süd. Dafür brauchte sie siebzehn Monate und sieben Tage. Weil sie keinen Besitz mehr hatte, konnte sich sich natürlich keine Flugtickets oder Bahnfahrkarten leisten, sondern musste wandern oder darauf hoffen, dass jemand sie mitnahm. Aber sie fand Selemalla nicht. Also durchquerte sie Afrika auch noch von West nach Ost. Sieben Monate und siebzehn Tage dauerte diese Reise, die wieder erfolglos endete. In allen Städten und Dörfern sprach sie die Menschen, zeigte ihnen eine Zeichnung der Prinzessin und fragte, ob jemand wisse, wo sie sei. Aber überall schüttelten die Menschen nur die Köpfe.

Selemalla aber hatte sich über die Jahre bestens eingelebt bei den Nomaden. Sie ritt wie der Teufel durch die Steppe, konnte bestens mit Pfeil und Bogen umgehen, war geschickt bei der Jagd und lebte gern in der Jurte bei der Familie des Kriegers, der sie mitgenommen hatte. Bald erinnerte sie sich kaum noch an ihr altes Leben. Nur manchmal dachte sie noch an ihre Mutter, und dann weinte sie leise, draußen vor dem Zelt unter dem weiten Himmel. Mit fünfzehn wurde sie vermählt. Ihr Gatte war ein Enkel des greisen Hordenführers. Ein gut aussenhender starker Kerl, lieb und gutmütig. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, er sei nicht der Hellste und brauche unbedingt eine kluge Frau. Da hatte man mit der Prinzessin die richtige Wahl für ihn getroffen. Wann immer es etwas zu schlichten, zu richten oder zu entscheiden gab, besprach er sich ausführlich mit Selemalla, die er Dschuschi nannte, das heißt in der Sprache der wilden Horde “mein Liebstes auf der Welt”, denn Dschungan liebte sie wirklich von ganzem Herzen. Und weil alles, was das Paar zusammen entschied vernünftig und gut war, übergab der Großvater sein Amt an Dschungan . Dies mit der ausdrücklichen Anweisung, seine Dschuschi bei Entscheidungen immer zu befragen und auf sie zu hören.

Karamella hatte inzwischen Arabien durchquert und Afghanistan und kam nach Samarkand. Wie immer, wenn das Bildnis der Prinzessin verblasste, suchte sich nach einem Zeichner, der eine Kopie anfertigte, sodass das Gesicht der Tochter immer erkennbar blieb. Und wie immer begab sie sich nach der Ankunft auf den Markt, um dort Essbares zu erbetteln und vielleicht zu erfahren, wo sie ein Dach über dem Kopf finden könnte. Wie es der Zufall will, stieß sie zwischen den Ständen auf Antal Katschurijew, den berühmtesten Künstler des Landes. Er nahm ihren Zustand wahr und lud sie zum Essen in einer Garküche ein. Da erzählte sie ihm ihre Geschichte. Zeigte ihm das Porträt und bat ihn, eine Kopie zu zeichnen. Der schwere Mann mit dem gewaltigen schwarzen Bart lachte und lud sie ein, ein paar Wochen bei ihm zu wohnen. Er werde nicht nur das alte Bild abzeichnen, sondern außerdem eine Zeichnung herstellen, die zeigen könnte, wie die Prinzessin jetzt, also fast zehn Jahre nach der Entführung aussähe. Sie willigte ein, und in der Nacht schliefen sie miteinander.

Die Königin blieb siebzehn Wochen bei Katschurijew, der sich sehr in sie verliebt hatte, aber wusste, dass sie aufbrechen würde, sobald die Bilder fertig seien. Deshalb ließ er sich Zeit. Aber dann musste er sie ziehen lassen. Vorher hatte er eine Überraschung für Karamella. Er hatte von der Zeichnung, auf der die erwachsene Prinzessin zu sehen war, Tausende Flugblätter drucken lassen, mit denen die Menschen gebeten wurden, sich zu melden, wenn jemand wüsste, wo sich Selemalla aufhielte. Die Zettel hatte er auf den Märkten und in den Gasthäusern an fahrendes Volk verteilen lassen. Und bald hatte jeder zwischen Samarkand und Sibirien das Bildnis der verlorenen Prinzessin gesehen. Karamella dankte Antal überschwänglich und versprach, zu ihm zurückzukehren, sobald sie ihre Tochter gefunden habe. So zog sie in die Steppe.

Einer der Händler, die das Flugblatt angenommen hatten, war der Spiegelhändler Tschu, der mit seinem Ochsenkarren in Richtung Alma Ata unterwegs war und an irgendwann im Mai auf die wilde Horde traf, die sich zu den Sommerweiden aufgemacht hatte. Tschu war ein Liebling der Frauen, denn außer Spiegeln bot er allerlei Bürsten, Kämme, Broschen und Glöckchen an, dazu geheime Tinkturen für die Schönheit und Fruchtbarkeit. Weniger beliebt war er bei den Männern, weil es hieß, dass er die Frauen verführte und mit ihnen Sex hatte. Da trat die Prinzessin an seinen Verkaufsstand. Gekleidet wie die Nomaden in Leder und Felle, die Haare wild und hüftlang, das Gesicht von der Sonne verbrannt mit Schwielen an den Händen. Tschu erkannte trotzdem sofort, dass dies die Prinzessin sein müsste. Ihre Mutter sucht Sie, sprach er und zeigte Selemalla den Zettel. Sie brach sofort in Tränen aus und lief davon. Wenig später stand Dschungan an seinem Karren und fragte, wo denn die Königin jetzt sei.

Kaum hatte er seine Frage gestellt, erschien eine einsame Silhouette am Horizont hinter den Schleier der ewigen Sandwinde. Und tatsächlich war es Karamella III. die sich dem Lager der Nomaden näherte. Natürlich erkannte sie ihre Tochter trotz der fremdartigen Kleidung und der Tatsache, dass sie zu einer großen und schönen Frau herangewachsen war. Die Freude war groß, und auch der Stamm teilte diese Freude, auch wenn bald einige davon munkelten, jetzt würde Selemalla sie wohl verlassen und mit der Mutter in ihre Heimat zurückkehren. Aber da hatte die Prinzessin der Königin schon erklärt, dass sie unbedingt bei ihrem Gatten und der Horde bleiben wolle. Schließlich sei sie jetzt schon seit siebzehn Jahren Teil des Clans und fühle sich wohl. Da weinte Karamella zuerst, fand dann aber eine königliche Lösung.

Sie zog zu Antal nach Samarkand und nahm der Tochter und dem Schwiegersohn das Versprechen ab, jedes Jahr im Winter für ein paar Wochen in die Nähe der großen Stadt zu kommen, sodass sich Mutter und Tochter sehen könnten. Und schon im kommenden Winter löste die Horde dieses Versprechen ein, und die Königin hatte die Gelegenheit, ihr erstes Enkelkind, einen Sohn namens Dschabandi kennenzulernen. So lebten alle glücklich auf ihre Weise bis an das Ende ihrer Tage.

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publiziert am 24.03.17 in Vera, Tom & ich ¦ 452x gelesen ¦ noch kein Kommentar