Feuerfest (1): Detonationen

Natürlich hatte Greiper die Explosionen gehört. Hatte er doch in dieser schwülen Sommernacht die Terrassentür offen gelassen, ja, sogar erwogen, unter freiem Himmel zu übernachten. Gegen halb drei war er zum zweiten Mal auf der Toilette, gegen Viertel nach vier weckten zwei Donnerschläge, die mit kurzem Abstand voneinander das Haus erzittern ließen. Er schaltete sofort den Empfänger ein, der er ohne Genehmigung hatte mitgehen lassen, um immer über die Einsätze der Kollegen informiert zu sein und hörte noch den Rest der Durchsage: “…in einer Gaststätte am Regentenplatz zwei Detonationen…”. Es dämmerte leicht, und die Nacht war erfüllt von den Sirenen der Einsatzkräfte von Feuerwehr und Bereitschaftspolizei als sich angezogen hatte und auf dem Weg zum Ort des Geschehens war.

Zwei Wochen zuvor hatte er Elle in den Feuerzirkus des weltberühmten Flammenzauberers Lorenzo Bhy eingeladen. Dem hatte man auf einem der Messeparkplätze ein Amphitheater errichtet, ein transportables Halbrund für fast 3000 Zuschauer auf steilen Rängen, die freien Blick auf die Spielfläche hatten. Martin Eichner hatte ihm seine VIP-Tickets geschickt, weil er in der ganze Zeit des Gastspiels keinen freien Termin für solches Amüsement – wie er es ausdrückte – hatte. Zumal sich der Wahlkampf seinem medialen Höhepunkt näherte, der fast ganz auf seine Person zugeschnitten war. Greiper hatte die Karten vom Parteivorsitzenden, der praktisch Nachbar war, gerne angenommen, und Elle hatte sich ihm, wenn auch mit einigen Sicherheitsbedenken, angeschlossen. Sie saßen in der dritten Reihe relativ weit außen neben einem großgewachsenen Herrn in Greipers Alter, der die Show anscheinend aus fachlichem Interesse sah und sich, als man sich in der Pause vorstellte, als Hauptbrandmeister Brandt herausstellte.

Lorenzo Bhy zauberte mit Feuer und Glut, und man konnte nie wissen, ob tatsächlich etwas brannte oder ob es sich um Projektionen handelte, denn das er mit einer Mischung aus realem und nur digital erzeugtem Feuer arbeitete, das war bekannt. Der Magier ließ zunächst Gegenstände in den Flammen verschwinden, um sie an anderen Orten, unter anderem einem transparenten Würfel voller Wasser, wieder erscheinen zu lassen. Dann warf er Tauben ins Feuer, Kaninchen, Katzen, Hund und sogar ein Pony, aber alle Tiere tauchten an anderer Stelle wohlbehalten auf – eines der Meerschweinchen, dass Bhy geopfert hatte, sogar direkt vor Elles Füßen, die es einem Helfer übergab. Aber als der große Lorenzo eine Freiwillige aus dem Publikum suchte, dann machte sich Roberts Freundin ganz klein, um auf keinen Fall eingeladen zu werden. Den Abschluss bildete ein grandioses, ungewöhnliches Feuerwerk direkt über der Arena, bei dem starke Scheinwerfer die Wirkung der Funken und des Glitters unterstützen, und ganz am Ende ließ der Meister eine gut und gerne dreißig Meter hohe, kompakte Feuersäule in den Nachthimmel steigen, die eine derartige Hitze ausstrahlte, dass das Publikum kollektiv aufschrie und sich die Menschen auf ihren Sinn an die Lehnen drängten.

Elle war froh, die Veranstaltung unbeschadet überstanden zu haben, und als sie auf dem Dach ihres Wohnboots saßen, um noch einen Absacker zu trinken, erzählte sie ihm von ihrer Angst vor dem Feuer. Sie sei sich nicht sicher, ob es ein Traum gewesen sei oder ob sie es als kleines Kind tatsächlich erlebt habe, aber sie können das Bild nicht vergessen, als an der Allee ganz außen im Park drei der hohen Pappeln lichterloh brannten wie gewaltige Fackeln. Wenn es ein Traum war, so Elle, dann einer, den sie schon seit vielen Jahren träumte, immer mit identischen Bildern und dem Gefühl, ihr Vater stünde hinter ihr, während sie voller Furcht die brennenden Bäume vor sich sähe. Deshalb habe sie genau zwei Phobien, die sie quälten und gegen die sie bald anzugehen gedenke: Arsonphobie und Höhenangst. Greiper war sich sicher, dass Elles Unbehagen, sich an erhöhten Orte aufzuhalten, letztlich der Grund dafür war, nicht zu ihm in die für eine Person viel zu große Wohnung über den Dächern seines Viertels und mit Blick auf den Park zu ziehen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, denn ihm war es aus vergleichbaren Motiven unmöglich, auf dem Wasser zu wohnen.

Das Lokal war nur noch eine samtig-schwarze Höhle, ein jedes Licht verschlingendes Loch in der Fassade, auf die Flammen rund herum schwarze und graue Zungen gemalt hatten. Vor dem WeinFein breitete sich ein Teppich bis an den Rand des Platzes aus, der sich Hunderten Scherben in Weiß, Grün und Braun aus, die Reste der Weinflaschen in den Regalen und der Schaufensterscheiben zusammen, der im Licht der Starken Scheinwerfer der Feuerwehr glitzerten. Später entdeckte Greiper klingenlange, spitz zulaufende Scherben in den Baumrinden, die dort steckten als habe ein Messerwerfer sie geschleudert. Teile des Inventars fand später noch hinter dem gläsernen Pavillon mit dem Zugang zur Tiefgarage.

Die Einsatzkräfte hatten ein Karree rund um den Ort des Geschehens mit Flatterband abgesperrt, obwohl nur drei, vier Nachbarn ernsthaft Interesse an der Sache hatten und gafften. Greiper meinte aber, ein paar von den Jungs gesehen zu haben, die an den Gittern des Bolzkäfigs empor geklettert waren, um das Geschehen von oben zu betrachten. Und dann sah er HH, seinen ehemaligen Assistenten, der Kripobeamte, den er ausgebildet hatte und der während seiner Auszeit die Vertretung übernommen hatte. Kommissar Hubertus Heine, den alle nur mit seinen Initialen ansprachen, stand da in seinem lächerlichen Trenchcoat mit einem lächerlichen Notizblock wie ihn die Detektive in US-Filmen immer dabei haben und befragte einen Feuerwehrmann. Weil der im Vergleich zum über zwei Meter langen HH Normalmaß hatte, musste sich der Kommissar hinab beugen, was er so intensiv tat wie er im Dienst fast alles mit übertriebener Geste tat.

“Hallo, Herr Hauptkommissar”, sprach ihn ein Beamter an der Absperrung an, “übernehmen Sie die Ermittlungen?” Greiper strich sich den Schnurrbart und sah den Kollegen lange an: “Nein, bin außer Dienst. Nur aus privatem Interesse hier.” Er war froh, dass sich die Geschichte seiner Auszeit im Präsidium nicht herumgesprochen hatte. Burnout, pah! Elle war es, die seinem Zustand dieses Etikett verpasste: “Du hast einen Burnout, Liebster, du brauchst eine Auszeit.” Er hatte sich aufgeregt: “Blödsinn! Neumodischer Scheiß! Hab ein paar Mal zu wenig ausgeschlafen. Das ist alles.” Sie hatte ihn am Arm gegriffen und direkt in sein Gesicht gesagt: “Lüg dir doch nicht wieder in die Tasche. Seitdem wir wieder ein Paar sind, hast du durchgehend zu wenig geschlafen, zu viel getrunken, vorwiegend Scheißfraß zu dir genommen und pausenlos an den Job gedacht. Das hält der stärkste Bulle keine vier Jahre durch, mein Lieber. Da wehrt sich der Körper.” Er wusste, dass seine Freundin absolut Recht hatte. “Nur rumgehurt hast du anscheinend nicht, sonst hättest wenig ein bisschen Spaß gehabt,” fügte sie hinzu.

Er fühlte sich nicht ausgebrannt, weil er nie das Gefühl verspürt hatte zu brennen. Nicht für seinen Job und schon gar nicht für die Organisation, die sich Polizepräsidium nennt. Die größte Qual war in den vergangenen rund fünf Jahren gewesen, unter der Leitung von Hirseler arbeiten zu müssen, diesem bösartigen Polizeipräsidenten mit dem Wuschelkopf, der nichts anderen in dieser Birne hatte als die eigene Karriere, die ihn möglichst rasch auf den Stuhl des Innenminister des Landes führen sollte. “Keine Chance hat der,” erklärte ihm der Martin Eichner immer wieder, “der hat keinerlei Lobby in seiner Partei.” Vermutlich wusste Manfred Hirseler das insgeheim auch schon, und je unwahrscheinlicher eine politische Karriere wurde, desto unberechenbarer ging er mit dem Beamten um, desto mehr schikanierte er jeden, der nicht zu Hundert Prozent angepasst war oder ihm regelmäßig in den Arsch kroch. Dabei war Roberts Greipers Erfolsgrezept im K11 über die zweiundzwanzig Dienstjahre bei der Kripo, die Fälle unkonventionell zu berbeiten, handwerklich sauber zwar, aber mit eher ungewöhnlichen Methoden. Dienstrechtlich hatte ihm nie jemand etwas anhaben können, und der Vorgänger vom Hirseler hatten über viele Jahre seine schützende Hand über Greiper gehalten und ihn systematisch gefördert.

Auf dem Weg zu HH, der jetzt in seinem albernen Block vor- und zurückblätterte, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. “Hallo, Herr Greiper, dass wir uns so schnell wieder treffen würden…” Hauptbrandmeister Brandt war natürlich im vollen Ornat seiner Uniform erschienen und lächelte sanft. “Sie ermitteln?” Greiper schüttelte den Kopf: “Nicht mein Ressort. Wohne ja hier in der Nachbarschaft und habe den Knall gehört.” Brandt wedelt mit dem Zeigefinger: “Es gab zwei Detonationen. Die eine sprengte den Laden von innen her in die Luft, die andere löste den Brand aus.” Der Hauptkommissar a.D. nickte bedächtig und bewegte den Kopf dann Richtung HH. “Weiß der das auch schon?” Der Hautbrandmeister zuckte mit den Schultern: “Keine Ahnung, was ihm der Einsatzleiter erzählt hat.” Es entstand eine Pause. “Tja, ein Anschlag, würde ich sagen. Rechts- oder linksextremer Hintergrund. Tippe auf die Antifa-Autonomen. Die schwarzen Chaoten, die zündeln ja gern mal…” Greiper sah ihn erstaunt hat: “So weit ich weiß sind es doch die Nazis, die ständig zündeln.” Aber Brandt war sich sicher: “Die Sache ist doch klar. Nächste Woche sollte doch dieser Paladin, Gero Paladin, hier aus seinem Buch lesen. Sie wissen schon, dieser ehemalige Minister, der als erster den Mut hatte über die islamische Unterwanderung zu sprechen.”

Da hatte sich Greiper schon angewidert beigedreht und steuerte auf HH zu. “Na, mein Lieber, alles im Griff?” Sein ehemaliger Adlatis erschrak und ließ den Schreibblock fallen. “Äh, Chef, was machen Sie denn hier?” Und klaubte seine Sachen wieder auf. “Nur mal gucken, was passiert ist hier in meiner Nachbarschaft. Dass es zwei Explosionen waren, wissen Sie? Eine hat das Ding gesprengt, die andere in Flammen gesetzt.” HH erstarrte in Bewunderung: “Woher wissen sie das denn?” Greiper schmunzelte milde. “Irgendwelche Personenschäden?” Sein Stellvertreter blätterte in den Notizen. “Bisher ist nicht bekannt, das sich zum Zeitpunkt des Anschlags jemand im Lokal aufhielt. Aber die Brandermittler der Feuerwehr wühlen sich gerade durch die Nebenräume.”

Bisher hatte Greiper es nur einmal mit einer verkohlten Leiche zu tun, und er erinnerte sich sehr ungern daran. Nicht einmal das Aussehen hatte er schwer erträglich gefunden, denn der durch die Hitze geschrumpfte und verkrümmte Körper hatte etwas Abstraktes an sich gehabt, hatte ihn an einen schwarzen Engerling erinnert. Aber der Gestank hatte bei ihm starken Ekel ausgelöst. Er hatte sich danach immer wieder gefragt, warum nur verbrannte Menschen diesen fürchterlichen Geruch verbreiten, nicht aber ein Stück Fleisch, das man auf den Grill wirft. Selbst wenn es dabei von Flammen erfasst wird, riecht ein Stück Schweinenacken appetitanregend. Ein Kollege von der Autobahnpolizei hatte ihm einmal erzählt, dass verbrannte Tiere auch so stinken. Er habe schon mehrfach an ausgebrannten Viehtransportern Dienst tun müssen. Und vermutete, dass der Geruch entsteht, wenn das Wesen noch lebt, während es schon brennt, dass es vielleicht das Blut und die anderen Körperflüssigkeiten sind, die für den Gestank verantwortlich sind.

“Was haben Sie denn gedacht, als Sie den Knall gehört haben?” – “Es gab zwei Detonationen! Mein erster Gedanke war: Gasexplosion. Irgendeines der alten Häuser hier am Platz wäre in die Luft geflogen. Branko vom Brauereiausschank hatte neulich geklagt, die ganze Installation sei marode. Oder die angeranzte Küche von Kostas im Sebastianus Hof, wo noch Vorkriegsherde stehen. Aber, einen Anschlag… Ist denn sicher, dass es sich um einen Anschlag handelt?” HH kratzte sich mit der falschen Seite seines Stiftes am Kinn und hitnerließ dabei kurze dunkle Striche. “Da sollten wir zunächst den Bericht der Feuerwehr abwarten. Meinen Sie nicht, Chef?” Greiper nichte. “Ich geh dann mal wieder. Macht es Ihnen was aus, mich auf dem Laufenden zu halten, HH?” – “Nein, Chef, natürlich nicht. Ich erstatte täglich Bericht.” – “Machen Sie mal halblang. Ich bin immer noch außer Dienst.” Und verließ den Tatort, ohne den Hauptbrandmeister noch eines Blickes zu würdigen.

Sehr alte Zeiten: An einem Freitag im November ließ Antonius Jeroen Grijpstra im Standesamt der Stadt, in der nur schon über sechs Jahre lebte, seinen Namen ändern. Er wolle nun Greiper heißen. Er hatte allerlei Dokumente über seine Herkunft beigebracht, und der Beamte zögerte nicht lange, dem Gesuch des ehemaligen Niederländers zu entsprechen. Schon vor einem Jahr war er als Bewohner der Rheinprovinz preußischer Staatsbürger geworden und hatte so einen Schlussstrich unter seine Emigration gezogen. Dass er die Namensänderung an diesem 9. November des Jahres 1894 vollzog, hatte seinen Grund in der Tatsache, dass seine Gattin Hedwig kurz vor der Niederkunft stand. Noch im November würde also sein erstes Kind geboren werden, und Antonius, den sie in der Nachbarschaft Tünn nannten, wollte, dass dieser Nachkomme von Anfang an Deutscher sein sollte. Er selbst war, wie sein Vater Boudewijn, sein Großvater und sein Urgroßvater zuvor, auf der karibischen Insel Aruba geboren, also Spross einer Kolonialistenfamilie.
Aus den Papieren, von denen er vor seiner Übersiedlung hatte Abschriften erstellen lassen, ergab sich, dass es wohl ein gewisser Adriaan Gerrit Kerckebosch gewesen war, der im späten siebzehnten Jahrhundert von Rosendaal aus in die Kolonien gezogen war, um dort ein Geschäft zu eröffnen. Dieser war kinderlos gestorben, und seine Frau Saskia hatte dann einen Grijpstra geheiratet, von dem sie elf Kinder empfing. Nur sechs davon erlebten das Erwachsenenalter.
Tünns Opa, der Mijnheer Jacob Adolphus Grijpstra, hatte ihm gerne Geschichten aus den alten Zeiten erzählt. Da war die Rede von einem florierenden Handelsunternehmen, das nicht nur im Warenverkehr zwischen den Antillen und dem Mutterland tätig war, sondern im Oranjestad des achtzehnten Jahrhunderts gleich vier Ladengeschäfte und zwei Marktstände betrieb. Bei Seeleuten war vor allem das Bekleidungsgeschäft beliebt, in dem die Grijpstras Matrosentrachten aus aller Welt anboten. So kam es, dass der Name der Familie auf Tausenden Schiffen bekannt war und einen guten Ruf genoss.
Anscheinend war es aber um 1780 herum zu einem Brüderstreit gekommen, denn etwa in diesen Jahren trugen die Geschäftsbücher des Kleiderladens wieder den Namen Kerckebosch. Die Grijpstras hatten sich wohl ganz dem Handel mit Lebensmitteln gewidmet und im Jahr 1869 ein Handelshaus in Vlissingen eingerichtet, an das sie Kolonialwaren karibischer Herkunft lieferten. Und genau diese Filiale übernahm der damals 24-jährige Boudewijn und siedelte im Mai 1871 mit seiner jungen Frau und dem ersten Sohn in die Provinz Zeeland um.
Antonius war im Vorjahr gerade erst drei Jahre alt geworden. Ein strammer, blonder Bub, den satt zu bekommen seiner Mutter bisweilen schwerfiel. Die hatte ihn im Alter von siebzehn Jahren und dreizehn Tagen geboren, und der Pastor in der calvinistischen Großkirche von Oranjestad hatte die Eltern, die in inniger Liebe verbunden waren, nur wenige Tage zuvor getraut, sodass Tünn ehelich geboren wurde. Und so wie seine Mutter es mit ihm in den Kleinkindertagen nicht leicht hatte, bereitete er seinen Eltern später oft Sorgen. Mit sechs Jahren hatte er Größe und Gewicht eines Zehnjährigen, Konflikte trug er stets mit Gewalt aus, und seine laute Stimme war in der ganzen Kasteelstraat, wo die Familie gleich gegenüber der Kirche ein herrschaftliches Stadthaus bewohnte, bekannt. Wann immer sein Kindermädchen, die dunkelhäutige Madeleen, nicht aufpasste, riss er aus und trieb sich bis in die Nacht im Hafen oder am Südstrand bei den Fischern herum.

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publiziert am 22.05.17 in Feuerfest ¦ 370x gelesen ¦ noch kein Kommentar