Feuerfest (2): Ernährung

Weit kam er nicht. Er hatte den Platz kaum zur Hälfte überquert, da spürte er einen Begleiter an seiner Seite, der zu ihm aufschloss. Der Hauptbrandmeister kam ihm nahe, und genau das mochte der Hauptkommissar nicht. Fehlt nur noch, dass er sich bei mir einhakt, dachte er. “Wissen Sie”, begann der Feuerwehrbeamte, “so lange es keinen Personenschäden gab, ist für uns ein solcher Vorfall schnell abgeschlossen. Zahlt ja eh am Ende die Versicherung. Und wer warum den Brand gelegt hat, ist für uns unerheblich. Unsere Ermittler arbeiten lediglich der Polizei zu.” Greiper war stehengeblieben: “Und warum erzählen Sie mir das jetzt?” Brandt lächelte dünn: “Vielleicht sollten ihre Leute erstmal die Füße stillhalten.” Der Kripomann drehte sich zu seinem Begleiter um: “Wenn ich Sie richtig verstehe, möchten Sie, dass sich die Legende von den bösen Autonomen durchsetzt. Und das weckt meine Neugier, Herr Brandt. Offiziell habe ich mit der Sache nichts zu tun, weil ich vorübergehend außer Dienst gestellt bin. Aber ich kenn mich hier im Viertel aus. Auf Wiedersehen…” Und ließ den Hauptbrandmeister einfach stehen.

Natürlich würde er als erstes im Jugendzentrum hinten am Bahndamm vorbeischauen, das als Basis linksextremer Leute galt, als Hauptquartier des Schwarzen Blocks, Zentrale der Autonomen und Schaltstelle der hiesigen Antifa. Nicht dass er wirklich glaubte, die Kinder dort könnten mit dem Anschlag etwas zu tun haben. Aber er wollte sichergehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er im Autonomen Zentrum auftauchen würde. Die Leute, die dort wohnten, kannten ihn schon seit dem Fall des verschwundenen Ocho vor zwei, drei Jahren. Damals hatte ihn William Williams, der Betreiber des Paketshops am Platz gebeten, nach seinem Sohn zu suchen; er fürchtete, der damals Sechzehnjährige könnte in radikale Kreise abgerutscht sein. Selbstverständlich begegnete man dem Bullen mit Misstrauen und wollte ihn zunächst nicht hereinlassen. Also verhandelte er mit einer dreiköpfigen Delegation in der Toreinfahrt. Beim zweiten Mal empfing man ihn schon im Innenhof, und beim nächsten Mal ließ man ihn hinein. Stalin nannten sie ihn wegen seines schwarzen Schnurrbartes, aber das sein Schnäuzer die Menschen dazu trieb, ihm Spitznamen anzuhängen, das war Robert gewohnt.

Genau der besagte Ocho löste sich nun aus dem Schatten der Büsche und kam auf ihn zu. Sie begrüßten sich mit einem komplizierten Ritual, einer Mischung aus Handschlag und Ghettofaust. “Was geht?” begann der Sohn des nigerianischen Geschäftsmann. “Was geht, Mann”, antwortete Greiper. Sie schlenderte gemeinsam Richtung S-Bahnhof, und es dauerte einen Moment, bis Ocho nachfragte: “Was ist passiert?” – “Wonach sieht es denn aus?” – “Bumm!” – “Genau.” Der junge Mann nickte bedächtig. “Und, wer war’s?” – “Gegenfrage: Habt ihr was gesehen?” Ocho steckte die Fäuste so tief in die Taschen, dass Greiper fürchtete, er könne sich dabei versehentlich die viel zu große Hose ausziehen. “Nein, nichts gesehen. Nur was gehört.” – “Na ja, alle Menschen mit halbwegs gesundem Gehör im Umkreis von vier, fünf Kilometern haben den Knall gehört…” – “Es waren zwei Knalls, oder sagt man Knalle?” – “Explosionen. Oder meinst du, ihr wisst wieder etwas zum Attentat, was die Cops nicht wissen?” – “Könnte gut sein, Mann, könnte wirklich gut sein.” – “Also, erzähl, mein Sohn.” Sein Gesprächspartner wand sich ein bisschen, rückte die Basecap ein wenig zurecht und sagte: “Geht nicht. Zu heiß.” – “Waren es die Chaoten?” Ocho zog die Schultern hoch. “Ich muss jetzt mal schlafengehen, Bulle. Wichtige Geschäfte warten heute noch auf nich. Man sieht sich.”

Erstaunlicherweise brauchte Greiper nur eine Flasche Bier, um jetzt gegen sechs Uhr bei taghellem Himmel in seinem viel zu großen Bett einzuschlafen. Erst gegen halb zwölf wachte er wieder auf und restaurierte sich mit Hilfe einer Dusche samt Haarwäsche, einer Rasur und einer brutalen Tasse Kaffee. An normalen Tagen in dieser verfluchten Auszeit würde er nun entscheiden, zum Aquafit zu gehen, ins Sportstudio, einfach so schwimmen, einen Spaziergang zu unternehmen oder schon mit den ersten Gläsern Altbier zu beginnen. Aber dieser Tag war nicht normal. Dieser Tag war fast wie früher. Und so landete er bei Branko im Wolf am Platz, dieser Filiale einer der wichtigsten Hausbrauereien der Stadt, die schon so viele Metamorphosen durchlaufen hatte. Vermutlich war sein serbischer Freund der erste seriöse Pächter seit dreißig oder vierzig Jahren. “Und, was sagst du?” Der schwere Kerl mit dem schwarzgrau marmorierten Vollbart und der schlecht rasierten Glatze putze weiter an einem Weinglas herum und sagte nur: “Die arme Frau…” – “Was,” schrie ihn Greiper an, “welche Frau, was ist passiert?” – “Hast du nicht gehört? Haben die doch hinten im Lager die verkohlte Leiche einer Frau gefunden.” Okay, dachte der Hauptkommissar a.D. Robert Greiper, jetzt haben wir es also mit dem Verdacht auf ein Tötungsdelikt zu tun und fragte sich, warum HH ihn nicht über den Fund informiert hatte. “Krieg ich trotzdem Frühstück?” Branko grinste: “Jetzt sag mir aber nicht, dass du Appetit auf Cevapcicci und Djuvec hast.” – “Genau da drauf”, gab Greiper zurück.

Die Ernährung war naturgemäß ein Dauerthema zwischen ihm und Elle. Immerhin war sie inzwischen zu einer überregional bekannten Expertin geworden, und ihr Buch “Nimm bloß nicht ab!” war auf dem Weg, ein Bestseller zu werden. Sie vertrat die Theorie, dass es weder auf die Kalorien, noch auf das Fett oder die Kohlehydrate ankam, sondern auf die Ballaststoffe und die Ausgewogenheit von Vitaminen und Spurenelementen, was wiederum bedeutete, dass selbst der Adipöse täglich Buttercremeschnittchen verdrücken konnte, so lange der Rest stimmte. So war sie zur Heldin der Menschen aufgestiegen, die bei deutlichem Übergewicht rundum gesund waren und sich nicht durch Verzicht kasteien wollten. Leider verhielt sich ihr Freund genau entgegengesetzt. Seine Diät bestand aus Fleisch, Kartoffeln und Nudeln, viel Altbier und dicken Butterbroten. Salat verabscheute er, und Gemüse musste Elle ihm geschickt unterschieben. Aber Cevapcicci mit Djuvec zum Frühstück, das würde bei ihr Übelkeit auslösen.

Antonius Jeroen Grijpstra: Madeleen war nur drei Jahre jünger als seine Mutter. Ging die Familie zusammen zur Kirche, tuschelten die Leute, denn die Ähnlichkeit zwischen der Gattin des gut beleumundeten Kaufmanns und dem Kindermädchen war verblüffend. Auch wenn die Haut von Mevrouw Grijpstra nicht so dunkel wie die der Hausangestellten war, so glichen sich die Nasen, Münder und Augen sehr. Schon bald hieß es unter den bigotten Bürger Vlissingens, der Kaufmann habe sich eine Negerin aus den Antillen mitgebracht, und weil ihm eine nicht reichte, habe er gleich zwei genommen. Natürlich schnitten die ehrbaren Gattinnen Tünns Mutter, und auch der Vater konnte sich in den Zirkeln der Zeeländer Handelsherren nicht etablieren. Zum Glück waren er und sein Geschäft von derlei sozialen Gegebenheiten nicht abhängig, weil das Gros der Kunden nicht aus der Region stammte. Immer öfter geriet Tünn nun in Schlägereien mit Straßenjungs und Mitschülern, die ihn wegen seiner Negermutti hänselten. Und mit jeder Rangelei, jeder Ohrfeige und jedem Boxhieb, den er austeilte, wurde er stärker und unerbittlicher. Seine Mutter verkroch sich im Nähzimmer, und Boudewijn hatte sich dem heimlichen Trunk ergeben. Sechs Tage die Woche blieb er bis über Mitternacht hinaus im Kontor und trank das bittere belgische Bier, das man in Vlissingen bevorzugte.
Und dann fand man eines Tages Madeleens Leiche im Becken des Stadthafens. Fast eine Woche war es her, dass sie verschwunden war. Boudewijn hatte gleich Anzeige erstattet, aber die örtliche Polizei nahm die Sache nicht ernst. “Wilde gehen manchmal wildern”, sagte der Offizier und lachte. Man hatte sie erschlagen und ins Wasser geworfen. Nachdrücklich verlangte Mijnheer Grijpstra eine Obduktion, und der beauftragte Arzt ließ ihn wissen, dass Madeleen vor ihrem Tod mehrfach und äußerst brutal vergewaltigt worden war. “Sie hätte nicht allein in den Hafen gehen sollen”, merkte der leitende Polizist an, “Wenn die Matrosen nach Wochen wieder an Land kommen, dann brauchen sie Frauen und nehmen sich, was in der Nähe ist.” Tünns Mutter ertrug den Tod ihrer Halbschwester nicht. Nur drei Wochen nach der Beerdigung erhängte sie sich auf dem Dachboden des Stadthauses. Antonius Jeroen Grijpstra war gerade sechzehn Jahre alt geworden, und da sein Vater nicht mehr in der Lage war, das Geschäft zu führen, trat er in dessen Fußstapfen; die Familie auf Aruba hatte nichts dagegen einzuwenden. Und so wurde aus dem Raufbold, einem Kerl von mehr als einem Meter neunzig Länge und einem Gewicht von gut 100 Kilo, der mit den Schauerleuten trank und schon mit fünfzehn Stammkunde im Bordell am Außenhafen geworden war, ein Kaufmann.
Die Belegschaft nahm ihn mit Freuden auf und unterstützte ihn nach Kräften. Die Geschäfte liefen gut, denn es fiel Antonius nicht schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Bald hatte er Verträge mit etlichen Bauern im Umkreis von 120 Kilometern geschlossen und handelte mit landwirtschaftlichen Gütern; was die Verwandtschaft aus Aruba lieferte oder anforderte, spielte nur noch eine geringe Rolle.
Dann traf er Hedwig, eine deutsche Frau aus dem Rheinland, die einem Seemann bis in den Hafen gefolgt war, von dem aus er eine Reise antrat, die ihn nie wieder zurückführte. Während sie wartete, arbeitete sie als Bedienung in der großen Wirtschaft an der Einfallstraße nach Vlissingen. Nie hatte sich der junge Mijnheer Grijpstra dahin verirrt, und noch Jahre später konnte er keinen Grund finden, weshalb er das Gasthaus am fünften Mai des Jahres 1887 gegen zwei Uhr am Nachmittag betreten hatte. Eine große, kräftige Rothaarige brachte ihm das Bier und lächelte ihn an. Später erzählte Tünn immer wieder, dass er sich bei diesem allerersten Blick verliebt hatte. Er blieb bis Mitternacht, aß und trank ununterbrochen und sah Hedwig bei der Arbeit zu.
Von diesem Tag an fuhr er mindestens dreimal die Woche mit seinem brandneuen Fahrrad zum t’Oude Hof, um sie zu sehen. Das wäre die richtige Frau für ihn, soviel stand für ihn fest. Er würde sie bekommen, auch daran zweifelte er nicht. Nach fast drei Monaten sprach er sie zum ersten Mal an, ohne eine Bestellung abgeben zu wollen: “Darf ich Sie zum Tanz einladen?”, fragte er, “In Middelburg ist am kommenden Wochenende Jahrmarkt, und da wird man einen Tanzboden herrichten, und fahrende Musikanten werden aufspielen.” Sie lächelte wie sie immer lächelte. Und dann nickte sie. Antonius, den sie hier Ton nannten, konnte sein Glück nicht fassen. “Also dann, ich hole dich am kommenden Samstag hier ab, so um sieben Uhr.” – “Ja”, sagte sie.

Download PDF

publiziert am 23.05.17 in Feuerfest ¦ 366x gelesen ¦ noch kein Kommentar