Feuerfest (3): Autonome

Branko rief etwas durch die Klappe zur Küche, zapfte ein Alt und wechselte die Seite des Tresens. “Und,” fragte Greiper, “was glaubst du, wer’s war?” Der Wirt schaute zu Boden: “Wer was war?” – “Komm schon, stell dich nicht blöd. Wer das Weinlokal abgefackelt hat.” – “Ja, ach so, meine Güte, was weiß ich. Ein Verrückter?” Der Kommissar schüttelte den Kopf: “Hast nichts davon mitgekriegt, stimmt’s? Wohnst ja mehr als zwei Häuserblocks weg, und heute morgen bist du ausnahmsweise von der anderen Seite an deine Kneipe heran gekommen. Willst du mich verarschen?” Branko war einen Schritt zur Seite gegangen, um durchs Fenster schauen zu können. “Moment, kommt Lieferung…” Dann brachte Ivka den Teller mit den Hackwürstchen, dem Gemüsereis, Ajvar und gehackten Zwiebeln und nickte ihm schlechtgelaunt zu. Aber natürlich hatte sie ihm zwei Cevapcicci mehr aufgetan als üblich. Der Lieferwagen war längst wieder weg, aber der Wirt machte sich trotzdem weiter am Eingang zum Lager zu schaffen. Im Hinausgehen rief ihm Greiper zu: “Ich komm nachher wieder. Vielleicht ist dir dann was eingefallen.” Branko winkte nur kurz und verschwand bei den Bierkästen.

Der Tatort war natürlich immer noch abgesperrt, und an allen Flatterbändern standen Neugierige und diskutierten. Nachdem man die Leiche entdeckt hatte, hatte man natürlich auch die Spurensicherung geschickt; die Beamten wuselten in weißen Malerschutzanzügen vor dem schwarzen Hintergrund herum wie verrückte Professoren. Die Feuerwehr hatte noch einen Mann als Brandwache abgestellt. Greiper stellte sich zu den Leute und hörte zu. Die Meinungen gingen weit auseinander, man spekulierte über Täter und Motive. “Die konnte niemand hier leiden,” hieß es, oder “Bestimmt eine Beziehungstat”. Von Mafia und Schutzgeld war die Rede und von einem Streit, den der Inhaber mit dem Büdchenmann gehabt habe. Dass es eine Tote gegeben hatte, hatte sich schon herumgesprochen. Da interessierte es Greiper schon, ob denn der Mitinhaber überhaupt schon vor Ort gewesen sei. Er drängte sich durch die Menge und klopfte dem Streifenpolizisten auf die Schulter. “Oh, Herr Greiper, übernehmen Sie die Ermittlungen?” Der Hauptkommissar a.D. winkte ab: “Sagen Sie, nur eine Frage, ganz privat: Ist eigentlich der Wirt schon hier aufgetaucht?” Der junge Mann in blau dachte angestrengt nach und fand dann die einfache Antwort: “Ich weiß es nicht.” Greiper bedankte sich und machte sich auf zum Bahndamm.

Diese düstere, komplizierte Ecke kannte er seid seiner frühesten Kindheit, denn als geboren wurde, lebte die Familie Greiper auf der Durchgangsstraße, die sich hinter der Unterführung an diesem Bahndamm gabelt. An der Ecke bog die Straße ab, an der die große Keksfabrik lag. Zwischen der Außenmauer dieser Fabrik, der Straße und dem Damm, hinter drei hässlichen, zweieinhalbgeschossigen Wohnhäusern war über die Jahrzehnte ein Gewirr aus miteinander verbundenen Innenhöfen und verschiedenen Gewerbegebäuden entstanden. In der äußersten Ecke hauste der Kohlenhändler, der als einziger eine direkte Ausfahrt hatte, die meiste offenstand. Ihn fürchteten die Kinder im Block, denn der war groß und breit und schwarz im Gesicht. Es hieß, er könne Menschen nicht leiden, schon gar keine kleinen, und wenn man am Tor vorbeiging, brüllte der Kohlenhändler und fluchte und beleidigte alle und jeden. Natürlich war er das Ziel der groben Scherze, die sich damals die Jugendlichen leisteten, die man Halbstarke nannte.

Einmal verbarrikadierten sie seine Ausfahrt mit hohen Stapeln hölzerner Bierkästen, die sie beim Getränkeverlag gegenüber geklaut hatten, ein anderes Mal setzten sie seinen Hof unter Wasser. Und natürlich ließen sie regelmäßig die Luft aus den Reifen seines Lieferfahrzeugs, eines mausgrauen Torpedo-Dreirads. Mitten im Winter als Robert gerade neun geworde war, gingen die wilden Kerle aber zu weit. Sie zündeten die Briketthaufen im Hof an. Zwar konnte die Feuerwehr den Brand rasch löschen, aber es hieß, im Inneren hätte sich die Glut noch mehrere Monate gehalten, und natürlich hab der Kohlehändlern einen großen finanziellen Verlust erlitten. Jetzt gab es den Kohlehändler nicht mehr. Seinen Hof nutzten jetzt ein paar junge Frauen als Verkaufsfläche für allerlei Deko-Schnickschnack. Dahinter hatte sich wenig verändert. Die Gebäude aus nacktem Backstein mit alten Fenstern, gepflasterte Höfe und Fahrwege. Der größte Hof mit drei Häusern an den Seiten war in den Achtzigern zum autonomen Jugendzentrum geworden. Erst hatte ein Dutzend Leute den Komplex besetzt, dann hatte die Stadt nach langem Hin und Her Mietverträge mit dem Verein geschlossen, der die Einrichtung offiziell betrieb.

Den Bürger der Stadt galt das AutoZ als Brutstätte des Linksterrorismus. Wann immer irgendetwas passierte, dass auch nur im Entferntesten nach den Schandtaten des Schwarzen Blocks aussah, geriet das Zentrum in den Fokus, und alle Jahre wieder traten die bürgerlichen Parteien mit dem Versprechen zu den Wahlen an, den schwarz-roten Sumpf trockenzulegen. Greiper besuchte die öffentlichen Veranstaltungen im Hof gelegentlich – nicht selten spielten hier Bands Roots-Reggae oder Ska, beides Musikrichtungen, die er mochte. Außerdem verstanden die Leute vom AutoZ was vom Grillen, und deshalb schaute er manchmal im Sommer vorbei, wenn es vom Bahndamm aus gut roch. Jetzt stand er mitten auf dem Hof und schaute sich um. Er wusste, dass es immer drei, vier Leute gab, die hier dauerhaft wohnten und aufpassten. Einer von denen würde wohl da sein und auch schon wach. “Hallo!” rief er. Keine Reaktion. Auch die lautere Variante bleib ungehört. Er ging hinüber zur Tür des zentralen Veranstaltungsraums. Die war nur angelehnt, und er trat ein.

Auf dem großen Tisch, an dem gut und gerne zwei Dutzend Menschen Platz fanden, saß ein dünnes Wesen mit langen, hellen Rastalocken wie das tapfere Schneiderlein und schien zu meditieren. Er näherte sich und ließ ein sanftes Räuspern hören. Das Schneiderlein hob den Kopf und zeigte sein Engelsgesicht. Greiper tippte darauf, dass es sich um ein Mädchen handelte, das ihn ansprach: “Ah, der Stalin, kenn sie vom Foto.” – “Ja, hi,” gab Greiper zurück und streckte die Hand zum Gruß aus. Das Wesen hob die Hand und zeigte die Innenfläche: “Peace. Ich bin der Manuel. Was gibt’s?” – “Allein hier?” – “Nö, die anderen schlafen noch. Ich mach gleich Frühstück. Isst du mit?” – “Gern. Und, schon vom Anschlag am Platz gehört?” Manuel hatte den Tisch verlassen, war auf dem Weg zum Küchenblock und drehte sich abrupt um: “Nein. Was ist denn passiert?” Greiper erstattete ausführlich Bericht. Der Rastajunge hatte sich hingesetzt und schüttelte den Kopf: “Ach, du Scheiße. Das gibt Ärger. Ich geh die anderen wecken.”

Hedwig und Tünn: Zu diesem Zeitpunkt war Hedwig fast dreißig Jahre alt, aber es war Liebe, was sie dem großen, starken Jüngling in die Arme trieb. Noch in der Nacht nach dem Tanzvergnügen in Middelburg durfte er sie zum ersten Mal küssen. Und an einem stürmischen Abend im September ließ sie ihre Zimmertür im Dachgeschoss des Gasthofs unverschlossen und hatte dafür gesorgt, dass die Haustür nur angelehnt war. Von dieser ersten gemeinsamen Nacht an stand für beide fest, dass sie gemeinsam durchs Leben gehen wollten. Ton fragte beim Pfarrer nach, ob er ihn trotz seiner jungen Jahre trauen würde. Pastor Theodorus Oudenkott bat sich Bedenkzeit aus und lud Hedwig zum Gespräch. Als er in diesem Gespräch erfuhr, dass sie zwar aus einer vorwiegend katholischen Stadt stammte, ihre Vorfahren aber Hugenotten waren, die als Protestanten aus Frankreich geflohen waren, da willigte er ein. Nun war die Familie Grijpstra in Vlissingen nach den Vorfällen rund um den Vater, dessen Frau und der unglücklichen Madeleen nicht mehr besonders angesehen. Deshalb beschlossen Ton und Hedwig im engsten Familienkreis zu heiraten.
Der alte Boudewijn war schon seit einiger Zeit in einem gnädigen Dämmer gefangen, der ihn vom Horror der Vergangenheit abschirmte, ihn aber auch an der Gegenwart nicht mehr teilhaben ließ. Also waren es nur Olav, der besten Freund Tons, ein norwegischer Kaufmannssohn, der im Geschäft als Prokurist tätig war, und der Wirt vom t’Oude Hof, die das junge Paar als Trauzeugen begleiteten. So wurden die beiden an einem grauen Novembertag vom Pastor Oudenkott in der Lutherischen Kirche in der Walstraat zu Mann und Frau.
Und wieder tuschelten die ehrbaren Bürger der ehrbaren Hafenstadt. Dass der junge Hengst eine solch eingerittene Stute genommen hatte und dass man ja wisse, was von rothaarigen Frauen zu halten sei. Besonders schlimm trieben es einige hochrangige Gemeindemitglieder der Sint Jacobskerk, die vor allem den Pastor der Konkurrenzgemeinde angriffen, der diese unheilige Ehe gesegnet hatte. Den dort versammelten Kaufleuten war aber vor allem der wirtschaftliche Erfolg der Grijpstra-Companie ein Dorn im Auge, denn Ton und Olav hatten ihr Prinzip, feste Verträge mit den Bauern zu schließen, ausgedehnt und waren so erfolgreich, dass den anderen Lebensmittelhändlern wenig blieb. Eines Tages brachte die Gattin eines solchen Konkurrenten das Gerücht auf, der Erfolg der Firma Grijpstra beruhe auf schwarzer Magie, und sicher stünde die Rothaarige mit dunklen Mächten im Bunde. Von da aus bis zur ersten Brandstiftung an einer der Lagerhallen war es ein kleiner Schritt.
Vom Januar des Jahres 1888 an, dem Jahr, in dem drei Kaiser nacheinander regierten in Deutschland, wurde die junge Familie des Antonius Grijpstra und seiner Frau Hedwig nicht mehr nur geschnitten, sondern bekämpft. Als schließlich gedungene Mörder versuchten, auch das Stadthaus anzuzünden, fassten Ton und seine geliebte Gattin den Entschluss, das Land für immer zu verlassen.

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publiziert am 25.05.17 in Feuerfest ¦ 346x gelesen ¦ noch kein Kommentar