Feuerfest (4): Unwissen

Greiper nutzte die Zeit und rief HH an. “Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass es eine Leiche gibt?” Sein Lehrling stotterte: “Ja, äh, hätte ich schon noch… Wissen Sie, ich hab erstmal die Spurensicherung hingeschickt.” Der Hauptkommissar a.D. grinste leicht vor sich hin: “Weiß man schon was über das Opfer? Mann, Frau, Alter etc. Oder konnte die Leiche sogar schon identifiziert werden?” – “Nein, das wissen wir alles noch nicht. Die Obduktion läuft noch. Ich rufe sie sofort an, wenn’s was Neues gibt, Chef.” Inzwischen stand schon ein großer Pott Kaffee vor ihm, und Manuel hatte Brot und irgendeinen veganen Aufstrich gedeckt. Wenn sie in zivil daherkamen, also nicht in schwarzen Hoodies und anderer martialischen Kleidung, kamen ihm die Antifa-Youngster immer ein bisschen vor wie die Kleinen Strolche im Stummfilm. Zumal es auf dem Gelände auch einen ziemlich fetten, weißen Hund gab, dessen Gesicht zur Hälfte schwarz war. Die Autonomen im Zentrum wirkten auf ihn wie freche, aber harmlose Kinder, die gern anderen Streiche spielten. Aber er wusste auch, dass zumindest zwei von ihnen erheblich gewaltbereit waren – wie es im Polizeijargon hieß.

Mit einem von ihnen, den sie Rutti nannten, hatte er einmal eine halbe Nacht bei erstaunlich gutem Rotwein geredet, der aus dem schmuddeligen Hof einen magischen Ort gemacht hatte. Solidaritätswein, sei das, hatte Rutti erzählt, ein Geschenk der Anarcho-Syndikalisten in Katalonien, und hatte auf den Stern an seiner Mütze gedeutet, einen Fünfzack, zur Hälfte schwarz, zur anderen rot gefärbt. Natürlich sei Gewalt im politischen Kampf ein legitimes Mittel, meinte er, das sei schon seit den ersten Anarchisten Mitte des achtzehnten Jahrhunderts so. Er sprach von der Propaganda der Tat und dass man schlau sein müsse, wenn man Gewalt gegen Sachen ausübe. Was denn mit Flaschen und Steinen auf Polizisten sei, fragte Greiper, und der junge Mann meinte, solche direkten Konfrontationen seien Kinderkram, Dummheiten, von Testosteron befeuerter Überschwang. Etwas anderes sei es, die Scheiben von Banken einzuschlagen oder auf die eine oder andere Art Sabotage zu betreiben, also Widerstand gegen den Staat zu leisten. Sie kamen nicht auf einen Nenner in dieser Nacht, weil Greiper aus tiefster Seele an die Kraft der Demokratie glaubte, an den Kampf der Argumente, daran, dass jede Gesellschaft zwangsläufig freier und gleicher und brüderliche Würde, je mehr Menschen auf der Basis von Wissen und Vernunft an den politischen Organen teilnehmen. Rutti hatte nur spöttisch gelächelt und gesagt: Der Kapitalismus ist ein menschenfeindliches System, das sich nicht mehr reparieren lässt.

Inzwischen hatten sich weitere Bewohner des Zentrums am Frühstückstisch eingefunden. Zwei hatten ihm zugenickt, zwei andere ignorierten ihn. Es dauerte eine Weile, bis Manuel seinen Freundinnen und Freunden berichten konnte, wie es dem Weinlokal ergangen war. “Komm schon, Stalin,” sagte schließlich der kräftige Junge mit der pinken Andeutung eines Irokesen auf dem Schädel, “du glaubst doch nicht ernsthaft, dass wir uns mit solchem Pillepalle wie einer Lesung von dem Paladin aufhalten? Wir sind und bleiben Antifaschisten, aber keine Idioten.” Greiper bestätigte mit einem bedächtigen Nicken. “Und,” fragte er in die Runde, “wer könnte es denn gewesen sein?” Ein etwas zu blasses Mädchen in weißer Latzhose, das ihn die ganze Zeit über misstrauisch beobachtet hatte, sagte: “Frag doch mal bei den Faschos. Frag doch mal den Hinz oder sein Hündchen, das hier im Viertel immer einen auf HJ macht…”

Später saß Robert Greiper auf seiner Terrasse über der Stadt unter der Markise und dachte nach. Und zwar auf die Weise, die er seinen Leuten – auch dem Kommissar HH, zur Zeit vorübergehend Leiter des K11 – über die Jahre eingebläut hatte. Man habe angesichts eines Tötungsdelikts als Erstes zu fragen: Wem nützt es? Ja, hatte einst der junge Kollege Schirk eingewandt, bei einem Totschlag aus Eifersucht hat doch keiner ein Interesse an der Tat. Man müsse auch den rein emotionalen Nutzen beachten, also zum Beispiel die Befriedigung einer Gattin, die ihren Mann umbringt, nachdem er sie ständig gedemütigt und betrogen hat. Der gehe es hinterher besser, also habe ihr die Tat etwas genutzt. Die Cui-bono-Frage habe zudem den Vorteil, dass man den Kreis der möglichen Zeugen und Täter besser definieren könne. Im Fall des WeinFein wäre die simpelste Antwort, das Interesse des oder der Täter sei es gewesen, dass die Veranstaltung mit Gero Paladin nicht stattfindet. Dass sie nicht stattfindet, entspräche also den Interessen des oder der Täter. “Merkste selbst,” dachte Greiper, “wie kurz das gedacht ist, wie unwahrscheinlich es ist.”

Mitten hinein in diese Überlegungen machte sich ein Handy bemerkbar. Elle hatte ihm eine Sprachnachricht per Whatsapp geschickt: “Hallo, Liebster, was machst du gerade? Schlafen, pennen, dösen, gammeln oder chillen? Wie auch immer. Wenn du bitte so gegen vier deinen Arsch in Bewegung setzen und mich am Flughafen abholen könntest. Genauer gesagt: Voraussichtliche Landung um 16 Uhr 20. Ich freu mich auf dich! Kuss aufs Hirn, Elle.” Das hatte er komplett vergessen, dass seine Freundin an diesem Tag von ihrer Tournee durch Österreich zurückkehren würde. Noch in der Nacht hatte er sie vermisst, hätte er gern, nur getrennt durch einen dünnen Schweißfilm, auf derselben Matratze mit ihr gelegen; schlimmstenfalls bei ihr im Hausboot, aber noch lieber in seiner Wohnung. Aber nun war er im Ermittlungsmodus, und er wusste natürlich, dass Elle das merken und ihn ausschimpfen würde.

Rheinprovinz: Es war Hedwig gewesen, die vorschlug, in ihre Heimatstadt zu ziehen, einen Ort, der zu jener Zeit einen enormen Aufschwung erlebte und dessen Einwohnerzahlen drastisch anwuchsen. Dort, so ihre Meinung, würden sie sich mehr oder weniger anonym ansiedeln und ein Geschäft eröffnen können. Zwar könnten sie kaum damit rechnen, von ihrer Verwandtschaft unterstützt zu werden, aber sie selbst habe doch immer noch viele Freunde dort. Ton übertrug die Prokura am Familiengeschäft auf seinen Freund Olav, mit dem er zwei Verträge schloss. Der eine sicherte ihm für die kommenden zehn Jahre eine monatliche Abschlagszahlungen auf erzielte Gewinne, der zweite sollte die Geschäftsbeziehungen zwischen dem alten Handelshaus in Vlissingen und seiner neuen Firma in der Fremde sichern. Das ungleiche Paar fand schnell ein Haus im alten Teil der Stadt und erwarb einen Stand auf dem zentralen Markt. Bald galten sie als eines der besten Geschäfte für Obst und Gemüse am Platz. Und schon nach drei Jahre, in denen Hedwig und er beinahe rund um die Uhr gearbeitet hatten, gründeten sie einen Großhandel für Kolonialwaren und eröffneten zwei Ladengeschäfte. Da war Antonius Jeroen Grijpstra gerade einmal zweiundzwanzig Jahre alt.
Nun hatten Sie Angestellte, und Hedwig, die mehr Geschick im Umgang mit Menschen hatte, übernahm die Führung der Leute, half aus, wo es nötig war, lobte und tadelte, und wenn jemand aus der Belegschaft Probleme hatte, dann unterstütze sie den nach Kräften. Tünn, wie sie ihn im Rheinland nannten, war dagegen der Mann für die Außenkontakte, fädelte Lieferverträge ein, ging zu den Banken und Ämtern, und hatte inzwischen so gut Deutsch gelernt, dass kaum jemand, der ihn nicht kannte, auf die Idee kam, er könne Ausländer sein. Trotz des großen Erfolgs lebten die beiden bescheiden und hielten sich so weit es ging aus dem gehobenen Sozialleben der Stadt heraus. Natürlich gingen sie allsonntäglich zur Kirche und amüsierten sich auf dem Schützenfest, aber Mitglied in einem der Vereine der Stadt wurde Tünn nicht. Und auch wenn er nicht an Heimweh litt, dachte er doch nicht selten an die Eltern, an Vlissingen und sogar auch an Aruba, obwohl er sich kaum an die Insel, die er mit kaum vier Jahren verlassen hatte, erinnerte. Der Kontakt zu Olav und dem Familienunternehmen in den Niederlanden verlief durchweg schriftlich, und nur einmal war der norwegische Freund auf der Durchreise ins Land seiner Eltern für ein paar Tage in der Stadt gewesen.
Langsam und für ihn selbst ganz unmerklich wurde Antonius Teil der Gemeinde, Teil der Region. Das Leben in diesen goldenen Jahren vor der Jahrhundertwende war angenehm, die Ziele, die er und seine Frau sich setzten, erreichten sie auch. Und Tünn sah keinen Grund, nicht Bürger des Staates zu werden, der ihn ohne Umstände aufgenommen hatte. So wurde er am 17. Juni 1893 preußischer Staatsbürger, was auch den Vorteil mit sich brachte, in einigen Bereichen geringere Steuern zahlen zu müssen. Andererseits drohte ihm, der ja noch jung genug war, im Kriegsfall zur preußischen Armee eingezogen zu werden. Aber in diesen friedlichen Zeiten sprach niemand vom Krieg. In diese Epoche hinein bringt Hedwig am 21. November 1894 einen gesunden Knaben auf die Welt, der drei Tage später auf den Namen Jakob Bodo getauft wird und als erster Spross der Familie vom Tag seiner Geburt an den Nachnamen Greiper tragen wird.

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publiziert am 27.05.17 in Feuerfest ¦ 355x gelesen ¦ noch kein Kommentar