Feuerfest (5): Der Örtzel

Der Örtzel saß mitten auf dem Platz in seinem Rollstuhl. Mit seiner hellen Kinderstimme rief der Mann, der seit vielen Jahren im Viertel unterwegs war, zunächst zu Fuß, dann auf Krücken und jetzt im Rollstuhl, nach Greiper: “Herr Kommissar! Herr Kommissar! Wer war das denn?” Seitdem er nicht mehr gehen konnte, war der Kerl, den sie alle für geistig behindert hielten, aufgegangen wie ein Hefeteig. Ein Quadratschädel mit wasserblauen Augen saß nun halslos auf dem aufgedunsenen Körper. Greiper mochte den Örtzel, der rund um den Platz die Position eines Dorftrottels einnahm, und hielt ihn einfach nur für ein wenig weltfern und naiv – wie ein Kind eben. Dabei sah und hörte der Örtzel alles, kannte fast alle Leute im Umkreis von fünfhundert Metern beim Namen, wusste, was sie taten oder nicht, wer mit wem und wer gegen wen. In mindestens drei Fällen waren es die Erzählungen dieses Originals, die ihn auf die richtige Spur gebracht hatten. Also ging Greiper rüber, hockte sich neben den Rollstuhl und sagte: “Man weiß es nicht. Und ich bin nicht im Dienst.” Leise sprechen konnte der Örtzel nicht: “Ach, so, Sie sind gar nicht im Dienst! Ich wollte Ihnen gerade was erzählen…” So begann er immer, und was folgte, waren oft präzise Zeugenaussagen – jedenfalls präziser als das, was der Hauptkommissar a.D. oft von gebildeten Leuten zu hören bekam.

“Was hältst du davon, wenn wir eine Cola zusammen trinken?” – “Nein, nein,” antwortete der Örtzel mit vollem Ernst, “zwei Cola, für jeden eine.” Also holte Greiper zwei Flaschen bei Mehtin im Büdchen und lotste den Rollstuhlfahrer in den Schatten, wo er sich auf eine Bank setzte. “Prost!” Der Örtzel nippte vorsichtig am Getränk, setzte die Flasche dann an den Mund und leerte sie auf ex. Es folgte ein Serie beeindruckender Rülpser. “Ah! Lecker! Krieg ich noch eine?” – “Später. Jetzt erzähl.” Sein Gegenüber kramte in seiner Umhängetasche, zog ein Küchenhandtuch hervor und trocknete sich den Schweiß im Gesicht und auf der Glatze. “Ich kenn das Auto,” begann er. “Welches Auto?” fragte Greiper. “Lassen Sie mich bitte ausreden. Ich kenn das Auto von dem Wirt. Das ist ein dunkelgrüner Audi A6. So einer wie…” Er suchte die Parkplätze auf der gegenüberliegenden Seite mit den Augen ab. “..ist gerade keiner da. Der kommt ja jeden Tag um zwei und parkt dann auf der Marktecke, da wo man nicht parken darf. Dann geht er rein und macht was. Um vier kommt er wieder raus und fährt wieder weg. Ich kenn auch dem seine Frau. Die kommt meistens mit dem Fahrrad. So um…” Er dachte nach und zählte dabei etwas an den Fingern ab. “…um halb sechs. Dann macht sie um sechs das Lokal auf. Außer am Montag, da ist geschlossen. Um acht kommt dann auch der Wirt zu Fuß. Die bleiben dann bis sie zumachen. Ich glaube, die machen schon um zwölf zu. Oder früher. Weil: Viele Leute gehen da ja nie rein.”

Greiper wusste, dass es keinen Sinn haben würde, den Örtzel zum Abkürzen zu zwingen. Das hatte er einmal versucht, und der kranke Mann hatte daraufhin beschlossen, gar nichts mehr zu sagen. Also ließ der den Örtzel in aller Länge und Breite berichten. “Ooh,” stöhnte der jetzt, “was hab ich einen Durst!” Der Hauptkommissar reichte ihm seine Cola, von der er kaum getrunken hatte. Wieder stürzte sein Gesprächspartner den Softdrink in sich hinein. “Ich schlaf ja nie die ganze Nacht, Herr Kommissar. Immer nur drei Stunden. Und dann morgens nochmal drei Stunden und nachmittags zwei Stunden. Gestern Nacht war es ja auch viel zu heiß. Da bin ich so um eins nochmal raus und hab da drüben gestanden.” Er zeigte auf den Pavillon der Tiefgarage. Da kommt das Auto von dem Wirt. Hält direkt vor seinem Lokal an. Er steigt aus, und noch einer steigt aus. Die haben dann aber nicht die Tür von dem Lokal aufgemacht, die sind durch die Haustür reingegangen.” Der Örtzel ließ eine Serie Rülpser hören. “Und dann? Was war dann?” Sein Gegenüber sah ihn vorwurfsvoll an: “Lassen Sie mich bitte ausreden!” Nach einer Pause: “Ich hab dann gezählt. Bis ungefähr tausend. Dann sind die wieder rausgekommen, ins Auto gestiegen und abgefahren. Und als ich gerade wieder zuhause ankam, hat’s gerummst.” Er machte eine ausladende Geste mit den beiden kurzen Ärmchen. “Noch ne Cola? Oder was anderes?” Der Örtzel grinste ihn an: “Bier?” Greiper schüttelte den Kopf: “Du weißt doch, dass du das nicht verträgst. Komm, ich hol dir noch ne Cola.” Und sah nebenbei auf die Uhr. Er hatte noch genau sechsunddreißig Minuten, seine Liebste vom Flughafen abzuholen.

Natürlich war das Flugzeug, mit dem Elle aus Zürich zurück nachhause gereist war, ausnahmsweise pünktlich. Natürlich war ihr Koffer der erste auf dem Band. Und natürlich hatte sich der Taxifahrer verirrt. “Wie lange wartest du schon, Liebste?” sagte er nach dem ersten Kuss. “Zu lange,” gab seine Freundin zurück, “komm lass uns schnell abfahren, mir gehen Flughäfen mit diesem ganzen komischen Volk tierisch auf den Zwirn.” Auf der Fahrt gab sie einen ausführlichen Bericht über ihre Lesungen in der Schweiz, über den Kongress in Luzern und wenn sie alles kennengelernt hatte. Vermutlich hatte sie eine Frage gestellt, denn Robert hörte plötzlich ein sehr lautes “Hörst du mir eigentlich zu?” Er nickte heftig, und Elle sagte nur: “Du lügst.” Der Chauffeuer war falsch in den Hafen eingebogen wie immer alle Taxifahrer an dieser Stelle falsch abbogen. “Sie machen jetzt die Uhr aus und fahren uns richtig. Haben wir uns verstanden?” Elle war sichtlich genervt. “Lass mich raten: Du hast dich wieder in den Dienst versetzen lassen und bist mitten in einer Ermittlung?” Greiper schüttelte den Kopf und nickte gleichzeitig. Der Fahrer hielt gut zweihundert Meter vom Steg entfernt und verlor so das mögliche Trinkgeld.

An Bord holte sich Robert ein Bier aus dem Getränkekühlschrank, goss Elle einen kühlen Rosé ein und setzte sich aufs Dach des Wohnbootes, während sie auspackte. Dann kam sie auch hoch, trank einen Schluck und sagte: “Mir könnte es egal sein, wenn ich dich nicht so sehr lieben würde und gern noch ein paar Jahre Freude an dir hätte. Aber wenn du partout nicht aufhören kannst mit deiner zwanghaften Polizeiarbeit, dann prophezeie ich dir Zusammenbrüche im Halbjahrestakt. Hast du wenigstens ordentlich gegessen und auch was anderes als Bier getrunken?” Er hatte gerade die Flasche an die Lippe gesetzt, stellte sie aber rasch wieder hin und dachte an die Cevapcicci zum Frühstück. “Beruhige dich, ich immer noch a.D. Es gab aber letzte Nacht eine Sache im Viertel, die mich quasi unmittelbar betrifft.” Bevor er weiterreden konnte, sagte Elle nur: “Gibt es eigentlich Sachen im Viertel, in der Stadt, in der Region, in Deutschland, Europa und weltweit, die dich quasi nicht betreffen?” – “Du bist ungerecht.” Aber dann ließ sie ihn doch Bericht erstatten und stellte ab und an kleine Rückfragen um zu demonstrieren, dass sie sich für ihn interessierte.

Blühende Zeiten: Tünn hatte im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts ein stattliches Haus in der neuen Vorstadt erworben, nur eine Straße vom großen Marktplatz entfernt, auf dem Hedwig den großen Obst- und Gemüsestand betrieb. Im Erdgeschoss hatte er ein Ladengeschäft einrichten lassen. Sein Freund Olav wiederum, der die väterliche Firma in Vlissingen übernommen hatte, war auf die Idee gekommen, sich auf Kolonialwaren zu spezialisieren, und wurde natürlich Tünns wichtigster Lieferant. Bald war “Greiper am Markt” als erstes Delikatessengeschäft der Stadt bekannt und beliebt. 1904 übernahm das Unternehmen Verkaufsräume im Nachbarhaus, wo die Bürger der Stadt nun Wild und Geflügel sowie Käse aus ganz Europa kaufen konnten. Das Geschäft florierte, und der kleine Köbes – niemand nannte ihn Jakob! – wuchs im Schatten dieses Erfolgs und weitgehend unbeaufsichtig auf. Nach der Schule trieb er sich im Flusshafen herum und mit elf hatte er sich als blinder Passagier auf einem Schleppkahn eingeschlichen und war bis Emmerich unentdeckt mitgefahren. Ob er ernsthaft hatte ausreißen wollen, ließ sich nicht endgültig klären, und weil Tünn ein sanfter Vater war, bestand seine erzieherischen Tat in diesem Fall aus einem Vortrag über die Gefahren der Binnenschifffahrt. Mit sechzehn hatte der Sohn, der zum Unglück seiner Mutter Einzelkind geblieben war, genug von der Schule und verließ das Realgymnasium, um seinen Dienst fürs Vaterland zu absolvieren. Die mit Müh und Not erreichte mittlere Reife brachte ihm das Privileg, lediglich ein Jahr dienen zu müssen.
Tünn war nicht nur ein sanfter Vater, sondern insgeheim Anhänger der Friedensbewegung jener Jahre. Schon um die Jahrhundertwende herum hatte er sich für die Schriften der Bertha von Suttner begeistern können, und erzählte im engen Freundeskreis immer gern, dass er dem Barras ein Schnippchen geschlagen habe mit seiner Einbürgerung. Die hätte eigentlich zu einer Dienstpflicht in der kaiserliche Armee führen müssen, aber da der Fall, dass ein Niederländer zum Preussen wurde, so selten war, hatte ihn der Arm des Militärs nicht erreicht. Entsprechend betrübt war er über die Freude seines Sohns an seiner Dienstzeit. Hedwig wurde erst unruhig als dieser verkündete, er habe sich für eine Offizierslaufbahn entschlossen und bereits die entspechenden Dokumente unterzeichnet. So kam Jakob Bodo Greiper im Mai des Jahres 1912 im Alter von nicht einmal achtzehn Jahren zur Kriegsmarine nach Kiel. Unmittelbar nach seiner Ausbildung landete er als Kadett auf dem Schlachtschiff SMS Rheinland und begab sich im Spätsommer 1913 auf große Fahrt. Seine Eltern würden erst im November 1918 wieder von ihm hören.
Robert Greiper hatte seinen Großvater noch kennen gelernt, denn Jakob erreichte das stolze Alter von 86 Jahren und blieb bis zu seinem Tod hellwach und aufmerksam und konnte seinen Enkelkinder manche Geschichte erzählen. Nur die fünf Kriegsjahre, die er zum Teil auf Kriegsschiffe,n zum Teil in Gefangenschaft in Südamerika verbracht hatte, blieben im Dunkeln. Er weigerte sich schlicht, darüber zu reden. Dafür wusste er über die Jahre des zweiten Weltkriegs, durch den er sich geschickt und schadlos manövriert hatte, jede Menge Anekdoten vorzutragen.

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publiziert am 02.06.17 in Feuerfest ¦ 401x gelesen ¦ noch kein Kommentar