Feuerfest (6): Verbrannt

Als Greiper an der Stelle angekommen war, an dem er von der gefundenen Leiche erzählen musste, brach Elle in Tränen aus: “Oh Gott, die arme Frau, verbrannt, bei lebendigem Leib verbrannt, wie furchtbar, das ist so fürchterlich, das ist die schlimmste Art zu Tode zu kommen. Ich darf gar nicht daran denken. Mir wird übel.” Ihr Ausbruch kam nicht unerwartet angesichts ihrer tiefsitzenden, irrationalen Angst vor dem Feuer. Robert war aufgestanden und hatte Elle in den Arm genommen. Dann sagte sie: “Hör auf mit der Geschichte. Ich will das nicht hören. Lass uns ins Bett gehen.” Aber vorher nahmen sie gemeinsam eine Dusche und erneuerten ihre Liebe. Während seine Liebste leise vor sich hin schnarchte, konnte er natürlich nicht schlafen. An Bord schlief er nur tief und fest, wenn er vorher richtig viel Bier getrunken hatte. Aber an diesem merkwürdigen Abend war er über drei Flaschen nicht hinausgekommen. Und so lag er und lauschte auf das unterschiedlichen Glucksen und Blubbern rund um das Hausboot, immer mit dem Gedanken, was passieren würde, gäbe es ein Leck – sie beide würden schlafend ertrinken.

Es war dann sein Telefon, das ihn gegen halb sieben aus dem flachen, unruhigen Schlummer weckte. Ein Anruf von jemanden, der seine Nummer unterdrücken ließ. “Greiper, wer ist das?” Die Gegenseite schien zu flüstern: “Brandt, Herr Hauptkommissar, ich muss Ihnen etwas im Fall dieses Bombenanschlags sagen. Eigentlich dürfte ich das nicht, weil ich in die Sache offiziell nicht involviert bin.” Greiper unterbrach ihn: “Ja, und warum tun Sie’s dann?” Pause am anderen Ende. “Weil ich Ihnen vertraue und weil ich möchte, dass Sie mir vertrauen … nach unserer kleinen Unstimmigkeit gestern am Tatort.” Der Hauptkommissar a.D. war leise aufgestanden und zum Bug gegangen, weit genug weg von Elle, damit sie nicht geweckt würde und vor allem nicht mitbekäme, dass er wieder arbeitete.

Nach einem knappen “Okay” von Greiper fuhr der Hauptbrandmeister fort: “Es handelt sich bei der gefundenen Toten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die Partnerin des Wirtes. Sie hielt sich im Lagerraum im Anbau auf, relativ weit weg von den Sprengsätzen. Durch den Explosionsdruck hat sich offensichtlich die Tür im Rahmen verklemmt. Sie saß in der Falle. Die Obduktion sagt, sie ist erstickt oder an der Rauchgasvergiftung gestorben. Das Feuer fraß sich erst nach einer ganzen Weile durch bis in den Anbau. Zuletzt griffen die Flammen auf die gelagerten Vorräte dort über. Als die Frau verbrannte, war sie schon eine Weile tot.” Greiper schwieg eine Weile: “Wieso kennen Sie den Obduktionsbericht?” Das Schweigen auf der Gegenseite dauerte deutlich länger. “Den hat mir Ihr Assistent vorgelesen.” – “Was? HH teilt Ihnen Ermittlungsergebnisse mit? Ich glaub’s ja nicht!” Aber da hatte Brandt schon aufgelegt, während Greiper sofort HH anrief.

“Morgen, HH. Sag mal, wie kommst du dazu diesem Hauptbrandmeister einen Obduktionsbericht vorzulesen? Einem Feuerwehrmann, der offiziell mit dem Fall gar nichts zu tun. Welcher Teufel hat dich da geritten?” Greiper schnaufte. Er war ziemlich laut geworden und sah aus den Augenwinkel, dass Elle in ihrem Bärchen-T-Shirt im Aufgang stand und ihn böse anschaute. “Ja, wissen Sie, Chef, also, irgendwie, ich weiß auch nicht, der hat mich ausgetrickst. Der hat sich gestern am Tatort schon an mich rangemacht nachdem sie weg waren. Hat mich vollgesülzt von wegen, Polizei und Feuerwehr müssten enger kooperieren und so. Na ja, und dann hat er abends angerufen und mir lang und breit von den Ergebnissen der Brandstellenuntersuchung erzählt, von dem Lagerraum und der verklemmten Tür und so. Und dann gefragt, wie die Frau denn genau zu Tode gekommen sei.” Elle zeigte Robert den Mittelfinger und stieg wieder hinab. “Ja, ausgetrickst, kann man sagen. Kann auch passieren. Also, Leuten wie dir. Ich frage mich nur, weshalb du mich nicht angerufen hast, um mir den Obduktionsbericht vorzulesen.” – “Ja, äh, Sie hatten doch gesagt, ich sollte, ich müsste, also nicht täglich, und da wollte ich Sie auch nicht belästigen.” Hauptkommissar a.D. Greiper wurde in diesem Moment klar, dass es HH im kriminalpolizeilichen Dienst noch sehr weit bringen würde.

“Frühstück kannst du dir abschminken, Junge.” So empfing ihn die Liebste am Essplatz auf dem Oberdeck am Heck. Sie hatte einen großen Pott Kaffee vor sich sowie einen großen Teller voller gesunder Lebensmittel. Außerdem einen Haufen knuspriger Speckstreifen und in der Pfanne gebratener Chorizo-Stücke. “Lass mich erklären…” Aber Elle winkte nur ab und widmete sich der wichtigsten Mahlzeit des Tages. Also machte sich Robert auf den Weg in die Kombüse, um sich dort ein paar Brote zu schmieren und herauszufinden, ob nicht doch ein Kaffee für ihn vorrätig sei. Er fand ein Duplikat ihres Tellers und die passende Tasse Kaffee, kletterte hoch und setzte sich zu ihr an den Tisch. Sie hatte alles verputzt, sah ihn an und sagte: “Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Hab immer die verbrannte Frau gesehen. Ich komm da nicht drüber.” Robert musste grinsen. “Geschnarcht hast du ganz süß geschnarcht. Und zwar von Mitternacht bis gegen sieben. Vielleicht hattest du nur Albträume.” – “Ganz sicher hatte ich Albträume, Trottel! Ich mach mich jetzt fertig, die Praxis ruft. Und wie sieht dein Tagesprogramm aus? Aqua-Jogging, Gymnastik, einfach so schwimmen oder Spaziergehen?”

Bewegliches Ziel: Antonius Greiper war ein politischer Mensch, der in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Sozialdemokraten sympathisierte. Als die Männer im Viertel am Abend des 1. August 1914 im Wirtshaus ihre Gläser in patriotischer Erregung hoben, da hielt er sich raus. Später saß er noch mit Hedwig am Tisch, beide redeten lange miteinander und gestanden sich gegenseitig ihre Angst ein. Und die Sorge um den Sohn, der nun in den Krieg ziehen würde. Tünn selbst hatte nichts zu befürchten, denn Männer seines Alters wurden nicht eingezogen, außerdem war er in den Akten der Militärverwaltung nicht verzeichnet. Auch das Geschäft litt bis ins Frühjahr 1915 kaum unter dem Krieg, der fern der Heimat tobte. Allerdings hatte es sich unter den besonders patriotischen Patrioten in der Gegend herumgesprochen, dass der Holländer – so nannten ihn einige plötzlich – gegen den Krieg sei, ja, dass er wohl die Schriften von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lese, also ein Radikaler sei. Manche wechselten daraufhin zu anderen Händlern, andere ignorierten das. Und sein Bier in der Gastwirtschaft am Platz, das trank er immer noch am Stammtisch der Geschäftsleute, zu deren Kreis er nun schon so lange zählte. Der einzige Nachbar, der sich öffentlich gegen ihn stellte, ihm auf der Straße aus dem Weg ging und das Gasthaus verließ, sobald Tünn eintrat, war der Bankier Goldstein, der reiche Mann, der sein Haus schon am Tag vor der Mobilmachung in den Nationalfarben schmückte und die Nachricht vom Kriegseintritt der kaiserlichen Truppen mit lauten Hurra-Rufen auf dem Platz feierte, wobei er seinen teuren Hut schwenkte.
Hedwig und Tünn beschlossen, sich still zu verhalten und soziale Kontakte nur mit den engsten Freunden zu pflegen. So kamen sie einigermaßen ungeschoren durch die schlimme Zeit, die ihnen doch immer sehr schwer war, weil sie nicht wussten, ob Jakob noch lebte. Obwohl Anton Greiper sich sehr für Politik interessierte, kam die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 für ihn völlig überraschend. Als er am folgenden Tag in der Tageszeitung las, dass es Karl Liebknecht gewesen sei, der das Ende der Monarchie verkündet hatte, glaubte er, nun würden andere Zeiten anbrechen, friedliche und gerechte. Aber in Wahrheit waren es die bürgerlichen Kräfte, die im Verbund mit Sozialdemokraten die Regierung übernahmen. Und als Tünn dann im Januar des folgenden Jahres erfuhr, dass man Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hatte, brachen seine Hoffnungen zusammen, und er hielt sich für den Rest seines Lebens von jeder Politik fern.
Zumal es für ihn und seine geliebte Frau von viel größerer Bedeutung war, dass sie noch im November 1918 einen Brief von Jakob aus Brasilien bekamen, aus dem hervorging, dass er den Krieg vollkommen unbeschadet überstanden hatte und nun interniert sei, weil sein Schiff bereits im Juli im Hafen von Santos festgesetzt worden war. Um ihn herum seien etliche Kameraden an der Grippe gestorben, aber er sei gesund und munter. Im Februar 1919, an einem sehr kalten Morgen, stand er plötzlich in der Tür. Seine Mutter stürzte auf ihn zu und nahm ihn in die Arme, den Sohn, den sie zuletzt vor fast sieben Jahren gesehen hatte.

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publiziert am 03.06.17 in Feuerfest ¦ 514x gelesen ¦ noch kein Kommentar