Hauptgewinn

Sie hockt im Schneidersitz auf dem Flokati und schaut zu ihm auf. Warum arbeitest du nicht? fragt sie und knabbert dabei an ihrem Daumennagel. Er betrachtet ihre Schlüsselbeine und die Rippenansätze am Brustbein und ist gerührt. Bist du reich? setzt Caren nach und bearbeitet den anderen Daumennagel. Peer wiegt den Kopf hin und her. Aber du hast genug Geld und musst nicht mehr arbeiten, oder? Jetzt nickt er. Geerbt? Ding gedreht? Nein, sagt er, gewonnen. Sie kreuzt die Arme vor der Brust: Viel? Ziemlich, antwortet Peer. Wie viel? Er zeigt ihr alle zehn Finger, ballt die Hände dann zu Fäusten und öffnet sie wieder und noch einmal und dann noch einige Male bis sie sagt: Reicht. Stimmt, sagt Peer. Er steht mit dem Rücken zur Küchenzeile und stützt sich jetzt nach hinten ab. Caren mustert seinen Penis: Ganz schön groß für einen kleinen Kerl wie du. Das sagen sie alle, gibt er zurück und grinst. Nach einer Weile: Und, wie viel willst du? Er zeigt einen Finger, dann eine Hand und dann beide. Sie liegt jetzt auf der Seite und sagt: Nothing, niente, nichts.

Am nächsten Morgen packen sie ihre Rucksäcke und machen sich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Ich zeige dir den guten Zweck, für den ich mein Geld ausgebe, hatte er zwei Tage zuvor geantwortet als sie fragte, was er denn mit dem vielen Geld mache. Du hast doch bestimmt paar tolle Autos in der Garage. Nein, sagt Peer, keins mehr. Hab meinen Volvo vor fünf Monaten abgeschafft. Zig Immobilien aber… Auch nicht, nur das Apartment hier, das hab ich vom Gewinn gekauft, das gehört mir. Diese Wohnküche mit Balkon? Nicht dein Ernst… Doch, sagte er, reicht mir vollkommen. Hab ein knappes Jahr in einem teuer gekauften Penthouse direkt am Fluss gewohnt – alles zu viel, alles zu groß. Kein Luxus? hakte Caren nach. Außer den regelmäßigen Mahlzeiten im Sternerestaurant nicht…

Er weiß nicht, weshalb er sich in sie verliebt hat. Unter dem Personal seines Stammlokals stach sie einigermaßen hervor. Ein dünnes Mädchen in bodenlanger, schwarzer Kellnerschürze mit einem weißen Oberhemd, das ihr viel zu groß war. Das fiel ihm auf und ihr Gesichtsausdruck, eine Spur arrogant mit einem feinen Lächeln. Mit ihrer Frechheit nahm sie ihn für sich ein. Er saß auf seinem üblichen Platz hinten zwischen dem Kücheneingang und dem Fenster zur Seitenstraße. Sie trat an den Tisch und sagte: Mahlzeit, wie der Stammgast eines Sternerestaurants sehen Sie aber nicht aus. Gefällt Ihnen mein Anzug nicht? Na ja…, gab sie zurück, ich bedien Sie trotzdem.

Die größte Frechheit aber war, dass sie sein Trinkgeld zurückwies. Er hatte sie mit einem zusammengerollten Fünfziger provozieren wollen. Sie nahm den Schein, faltete ihn auseinander, strich ihn auf dem Tisch mit der Handkante glatt und sagte: Danke, hab ich schon. Peer musste so laut lachen, dass andere Gäste herübersahen. Zwanziger? fragte er. Nope. Die Rechnung beträgt genau siebenunddreißigachtzig, da sind dreiachtzig angemessen, fünf Euro nett und zehn Euro am Rande der Unverschämtheit. Okay, antwortete er, fand einen Fünfer, hielt ihr hin und sagte: Dann bestehe ich aber auf einer privaten Verabredung. Caren nahm das Geld an, beobachtete ihn ein paar Sekunden mit ernstem Blick und sagte dann: Okay. Gegen halb eins bin ich hier fertig. Warten Sie am Personaleingang auf mich.

Den Rest des Tages überlegte er, wohin er sie so spät am Abend ausführen könnte. Dachte an den Club, in den jeder hineinwollte, aber nicht jeder hineinkam, an die urige Eckkneipe oder an die Bar im achtzehnten Stock des Hafenhochhauses. Nein, sagte er sich, draußen müssen wir zusammensitzen, es wird noch warm sein. Die Biergärten würden alle geschlossen haben. Nur die Terrasse der Gastronomie am Yachtclub, die wurde bis drei Uhr morgens bewirtschaftet. Er war pünktlich, aber sie kam erst gegen eins aus dem Restaurant. Hatte sehr kurz abgeschnittene Jeans an, dazu ein Reggae-T-Shirt und ein Stirnband in den Farben des Regenbogens. Komm, sagte sie, gehen wir essen. Er folgte ohne zu fragen bis zu einem Lokal am Rande des Industriegebiets, vor dem ein gutes Dutzend Taxen parkten. Tische und Stühle standen auf dem Gehsteig, und drei, vier Kellner bedienten die vielen Männer und die zwei, drei Frauen. Griechisch, sagte sie, der Vater der Brüder, die den Laden betreiben, ist selbst Taxifahrer, deshalb haben die bis fünf Uhr auf, und Essen gibt’s bis vier.

Sie weiß nicht, weshalb sie sich in ihn verliebt hat. Unter dem Publikum des Restaurants, in dem sie aushalf, stach er einigermaßen hervor. Ein rundlicher Kerl in einem merkwürdigen Nadelstreifenanzug mit einem rosafarbenen Oberhemd, recht knapp saß. Das fiel ihr auf und sein Gesichtsausdruck, sehr freundlich und sehr offen. Sie konnte nicht anders, als den komischen Kerl zu provozieren. Der nahm es mit Humor und revanchierte sich beim Trinkgeld. Mit dem musste sie auf jeden Fall in die Taverne. Dass er sich so wohl fühlte in diesem Griechenlokal am Rande des Industriegebietes inmitten von lauter griechischen Taxifahrer, an einem schäbigen Tisch auf dem Gehweg sitzend und morgens gegen halb zwei noch einmal mit großem Appetit sechs Souvlakia essend, das gefiel ihr sehr. Deshalb ging sie natürlich mit zu ihm in dieses knappe Appartement in einem Plattenbau hinterm Bahnhof.

Der Regionalzug bringt sie an den Rand des Mittelgebirges. Von hier aus geht’s los, sagt Peer. Die ersten sieben, acht Kilometer legen sie beinahe schweigend zurück. Dann machen sie Rast auf einer Bank mit Blick über ein Tal, in dem sich der Nadelwald ausdehnt. Was war das Erste, was du dir vom gewonnenen Geld gekauft hast? Er streckt die Beine aus und nickt in Richtung seiner Füße: Superduper-Wanderschuhe. Und den Rest der Ausrüstung: Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kocher, Klamotten, GPS-Dings. Und diesen Hut. Doofer Deckel, sagt Caren, und er nimmt den khakifarbenen Hut ab und wirft ihn ohne hinzusehen hinter sich ins Gebüsch. Mensch, so war das nicht gemeint. Sie holt die Kopfbedeckung zurück und stülpt sie ihm über den stoppeligen Schädel. Gegenfrage: Interessierst du dich eigentlich noch für was Anderes als Geld? Sie steht vor ihm und wippt auf den Fußballen. Hab eben noch nie jemanden kennengelernt, der richtig viel Kohle gewonnen hat.

Du hast mich gefragt, warum ich nicht arbeite, sagt Peer, jetzt frage ich dich: Was arbeitest du eigentlich? Außer als Hilfskellnerin in Huberts Laden? Sie sind wieder unterwegs. Hab Feinmechaniker gelernt, optischer Betrieb, in Sachsen. Dann arbeitslos. Und jetzt mach ich dies und das. Brauch ja nicht viel. Sie erreichen den Grund eines Tals, durch das ein träger Bach fließt. Wann sind wir da? fragt sie. Wo? gibt er zurück. Na, da wo der gute Zweck ist, für den du dein Geld ausgibst. Peer lacht. Dieser Ort ist hier. Oder überall. Wo ich wandere, atme, lebe. Und die ganze gewonnene Kohle? Ach, die hab ich verschenkt, gestiftet, gespendet. Meistens anonym. Bin jetzt sechsundvierzig und geb mir noch vierzig Jahre. Im Durchschnitt werde ich pro Jahr etwa zwanzigtausend brauchen. Also habe ich von knapp über sechs Millionen nur achthunderttausend für mich behalten. Die liegen auf einem Treuhandkonto, von dem jeden Monat exakt dreitausdendundfünfzig Euro an mein altes Girokonto überwiesen werden. Irgendwie regelt der Anwalt das mit dem Inflationsausgleich. Ich habe einfach keine finanziellen Sorgen mehr.

Sie finden einen Platz für die Nacht am Ufer eines stillen Weihers und bauen das Zelt auf. Peer macht Feuer während Caren im See badet. Es gibt Dosensuppe mit Stockbrot. Die Sonne ist untergegangen. Sie teilen sich einen Joint und gehen dann schlafen. Morgens sagt sie: Ich denke, wir sollten zusammenbleiben, Peer. Wir haben dasselbe Ziel.

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publiziert am 24.06.17 in Paare ¦ 470x gelesen ¦ noch kein Kommentar