Noch ein Leben

Den Tod hatte sich Fred ganz anders vorgestellt. Irgendwas mit einem weißen Licht, und dass das Leben an einem vorbeizieht. In Wahrheit war der Übergang eine Qual. Zwischendurch blieb er stecken und hatte schreckliche Angst. Ein bisschen wie die Fahrt auf einer sehr flachen Wasserrutsche, die nicht überall richtig nass ist. Mit dem Kopf voran. Durchweg bei trübem, gelblichen Licht, dass im Fokus zu einem bräunlichen Grau wurde. Mit einem winzigen giftgrünen Punkt in der Mitte. Er nahm unterwegs eine Art schräges Knarzen war und fror. Das Ganze zog sich über Stunden hin, vielleicht sogar über Tage und Wochen. Und eigentlich wollte er irgendwann nur noch, dass es vorbei sei, dass er endlich durch sei. Wo auch immer er dann ankäme. Schließlich landete er in einer Höhle, deren Wände in sanften Rottönen leuchteten und dabei in einem angenehmen Rhythmus pulsierten. Körpergefühl hatte er keins mehr, die Sinneswahrnehmungen stark eingeschränkt. Es kam ihm vor, als schwebte er in einer warmen, süßen Flüssigkeit. Je länger er in dieser weichen Höhle antrieblos umher trieb, desto mehr verließen ihn seine Erinnerungen. Sein Körper zog sich zusammen, die Arme vor der Brust gekreuzt, die Beine angezogen. Grelles Licht voraus, und dann nahm etwas seinen Schädel und quetschte seine Schläfe zusammen, sodass er beinahe bewusstlos wurde. Danach war das dann alles zu Ende.

Papa, was ist ein Deja vu? Konrad sah seinen elfjährigen Sohn an. Hatte Fred ihn das nicht schon einmal gefragt? Und wie schreibt man das? Wie kommst du darauf? fragte er seinen Sohn. Ich glaub, ich hatte gerade ein Deja vu. Weil ich genau gewusst habe, was als nächstes passiert. Das ist doch ein Deja vu, oder? Nicht ganz, antwortete Konrad, ein Deja vu ist das Gefühl, eine Situation mit allem Drum und Dran schon einmal genau so erlebt zu haben wie sie in diesem Moment passiert. Siehste, triumphierte Fred, das ist mir gerade passiert, dass ich dich schon einmal gefragt habe, was ein Deja vu ist, und da hast du auch gerade am Tisch gesessen und in der Zeitung gelesen, und auf der Zeitung stand, dass die Bundeskanzlerin gestorben ist. Moment, rief Konrad und schlug die Zeitung so um, dass er die Titelseite lesen konnte, da steht doch gar nicht, dass die Bundeskanzlerin tot ist. Doch, flüsterte Fred, vor ein paar Sekunden schon, jetzt ist es anders.

Mit neun Jahren gelang es Fred zum ersten Mal, in sein anderes Leben zu schauen. Er lag an einem heißen Juniabend im Bett, viel zu früh für seinen Geschmack, weil alle außer ihm noch draußen im Garten saßen, sich unterhielten und die leichte Brise vom Meer genossen, während er in der engen Dachkammer mit der kleinen Luke schwitzt und nicht einschlafen konnte. Mutti hatte ihm immerhin einen Krug mit Eistee ans Bett gestellt und ein Glas. Also setzte er sich auf und schob das Gefäß auf dem Nachtschrank so lange hin und her, bis er durch die blassrote Flüssigkeit und durch das Dachfenster in den Himmel schauen konnte, an dem der abnehmende Mond gerade aufgezogen war. Er sah also den Mond durch den Tee, und es kam ihm vor, als sei das nicht der Mond, sondern das Blaulicht eines Feuerwehrautos. Aber dann hörte das Blinken auf, der helle Punkt wurde größer, erschien ihm wie eine Röhre, durch die er hindurchkriechen sollte. Das andere Ende schwebte ein paar Meter über den Dächern einer Siedlung, die genauso aussah wie die, in der Fred mit seiner Familie wohnte. Er sah einen Jungen, der aussah, als wäre er sein Zwilling – dieselbe Haarfarbe, dieselben graugrünen Augen, Nase, Mund, Ohren, alles. Dieser Junge blickte zu ihm auf, deshalb konnte er die Ähnlichkeit so gut überprüfen. Dann winkte der andere ihm zu: Hallo, Fred! Komisch angezogen war der. In einer Art dunkelgrünem Overall mit Namensschild, einen großen weißen Helm unter dem Arm. Ich war auch schon bei dir, rief der Junge, aber du hast mich leider nicht gesehen.

Die Eltern hörten den Krug zu Boden fallen, das Glas splittern, und fanden ihren Sohn bewusstlos vor, auf dem Läufer vor dem Bett auf dem Bauch liegend, das Gesicht auf den Armen, als habe er es schützen wollen. Zum Glück hatte der schwere Glaskrug ihn nicht getroffen, und er hatte sich bei dem Sturz auch nichts gebrochen. Über das, was ihm passiert war, konnte er mit Konrad erst sprechen als er schon fast erwachsen war. Weißt du noch, als dich gefragt habe, was ein Deja vu ist? Sein Vater legte die Zeitung beiseite, nahm die Brille ab und lächelte seinen Sohn an: Sicher, als wäre es gestern gewesen. Weißt du, Konrad, dass ich mein Leben lang Deja vus hatte und noch habe? Manchmal mehrere am Tag, und einige Male dauerten sie Stunden lang. Der Vater nahm die Zeitung wieder auf: Vielleicht ein Knick im Raum-Zeit-Kontinuum… Fred schwieg eine Weile. Dann: Du nimmst das nicht ernst. Konrad nahm die Lektüre nicht wieder auf, sondern wandte sich seinem Sohn zu. Erklär mir, was du glaubst, woran es liegt, dass du so oft ein Deja vu erlebst.

Ab dem Winter seines zwölften Lebensjahrs konnte Fred die Besuche in seinem anderen Leben mit Absicht herbeiführen. Er benötigte lediglich eine diffuse Lichtquelle und musste sich in einem Zustand völliger Entspannung befinden. Nicht, dass der andere Junge sein bester Freund wurde, aber wenn der ihn bemerkte, dann unterhielten sie sich, und es wurde beiden klar, dass sie ein und derselbe Mensch waren. Bist du schon mal gestorben, fragte der andere Fred ihn als er an Heiligabend bei ihm vorbeischaute. Keine Ahnung, gab Fred zurück, du? Ja, meinte der andere, mindestens ein Mal. Ist gar nicht so schlimm. Am Ende kommst du einfach wieder raus. Manchmal bleibst du derselbe, manchmal ändert sich was. Und das ganze Drum und Dran? Deine Familie? Das Haus, die Stadt, die Welt? Freds Röhre war langsam zu Boden gesunken, sodass sie sich auf Augenhöhe unterhalten konnten. Meistens dasselbe, erklärte der andere Junge, manchmal ganz anders, ganz, ganz anders.

Und er berichtete Fred von seinem Leben auf einer Insel im indischen Ozean, als Bürgermeister einer stillen Stadt in einer südamerikanischen Wüste, als Prinz im siebzehnten Jahrhundert, als weiser Mann in einem Tempel in einem fremden Land, als Soldat, dem man beide Beine abgenommen hatte, als kleines Mädchen in New York und dann seine Existenzen in Tiergestalt: als Wurm, Hund, Tiger, Makrele, Schmetterling und Biene. Diese Geschichten zu erzählen, dauerte Tage, und Fred machte sich Sorgen, dass niemand zuhause seine lange Abwesenheit bemerkte. In Wahrheit war er aber nie weg, jedenfalls aus Sicht seiner Eltern. Und dann kam er andere Junge zum ersten Mal zu ihm, ohne Umweg in sein Dachzimmer, an einem trüben Oktobertag, an dem nichts, aber auch gar nichts passiert war, einem der langweiligsten Tage seines Lebens. Wie machst du das mit dem Sterben? frage Fred. Schwierig, gab der andere zurück, bei den ersten zwanzig, dreißig Malen bin ich eben einfach gestorben und dann wieder zurückgekehrt. Weil das aber so schön ist woanders und so aufregend, ein anderes Leben zu führen, habe ich natürlich versucht, absichtlich zu sterben.

Wir hätten besser auf ihn aufpassen sollen, sagte Freds Mutter eine Woche nach der Beerdigung zu Konrad. Der setzte die Brille ab, weil er schon wieder weinen musste, und nickte. Wer konnte das ahnen? sagte sie. Er machte doch einen glücklichen Eindruck. Gerade jetzt, wo er in Saskia eine so tolle Freundin gefunden hatte und er den Studienplatz in der Tasche hatte. Seit Tagen führten die Eltern dasselbe Gespräch, machte sich Vorwürfe: jeder sich selbst, gegenseitig und gemeinsam. Die Frage stand im Raum, ob es noch Sinn hätte, nach dem Suizid ihres einzigen Sohnes ein Paar zu bleiben. Fred aber ging es sehr gut auf der anderen Seite. Er hatte es gut getroffen. Als angesehener Bürger in einer friedlichen Kleinstadt mit einem gut gehenden Geschäft, das er zusammen mit seinem Zwillingsbruder betrieb.

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publiziert am 19.06.17 in Thibaud ¦ 362x gelesen ¦ noch kein Kommentar