Fremdes Geld

Schein zählte die Banknoten umständlich auf den Küchentisch. Ingola griff sich eine und betrachtete das fremde Geld sorgfältig. Echt? fragte sie, aber Schein zuckte nur kurz mit den Schultern. Im Schein der Leuchte im Dunstabzug stand Kilian mit den Rücken zu ihnen und rauchte. Wo wir das ausgeben, ist das egal, sagte er. Ein Auto fuhr vor, der Motor wurde abgestellt. Kilian trat auf den Küchenbalkon, kam zurück und sagte: Keiner von uns. Die Katze tigerte durch den Raum und sprang aufs Fensterbrett. Wann geht’s los? fragte Schein nachdem er fertig war. Übermorgen, antwortete Kilian. Noch jemand Wein? Ingola hatte die Flasche schon in der Hand. Beide Männer nickten.

Sie tranken schweigend. Okay, muss los, sagte Schein und verließ die Wohnung grußlos. Wir sollten feiern, meinte Ingola, aber mir ist nicht danach. Mir auch nicht, gab Kilian zu. Er zündete sich wieder eine Zigarette an. Sicher sind wir erst, wenn wir auf der Insel sind. Sie sah ihn mit gesenktem Blick unter ihrem blonden Pony an. Selbst dann nicht, sagte Kilian, nach dieser Nummer werden wir nie wieder ganz in Sicherheit sein. Abbrechen? Er schüttelte den Kopf. Wir ziehen das durch. Ich geh duschen, sagte Ingola. Die Katze sprang auf den Tisch, setzte sich direkt vor Kilian und miaute zweimal. Mit einer Handbewegung vertrieb er das Tier und goss sich Wein nach. Später im Bett, nachdem sie miteinander geschlafen hatten und er rauchte, fragte sie: Können wir Schein trauen? Kilian nahm einen langen Zug und dachte nach. Nein, können wir nicht. Wir können jetzt niemandem mehr trauen. Nur uns gegenseitig. Geht um zu viel Geld. Ingola setzte sich auf und nickte. Also packen wir gleich und ziehen um. Wie geplant, sagte Kilian.

Im Taxi zum Hotel auf der anderen Seite des Flusses spürte Ingola einen Anflug von Panik. Kilian war mit dem ganzen Geld im Bus unterwegs. Sie hatten beschlossen, getrennt hinüberzufahren, um Schein zu verwirren, falls er ihnen nachspionierte. Was, dachte sie, wenn er mit der Kohle abhaut? Fahren Sie bitte über die Uferstraße, befahl sie dem Chauffeur, da wo der Bus zur Brücke fährt. Zwei Haltestellen weiter hatten sie ihn eingeholt. Ingola sah Kilian in der letzten Reihe, sie erkannte ihn an seiner Mütze. Kaum hatte sie die Lobby betreten, kam auch er an, den schweren Rollkoffer mit dem Geld im Schlepptau. Sie hatten getrennte Zimmer auf verschiedenen Stockwerken reserviert. Eine Stunde später trafen sie sich in der Bar mit der Terrasse hoch über der Stadt. Der Wagen kommt um fünf, sagte Kilian, Bob parkt ihn in der Tiefgarage. Wir treffen uns dann dort. Sie nickte und trank das Glas in einem Zug aus.

Dann hatten sie die aufgehende Sonne im Rücken, während der Bentley mit angepasster Geschwindigkeit über die Autobahn rollte. Wann entscheiden wir? fragte Kilian vom Beifahrersitz aus. Kurz nach der Grenze, würde ich sagen, gab sie zurück. Am meisten Sorgen machte er sich darüber, dass der Security-Mann im Depot doch ihre Gesichter erkannt hatte, bevor ihn Schein ins Koma befördert hatte. Keiner kannte sie, niemand wusste, dass sie ein Paar waren, und wie sollte jemand den Verdacht haben, die Tat wäre ihr Werk? Bob wusste gar nichts, der nahm an, Kilian habe eine neue Geliebte, die er mit dem schweren Wagen und einer Nacht in einem Luxushotel zu überzeugen gedachte. Blieb nur Schein, aber der hatte genug Dreck am Stecken, der würde nicht riskieren, sie bei den Bullen anzuzeigen.

Auf M. tauschten sie die Beute in Dollar um. Zu einem sehr ungünstigen Kurs. Einen Teil zahlten sie in K. auf ein Konto bei der E.-Bank, ein weiteres Drittel transferierten sie nach B., und für den Rest kauften sie in J. Goldnuggets, die Ingola in verschiedene Kleidungsstücke einnähte. Nach vier Wochen landeten sie schließlich auf der Insel. Die Immobilienmaklerin, der sehr gut Deutsch sprach, nahm sie am Airport in Empfang und brachte sie zum Haus. Weder Ingola, noch Kilian hatten die Insel je zuvor betreten. Sie hatten sich das Ziel und auch die Villa im Internet ausgesucht. Ihr gefiel die Bucht sofort, und am ersten Abend saßen sie eng umschlungen auf der Terrasse und sahen der Sonne zu, die schnell ins Meer stürzte. Hier würden sie also bleiben, dachte er, vielleicht für den Rest des Lebens. Jetzt erst einmal die Füße stillhalten, dachte sie, in ein paar Monaten können wir dann auf Reisen gehen.

Download PDF

publiziert am 20.01.18 in Paare ¦ 209x gelesen ¦ noch kein Kommentar