Lebensunterhalt

Es ist möglicherweise die einsamste Bushaltestelle des Landes. Gilda sitzt im schmalen Wartehäuschen und liest in einem ziemlich dicken Buch. Aus der einzigen Straßenlaterne in weitem Umkreis sickert weiches Licht durch die trübe Luft. Die Landstraße kommt aus einer Senke und führt rechterhand in einer flachen Linkskurve den Hügel hinauf. Unterhalb verschicken einzelne Häuser Licht aus ihren Fenstern. Jemand kommt und setzt sich neben sie. Sagt Hi, und sie grüßt mit einem schwachen Nicken zurück. Wann kommt er denn, der nächste Bus? fragt der Mann. Sie legt sorgfältig das Lesezeichen zwischen die Seiten und klappt das Buch zu. Holt das Handy aus der Manteltasche, entsperrt es und zeigt auf das Display: Noch siebenundzwanzig.

Aus den Augenwinkeln mustert sie ihn. Er ist viel jünger als sie. Zwanzig, denkt sie, höchstens vierundzwanzig. An den Füßen hat er schmutzige Chucks, bei einem der Schuhe hat sich die Sohle gelöst. Er trägt einen altmodischen Parka und hat die Kapuze über den Kopf gezogen. So kann sie seine Augen im Schatten nicht sehen. Dafür aber einen dunklen, löchrigen Bart. Ui, sagt der Typ und streift die Kapuze ab, noch siebenundzwanzig Minuten. Was machen wir denn die ganze Zeit über? Na ja, warten, warten, warten. Er scheint ziemlich groß zu sein. Viel zu dünn, denkt Gilda, und nicht warm genug angezogen. Ich friere nie, sagt er, höchstens nackt bei Frost. Aber wer geht schon bei Frost nackt ins Freie? Ich nicht. Man friert ja immer von den Füßen aus. Er betrachtet seine Leinenschuhe. Oder vom Kopf. Auf dem Kopf hat er eine Strickmütze mit zwei Bändern, die an den Seiten herabhängen wie Zöpfe. Schon wieder Woche der blöden Kopfbedeckungen, denkt sie. Er deutet auf seine Mütze und sagt: peruanisch.

Er ist auf dem Sitz nach vorne gerutscht, die Beine lang ausgestreckt lehnt er an der hölzernen Rückwand des Unterstands. Warum bist du denn schon hier, wenn der Bus erst in siebenundzwanzig… Halt, inzwischen werden es nur noch sechsundzwanzig oder fünfundzwanzig Minuten sein. Sie wendet sich ein bisschen zu ihm um und zieht bloß die Brauen hoch. Genau jetzt würde sie gern eine rauchen. Der Nieselregen scheint wieder eingesetzt zu haben. Gilda spürt die Nässe auf dem Gesicht. Dem Kerl neben ihr scheint das nichts auszumachen, er hat nicht einmal den Parka geschlossen, und darunter trägt er ein helles Oberhemd, das ziemlich dünn aussieht. Also verstaut sie das Buch im Rucksack und nestelt die Zigaretten aus der Vordertasche. Sucht nach dem Feuerzeug. Wenn ich auch eine kriege, gebe ich dir Feuer, sagt er. Sie klopft zwei Kippen ein wenig aus der Packung und hält sie ihm hin. Oha, kommentiert er, Filterlose… Dann holt er ein altmodisches, silbernes Gasfeuerzeug aus der Innentasche und hält ihr die Flamme hin.

Sie rauchen schweigend. Was ist das für eine Marke? Gilda hält ihm die Packung hin, und er liest: American Spirit. Aha, kenn ich nicht. Ganz schön stark. Rauchst du die immer? Sie nickt. Oder manchmal auch Kräuter. Er kichert ein wenig. Sie reagiert nicht. Der Kerl schnippt die zur Hälfte gerauchte Zigarette auf die nasse Straße: Bah, schmeckt mir nicht. Gilda zieht den Mantel enger um sich und ändert ihre Sitzposition, sodass sie ihn besser sehen kann. Er hat sich jetzt ganz gerade hingesetzt. Komische Nase, denkt sie, so lang und schmal. Wie eine Messerschneide. Und unten ein bisschen nach oben gebogen. Außerdem stehen seine Augen viel zu eng beieinander. Schöne lange Haare hat er, stellt sie fest; wenn der blöde Bart nicht wäre, könnte er ganz hübsch sein. Also gutaussehend auf eine spezielle Weise.

Was hast du denn da gelesen? Sie holt das Buch aus dem Rucksack und zeigt ihm den Titel. Zola, liest er ab, Nana. Und, spannend? Gilda verzieht das Gesicht. Liebesroman? Sie atmet hörbar aus und schüttelt leicht den Kopf. Krimi, Action, Science Fiction, Horror… Jetzt muss sie grinsen. Wie viele Seiten hat der Schinken? fragt er. Vierhundertzweiundneunzig, antwortet sie. Und wie weit bist du? Sie schlägt das Buch beim Lesezeichen auf und sagt: Zweihundertsechsundvierzig. Ey, ruft er und klatscht in die Hände, das ist genau die Hälfte! Ganz exakt. Bin ganz schön gut im Kopfrechnen, was? Der ist noch keine zwanzig, denkt Gilda. Los, sagt er jetzt, erzähl mir, wovon das Ding handelt. Nein, sagt sie und verstaut den Band wieder im Rucksack. Er beginnt, mit den Füßen auf den Hacken zu wackeln.

Nach einer Weile: Fährst du nach A oder nach B? Alles Busse fahren ja von A nach B… Gilda hätte beinahe gelacht. Im Ernst: Fährst du in die Stadt? Ja, antwortet sie, und dann weiter nach Hamm. Zur Arbeit? Freunde besuchen? Auf der Flucht? Nun muss sie grinsen. Krankenhaus. Nachtschicht. Wow, sagt er mit einem wissenden Kopfnicken, und dafür wartest du erst ein paar Stunden auf den Bus, fährst dann ein paar Stunden durch die Pampa, um dann zwölf Stunden zu malochen – Respekt. Nur heute, sagt Gilda, sonst geh ich bloß über die Straße in die Klinik. Ah, hast du hier in der Nähe deinen Lover besucht? Nein, meine Großmutter, sagt sie und deutet vage in Richtung auf die Häuser am Hang. Der junge Mann holt noch einmal das Feuerzeug hervor und sagt: Ist von meinem Opa; den lieb ich. Übrigens, und nestelt aus einer der Außentaschen einen Flachmann aus Metall, die auch. Er schraubt den Behälter auf und hält ihn ihr hin: Auch einen Schluck? Nein, sagt sie, ich trinke keinen Alkohol.

Das ist kein Alkohol, das ist Cognac. Vom feinsten. Er legt den Kopf in den Nacken und nimmt einen tiefen Schluck. Ich persönlich arbeite nicht für Geld, sagt er. Hab mich dagegen entschieden. Nichts: Keine Lehre, kein Studium, kein Job. Gilda schlägt die Beine übereinander und schaut ihm beim Sprechen zu. Hab auch kein Geld, keinen Euro, keinen Cent. Nur einen Fahrschein. Und den hab ich geklaut, nein, gefunden. Kann ich bis nach Hamm mit fahren. Oder nach A. Oder nach B. Nach einer Weile: Die Leute fragen immer – und, wovon lebst du dann? Er hat sich vorgebeugt, hat die Ellenbogen auf den Knie und stützt das Kinn in die eine Hand. Vom Abfall und von Geschenken, sag ich dann immer. Gilda fragt sich, ob seine Jeans grün sind oder einfach nur unglaublich dreckig.

Schön, dass wir uns so gut unterhalten, sagt er. Du bist nett. Sehr nett sogar. Du gefällst mir. Er hat sich ganz zu ihr umgedreht und sieht ihr direkt in die Augen. Oha, denkt sie, jetzt fängt er das Flirten an. Wo er doch so gar nicht mein Typ ist. Eigentlich sogar das genaue Gegenteil. Robert ist schließlich fast zehn Jahre älter als sie, beinahe gleich groß und einigermaßen stämmig. Aber mit dem ist es ja vorbei. Hat gut getan, die Oma zu besuchen. Einen Apfelkuchen mit ihr zu backen und zu essen. Nicht viel zu reden. Echt jetzt, hakt der Kerl nach, ich finde dich klasse, also attraktiv. Das heißt aber jetzt nicht, dass ich dich hier und jetzt angrabe. Finde, sowas muss gesagt werden. Er rückt näher. Gilda hat keine Angst, und sie ist wehrhaft. Ein paar Jahre Teakwondo, zwar nicht mehr im Training, aber das Wichtigste sitzt. Außerdem hat sie immer Pfefferspray in der Manteltasche. Oh, sagt er, bin dir wohl zu nahe gekommen. Sorry dafür, und zieht sich in die entferne Ecke seiner Sitzschale zurück.

Müsste jetzt aber bald da sein, oder? Sie nickt. Wo ist eigentlich die andere Haltestelle, also wo der Bus in die andere Richtung fährt. Sie zeigt in Richtung der Senke und sagt: Ungefähr zweihundert Meter. Und wann kommt da der nächste Bus? Keine Ahnung, sagt Gilda. Hast du keinen Hunger? fragt er. Sie schüttelt den Kopf. Hat wahrscheinlich gerade was bei Oma gegessen. Ich hab heute morgen ganz gut gefrühstückt. Ein Kumpel arbeitet dahinten in dem großen Hotel, der hat mich in die Personalküche geschleust. Warte, ich hatte Rührei, viel Rührei, Bacon, Tomaten, Brötchen, Croissants, Schinken, Salami, Camembert und natürlich Müsli. Kaffee trink ich nicht. Er nimmt noch einen Schluck aus dem Flachmann.

Der Regenn ist in Schnee übergangen. Flocken tanzen besoffen im Laternenschein. Auf dem Hügel zur Linken blitzen kurz Lichter auf. Sie werden zu Strahlen, die sich in die Dunkelheit bohren, und kommen näher. Ah, sagt der Mann, da kommt ja der Bus. Vielleicht fahr ich ja einfach mit nach Hamm. Gilda steht auf, dreht sich zu ihm um: Kann dich nicht dran hindern. Oder, nuschelt er, ich fahr nach B. Erhebt sich, zieht die Kapuze über und geht. Überquert die Landstraße und wandert in Richtung der anderen Haltestelle. Winkt ihr mit erhobenem Arm ohne sich umzudrehen.

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publiziert am 12.01.18 in Paare ¦ 169x gelesen ¦ noch kein Kommentar