Die bunte Frau

Wir sehen einen Rücken, der aus schmalen Hüften wächst und in einem delikaten Nacken auslüft. Darüber ein Helm Haare in der Farbe geschälter Karotten. Die Wirbelknochen und die Schulterblätter sind gut erkennbar. Die helle Haut ist übersät mit ockerfarbigen Flecken. In der Schule wurde Elisabeth nicht wegen ihrer roten Haare gehänselt, sondern weil sie lang und dürr war. Das in einer Zeit als Kinder noch das Wort Bohnenstange benutzten. In den heißen Sommern ihrer Kinder- und Jugendjahre erblühten ab Mai die Sommersprossen. Immer mehr wurden es bis im September kaum noch die weiße Haut, die sich durch das Sonnenlicht kein bisschen bräunte, zu sehen war.

Sie fand lange Zeit keinen Mann, obwohl sie so gerne in geordneten Verhältnissen hatte leben wollen. Ihre Ausbildung absolvierte sie in einer städtischen Behörde und schlug anschließend wie geplant die mittlere Laufbahn ein. Lange blieb sie bei den Eltern wohnen, die kurz nach dem Krieg ein Haus in der Genossenschaftssiedlung am östlichen Stadtrand gebaut hatten – stille Leute, die sich genügten und ein ruhiges Leben führten. Dann verliebte sich Elisabeth in einen verheirateten Kollegen. Ein paar Mal gingen sie in ein Hotel in einem Vorort und schliefen miteinander. Ihr gefiel das so gut, dass sie beschloss, regelmäßig Sex mit Männern zu haben, auch ohne verliebt zu sein.

Also ging sie aus, besuchte Tanzvergnügen, schloss sich einem Kegelclub ein und ging nicht selten ins Kino. Weil es damals nicht üblich war, dass eine Frau einen Mann ansprach, entwickelte sie Methoden, die gewünschten Kerle dazu zu bringen, mit ihr zu flirten. So kam sie zwischen dem vierundzwanzigsten und dem zweiunddreißigsten Geburtstag zu einer Reihe kurzer Affären, die meist nicht länger als eine Nacht dauerten. Da sie gut verdiente, konnte sie sich eine Neubauwohnung mit zweieinhalb Zimmern und Balkon in einem der besseren Viertel leisten. Dann machte sie den Führerschein und kauften ein Karman-Ghia-Cabrio in hellblau auf Raten.

Unter den Männern, die sie fand, war auch einer, der sehr viel älter war als sie. Elisabeth gefiel, wie der mit dir umging, seine Lässigkeit, sein gutes Benehmen, der Witz, die Bildung. Leider blieb Bernhard, ein Schweizer aus Luzern, nur ein paar Wochen in der Stadt, reiste ab, und sie hörte nie wieder von ihm. Wäre er nur länger geblieben, dachte sie, vielleicht wäre er der richtige Ehemann für mich geworden.

Mitte Dreißig war sie das, was man in den Sechzigern eine aparte Erscheinung nannte. Niemand hätte gedacht, dass sie eine mittlere Beamtin sei, so exquisit und modisch kleidete sie sich. Die roten Haare trug sie nicht im Stil der Zeit als auftoupierte Dauerwelle, sondern in einer Art Bubikopf, ein bisschen wie Audrey Hepburn, der sie ohnehin ähnelte. Bei jungen Männern konnte sie so immer seltener landen. Außerdem hatte sie damit begonnen, mit ihrem Auto Urlaubsreisen zu unternehmen. Am liebsten nach Italien oder ins Tessin. Am Wörthersee lernte sie Jürgen in einem Ausflugslokal kennen, einen Witwer Mitte Fünfzig, der ihr auf Anhieb gefiel.

Sie verbrachten drei Wochen in den Bergen und an den österreichischen Seen miteinander, und am Tag ihrer Abreise machte er ihr einen Heiratsantrag. Im Dezember heirateten sie, und Elisabeth zog zu ihm nach A., wo er einen Bungalow besaß. Sie ließ ihre Stelle ruhen und wurde bald schwanger. Die Zwillinge kamen planmäßig zur Welt, und das Ehepaar war glücklich. Jürgen führte eine eigene Handelsfirma und war sehr erfolgreich, sodass die Familie im Wohlstand leben konnte. Und weil eine äußerst korrekte Prokuristin jederzeit in der Lage war, die Geschäfte zu führen, blieb ihm genug Zeit, mit Frau und Kindern Ausflüge zu unternehmen und in den Ferien ausgiebig zu verreisen.

Jürgen starb wenige Tage nach dem zwölften Geburtstag von Katja und Stefanie mit sechundsechzig Jahren bei einem Autounfall. Da war Elisabeth Mitte Vierzig. Sie trauerte lange und war sicher, nie wieder einen anderen Mann haben zu wollen als den Vater ihrer Kinder, die sie nun in ein Internat im Schwarzwald gab. Obwohl die Mädchen Zwillinge waren, sahen sie nicht nur völlig unterschiedlich aus, sondern unterschieden sich auch im Wesen sehr. Katja war wie eine Kopie der jungen Elisabeth, sehr groß, ziemlich dünn und rothaarig. Ganz anders als ihre Mutter in diesem Alter war sie wild und laut, lachte viel und gern und machte sich jedermann zum Freund. Genauso wie es ihr Vater gekommt hatte. Stefanie bleib anderthalb Köpfe kleiner als ihre Schwester und war beinahe das, was man pummelig nennt. Sie liebte das Geordnete, verabscheute Veränderungen am Tagesablauf und redete nicht viel.

Wider Erwarten konnte Elisabeth in den öffentlichen Dienst zurückkehren und machte unerwartet rasch Karriere im Amt, weil kurz nacheinander drei Vorgesetzte starben. Den Karman Ghia hatte sie vor einigen Jahren verkauft und fuhr stattdessen Jürgens Mercedes-Limousine, die er immer das Generaldirektorenauto genannt hatte. Außerdem blieb sie auch nach der Trauerzeit der schwarzen Kleidung treu. Nur wenn sie im Garten arbeitete oder sich nach der Gartenarbeit sonnte, zog sie einen Bikini mit hellem Blumenmuster an. Und weil sie im Sommer gern in der Sonne lag, blühten auch ihre Sommersprossen wie damals in ihren jungen Jahren.

Mit Mitte Fünfzig entdeckte sie die ersten Altersflecken; zunächst auf den Händen. Dann entstanden kleine, dunkelbraune Muttermale überall am Körper, jedenfalls überall da, wo sie auch Sommersprossen hatte. Einmal stand sie lage nackt vor dem Spiegel und betrachtete ihren Körper, der nun von der Stirn bis zu den Füßen ocker- und umbrafarbig gesprenkelt war, sodass kaum noch unbefleckte Haut zu sehen war. Da hatte sie einen Einfall und suchte im Branchenbuch nach einem Tätowierer. Weil sich seinerzeit kaum jemand tätowieren ließ, fand sie nur zwei solcher Studios, von denen sie das nähergelegte nach Feierabend besuchte.

Der Meister hatte langes schneeweißes Haar und einen ebenso weißen Bart, der ihm bis weit auf die Brust reichte. Er sprach mit holländischem Akzent. Elisabeth schilderte ihre Idee, und Henk, so sein Name, musste herzlich lachen, stimmte aber zu, ihr genau das stechen zu wollen, was sie sich ausgedacht hatte. Bei der ersten Sitzung legte er an einigen hellen Stellen auf ihrem linken Oberarm kleine blaue Punkte an, die in Größe und Form mit ihren Sommersprossen und Altersflecken identisch waren. Beim zweiten Mal wählte er ein kräftiges Dunkelrot, und zum guten Schluss setzte er grüne Punkte überall dort, wo noch Platz war.

Das gefiel beiden so gut, dass sie verabredeten, auch den anderen Oberarm entsprechend zu verzieren. Und als auch dieses Werk gelungen war, begann Henk nach und nach ihren ganzen Körper mit bunten Punkten zu versehen. So wurde Elisabeth zu einer bunten Frau. Und weil die Arbeit so lange dauerte und Tätowierer und Modell sich dabei immer näher kamen, zog Henk zu ihr in den Bungalow. Und sie lebten noch viele Jahre glücklich zusammen.

Download PDF

publiziert am 17.08.19 in Fotoalbum ¦ 76x gelesen ¦ noch kein Kommentar