Das Bad

Nach der Wende wandelten pfiffige Leute die Datschen im lichten Kiefernwald am See durch allerlei An- und Umbauten in Einfamilienhäuser um, sofern sie die Hütten nicht gleich abrissen, um auf den sandigen Grundstücken umfangreiche Häuschen zu errichten, die sie hinter dichten Hecken zu verbergen trachteten. Nur die Funktionärswillen im Osten der Siedlungen, die fielen umgehend den Immobilienspekulanten in die Hände, die alsbald wohlhabende Anwälte und Ärzte aus dem Westen hierher lockten. Gustav Auland aber war durch ein undurchsichtiges Geschäft schon 1990 an eines der wenigen steinernen Häuser direkt am Ufer gelangt und hatte sofort einen Steg am Ende des Gartens anlegen lassen.

Von Stunde an machte der Hinterbänkler im Parlament es zu einem Ritual, jeden Morgen das Haus mit einer Badehose bekleidet und einem Handtuch im den Hals zu verlassen, um dann genau eine halbe Stunde zu schwimmen – vorausgesetzt, die Wassertemperatur lag oberhalb von 22 Grad, was meistens in der Zeit von Anfang Mai bis Mitte Oktober der Fall war. Als Politiker fiel er vor allem durch Meinungsflexibilität auf, wechselte so 1995 mitten in der Legislaturperiode die Partei, um bei den neuen Freunden gleich mit einem Ausschussvorsitz belohnt zu werden. Er galt, ohne dass es jemanden jemals gelungen war, dies zu belegen, als Konservativer.

Mitte der Nullerjahre sagte man ihm nach, Kontakte zu eher rechtsgerichteten Kräften zu unterhalten. Dem sehr jungen Journalisten Uli Bronner gelang es im Jahre 2011 in einer Artikelserie, die in einem bürgerlichen Blatt erschien, nachzuweisen, dass Auland Teil eines internationalen Netzwerks war, dass sich als neue Rechte verstand und im Lande selbst enge Kontakte zu Neonazis verschiedener Brauntönung unterhielt, was aber seiner politischen Karriere kaum Abbruch tat, außer, dass er wieder auf die hinteren Stühle im Bundestag verbannt wurde.

Gustav Auland, auch das hatte Bronner aufgedeckt, hatte Zeit seines Lebens ein Faible für den Adel und tat viel dafür, in adligen Kreisen zu verkehren, besonders mit ausgesprochen restaurativ eingestellten Von-und-Zus zu verkehren, die ihn wiederum als Lobbyisten einzusetzen versuchten. Er selbst verstand sich als Patriot, Brandenburger Lokapatriot zumal, und stammte aus einer mittelbürgerlichen Beamtenfamilie, die im Verlaufe des zweiten Weltkriegs durch die Heldentode aller erwachsenen Männer zerfiel und sich nach Westen durchschlug. Außerdem liebte er den deutschen Dackel; Raudi war der inzwischen fünfte Vertreter seiner Rasse, der mit Gustav, der nun auch schon sechzehn Jahre Witwer war, Haus und Leben teilte.

Man muss sich Auland als nüchternen Menschen vorstellen, der in der Öffentlichkeit nie und privat nur selten Gefühle zeigte, sodass beinahe alle, die sich für seine Freunde und Bekannten heilten, anzweifelten, dass die Ehe mit Martha etwas anderes gewesen sein konnte als eine Zweckgemeinschaft. Vermutlich war das Attraktivste an seiner verstorbenen Gattin ihre adlige Herkunft gewesen, denn eine Schönheit war sie nie, und besonders unterhaltsam auch nicht. Als Gustav aber um das Jahr 1993 herum als Jagdgast des Grafen Dithausen auf dessen Landgut verweilte, verliebte er sich stürmisch in die sehr junge Hausherrin.

Edda von Dithausen aber, die Vielumschwärmte, mochte den Auland nicht und ließ es bei höflichen Umgangsformen ihm gegenüber bewenden. Lange Brief schrieb Gustav ihr, gespickt mit Formulierungen, die er aus Liebesromanen abgeschrieben hatte, umrankt von Andeutungen seiner erotischen Fähigkeiten und versehen mit Hinweisen auf seine mögliche Karriere im gehobenen Dienst und der sich daraus ergebenden materielle Sicherheit. Da der Graf damals bereits kränkelte, hoffte Gustav insgeheim, Edda einen Antrag unterbreiten zu können, sobald sie zur Witwe geworden wäre.

Tatsächlich aber schlief der Kontakt nach dem Tode Eduard von Dithausens ein, und sie begegneten sich nur noch zweimal: einmal zufällig als Edith, wie sie nun wieder hieß, in der Hauptstadt zu Gast war, um mit dem ehemaligen Vermögensverwalter des Grafen zu Abend zu essen, und Gustav zufällig im selben Restaurant dinierte. Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Parteifreund kurzzeitig allein am Tisch zu lassen, und eilte zu Edda, die er strahlend begrüßte und sogleich ein Gespräch aufzwingen wollte. Auch sie erkannte den alten Verehrer, blieb zwar höflich, aber kühl, und nahm seine Visitenkarte dankend entgegen. Immerhin stand sein Name auf ihrer Liste.

Freunde, die sie über all die vielen Jahre kannten, konnten bestätigen, dass sich Edith ungefähr seit ihrem achtzehnten Lebensjahr physisch nur wenig verändert hatte. Immer war sie die größte Frau unter den Bekannten, schlank war sie, beinahe hager, ja, sehnig und ausgesprochen sportlich. Ein gütiges Schicksal hatte ihr zudem eine robuste Gesundheit beschert, von der sie auch jetzt mit beinahe neunzig Jahren profitierte. Obwohl sie nie als Sportlerin aktiv war, war es ihr leichgefallen, mit siebzig ein persönliches Fitnessprogramm aufzusetzen und seitdem diszipliniert zu verfolgen.

Dazu zählte eine Stunde Gymnastik am Morgen, sommers wie winters ausgedehnte Radtouren sowie regelmäßiges Absolvieren von dreißig Bahnen im jeweils nächstgelegenen Hallenbad. Kraftübungen waren nie ihr Fall gewesen, wer sie aber kennenlernte, war von ihrem festen Händedruck überrascht, und bei ihrem letzten Umzug hatte sie die Speditionsmitarbeiter damit verblüfft, dass sie anpackte und den einen oder anderen Bücherkarton eigenhändig in die dritte Etage trug. Den Aufzug im neuen Domizil nahe des Regierungsviertels mied sie mit den Worten: “Den kann ich benutzen, wenn ich mal alt und klapprig bin.”

Zum zweiten Mal traf Edith den Auland dann, weil sie seine Einladung angenommen und an einem warmen Sonntag im Mai hinaus an den See gefahren war. Er bot Tee an, und sie saßen draußen im Garten unter der großen Linde. Natürlich wollte er von ihr wissen, wie es ihr in den langen Jahren seit ihrer letzten Begegnung ergangen war. Dann erzählte er in gewohnt nüchternen Worten sein Leben. “Wunderschön haben sie es hier. Der See – kann man darin baden?” Auland nickte und berichtete von seinem Morgenritual. “Oh, wie gern würde ich auch einmal darin schwimmen!” – “Nur zu,” sagte er, “kommen Sie, lassen sie es uns tun.” – “Aber ich habe keinen Badeanzug dabei.” – “Das ist kein Problem, hier kann man ungestört nackt baden.”

Also standen der alte Mann und die betagte Dame unbekleidet auf dem Steg, und während Gustav die Leiter ins Wasser benutzte, vollführte Edith einen formvollendeten Kopfsprung. Dann schwammen sie schweigend bis weit auf den See hinaus. Er schien in Gedanken versunken, vielleicht darüber nachdenkend, ob es nicht möglich wäre, dass sie und er auf ihre letzten Tage noch ein paar würden. Sie spürte, dass der Anblick ihres Körpers auch erotische Vorstellungen in ihm geweckt haben könnte. Aber ihr Plan war ein anderer. Sie näherten sich einander an. Sie berührten sich. Und dann legte Edith ihre schmalen Hände von hinten um seinen Hals, drückte zu und brachte Gustav so unter die Wasseroberfläche. Vergelich versuchte er sich zu befreien, und als er aufgehört hatte zu zappeln, ließ sie von ihm ab und schwamm zurück zum Steg. Während sie sich abtrocknete blickte sie hinaus auf den See und sah seinen Körper mit dem Gesicht nach oben auf der Wasseroberfläche treiben.

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publiziert am 25.04.20 in Fünf ¦ 231x gelesen ¦ noch kein Kommentar