Das Gift

Als Journalist wusste Uli Bronner sehr genau, dass es Veranstaltungen gab, die von Kollegen nur deswegen in den Terminkalender genommen wurden, weil man dort ein erstklassiges Buffet erwarten konnte. Er wusste deshalb auch zu gut, dass man bei Events mit Gourmet-Catering beinahe immer auf Tibor Paladin treffen könnte, denn der war für seine Vorliebe für ausgewählte Speisen und seinen beispiellosen Geiz bestens bekannt. Lesungen in Buchhandlungen akzeptierte er nur, wenn ihm vom Aufbruch zuhause bis zur Rückkehr in die heimische Wohnung keinerlei Kosten entstanden. Wobei keinerlei bedeutete, dass er nicht einmal bereit war, die 50 Cent in der Bahnhofstoilette aus eigener Tasche zu zahlen, sondern selbst solche Ausgaben auf die Spesenrechnung zu setzen pflegte. Dass Paladin also im Mai in einer schönen, aber unwichtigen Stadt in einem eher erfolgsarmen Weinlokal lesen würde, überraschte Bronner.

Den hatte man aus der Hauptstadt hierher versetzt, und er hatte ein akzeptables Appartement gleich um die Ecke gefunden. Weil er die Ankündigung der Paladin’schen Lesung übersehen hatte, kam das Tohuwabohu im Viertel überraschend. Schon morgens hatte die Polizei den zentralen Platz des Viertels und die umliegenden Straßen weiträumig abgesperrt, zumal es in der Nacht einen Anschlag auf das Lokal gegeben hatte, bei dem einer der Fensterscheiben zu Bruch gegangen war. Aber es waren nicht nur die üblichen Reisechaoten, die sich am Auftritt des umstrittenen Autors rieben, auch die ausgesprochen multikulturelle Nachbarschaft war nicht damit einverstanden, dass der Skandalautor ausgerechnet in ihrem Kiez seine – wie sie fanden – rassistischen, aber in jedem Fall islamfeindlichen Meinungsbrocken vortragen durfte.

Auch Bronner fand diesen Tibor Paladin, die er vor seiner Versetzungen oft auf den Veranstaltungen mit leckerem Essen gesehen hatte, einigermaßen widerlich. Ganz offensichtlich war das Mehrheitsmeinung in der Hauptstadt, denn Paladin wurde während der Events weitestgehend ignoriert und konnte sich allein und in aller Ruhe an den Häppchen laben. Im Gegenteil: Spätestens als sein zweites Buch die These von der sogenannten Umvolkung mit pseudowissenschaftlichen Zahlen belegen sollte, galt der Smalltalk mit ihm als Auftakt zum gesellschaftlichen Tod. Wer Paladin aber schon länger kannte, wusste, dass auch in den Zeiten als er noch nicht berühmt und berüchtigt war, niemand so recht mit ihm befreundet sein wollte.

Dass er also vor Ort auftauchte, dachte sich Bronner, konnte nur an Speis und Trank in der Weinstube für Hipster, die sich unerklärlicherweise Feinstein nannte, liegen. Und tatsächlich wusste ein Kollege, der diese gastronomische Einrichtung frequentierte von wirklich erlesenen Weinen und opulentem Fingerfood zu berichten, das bei den organisierten Weinproben großzügig verteilt wurde. Allerdings, so der andere Journalist, müsse man sich auf saftige Preise gefasst machen. Für ein Glas ordentlichen Weißweins aus Baden riefe man im Feinstein mindestens sieben Euro auf, und für eine im Lokal georderte Flasche Burgunder müsse man schon wenigstens 65 Euro anlegen.

Trotz der Absperrungen tummelte sich das Volk auf dem Platz, und die Polizei hatte sich so weit zurückgezogen, dass nur ein Umkreis von kaum acht Metern um das Weinrestaurant durch Rempelgitter, hinter denen sich jeweils ein Ordnungshüter mit Knüppel und Reizgas bewaffnet befand. Bronner hatte es sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite bei Luigi gemütlich gemacht, hockte auf einer Bierbank auf dem Gehweg und genoss seine Pizza Paolo. Ein Demonstrant fiel ihm besonders auf, nicht zuletzt, weil er ein blütenweißes Oberhemd trug. Der bewegte sich unentwegt wie ein Fisch im Wasser durch die Menge, obwohl er sicher an die zwei Meter groß und bestimmt 150 Kilo schwer war. Wann immer Bronner von seinem Teller aufblickte, sah er den großen, schweren Kerl an irgendeiner anderen Stelle, aber nie weiter entfernt als zwei, drei Armlängen von der Absperrung.

Wenn ich Security-Mann wäre, dachte der Journalist, dann würde ich den Typ aber ganz fest im Auge behalten. Als er gezahlt und der Padrone abgeräumt hatte, sah er zu seiner Verwunderung, dass der Polizist, der offensichtlich Einsatzleiter war, ausgerechnet den vermeintlich Verdächtigen durch die Schleuse bat und der im Feinstein verschwand. Keine fünf Minuten später kam Bewegung in die Menschenmenge. Mit Blaulicht, aber ohne Sirene war eine schwarze Limousine am anderen Ende des Platzes eigebogen, und die Cops hatten alle Mühe, dem Wagen den Weg freizumachen. Am Lokal angekommen, entstiegen vier Sicherheitsleute in etwas zu schwarzen Anzügen und ein wenig zu dunklen Brillen dem Benz und sicherten den Zugang. Und dann kletterte die Hassfigur des Tages selbst aus dem Auto: Tibor Paladin, ein weißhaariger, drahtiger Herr im Tattersall-Sakko mit hellblauem Hemd und britischer Krawatte.

Natürlich hätte ihn auch beinahe jeder ohne diesen Auftritt erkannt, denn eine Zeitlang verging keine Woche, in der Paladin nicht in mindestens drei Talkshows seinen menschenverachtenden Kram absondern durfte. Mit dem verkniffenen Mund und dem halbgeschlossenen rechten Auge – vermutlich von einem Schlaganfall ausgelöst – war der Vorturner der Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Bewegung markant genug, dass ihn auch Menschen erkannten, die gar nicht wussten, was für eine üble Person dieser Autor war. Entsprechend wütend wurden die Rufe der Demonstranten. Als ein Eisbecher in Richtung des Autors flog, gab der Einsatzleiter den zu erwartenden Befehl. Die meiste Prügel bezogen die jungen Leute, die sich für Antifaschisten hielten, und ganz vorne standen. Aber auch Kostas, der griechische Wirt, und Frau Schneider vom Änderungsatelier bekamen erstmals in ihrem Leben Pfefferspray ins Gesicht.

Bronner hatte natürlich seinen Presseausweis gezückt und war Richtung Absperrung gerannt, hinter der sich jetzt ein gutes Dutzend Medienvertreter mit Kameras und Mikrofonen vor dem Volk schützen ließen. Erst flogen Böller, dann leere Bierflaschen, schließlich Steine, und kurz darauf ging auch die zweite Schaufensterscheibe des Feinstein zu bruch. So hatte Bronner freien Blick ins Innere, wo im Hintergrund Paladin neben einem Mann, der wohl der Wirt war, stand und den Kopf schüttelte. Vier, fünf Gäste hatten sich hinter Weinregalen versteckt, und die Security sicherten den Eingang. Gleich dahinter entdeckte der Journalist den Mann, der ihm zuvor aufgefallen war. Der stand mitten im Gastraum, Füße schulterbreit, das Kinn nach oben gerecht, wie der sagenumwobene Fels in der Meeresbrandung.

Die Ordnungshüter hatten offensichtlich Verstärkung angefordert, denn kaum eine Viertelstunde später war der Platz menschenleer. Luigi und Kostas hatten ihre Läden geschlossen, und auch das Büdchen an der Haltestelle hatte die Rolläden heruntergelassen. Der Wirt, der sich als Volker Stein vorstellte, hatte die versammelten Medienvertreter in sein Lokal gebeten und das Büffet eröffnet. Der dazu gereichte Rosé war wirklich hervorragend und die kleinen Speisen auch. Von denen, die während der Krawalle im Feinstein ausgeharrt hatten, fehlte nur einer: der Koloss im weißen Hemd. Tibor Paladin hatte sich aus dem Gespräch mit einem Verehrer gelöst und war ans Büffet getreten, um eines der Häppchen mit feinstem Kaviar zu ergattern, von denen genau zwei auf einer silbernen Platte lagen. Als sich die Hand eines Journalisten näherte, ergriff der Autor beide Canapes und verschlang eines davon auf einen Sitz.

Es dauerte kaum eine Minute und das zweite verzehrte Häppchen, da drehte sich Paladin um die eigene Achse, gab einen merkwürdigen Laut von sich und schlug mitten im Lokal lang hin. Sofort waren die Sicherheitsleute bei ihm, aber es war der unbeliebte Kollege vom unschönsten Boulevardblättchen, der die Geistesgegenwart hatte, 112 zu wählen um den Notarzt anzufordern. Währenddessen versuchte sich einer der Gäste, der sich mit einem lauten “Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt” bemerkbar gemacht hatte, an der Rettung des Lebens von Tibor Paladin.

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publiziert am 30.04.20 in Fünf ¦ 205x gelesen ¦ noch kein Kommentar