Der rote Punkt

Veranstaltungen dieser Art nannte man nun Town-Hall-Meetings. Der Politiker, der sich dem Wahlvolk stellte, war nun mittendrin, nicht mehr erhöht auf einer Bühne, verschanzt hinter einem Pult, auf Distanz mit denen, die er repräsentiere wollte. Wenn er das denn überhaupt wollte. Der örtliche Vorsitzende der konservativen Partei hatte August Friedrich in die Aula des Walter-Lübke-Gymnasius geladen. Man hatte eine freie Fläche auf dem Parkett geschaffen, umgeben von mehreren Stuhlkreisen, aber die Mehrheit der gut siebzig Anwesenden hatte es vorgezogen, sich die Sache von der Empore an der Stirnseite aus anzuschauen.

Da stand der hagere, große Mann mit dem Headset auf dem Kopf in der Mitte, während zwei, drei junge Leute mit Mikrofongalgen zwischen den Reihen umherliefen in der Hoffnung, eine Frage zu fangen. Mladen erinnerte der Politiker an einen Untoten, an einen Vampir mit dem blassen Gesicht und den dunklen Ringen unter den Augen, verstärkt durch eine merkwürdige Frisur, bei der aus einer Glatze zu den Seiten hin und nach vorne Haarinseln wuchsen. Während er sich unter die Wähler gemischt hatte, war Georg Scholl in seiner Eigenschaft als Journalist da.

Sie standen nebeneinander an der Balustrade und beobachteten das Geschehen. Unter der Empore hatten sich die teilweise schon wahlberechtigten Schüler unter Aufsicht einer Lehrerin und des stellvertretenden Direktor versammelt. Friedrich trug einen korrekten Anzug in einem unbestimmten Braun-Beige, ein weißes Hemd, aber keine Krawatte. Soeben hatte er seinen einleitenden Vortrag beendet, in dem er versucht hatte, den Zuhörern seine politischen Überzeugungen und Positionen schmackhaft zu machen.

Scholl fiel auf, dass beinahe alle Männer im Publikum zurückgelehnt dasaßen mit verschränkten Armen vor der Brust. Natürlich hatte der Kreisvorsitzende einige Parteifreunde in der Runde verteilt, deren Aufgabe es war, vorbereitete Fragen zu stellen, um so doch noch so etwas wie eine Diskussion anzuzetteln. Und so erhob sich nun auch ein junger Mann, den er auf Mitte Zwanzig schätzte, gewollt lässig gekleidet, aber mit einem Haarschnitt wie er für den Nachwuchs dieser politischen Vereinigung typisch war.

Aber bevor eines der Mikrofone auch nur in seine Nähe kam, ereignete sich das, was die Medien später einen Anschlag nennen würden. Mladen stieß Scholl an und deutete auf den Politiker. Tatsächlich sah er einen giftgrünen Lichtpunkt auf dessen Stirn, ungefähr an der Stelle, an der ein finaler Kopfschuss einschlagen sollte. Wie aus dem Boden der Aula gewachsen standen plötzlich vier Herren und eine Dame, die wegen ihrer Unauffälligkeit unschwer als Security-Personal zu erkennen waren, um Friedrich herum, zwei von ihnen mit gezogenen Waffen, die in den Bereich unter der Empore zielten.

“Räumen, räumen,” rief einer der Personenschützer, während die anderen den Kandidaten aus dem Ring zerrten und mit ihm durch einen Nebeneingang verschwanden. Mladen Princip und Georg Scholl hatten das Gebäude verlassen bevor die Panik ausbrach und saßen schon im Auto als eine Horde Polizeibeamter die Aula stürmten. “War doch eh bloß ein Laserpointer,” sagte Princip. “Sicher, ein Ziellaser hätte einen roten Punkt gemacht,” ergänzte Scholl. “Wir wären sowieso zu nah dran gewesen,” stellte der im Kosovo-Konflikt dekorierte Scharfschütze fest. “Kein guter Ort für ein Attentat,” sagte Scholl, “wir müssen es im Freien versuchen aus größerer Entfernung.” Mladen nickte. “Wird sich schon eine Gelegenheit ergeben. Wen haben wir noch auf der Liste?”

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publiziert am 30.04.20 in Fünf ¦ 178x gelesen ¦ noch kein Kommentar