Der Liste

Ein hässlicher Herbst war eingezogen mit Dauerregen Tag und Nacht. Georg Scholl hatte zweimal versucht, den Rehbock zu schießen, den er schon länger im Auge hatte. Aber in der Mischung aus tiefhängenden Wolken, feuchter und diesiger Luft wra die Sicht zu schlecht. Nun verließ er das Haus nicht mehr. Die Vorräte würden für einige Wochen reichen. Auf eine lange Selbstisolation war er bestens vorbereitet. Und wenn ihn hungernde Städter nach einer Katastrophe oder im Kriegsfall im Torhaus des Gutes aufstöbern würden, könnte er immer noch in den Keller des leerstehenden Herrschaftsgebäude wechseln. Den hatte er entsprechend ausgebaut und ausgerüstet. Da könnte er locker ein Jahr überleben. An diesem Dienstag Ende Oktober hatten die Niederschläge ein wenig nachgelassen und zu Sprühregen geworden.

Scholl saß mit einem heißen Tee am Fenster, von wo aus der den Rasenhang bis hinunter zur Auffahrt des Gutshauses überblicken konnte. Und schreckte kurz auf. Mitten auf dem ehemals fein gekiesten Weg stand eine schmale, ziemlich große Gestalt in einem feuerroten Mantel mit einem ebenso roten Regenhut auf dem Kopf. Er zog sich die Wachstuchjacke über, setzte die Jagdmütze auf und steckte steckte die kleine Beretta 25 in die Tasche. Leise zog er die Tür zu und näherte sich dem Eindringling ein weitem Bogen von der Seite. Die Person in Rot stand nun schon mehr als zehn Minuten unbeweglich da und starrte auf das zweigeschossige Haus mit den spitzen Giebeln und den markanten Dachgauben. Das Wasser lief in Strömen von den Schindeln, die Regenrinnen waren längst verrottet und fehlten an vielen Stellen.

Dann setzte sich die Figur in Bewegung. War sie zunächst vielleicht zwanzig Meter vom Haupteingang entfernt, näherte sie sich dem Gebäude mit langsamen Schritten. Georg Scholl hatte die Hecke zur Rechten als Decknung benutzt und hatte kaum mehr als drei Meter Abstand. “Halt!” rief er, sprang auf den Weg und zielte mit der Pistole auf die Person. “Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?” Der Mensch wandte sich ihm langsam zu, und er erkannte, dass es sich um eine Frau handelte. “Das gehörte mir einmal,” sagte diese Frau und machte eine unbestimmte Bewegung mit dem Arm. “Quatsch,” entgegnete Scholl, “der Eigentümer war der Graf von Dithausen, den habe ich persönlich sehr gut gekannt, ich zählte zu seinen Bediensteten.” Sie zeigte auf seine Schusswaffe: “Können Sie das Ding bitte wegstecken. Ich bin auch nicht bewaffnet.”

“Sie müssen wissen,” sagte Edith, “dass ich die Gattin des Grafen war, Edda von Dithausen.” Sie hielt ihm die Hand in, die er ignorierte. “Aber, dann müsste ich Sie doch kennen.” Sie hob den Kopf und schob mit der Linken den Hut aus der Stirn. “Es ist kompliziert,” begann sie, “wir waren verheiratet, aber wir lebten nie auf Dauer zusammen, und hier auf Gut Dithausen bin ich zuvor nie gewesen. Und vom Tod des Grafen habe ich aus der Presse erfahren. Wir waren schon über zehn Jahre geschieden.” Scholl dachte nach. “Kommen Sie mit rein, ich kann Ihnen einen heißen Tee anbieten.” Edith nickte.

Und dann saßen sie am Küchentisch. Der Kaminofen verbreitete seine Wärme, der Tee dampfte in den Tassen. Georg kramte im Schrank: “Auch einen Schnaps, Frau Gräfin?” Sie schüttelte den Kopf. “Nein, danke. Und nennen Sie mich bitte nicht Frau Gräfin. Ich habe den Titel damals abgelegt und meinen Mädchennamen angenommen – Edith Tader. Und Sie? Sie haben sich noch nicht vorgestellt.” Er kippte den Brandy im Stehen und sagte über die Schulter hinweg: “Scholl ist mein Name, wie die Geschwister.” – “Darf ich bitte Ihr Bad benutzen?” fragte Sie. “Selbstverständlich,” antwortete Georg und zeigte ihr den Weg. Der Raum, der offensichtlich als Wohnzimmer diente, war klein dunkel und mit altmodischen Möbeln vollgestopft. Aber da war ein geöffnete Tür, und sie erkannte ein geräumiges Büro mit mehreren Bildschirmen, verschiedenen Computer und große, graue Archivschränke. Unmittelbar in ihrem Sichtfeld war der Ausriss aus einem Wahlplakat an die Wand gepinnt. August Friedrich, der konservative Politiker, der um ein Haar Miisterpräsident geworden wäre. Auf die Stirn hatte jemand einen dicken roten Punkt gemalt.

“Na, haben Sie die Toilette gefunden? Oder spionieren Sie nur ein bisschen?” Er stand hinter hier. “Bitte, treten Sie ein, wenn Sie interessiert, was ich so tue.” Beide betraten das Büro. “Ich sehe mich als Beobachter. Zumindest vorübergehend. Verbringe sehr viel Zeit damit, die internationalen Medien auszuwerten und direkt an den Quellen zu recherchieren. Ich bin darauf aus, mit ein vollständiges Bild von der Welt zu machen.” – “Und,” Edith lächelte spöttisch, “wie weit sind Sie damit?” Er war an einen der Schreibtische getreten und hatte über die Tastatur ein Dokument aufgerufen, das nun auf dem Display zu sehen war. “Sehr weit. So weit, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft in Aktion treten werde.” Sie beugte sich über die Tastatur. Eine Liste war auf dem Bildschirm zu sehen, eine Liste mit mehr als einem Dutzend Namen.

“Sehen Sie den Typ auf dem Plakat? Darf solch ein Verbrecher wirklich ein hohes Amt bekleiden? Ich sage: Nein. Kennen Sie den Friedrich? Wissen Sie Bescheid über seinen Werdegang? Skrupellose Heuschrecke. Empathieloses Monster. Neoliberales Arschloch! Der hat nichts anderes verdient…” – “…als den Tod?” warf Edith ein. “Und,” sie las die Namen vom Display ab, “Leo Balthasar, Klaus-Jürgen Messer, Horst Böcke, Waltraud Allsen auch? Oder sogar diese: Orban, Erdogan, Trump? Warum nicht gleich den Papst und den UNO-Chef?” – “Nein, nein,” warf Scholl ein, “das missverstehen Sie völlig. Es ist mehr symbolisch.” Edith hatte sich auf den Drehstuhl gesetzt und sah ihn lange an. “Wissen Sie, Herr Scholl, wir beide, wir sind Geschwister im Geiste. Nur dass meine Liste ein bisschen anders aussieht als Ihre.”

Download PDF

publiziert am 17.04.20 in Fünf ¦ 106x gelesen ¦ noch kein Kommentar