Die Konsequenz

Sie erinnerte sich nicht daran, wer die Idee gehabt hatte, mit einem geklauten Reisebus zur BZB zu fahren. Überhaupt erinnerte sie sich kaum noch an die anderen, an die Menschen, die mitgefahren, die zuvor schon an der Planung beteiligt waren. Sie wusste nur, dass sie die einzige Überlebende der Aktion war, denn ihre Genossen in den blauen Handwerkeroveralls mit den schwarzen Handschuhen, Mützen und Gesichtsmasken, die fünf jungen Männer und drei jungen Frauen, waren bei der Explosion von annähernd 400 Kilogramm Sprengstoff, die sie im Bus mitführten, ums Leben gekommen. Sophie erinnerte sich an keinen einzigen Namen. Und von denen, die nicht vor Ort waren, hatten sich vier am übernächsten Tag das Leben genommen. Die restlichen drei waren über die Jahre natürlicher Tode gestorben. Sie aber saß seit dem 8. Mai 1984 im Rollstuhl, weil sie keine Beine mehr hatte.

Natürlich dachte Sophie manchmal an die Leute im Umfeld, ja, ein paar Überlebende der RAF, die ihre Haftstrafen bereits abgebüßt hatten, waren ihr über die Jahre auch begegnet. Man hatte sich wenig zu sagen, denn die Zeit im Untergrund, die lag lange zurück. Sie hatte sich eingerichtet, hatte die Zeit im Knast genutzt, einen vernünftigen Beruf zu erlernen und hatte tatsächlich nach der Entlassung im Sommer 2006 eine Anstellung als Bibliotheksmitarbeiterin einer gemeinnützigen Stiftung gefunden, einer Organisation, die sich der Aufklärung über den rechtsradikalen Untergrund verschrieben hatte und Personen, Gruppen, Medien und Aktivitäten in diesem Millieu dokumentierte, um auf dieser Grundlage entsprechende Lobbyarbeit zu leisten.

Nie hatte sie den Versuch unternommen, ein bürgerliches Leben aufzubauen mit Familie, Freundeskreis, Hobbys und allem, was vermutlich dazugehörte. Nie hatte sie versucht eine langfristige Partnerschaft einzugehen, ihre Liebschaften mit bevorzugt jüngeren Frauen waren von kurzer Dauer, weil sie diese immer zu einem gewissen Zeitpunkt beendete. Ihr jeweiliger Assistenzhund bildete den emotionalen Bezugspunkt in ihrem strengen Leben. Bhagwan war der vierte Labrador Retriever in dieser Reihe, ein eher kleines Exemplar mit tabakbraunem Fell, der, ganz rasseuntypisch, kein bisschen verfressen war, überhaupt nicht albern, sondern, besonders im Vergleich mit seinen Vorgängern, seine Aufgaben beinahe mit Ernsthaftigkeit erfüllte. Den Namen hatte sie gewählt, weil auch die anderen Hunde immer nach einem spirituellen Wesen benannt waren: Moses, Huike, Daruma und jetzt eben Bhagwan.

Ihr Leben verlief in Ritualen, die sie nach Möglichkeit genaustens einhielt. Sie trieb Sportarten, die ihr als Rollstuhlfahrerin möglich waren, und ging dreimal pro Woche schwimmen. Jeden Sonntag bei jedem Wetter machte sie einen Ausflug mit dem Hund und fuhr mit dem Auto in die Wälder in der Umgebung. Und sie bildete sich weiter in dem Fach, dass sie einst zur Spezialistin der Bewegung gemacht hatte. Schon als Oberschülerin galt sie als Koryphäe der Chemie und gleichzeitig als Magierin, die es verstand, mit gezieltem Einsatz von Substanzen die aufregendsten Effekte zu erzielen, und die als einzige bei der Silvesterknallerei mit den Jungen mithalten konnte, natürlich mit selbstgebastelten Feuerwerkskörpern.

Und dann stand ihr eines Tages auf dem Parkdeck des Einkaufszentrums ein Typ im Weg, der sich auch nicht rührte als sie auf die Hupe drückte. Ein schmaler Mann in schwarzer Lederjacke mit grauem Zopf, der ihr den Rücken zuwandte und mit ausgebreiteten Armen gestikulierte. Was bleib ihr übrig als zu warten. Die Bewegungen des Störenfrieds gingen in eine Art Tanz über, und als er sich dabei umdrehte, erkannte sie ihn: Archie, den Chaoten, von dem sie gedacht hatte, es habe ihn längst auf die eine oder andere Weise erwischt. Sein Tanz fror ein, er näherte sein Gesicht der Windschutzscheibe und starrte sie mit offenem Mund an mit lichtblauen Augen hinter den Gläsern einer altmodischen Brille. Archie Lasset hatte Sophie Elser ebenfalls erkannt.

Er turnte zur Fahrerseite, klopfte an die Scheibe und rief “Sonja? Bist du es? Nein, Sofia, Sophie… du bist es. Hab dich gleich erkannt.” Sie öffnete das Fenster, sah ihn an und sagte: “Ja, ich kenn dich. Archie, richtig? Der Transporter…” Der alte dünne Mann versuchte ins Wageninnere zu greifen, um sie zu umarmen. Der Hund versuchte bedrohlich zu knurren, und sie entzog sich dem Zugriff. “Kannste mich mitnehmen in die Stadt? Können wir unterwegs ein bisschen quatschen über die alten Zeiten.” Sie bedeutete ihm, auf der Beifahrerseite einzusteigen.

Bhagwan war verstummt. “Kein Wort über früher, okay? Ich hab mit all dem abgeschlossen. Kannst du dir vielleicht vorstellen nach dem Unfall und anschließend einundzwanzig Jahre Knast.” Archie nickte heftig: “Ich auch, ich auch…” – “Wie, du hattest auch einen Unfall?” – “Nein, aber mich haben sie auch eingeknastet; sechs Jahre. Bin nach drei Jahren aus dem offenen Vollzug abgehauen. Meine Motorradkumpels haben mir geholfen. Nach Frankreich. Hab da dann siebzehn Jahre gelebt. Bin nur paar Mal in Frankfurt gewesen, mal so gucken.” Sophie hatte das Parkdeck verlassen und sich auf der Durchgangsstraße eingeordnet.

“Und jetzt bis du also immer noch illegal.” Achim Lasseter schüttelte sanft das dünne graue Haar: “Amnestie. Vor drei Jahren.” Sie wunderte sich, dass er diese Aussage nicht zum Anlass für eine längere Geschichte nahm. “Wohin?” Er dachte nach: “Bahnhof? Da hab ich meine Sachen.” – “Du bist wohnungslos, richtig? Lebst auf der Straße.” Archie nickte: “Ja, vorübergehend. Hab da was an der Hand. Ab nächsten Ersten.” Baghwan, der Labbi, hatte sich zwischen den Sitzen an den fremden Kerl herangemacht und beschnüffelte ihn. “Kannst ein paar Tage bei mir pennen, wenn du willst.”

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publiziert am 24.04.20 in Fünf ¦ 24x gelesen ¦ noch kein Kommentar