Das weiße Hemd

Wohl fühlte sich Mladen nur, wenn er ein weißes Hemd trug. Im Schrank hatte er eine ganze Auswahl Versionen: verschiedene Schnitte, kurz- und langärmelig, aus verschiedenen Stoffen. Und weil seine weißen Hemden wirklich strahlend weiß sein musste, vertraute er sie nicht der heimischen Waschmaschine an, sondern brachte sie in eine sorgfältig ausgewählte Wäscherei. Auch in dieser Nacht auf dem Dach trug er ein weißes Leinenhemd mit kurzem Arm.

Seit Mitte Mai hatte es nicht mehr geregnet, und den ganzen August über hatte sich keine einzige Wolke am Himmel gezeigt. Inzwischen waren im Lande mehr Menschen an der Hitzewelle gestorben als im Jahr davor an der Seuche. Die halbverblödeten Privatradiomoderatoren hatten aufgehört, von schönem Wetter zu sprechen, und um einen Platz im Freibad zu bekommen, musste man mit einem Vorlauf von einer Woche eine Eintrittskarte im Internet buchen. Die Landwirtschaft war zum Stillstand gekommen, immerhin gab es in den großen Städten noch eine ausreichende Trinkwasserversorgung.

Nachts sanken die Temperaturen auf unter 30 Grad, und während es sich in seinem Appartement mit den Südfenster nie kühl genug wurde, um erholsam schlafen zu können, ging oben über dem sechzehnten Stock wenigstens eine leichte Brise. Da saß Mladen dann auf der Brüstung, eine Flasche Weißwein neben sich, ein Glas in der Hand, schaute in den Himmel, rauchte und horchte auf die Geräusche der Stadt. Und wenn er die Masse der Sterne, die trotz der Lichtverschmutzung über der Metropole zu sehen, beobachten wollte, zog er sich in den Schatten des Aufzugaufbaus zurück.

Manchmal fanden sich andere Hochhausbewohner hier oben ein. Aber man blieb unter sich und suchte nach Plätzen mit Abstand von den anderen. Ein junges Paar kam regelmäßig hoch und machte Liebe auf einer Matratze hinten beim Mobilfunkmast. Und während die anderen trotz der Nachthelle kaum zu erkennen waren, leuchtete Mladens weißes Hemd wie eine Lichtfläche. Am liebsten kam er hierher, wenn die Sonne schon ein oder zwei Stunden untergegangen war, wenn sich die Bäume im Park, wegen der Trockenheit weitgehend entblättert, vor der Dämmerung abzeichneten.

Für Naturschutz, Ökologie und derlei Dinge hatte er sich nie sonderlich interessiert. Er hielt es mit seinem Vater, der immer gesagt hatte “Die Natur macht doch, was sie will, was sollen wir daran ändern?” Aber seit die Sommer in der Stadt, in die er nach dem Ende des Krieges geraten war, immer heißer und trockener geworden waren, dachte er gelegentlich darüber nach, woran diese Klimaänderung lag und ob und wer daran schuld sei. Mladen war kein Mensch, der einfache Antworten auf komplexe Fragen erhoffte. Also las er viel zum Thema, verfolgte das, was im Fernsehen, in den elektronischen Medien und auf Facebook und Youtube dazu zu finden war.

Und dann kam diese große Demonstration, initiiert und organisiert von Schülern, die forderten, die Politiker aller Länder sollten nun endlich etwas dagegen tun gegen die Erderwärmung und die Folgen, denn sie hätten Angst um ihre Zukunft. Diese Furcht war Mladen völlig fremd, weil er daran glaubte, dass jeder Mensch sein Schicksal in den eigenen Händen trüge und es daraufankäme, unabhängig von allen äußeren Bedingungen das Richtige zu tun. Ihm schien es, als fürchteten diese Schüler, ihr Leben könne später nicht so luxuriöse verlaufen wie das ihrer Eltern, sie wären nicht so rundum versorgt wie die Generation vor ihnen.

Ob die Menschheit auf dem Planeten durch den Klimawandel ausstürbe, war ihm herzlich egal. So stand er am Rande der Kundgebung im Schatten eines Wasserwerfers, der ihm völlig fehl am Platz erschien, es sei denn, man hätte ihn auffahren lassen, um die Demonstranten notfalls mit kühlem Wasser zu erfrischen, und hörte den Rednern zu, die von der Ladefläche eines Lasters herab sprachen, manche mit beinahe hysterischem Tonfall, andere im Stil von Animateuren in einem Freizeitpark. Die Stimmung war fröhlich, die jüngsten standen in unmittelbarer Nähe der Bühne, nach außen hin stieg das Alter sichtbar an.

Am weitesten entfernt fanden sich die Alten und die Leute seiner Generation, im Gegensatz zu den mild euphorischen Schülern meist mit neutralem oder skeptischen Gesichtsausdruck. Auch die Polizeibeamten machten einen eher gleichgültigen Eindruck. Mladen spürte den Schweiß den Rücken hinabrinnen, und er überlegte kurz, rasch nach Hause zu radeln, um das weiße Hemd zu wechseln. Da bemerkte er einen älteren Mann kaum einen Meter entfernt, der ab und zu zu ihm herüberblickte und dabei freundlich lächelte.

Der Fremde war gekleidet wie einer, der zu einer Safari aufbrechen will, trug khakifarbene Cargohosen, eine beige Jacke mit einem Dutzend Taschen an der Vorderseite und sogar am Rücken, darunter ein olivgrünes T-Shirt. Im Gegensatz zu fast allen Menschen auf dem Platz trug er keine Sonnenbrille, aber ein schwarzer Anglerhut warf Schatten auf sein Gesicht. Er rückte näher und sprach Mladen an: “Na, was halten Sie davon?” Der Angesprochene zuckte nur mit den Schultern. “Wissen Sie,” fuhr der andere fort, “ist ja toll, dass die jungen Leute für diese Sache auf die Straße gehen. Aber, sie treffen die Falschen. Sie müssten die Industriebosse angreifen.”

“…besser gleich umbringen,” murmelte Mladen. Der Fremde schaute sich um und reichte ihm dann die Hand: “Scholz, Georg Scholz. Ja, das sehe ich wie Sie.” Später standen sie dann beim Bier an einer Hausbrauerei und waren schon beim Du. “Weißt du,” sagte Georg, “wir Besitzlosen und Ohnmächtigen haben überhaupt nur drei Mittel, den Reichen und Mächtigen, die nach ihrem Willen über unser Schicksal entscheiden, zu bekämpfen…” Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und Mladen stellte fest, dass er den Typ nicht wirklich sympathisch fand. Vielleicht sollte er das Gespräch hier abbrechen, nachhause gehen und sich auf seinen nächsten Auftrag vorbereiten.

“Boykott, die mildeste Form des Widerstands, Sabotage als erstes illegales Mittel und schließlich das Attentat.” Er nahm einen Schluck, sah sein Gegenüber direkt ins Gesicht: “Sagt dir der Name Gavrilo Princip was? Du bist doch Serbe, oder?” Mladen nickte. “Der Princip hat im Sommer 2014 das Attentat auf Franz Ferdinand verübt, weißt schon, woraus der erste Weltkrieg entstanden ist…” Scholz nickte bedeutungsvoll. “Ja, und?” gab Mladen zurück, “Was willst du damit sagen?” – “Nur, dass ein Attentat zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Person die Geschichte verändern kann.”

Mladen hatte sein Glas geleert, legte einen Geldschein auf den Bierdeckel, grüßte knapp und ging wortlos. In der Nacht träumte er von Blut, viel Blut, von den Toten in den Straßen von Sarajevo und wie er tagelang mit seinem Gewehr in seinem Unterstand lag, um auf Passanten zu schießen.

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publiziert am 08.05.20 in Fünf ¦ 176x gelesen ¦ noch kein Kommentar