Der Sturz

Wer Archie kannte, hätte ihn nicht erkannt. Wobei es für den alten Chaoten ein Leichtes war, sich zu verkleiden, weil jede andere Kleidung als die schwarze Jeans mit dem schwarzen T-Shirt und der schwarzen Lederjacke vermutlich schon ausgereicht hätte, seinen Wiedererkennungswert gegen Null zu drücken. Nun aber hatte er sich die Haare kurz schneiden und in einem unbestimmten Braun färben lassen sowie den in Ehren ergrauten Vollbart nach Art eines Oberstudienrates gestutzt. Den Schlusspunkt bildete eine mit Fensterglas bestückte Brille im angesagten Stil. In diesem Outfit fand er sich ganz allein am Einstieg in das Sandsteingebirge, unauffällig gekleidet wie ein passionierter Wanderer in Funktionsjacke und beiger Cargohose.

Auffällig dagegen die vier Herren in schwarzen Anzügen mit sehr dunklen Sonnenbrillen, die sich gelegentlich ans Ohr griffen und Beulen in den Sakkos hatten. Wer je einen Polit-Thriller amerikanischer Machart gesehen hatte, wusste auf Anhieb, dass man es hier mit Personenschützern zu tun hatte. Nur das Objekt, das es zu schützen galt, war nicht so einfach zu identifizieren. Obwohl Horst Böcker nun schon seit Jahren ständig in den Medien war, ließ sich eine gewisse Diskrepanz zwischen seinem öffentlichen Bild und dem Ist-Zustand nicht von der Hand zu weisen. Böcker wirkte auf Fotos immer deutlich größer, seine Augen leuchteten blauer und sein Mund zeigte mehr Entschlossenheit – das Werk erfahrener Profi-Fotografen und Künstler der digitalen Bildbearbeitung. Begleitet wurde der Star der neuen Rechten von einer unscheinbaren Frau, deren Unscheinbarkeit bei der unscheinbaren Wanderbekleidung begann, sich über eine praktische Frisur in Dackelfarbe bis zu einem Nullachtfünfzehn-Gesicht, an das sich niemand erinnerte, der ihr je begegnete.

Ob es sich um Frau Böcker handelte, war Archie herzlich egal. Aber über den realen Führer dieses Flügels musste er grinsen. Denn der hatte sich auf eine Art gekleidet, von der möglicherweise dachte, sie würde irgendwie deutsch, ja, völkisch wirken – dunkelgrüne Breeches und schwarze Haferl-Schuhe inklusive. Zur Gruppe zählten drei Männer verschiedenen Alters, die Archie auch schon auf den Montagstreffen des Butz Lachmann gesehen hatte; man stand da im lockeren Gespräch, zwei der Herren rauchten aromatische Zigarillos, einer hielt das Smartphone ans Ohr ohne etwas zu sagen. Da er natürlich vor der Bande am Aussichtspunkt sein wollte und auch musste, brach Archie auf, drängelte sich an den Völkischen und ihren Aufpassern vorbei und enterte den schmalen Pfad mit Geländer, der sich um die Sandsteinsäule rankte.

“Was haben wir denn zu verlieren?” hatte er der Grafin bei ihrem letzten Treffen gesagt, “Sie sind, sorry, zu alt, als dass man sie noch in den Knast stecken würde. Sophie ist zu krank für die Haft, Scholz hat eh nicht mehr lang zu leben mit seinem Krebs, und mir wäre es egal auf meine alten Tage einzufahren.” Sie hatte einen Blick auf Georg geworfen als wollte sie ihn fragen “Wo hast du den denn ausgegraben, aber der antwortete nickend “Genau das ist das Konzept dieser Aktionen – man wird uns nicht bestrafen können.” Dem Einzigen, der weder alt, noch krank genug für eine Haftverschonung war, war Mladen Petkovic, aber der hatte ohnehin vor das Land zu verlassen, um unter falschem Namen in seiner Heimat ein neues Restleben zu beginnen; den würde man sicher nicht kriegen. “Es ist nicht gut, dass wir uns hier zu dritt treffen,” merkte Edith an, “schlimm genug, dass ausgerechnet ihr beide miteinander in Kontakt steht, wo man eure Gesichter doch damals auf denselben Fahndungsplakaten gesehen hat.” Dem stimmten die beiden Männer zu, und Archie verschwand rasch um die Ecke, jetzt erst recht entschlossen, wenigstens einen Namen von der Liste final auszuradieren.

Der Wind hatte aufgefrischt und trieb Wolkenschiffe über den blassblauen Himmel. Nach jeder zweiten Kurve konnte Archie den Fluss in der Tiefe blinken sehen. Das Plateau ganz oben war mit einem wackligen Geländer nur notdürftig gesichert, und in der Mitte wehte eine Deutschlandfahne am Mast. Den Rechtsnationalen galt dieser Platz als heiliger Ort, obwohl hier je weder spirituell, noch historisch irgendetwas Deutsches passiert war. Selbst der Geschichtslehrer Böcker hätte kein völkisches Ereignis nennen können, das mit diesem Platz verbunden war. Archie nahm an einem der altmodischen Münzfernrohre Stellung.

Dann erschienen zwei schwarze Anzugträger, um die Aussichtsfläche zu sichern. Es erschien der kommende Führer mit seiner Entourage. Böcker schritt mit erhobenem Kinn bis ans Geländer und ließ den nationalen Blick über diese einzigartige Landschaft schweifen. Man ließ ihn da vorne allein, denn dieser große Mann, das wussten seine Begleiter, musste auch einmal ganz allein sein mit seiner Liebe zur Heimat. Nun legte er die Hände auf die angerostete Stange und beugte sich leicht vor – der Augenblick auf den Archie gewartet hatte. Der war nur drei, vier Schritte entfernt, die er in ein paar Milisekunden überwand, um Horst Böcker einen kräftigen Stoß ins Kreuz zu versetzen. Das Geländer hielt nicht stand, die Lichtgestalt der Rechtsextremen fiel vorwärts, versuchte sich mit stolpernden Schritte noch zu fangen, griff mit beiden Händen nach links und rechts ins Leere und stürzte dann über die Klippe. Da lagen bereits vier Security-Männer auf Archie, der sich in eine Bewusstlosigkeit flüchtete.

Die Zeitung mit den sehr großen Buchstaben und ihre Nachahmer machten groß auf mit der Meldung, auf den bekannten Landespolitiker Horst Böcker sei ein Anschlag verübt worden, den er mit knapper Not überlebt habe. Eine Hainbuche, die sich wenige Meter unterhalb der Aussichtsplattform in den Sandstein festkrallte, habe den Sturz gebremst, sodass Böcker den Stamm einer dort ebenfalls wachsenden Birke zu fassen bekam, woraufhin er sich auf einen Absatz im Felsen retten konnte. Nach einer mehrstündigen Aktion gelang es dann den Höhenrettern der Feuerwehr, den Parteivize aus seiner misslichen Lage zu befreien und wieder aufwärts zu hieven – wo er sofort nach seiner Ankunft den wartenden Reportern für Aussagen zur Verfügung stand. Dann brachte man ihn und seine unter Schock stehende Gattin in ein Krankenhaus.

Zu der Zeit saß Archie, der außer einer gebrochenen Hand, einer Platzwunde an der Schläfe und diversen Hämatomen keine größeren Schäden davongetragen hatte, bereits seit Stunden in einer Isolierzelle der örtlichen Haftanstalt und wartete auf den Anwalt, den ihm die Justizbehörde würde zur Verfügung stellen müssen.

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publiziert am 10.05.20 in Fünf ¦ 84x gelesen ¦ noch kein Kommentar