Hören und gesehen werden

Eddy war der erste im ganzen Viertel, der einen Walkman besaß. Den hatten ihm die Eltern geschenkt, den unterwegs Musik zu hören, lag in der Familie. So war Charly, Eddys Vater, in den Sechzigerjahren derart fasziniert von diesen handlichen Transistorempfänger mit Ohrhörer, dass er zum Radiobastler wurde. Unter anderem erfand er ein wasserdichtes Radio, indem er die nötigen Bauteile in einer Seifendose montierte, die er hermetisch abdichtet. Selten sah man Charly ohne sein handflächengroßes Transistorradio am Ohr. Wir waren alle sehr neidisch auf Eddy, der auf seinen Rollerskates durch die stillen Straßen des Vororts kurvte und sich zu Klängen bewegte, die nur er hören konnte.

Er war so aufgewachsen: mit Kofferradios und mobilen Plattenspielern, dem jeweils neuesten Autoradio und Musik tagein, tagaus. Diese Leidenschaft lässt sich leicht auf Großvater Harry zurückführen, der schon in den Dreißigerjahren eine umfangreiche Sammlung Schellackplatten zusammengetragen hatte und nach dem Krieg alle zwei Jahre die neueste Musiktruhe, die es für Geld zu kaufen gab, anschaffte. So wie Harry alles querbeet hörte, von Opern und Operetten über Jazz bis zum Schlager, so war auch Eddy nicht wählerisch bei der Musikauswahl, die er auf Kassetten überspielte, um sie ständig bei sich zu haben.

An guten Tagen, also wenn er gute Laune hatte, ließ er uns teilhaben, hielt uns den Kopfhörer hin und sagte: “Zieh dir das mal rein.” Aber seine Rolle als Vorreiter schwand schnell dahin, weil wir bald alle einen Walkman hatten. Eddy gefiel das gar nicht, und natürlich kaufte er einen der ersten Discman, die auf den Markt kamen, und versuchte uns von den Vorteilen der neuen Technologie zu überzeugen. Unsere Vorstadtclique zerfiel da schon in zwei Gruppen: diejenigen, die an der gute, alten Schallplatte festhielten, und den anderen, die voll auf die CD setzten. Die Kassettenfreunde argumentierten außerdem damit, dass man schließlich keine Mix-CDs aufnehmen können, wo doch das Mixtape eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Jungen und Mädchen spielte.

Tatsächlich hatte Eddy auch seine Linda durch seine Mixtapes für sich eingenommen. Sie heirateten früh, und als sie gerade sechzehn war, kam ihr Sohn auf die Welt, den sie Robert nannten. Die Vorstadt war nichts für die beiden, und so zogen sie in eine kleine Wohnung mit Balkon mitten in der City. Da hatte Eddy seine Ausbildung zum CNC-Dreher gerade beendet, einen ordentlich bezahlten Job in einer Fanrik gefunden und sich eine passable Stereoanlage auf Raten angeschafft. Linda fand das okay, weil es das einzige Hobby ihres Mannes bliebe. Leider war Bobby ein Schreikind, und wenn Eddy von der Schicht kam, den Lärm der Fabrikhalle noch in den Ohren, blieb ihm wenig mehr, als eine Lieblingsplatte aufzulegen und sich die Kopfhörer überzustülpen.

Auch wenn Linda sehr früh Mutter geworden war, ging sie mit dem schwierigen Kind und dem Haushalt ausgesprochen gelassen um. Weder sie, noch Eddy litten unter Fernweh, und so wurde der Dauercampingplatz am See ihr zweites Zuhause. Da gefiel es ihnen so gut, dass seine Eltern häufig zu Besuch kamen und sich bald auch einen Wohnwagen anschafften. Dass Oma und Opa oft anwesend waren, brachte Linda und Eddy ungewohnte Freiheiten, denn die Großeltern passten gern auf Bobby auf. Sie begannen so oft es ging Konzerte zu besuchen, sahen die größten Popstars ihrer Zeit live und hatten bald ein Rockcafé unweit des Campingplatzes zur Stammkneipe auserkoren.

Bobby erwies sich als Bewegungstalent, das schon mit vier Jahren sicher radfahren konnte. Mit Opa Charly unternahm er Touren am Fluss entlang oder in die nahegelegenen Wälder. Wenn er später erschöpft in seinem Bett lag, setzte ihm Linda die Kopfhörer auf, und er schlief mit den Geschichten von den vielen Hörspielkassetten ein. Überhaupt ähnelte der Junge in vieler Hinsicht dem Vater. Der zwar als Kind zwar nicht so hyperaktiv gewesen, aber auch Eddy hatte so lange er denken konnte, nur dann Ruhe gefunden, wenn er die Geräusche der Welt aussperren konnte. Als die Jahre mit Benjamin Blümchen und der kleinen Hexe vorbei waren, hörte Bobby sich systmatisch durch die umfangreiche CD-Sammlung des Vaters.

Kein Wunder, dass er sich nach der zehnten Klasse für eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker entschied. Theorie war nie seine Stärke, aber in der Praxis seines Berufes lernte er alles über das menschliche Gehör und wie man Geräusche möglichst natürlich aufbereiten kann, um sie dann über Ohr- oder Kopfhörer wiederzugeben. Natürlich begleitete er auch den Vater, wenn der zu einer der vielen Hifi-Messen fuhr. Die kleinen Hersteller, oft gegründet und geführt von Ingenieuren, hatten es ihm angetan. Und als er Dr. Breiter kennenlernten und mit ihm am Stand seiner Firma in ein Fachgespräch geriet, war klar: Er wollte Kopfhörer entwickeln.

Tatsächlich bot ihm der Gründer der bei Audiophilen renommierten Firma eine Stelle an. Also zog Bobby zuhause aus und in die große Stadt um, in der die Ganz-Ohr-GmbH ihr Labor betrieb. Der junge Mann lernte schnell und vertiefte sich bald in das Thema Noise Reduction, also die Technologie, durch entsprechende Elektronik alle Außenweltgeräusche auszusperren. Eines der ersten Modelle, an dessen Entwicklung Bobby maßgeblich beteiligt war, wurde zum grandiosen Erfolg. Von der Prämie, die ihm Dr. Breiter zahlte, leistete er sich sein erstes Rennrad, ein sündhaft teures Modell mit den besten Komponenten, die damals für Geld zu haben waren.

Das Radfahren wurde zu seinem Ausgleich für die vielen Stunden, die er im Labor und an den Computern verbrachte. Täglich fuhr er gut zwanzig Kilometer zur Arbeit und späteabends oder gar nachts wieder zurück. An den Wochenenden unternahm er weite Touren durch die Umgebung, meist bis ans Meer. Und in seinem dritten Urlaub schaffte er die gut 800 Kilometer bis zu seiner Heimatstadt in nur drei Tagesetappen. Linda und Eddy, aber auch die Großeltern freuten sich; der Vater besonders, denn Bobby hat ihm als Geschenk das neuste Modell eines Hifi-Kopfhörers mitgebracht, das es im Handel noch nicht gab.

Dann beschloss Dr. Breiter sich zur Ruhe zu setzen und machte Bobby zu seinem Nachfolger, dem er zudem 25 Prozent der Firmenanteile überschrieb. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der zukünftige Chef so viel gearbeitet, dass für eine Liebesbeziehung nie Zeit da war. Sein Leben bestand aus der Firma, dem Radfahren und der Musik, die er zuhause zur Entspannung hörte. Natürlich testete er alle Neuentwicklungen höchstpersönlich, in der Bahn, im Flugzeug und auch auf dem Velo.

Der Fahrer des Kleinlasters gab später an, er habe mehrfach gehupt als er den Radfahrer kommen sah. Außerdem habe er scharf gebremst, aber das Unfallopfer habe sich so schnell genähert, dass es einfach nicht gereicht habe. Der Notarzt fand zwei winzige Ohrstecker in Bobbys Ohren sowie einen kleinen MP3-Player in dessen Trikot. Als er die Ohrhörer entfernt hatte, habe er ganz leise Musik gehört, die Übertragung sei wohl drahtlos erfolgt. Warum Bobby den nahenden Transporter nicht gehört hatte, blieb unklar. Ein paar Monate später hatte die Ganz-Ohr-GmbH schon fast eine Million der jüngsten Generation ihrer Wireless-Noise-Reduction-In-Ear-Phones verkauft.

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publiziert am 31.05.20 in Stadtgeschichten ¦ 336x gelesen ¦ noch kein Kommentar